Ganz schön bissig ...
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Juni 2007
Redfern’s Retreat
von Susanne Ruitenberg

Henry stapfte aus dem Haus, ohne sich noch einmal umzusehen; warf Koffer und Notebook ins Auto und ließ sich auf den Sitz fallen. Nur weg von diesen Besserwissern! Allen voran seine Frau. Sam, sein Lektor, war nicht besser: „Henry, das funktioniert nicht. Der Plot ist zu dünn. Und deine Protagonistin! Kein Leser wird ihre Angst verstehen.“
Henry dies, Henry das, Henry tralala. Er konnte es nicht mehr hören! Er musste raus, abtauchen, wie damals, als er ‚Gypsy Ghost’ schrieb. Sam sollte seine anderen Autoren quälen.
Elisabeth stand in der Tür, ihren typischen „Ich mache mir Sorgen um dich“-Blick auf höchster Stufe. Henry grinste. Sollte sie doch. Hauptsache er hätte endlich RUHE. Sonst würde dieser Roman nie fertig. Nicht gruselig genug, ha! Der große Henry Havenport hatte noch nie einen ungruseligen Roman geschrieben.
Ihr weinerliches: „Liebes, du bist wie damals ...“ hallte in seinen Ohren nach. Das konnte man nicht vergleichen, er hatte unter zu großem Druck gestanden. Deshalb lag sein Mobiltelefon jetzt gut versteckt in der Sockenschublade.
An der nächsten Tankstelle kaufte er eine Landkarte, um St. Mary in the Wheatfields überhaupt zu finden. Sinniger Name für ein Kaff in der Mitte von Nirgendwo. Völlig touristenfrei, laut Makler. Ein verschlafenes Dorf mit ein paar Einwohnern zwischen siebzig und scheintot. Das Cottage, das er telefonisch gemietet hatte – Elisabeth würde es nie finden – hieß Redfern’s Retreat. Es war so groß wie eine Villa, vier Schlafräume. Strom war da, aber kein Telefonanschluss. Wenn er ins Web wollte, müsste er ein paar Meilen fahren. Eine Ablenkung weniger. Vor allem kein „Schatz, du musst dich schonen.“ Kein misstrauisches Lauern auf erste Anzeichen, keine Fangfragen. Die Krönung: Kein Dr. Cromby.

Es war nach zweiundzwanzig Uhr, als Henry ankam. Der Makler hatte den Weg gut beschrieben: Am Dorfausgang drei Meilen Richtung Wald, fünf Meilen am Waldrand entlang. Kein Stern stand am Himmel, ohne die Taschenlampe hätte er die Schlüssel unter dem Blumentopf nie gefunden. Gähnend trug er seine Sachen in das größte Schlafzimmer, streifte die Schuhe ab und fiel ins Bett.
Die Herbstsonne weckte ihn am nächsten Morgen. Nach der Dusche fuhr er zum Einkaufen nach Glenns Crossing; so großzügig, dass er mindestens zwei Wochen nicht mehr die Hütte verlassen müsste. Dr. Cromby hatte ihm verboten, sich einzuigeln. Aber der war weit weg.
Nach einem ausgiebigen Brunch ging Henry auf Erkundungstour und suchte sich einen Schreibplatz – der Tisch in der Fensternische des Schlafzimmers schien gerade richtig. Er sah aus dem Fenster. Der dunkle Herbstwald wirkte beruhigend. Wo war er gestern stecken geblieben? Lisa, seine Protagonistin, hatte eine erste alptraumgestörte Nacht in dem geerbten Landsitz verbracht und wollte den Dachboden erkunden. Er las den Text. Zu zahm. Henry feilte an jedem Satz, bis er zufrieden war. Dann begann er mit der Dachbodenszene.

„Lisa nahm die Taschenlampe und stieg die knarrenden Stufen hinauf.“

Was war das? Henry legte den Kopf schräg und lauschte. Dann lachte er über seine Fantasie. Fast hatte er gemeint, über seinem Kopf Schritte zu hören. Prima, wenn er sich völlig in seine Protagonistin hineinversetzen könnte, würde vielleicht der Knoten platzen.

