Ganz schön bissig ...
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Mai 2007
Ein Abend danach
von Katharina Körting


Sie ahnt, dass es schlimm wird, auf der freien Wildbahn, aber es wird dann noch schlimmer. Da sind nur Bubis, die weichgespülten Falten der Ewig-Heutigen im Gesicht, weg gedimmt von verrauchtem, dösigem Licht. Sie sind ungenau gekleidet, 60er Jahre gemixt mit dem Geschmacklosesten von heute, dazu verwaschenes Blau an den Wänden, und sie weiß, sie hat kein Recht, und sie weiß, sie ist selbst Schuld, denn warum geht sie da hin, und woanders ist es auch nicht anders, spielt nur andere Musik zu andern Klamotten, woanders sind die gleichen Typen, das gleiche Spiel, das gleiche Elend. Ich muss doch auch mal wieder los, sagt sie zum Spiegel, als sie die Wimperntusche aufträgt, und den Lippenstift, ich muss doch auch mal raus.

Draußen Regen. Am Anfang füllt sie tapfer ihre Rolle, scherzt mit zwei Bekannten, die gemeinsam mit ihr den toten Abend totschlagen. Sie wissen alle drei, was sie da tun, und hoffen unvernünftig, dass doppelt tot Leben ergibt, lästern zusammen, geben lässige Sprüche aus, wieder auf dem Markt. Sie fühlt sich fehl am Platz, zu feige zum Feilschen, also nippt sie an ihrem Glas, schaut widerwillig in die Runde: Männer, die sich weigern, erwachsen zu werden, dazwischen wie hingestreut ein paar Frauen, als Deko, gelangweilt suchend. Sie bekommt Angst, dass sie nun dazu gehört, sie mag nicht dazu gehören, und kein einziger ist der Rede wert.

Sie taxiert, hakt ab, merkt, wie viel Kraft das kostet, in Lichtgeschwindigkeit: das Taxieren, das Abhaken. Einer lehnt an der Wand, im Muskel-Hemd, aber er hat nicht genug Muskeln dafür, so dass das verzerrte Tattoo am Oberarm wie geborgt wirkt. Ein anderer verteilt schmierige Blicke, hat beim Tanzen einen stehen, die Haare zurück gegelt. Für uns Frauen ist es leicht, sagt sie zu ihren Begleitern, wir brauchen nur irgendwo hin zu gehen, und wenn wir es darauf abgesehen haben, findet sich immer mindestens einer, der mitgehen will. Die Begleiter stimmen zu, die Augen auf irgendwelche Brüste geheftet, die sie nicht kriegen werden.
Einer präsentiert sich mit blond gefärbter Freundin, die ihren Busen hoch gedrückt trägt, so dass den Begleitern der Sabber vom Kinn auf den Kragen tropft, direkt unter ihrem Grinsen entlang, das verächtlich gemeint ist. Der Typ, dem die Blonde gehört, ist nicht schön, doch sein Lächeln fällt auf, es kommt zögernd, wie zeitversetzt, seine Augen sind traurig, und sein dünnes Hemd hängt über dünnen Schultern, bedeckt kaum die Brustspitzen, die sich so weichlich darunter wölben, als wäre er lieber eine andere.

Du redest wie eine Männerhasserin, sagt einer ihrer Begleiter, und was ist dabei, gibt sie laut zurück, fühlt sich im Recht. Ich wusste vorher, sagt sie, dass hier draußen nur Schrott rum steht. Dann zuckt sie zusammen, denn dasselbe hatte sie zu dem Mann gesagt, beim obligatorischen letzten Gespräch, was soll ich da draußen, hatte sie ihn gefragt, verzweifelt, ich will doch keinen andern, aber er blinzelte nur, was ging es ihn an, und was bleibt ihr nun übrig. Am Anfang konnte sie noch heulen, doch jetzt ist nur noch dröhnende Leere, darauf war sie nicht gefasst, also beobachtet sie, der alte Trick – wenn man selbst nichts haben will, kann man wenigstens zugucken, welche Kompromisse die andern machen.

Sie hatte nur vergessen, anstrengend das ist, denn jeder, dem sie aus Unachtsamkeit nicht umgehend den Blick entzieht, fühlt sich ermuntert, vielleicht will sie ja, ganz egal welche, Hauptsache irgendeine. Sie versucht, ein Gesicht aufzusetzen, das sich nicht ansprechen lässt, denn sie hat keinen Bedarf, fremden Bedarf zu decken, aber das strengt genauso an, und ab und zu fällt ihr Hochmut in sich zusammen, wenn sie nicht aufpasst, sacken die Mundwinkel nach unten, dann verläuft die Tünche über Müdigkeit und Trauer, und sie steht da wie bestellt und nicht abgeholt.

Der andere Begleiter findet immer wieder eine, die mit ihm tanzt, er ist so ein Typ, der alle paar Wochen eine Neue hat, die aber dann doch nicht passt oder doch nicht will, eine lange Reihe einander ähnelnder und stets schwieriger Frauen, während der Übriggebliebene eigentlich gar keine Lust mehr hat, spät nachts rumzuhängen, erzählt er, beim vierten Bier, am Abend zuvor haben sie ihm seinen Rucksack samt Telefon geklaut, als er wie üblich in der U-Bahn einschlief, im Suff, und dann haben die Diebe telefoniert, für 300 Euro, mit seinem Telefon, es ist eben einfach ein beschissenes Jahr, sagt er, mit seinem Hundeblick, er will so gern normal sein, sehnt sich nach einer Familie, und er klingt, als würde er sich morgen den Strick nehmen, wenn sie ihn nicht sofort in den Arm nimmt. Doch sie kann ihm nicht helfen, und er kann nichts dran ändern, und sie ist froh, dass er nicht flennt.

Wir können uns doch alle die Hände reichen, meint der andere, als er vom Tanzen zurück kommt, die Musik hat sich geändert. Sie gruselt sich, weil sie niemandem ihre Hände reichen will, muss sich zwingen mitzulachen, weil man das halt so tut, damit es besser geht, aber sie bläst nur gegen bauchig kühle Wände, die sie von allem abschirmen außer von sich selbst.

Ihr Blick spiegelt sich weiter in albernen Hornbrillen, streift spießige Hemden, ist schockiert von schreienden Farben, bleibt zu lange liegen auf zu langen Haaren, oder rutscht aus auf Kahlköpfen, bedeckt mit Sonnenbrillen oder kleinen runden gestreiften Strickmützen. Alle haben Turnschuhe, und alle wollen nicht allein ins Bett, wenigstens in dieser Nacht, aber sie registriert nur, den Sex, der wie klebriges Eigelb auf den Gesichtern glimmt, ein trauriger Ersatz, und als sie endlich an die Luft kommt, singen die Vögel, der Regen ist fort. Sie stolpert über hellblaues Licht, in der S-Bahn sind die ersten Blaumänner unterwegs, und sie weiß: Es ist spät genug, dass sie schlafen kann.

©Katharina Körting

Letzte Aktualisierung: 07.05.2007 - 15.40 Uhr
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