Bitte lächeln!
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Juni 2007
Die große Kartause
von Renate Hupfeld


Montag, 12. Mai 1845: Die 28-jährige Malwida von Meysenbug befindet sich nach mehrmonatigem Aufenthalt in der Provence zusammen mit ihrer Schwägerin, deren zwei Neffen und drei Bediensteten, auf der Rückreise von Hyères nach Deutschland. Die Reisegruppe hat die Route Napoléon durch die Alpen genommen. Nach mehreren Tagesetappen in einer komfortablen Reisekutsche und Übernachtungen in Aix-en-Provence, Manosque und Sisteron machen Malwida, die beiden Jungen und deren Erzieher von Grenoble aus eine etwas abenteuerliche Exkursion in die Berge der Grande Chartreuse, um das berühmte Kloster zu besuchen.


Der Laienbruder hatte sie in diesen kleinen Raum geführt, nachdem er dem Erzieher den Weg zum Portal der Großen Kartause gewiesen und die beiden Knaben nebenan untergebracht hatte. Es war alles da, was man für eine Übernachtung brauchte: Bett, Stuhl und Waschtisch. Auch was sie nicht brauchte: Betbank, Kruzifix und Weihwasserbecken. Der Mann stand in der Tür und wartete. Noch keinen Laut hatte sie aus seinem Munde gehört. Selbst sein Blick wirkte stumm. Es fiel ihr schwer, diese unerschütterliche Gelassenheit zu ertragen, hatte sie sich doch den Besuch der berühmten Grande Chartreuse hoch oben in den Bergen nördlich von Grenoble ganz anders vorgestellt. Einen Einblick in die Anlage und das Klosterleben wollte sie bekommen. Doch nur Männer durften das Innere des Klosters betreten. Und ihr Gegenüber stand da, als wäre alles in Ordnung. Sie blickte an ihm herunter. Nicht die kleinste Bewegung der grauen Kutte, die in geraden Falten bis auf den Boden reichte und die Füße vollständig bedeckte.
Sie nickte dem Mann zu und lächelte. Ein aufgesetztes Lächeln nur, doch das merkte er nicht. Er hatte verstanden. Sie wollte nun allein sein. Mit höflicher Verbeugung drehte er sich um und ging hinaus. Jeder Schritt auf den Dielen und Treppenstufen des Holzhauses verursachte ein knarrendes Geräusch. Sie hörte, wie er unten das Essgeschirr vom Tisch räumte, es abwusch und Stück für Stück in den Schrank stellte, wie er dann die Eingangstür des Hauses von außen zudrückte, den Schlüssel in das Schloss schob, umdrehte, herauszog und prüfte, ob die Tür wirklich verschlossen war. Dann schlurfte er den kurzen Weg zum Klosterportal, zu den anderen Männern, die ihr schweigsames Leben ihrem Gott gewidmet hatten.
Müde vor Enttäuschung ließ sie sich auf den Stuhl fallen, zog ihr Skizzenbuch aus der Tasche und legte es sich auf die Knie. Mit den Händen strich sie darüber, als wollte sie es liebkosen. Dann zeichnete sie die Windungen des marmorierten Musters mit dem Finger nach. Die Berührung mit der rauen Pappe und das leise Wischgeräusch taten ihr gut. Immer wieder begann sie von neuem, bis die Wut im Bauch verflogen war und ihre Gedanken sich allmählich ordneten.
Sie öffnete das Fenster und schob die beiden Flügel beiseite. Beim Anblick der hohen, undurchdringlichen Klostermauern hatte sie Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Ja nicht weinen, dachte sie und trat ganz nah an das Fenster heran. Dann löste sie ihre Frisur und ließ die langen Haare weich über Schultern und Rücken fließen. Wie mochte es da drinnen aussehen? Was mochten sie gerade tun hinter den Mauern? Wurde gearbeitet, gebetet, gegessen? Irgendwo dort befand sich für einen Abend und eine Nacht auch der Besucher, mit dem zusammen sie diese abenteuerliche Gebirgstour gemacht hatte und der nun ohne sie dieses Vorrecht genoss. Mann! Männer! Dort die Gemeinschaft der Männer und hier die stille Beobachterin, allein mit ihrem Skizzenbuch.