„Sie hielt vor der Tür inne und wischte die Spinnweben vom Knauf weg.“

Henry schüttelte seine rechte Hand, die auf einmal kitzelte, und speicherte den Text.

„Das Quietschen der Tür klang wie eine gequälte Katze, als Lisa öffnete.“

Ein lautes Kreischen ertönte über Henrys Kopf. Mit einem Aufschrei sprang er zur Schlafzimmertür und horchte in die dunkle Halle hinein. Mit unsicher tastenden Fingern schaltete er das Licht an und stieg drei Stufen hinauf. Stille. Was war oben? Auch ein Dachboden? Seufzend ging er ins Zimmer zurück. Blaugraue Abenddämmerung senkte sich und saugte alle Farben aus der Welt; Bodennebel waberte die Baumstämme empor. Der Wald bekam ein gespenstisches Aussehen, genau die richtige Atmosphäre, um einen Gruselroman zu schreiben. Henry schaltete das Licht ein.

„Lisa schaltete das Licht an, eine nackte Glühbirne erhellte den Raum spärlich, und erstarrte. Was war das? Ein Rascheln aus allen Ecken. Geister? Nein, Dummes, schalt sie sich. Sicher Mäuse.“

Über Henrys Kopf und aus den Wänden dröhnte ein Kruscheln und Schaben, als hätte man einen Verstärker ins Mäusegehege montiert. Er kniff die Augen zu und hielt die Finger auf die Ohren. Sein Herz hämmerte wie ein irre gewordener Stepptänzer. Nach einigen Minuten schlich er zur Tür. Hatte er sich das eingebildet? Nein, sicher waren Mäuse auf Wanderschaft gegangen. Das Haus stand seit Jahren leer. Es war ihm so laut vorgekommen, weil er mit dem Kopf in seiner Geschichte gesteckt hatte.

„Lisa ging entschlossen zur Mitte des Dachbodens. Überall stand Gerümpel: Kaputte Möbel, Truhen, Spielzeug. Plötzlich gingen alle Lichter aus. Lisa stand im Stockfinsteren. Sie spüre eine eiskalte Hand an ihrem Knöchel und schrie gellend auf.“

Das Licht im Schlafzimmer erlosch, nur der Bildschirm verbreitete einen blassen Schein. Ein eisiger Griff umklammerte Henrys Wade und drückte zu. Henry schrie und sprang so hastig auf, dass sein Stuhl umkippte. Er hämmerte auf dem Lichtschalter herum. „Geh an, verdammtes Ding.“ Kerzen. Er brauchte Kerzen. Der Makler hatte gesagt, dass der Strom instabil war. Der Laptop würde drei Stunden durchhalten. Mit der Taschenlampe in der Hand raste Henry in die Küche und kramte die Kerzen aus der Einkaufstasche. Er platzierte eine rechts, eine links vom Bildschirm. Was hatte er vorhin gespürt, einen Wadenkrampf? Sicher, was sonst.
Er konzentrierte sich und hämmerte mit solcher Vehemenz in die Tasten, als schreibe er um sein Leben.

„Lisa schaltete die Taschenlampe an. Geister! Nein, zwei Schneiderpuppen. Die Truhe. Sie musste die Truhe mit den Tagebüchern von Onkel George finden! Die bargen das Familiengeheimnis. So viele hatten ihr Leben gelassen dafür. Hektisch öffnete sie einen Deckel. In der ersten Truhe fand sie verblichene Leinenwäsche. Die zweite enthielt ein altes Service. Klopfgeräusche dröhnten von überall her. Als wolle jemand sie am Suchen hindern. Die Dachsparren knarrten. Weiter hinten im Raum fiel ein Nachttopf mit lautem Scheppern zu Boden. Lisa schrie auf und öffnete die nächste Truhe. Da! Die Tagebücher. Sie nahm eines, öffnete und las mit wachsendem Entsetzen, was damals geschehen war. Großvater! ER hatte all diese ... nein, das konnte nicht sein. Lisa wischte eine Träne weg. Der Boden unter ihr zitterte. Ein Erdbeben, in Yorkshire? Polternd fielen die Schneiderpuppen um, Dachziegel lösten sich und regneten auf den Dachboden hinab. Der Boden schwankte wie ein Schiff in hohem Seegang. Lisa drückte das Buch an die Brust und kämpfte sich zur Tür. Das Haus wollte sie nicht gehen lassen! Es wollte das Geheimnis bewahren, wie all die Jahre. Lisa hechtete die Stufen hinunter und schrie auf. Die Treppe ins Erdgeschoss war weg! Ein schwarzes Loch gähnte ihr entgegen. Gegenstände flogen aus dem Dachboden und kullerten die Stiegen hinab, sie spürte heftige Stöße im Rücken. Verzweifelt klammerte sie sich am Rest des Treppengeländers fest, als ...“

