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Juni 2007
Fern des Lebens einsam sein
von Sergej A. Maslennikow

"Wie dünn bist du doch geworden! Wie viel wiegst du denn?" Man hört deutlich den Schock in der Stimme meiner Großnichte von der ich Ewigkeiten nichts mehr gehört habe. Nun, kurz vor meinem Exitus, besucht sie mich. Ich fühle mich schrecklich, schwach und von der Krankheit zerfressen. Hier liege ich, im Klinikbett, das seit Wochen meine Schlafstatt ist, kann mich kaum noch rühren. Mein Rücken ist wundgelegen, die Hälfte des Tages verbringe ich im Delirium wegen Sauerstoffmangels. Mein ganzer Körper bebt und röchelt bei jedem Atemzug, es fühlt sich so falsch an und macht mir entsetzliche Angst. Hegte ich noch lange die Hoffnung, es wird wieder, so weiß ich jetzt, dass nichts wieder so wird, wie es war. Nur schlimmer. Lange geht es mit mir nicht mehr. Und das wissen auch die. Die, die mich ablenken wollen, die, die mir Mut zusprechen und die, die mir hohle Phrasen zuflüstern, welche sich mit der klinisch sterilen Ruhe eines Sterbezimmers mischen - in dem das monotone Piepen der Geräte, das Stakkato des an die Fenster prasselnden Regens, die Angst und die Einsamkeit ständige Begleiter meiner dahin siechenden Person sind. Ich bemerke die Hände die mich halten, die klamme Wärme, die man versucht mir zukommen zu lassen. Ich spüre ihre Hilflosigkeit, sehe das unterdrückte Schluchzen, die vereinzelten Tränen über einem aufmunternden Lächeln, das mir sagen will - es wird schon wieder -, es aber nicht glaubwürdig genug zu sagen vermag. Das alles macht mich aggressiv. Was wollen alle von mir? Meine Gedanken drehen sich ohnehin nur um die Angst vor dem Tod und um meine Schmerzen, alles andere ficht mich nicht an, ist leeres Gelabber, unnötiges Geschwätz, Tand! Soviel Besuch und ich fühle mich dennoch einsam, wie ein Affe im Käfig, dem man eine vergammelte Banane hinschmeißt, ihm kurz zulächelt und unbekümmert seiner Wege geht. Schließlich bin ich der Sterbende, und keiner von denen!
"Woher soll ich das wissen, wie viel ich wiege!", blaffe ich zurück. "Ich kann seit Wochen nicht aufstehen. Und das interessiert mich auch nicht, siehst du nicht: Ich liege im Sterben!" Erleichterung und Scham meinerseits. Peinliche Betroffenheit auf der Seite meiner Besucher. Und wieder ist der Rhythmus meines Herzschlags mein einziger Begleiter. Aber dort wo ich hingehe, kann er nicht mit. Und ich fühle mich einsam, so einsam ...

Aber wieso? Ich sterbe, aber erhalte tröstenden Zuspruch und Unterstützung, wie man einen nur dabei unterstützen kann. Sollte ich mich nicht darüber freuen, statt zu klagen - und allen dankbar sein?

Mein ganzes Leben war ich schon einsam, einsam in einer Großstadt, einsam unter unendlich vielen Menschen, dummen Menschen - glücklichen Menschen. Kann man das glauben? Und jetzt, wo ich im Begriff bin zu entschlafen, wache ich auf. Mein Leben - bald Schall und Rauch, und ich beginne zu begreifen: ich war niemals allein.
Einsamkeit, die Hölle auf Erden, eine Hölle, in die ich mich vermutlich selbst geschickt habe. Hätte ich nur eine zweite Chance, ich würde alles besser machen. Nur wird diese Gelegenheit nie wieder kommen, das Leben hat mich überholt, ich höre die Schritte des Todes. Selbst mein Herz schlägt zusehends zögernder, hat genug von alldem, das viel geschundene Organ. Wie oft war es gebrochen, verletzt durch meine eigenen trüben Gedanken? Nun hat es entschieden, ein Ende zu setzen, schreitet langsamer, damit der Schnitter näher kommen kann, zum großen Finale. Bald hat er es eingeholt: ein Hieb mit der Sense und das Herz blutet mir zum letzten Mal. Ich kann’s ihm nicht verübeln.
Wie oft wollte ich, dass mein Lebenskern einfach stehen bleibt, mich alleine lässt mit dieser herzzerreißenden Eintönigkeit? Nun ist es soweit, und ich bemerke, was alles falsch gelaufen ist.

"Verzeih mir, Ira"

Meine Nichte nickt nur, dann bricht sie in Schluchzen aus.

Waren die dummen, die glücklichen Menschen am Ende doch die Klügeren? Weniger denken und mehr leben, ist das das Rezept für ein gutes, ein geselliges Leben? Doch hatte ich jemals eine Wahl, ein Leben zu leben, dass nicht so erfüllt von Melancholie und Einsamkeit war? Wäre ich dann noch ich gewesen? Ich wollte, ich könnte es herausfinden - hätte ich nur eine zweite Chance ...





© S.A. Maslennikow

Letzte Aktualisierung: 13.06.2007 - 11.34 Uhr
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