Sie nahm den Zeichenstift in die Hand und suchte einen geeigneten Blickwinkel. Viele Möglichkeiten hatte sie nicht, doch zum Glück bot der Blick aus westlicher Richtung eine gute Sicht auf die gesamte Klosteranlage, eingebettet in die Hochgebirgslandschaft. Sie skizzierte die Fixpunkte. In der Mitte das bogenförmige Eingangsportal, hinter den Mauern Gebäude neben Gebäude aneinandergereiht, Dächer, Türme, Fenster. Und über allem das erhabene Bergmassiv. Dann arbeitete sie an den Feinheiten. Beim Beginn der Dämmerung war sie hoch oben bei den dunklen Tannen angekommen, die sich dicht gedrängt bis zur Baumgrenze hinauf kämpften. Sie zeichnete jede einzelne. Oberhalb schlängelte sich ein felsiger Pfad in die Höhe, den sie vorher gar nicht gesehen hatte. In silberblauem Licht strahlte er. Wie von unsichtbarer Hand geführt, ging sie hinauf und erreichte ein Plateau, das ebenfalls blausilbern glänzte. Wie leicht sie sich fühlte. Ihre Haare und die Schleppe des Gewandes wehten frei im Lufthauch. Ein Glockenton setzte die Lichtstrahlen in tausend und abertausend Schwingungen. Wenig später hörte sie eine Stimme. Gesang wurde intoniert. Ein Chor stimmte mit ein, sang von einem einsamen Pfad, den alle diejenigen gingen, die die Wahrheit suchten. Ihr war, als sänge sie mit in dem Chor. Ich nehme den einsamen Weg an. Ich werde die Wahrheit finden. Das Echo hallte unendlich lange nach, nehme den einsamen Weg an, werde die Wahrheit finden. Als auf ihrem Gesicht dicke Schneeflocken sich kühl auflösten, klappte sie das Skizzenbuch zu und schloss das Fenster.

Lautes Klopfen und die aufgeregte Stimme des Erziehers weckten sie früh am nächsten Morgen.
„Mademoiselle von Meysenbug, wachen Sie auf. Es gibt Schwierigkeiten mit dem Abstieg. In der Nacht hat es geschneit und die Sicht ist sehr schlecht.“
„Ich weiß, Herr Ludwig“, rief sie. „Warten Sie unten auf mich. Wir besprechen nachher, was zu tun ist.“
Sie stand auf und zog sich an. Die Nebelschwaden vor ihrem Fenster versetzten sie keinesfalls in Panik. Ihr war, als wäre alle Schwere von ihr gewichen. Schon auf der Treppe strömte ihr Kaffeeduft entgegen. Im Essraum hatte der Laienbruder ihnen das Frühstück bereitet, frisches Brot, Butter und Honig. Der Erzieher saß mit den Kindern am Tisch. Alle drei schienen auf sie zu warten.
„Ich habe Angst, Tante Malwida“, jammerte Wilhelm.
„Das sagst du, kleiner Wildfang, dem gestern kein Fels zu steil war?“, entgegnete Malwida, lachend, obwohl sie die Angst des Kindes gut verstehen konnte. Auch ihr lief ein Schauer über den Rücken, wenn sie an den Abstieg dachte. Schon bei gutem Wetter am Vortage war der Aufstieg voller Gefahren gewesen, die Abgründe waren nicht ohne gewesen. Heute würden die schmalen Pfade auch noch rutschig sein. Ein Fehltritt konnte schlimme Folgen haben. Sie wollte sich das gar nicht ausdenken.
„Ich will nach Hause. Hätten wir das doch nie gemacht!“, jammerte nun Alphons und nahm den kleinen Bruder in den Arm. Auch er hatte Recht. Warum hatten sie die Kinder eigentlich in diese Gefahr gebracht? Dennoch wunderte sie sich, wie ruhig sie blieb. Als hätte ein Hauch von Gelassenheit sie berührt.