Henry hielt inne, Schweiß tropfte von seinem Gesicht. Die Kerzen flackerten in einem eisigen Luftzug und erloschen. Dröhnendes Klopfen erklang aus den Wänden. Über ihm donnerte es, als spielte jemand Bowling auf dem Dachboden. Mechanisch speicherte er den Text, ergriff die Taschenlampe und hastete die Treppe zum Dachboden hinauf. Wie Lisa, öffnete er die quietschende Tür und ging in die Mitte des Raumes. Möbel, Truhen, Schneiderpuppen. Genau wie er beschrieben hatte! Wo war die dritte Truhe? Er öffnete den Deckel. Da waren sie: alte graue Tagebücher. Er nahm eines und rannte. Der Boden schwankte, Dachziegel flogen ihm um die Ohren, Möbel und Gegenstände fielen um und rutschten auf den Dielen entlang. Er musste die Treppe erreichen, ehe sie verschwinden würde! Mit fliegenden Füßen hastete er die Dachbodentreppe hinunter. Zu spät. Die zweite Treppe war weg. Alle Zimmertüren kippten gleichzeitig aus ihren Türrahmen, in den Räumen fielen die Möbel um, die Fensterläden knallten gegen das Haus und brachen ab. Das Geheimnis, er musste das Geheimnis hinausbringen! Sonst wäre es für alle Zeiten verloren. Er schloss die Augen und sprang in das gähnende Loch hinein.

Sieben Tage später stand Peter McIvern, der Makler, mit einem Buch in der Hand vor der Tür und klopfte. „Mr. Havenport? Darf ich stören?“ Ob er ihm ein Autogramm geben würde? McIvern hatte noch nie einen Autor kennen gelernt. Er trat ein. Was war das? Ein süßlicher Geruch. Fast erinnerte es an – den Schlachthof!
„Mr. Havenport?“ McIvern warf das Buch auf die Kommode und sah im Wohnzimmer nach. Leer. In der Küche fand er schimmelige Essensreste auf dem Tisch. McIvern schluckte. Was war hier los? Er ging zur Treppe und stieg langsam hinauf. Der Geruch wurde stärker. Das Schlafzimmer stand offen. Ein ungemachtes Bett, ein summender Laptop. McIvern rüttelte an der Maus. Der Bildschirm erwachte. Er las die letzten Zeilen. Gruselig! Doch wo war Havenport? Ob er auf dem Dachboden eingeschlafen war? Von einer großen Unruhe erfasst, ging McIvern nachsehen.
Da lag ein Bündel am Fuß der Dachbodenstiegen! McIvern hastete hinauf und musste würgen. Jetzt wusste er, wo der süßliche Geruch herkam. Einer zerbrochenen Puppe gleich lag der Autor da, die Augen weit aufgerissen, nackten Terror in die erstarrten Gesichtszüge gemeißelt. Seine Hände umklammerten ein graues Buch, als hätte er es gegen alle Einwohner der Hölle verteidigt. War der Autor verrückt geworden? Oder hatte er eine wertvolle Erstausgabe gegen Einbrecher verteidigt?
McIvern kniete sich nieder. Er zog an dem Buch. Zentimeterweise nur konnte er es den toten Fingern entreißen. Nach dreimaligem Lesen erst verstand er die Worte auf dem Einband:
„R. Redfern. Einnahmen – Ausgaben. 1901 bis 1910.“

Letzte Aktualisierung: 19.07.2011 - 14.42 Uhr
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