Honigfalter
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Juni 2007
Zeit der Trauer
von Anna Maria Sauseng

Die Gurte bewegen sich leicht, als der Mann im schwarzen
Mantel die Kurbel betätigt. Und langsam senkt sich der
Sarg aus Eichenholz in die dunkle Tiefe.

Mein schwarzes, aus synthetischen Fasern gewebtes Kleid
klebte eng an meinem Körper. Mich fröstelte trotz der
wärmenden Sonnenstrahlen.
Der Priester sprach seine Gebete, wie er sie für alle anderen
auch gesprochen hätte.
Ich hörte nur seine wohlklingende Stimme, dann verstummte
er. Jemand trat auf mich zu, schaute mich an und ging weg.
Salziges Nass rann über meine Wangen in meine Mundwinkel.
Ich wagte nicht sie wegzuwischen, ich wollte keine auffallende
Bewegung machen. Niemand sollte auf mich aufmerksam werden.

Ich verließ als letzte den Friedhof.
Am Abend vor dem Tag, an dem der Unfall passierte, hatte Fritz gesagt, es sei eigenartig, dass die Menschen nichts Gescheites miteinander zu reden wüssten, er würde so gerne einmal ordentliche Gedanken austauschen können, es sei ihm so leer in der Brust.
Ich sagte zu ihm, ich entbehrte es auch, über den Sinn des
Lebens mit jemandem sprechen zu können und über das, was
sich in der Seele bewege. Jedoch das wichtigste Gesprächsthema
für die meisten Menschen sei der Körper mit seinen Krankheiten, Schmerzen, Behandlungen, Blutdruck und was man so alles
über das leibliche Befinden zu sagen weiß.
Die Sterne am klaren Himmel funkelten in jener Nacht so verheißungsvoll und niemand wusste von unserer Liebe. Wir saßen an diesen Abend noch lange beisammen, hielten dabei unsere Hände ganz fest und wollten nicht mehr auseinandergehen.
Wir hätten uns gerne ein sinnvolles Leben aufgebaut, er war ohne
Eltern und ich auch.


Und die Gurte bewegen sich immer noch und der Sarg senkt sich immer noch und jemand schaut mich immer noch wortlos an und geht weg.

Ich schminke mein Gesicht, um die Traurigkeit zu verdecken,
und ziehe weite Kleidung an, damit man meine jetzige Körperfülle
nicht sehen kann.
Ich lache am Tag, und weine nachts. Und meine Angst nachts,
und mein Fragen nachts und meine Einsamkeit nachts, sie kommen nur nachts, wenn ich allein bin, dann lasse ich mich von ihnen zerquälen.


Der Gurt rollt immer noch und der Sarg senkt sich
immer noch, und die Tiefe ist immer noch nicht erreicht.
Sacht streichle ich seine wollene, graue Jacke, die er bei mir
in jener Nacht vergaß.
Und ich rieche noch seinen Körper in der Weste und ich
fühle noch seinen Herzschlag durch das Strickgewebe hindurch.
Mein Kopf wühlt sich in die Wolle und ich streichle über die
unzähligen Maschen, bis ich bei ihm bin und sein Herz
in meinem Herzen pochen höre und die Tränen wieder fließen.

Neulich habe ich einen Menschen erfahren dürfen,
er hat mich beim Weinen angetroffen. Er schenkte mir Zeit,
schaute mich an, ließ mich reden und ich spürte, wie seine
Seele mir nahe war. Dann streichelte er mir über das Haar,
ich schmiegte mich an ihn und versank in seine verstehende Liebe.
Ja, so ist es gut, halte mich fest, ganz fest!

Der Gurt bewegt sich nicht mehr.
Zu Hause lege ich die Jacke von Fritz - in den Kleiderschrank.

Letzte Aktualisierung: 20.06.2007 - 19.40 Uhr
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