„Wie sollen wir hinunter in das Tal kommen?“, wandte jetzt der Erzieher ein. „Ihre Schwägerin wird sich große Sorgen machen, wenn wir nicht gegen Mittag zurück sind in Grenoble.“
„Das wird sie“, entgegnete Malwida. „Doch in dieser Situation ist unsere Sicherheit wichtiger, vor allem die Sicherheit der Kinder.“
Herr Ludwig nickte.
„Wir müssen dem Bergführer und seinen Maultieren vertrauen. Nach dem Frühstück werde ich mit dem Mann reden“, fuhr sie fort, obwohl sie der Meinung war, dass das eigentlich die Aufgabe des begleitenden Herrn war. Doch dessen Kenntnisse der französischen Sprache reichten auch nach einem halben Jahr Aufenthalt in der Provence kaum aus, um diese Angelegenheit zu regeln.
„Herr Ludwig, wie war eigentlich die Nacht im Kloster?“, fragte Alphons und sah seinen Erzieher mit gespannter Erwartung an.
„Ja, erzählen Sie mal“, forderte Wilhelm ihn auf.
„Am Eingang empfing mich ein Laienbruder.“
„Ein anderer?“
„Ja. Der führte mich in eine Zelle, ziemlich klein mit einem einfachen Bett.“
„Und Kruzifix und Betbank“, unterbrach der Kleinere ungeduldig. „Und war ein Fenster in der Zelle?“
„Richtig, Kruzifix und Betbank. Ein Blechofen war noch da, den brauchte ich aber nicht. Das Fenster war sehr klein, in einen kleinen Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten konnte ich sehen.“
Nichts gesehen hat er, dachte Malwida.
„Und wie sah es sonst im Kloster aus? War es groß da drinnen?“, fragte Alphons.
„Lange Gänge, viele Zellentüren, ein Kloster eben. Einen Rundgang durfte ich nicht machen. Zumeist hielt ich mich in meiner Zelle auf.“
„Bis Sie jemand abholte?“, wollte Malwida wissen.
„Ja, bis zur Mitternacht die Glocke läutete. Der Laienbruder nahm mich mit in das so genannte Reflektorium.“
„Mitten in der Nacht?“
„Jede Nacht machen sie das, Wilhelm. Das ist die Regel.“
„Jede Nacht in diesem Reflektorium?“, wunderte sich auch der Ältere. „Reflektorium, ein seltsames Wort.“
„Ja, immer dort. Das Reflektorium ist ein großer Raum mit hohen Fenstern. Wie eine Kirche müsst Ihr euch das vorstellen, lange Betbänke an den zwei Seitenwänden.“
„Und wie viele Klostermänner waren um Mitternacht in diesem Reflektorium?“, setzte der Kleine nach.
„Alle, denke ich. Doch wie überall, wurde auch hier nicht gesprochen. So konnte ich niemanden fragen. Ich schätze, es waren ungefähr siebzig. Einer der Patres stimmte einen Gesang an und der ganze Chor setzte mit ein, Gregorianische Gesänge nennt man das.“
„Haben Sie sich die Texte gemerkt?“, wollte Malwida wissen.
„Texte? So genau weiß ich das nicht mehr.“
„Ach, das haben sie gar nicht gehört?“
„Wichtiger war die Atmosphäre. Die war sehr bewegend.“
„Sang denn der Chor in französischer Sprache?“
„Gregorianische Gesänge sind immer in lateinischer Sprache. Schon vor über sieben Jahrhunderten, als der Heilige Bruno dieses Kloster gründete, war das so. Das müssten Sie aber wissen, gnädiges Fräulein von Meysenbug.“
„Nicht in diesem Ton, Herr Ludwig“, fuhr Malwida ihn an, ließ die drei am Tisch sitzen und verließ das Haus.

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Letzte Aktualisierung: 22.06.2007 - 13.39 Uhr
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