Ganz schön bissig ...
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Juni 2007
Zwischenweltler - Meschdusvetnik
von Thorsten Schöneberg


Der Vater hatte seinen Namen zu dem altmodischen Eugen eingedeutscht.
Er hieß Jewgenij. Er hatte sich immer für einen Russen gehalten.
Irgendwann in der Schule hatten ihn die anderen aber Nemjetzkosvinja
genannt, deutsches Schwein. Ein Russe war er erst, seit Großtante
Olga sie alle nach Deutschland geholt hatte. Zuhause waren sie die
Deutschen, in Deutschland die Russen. Sie waren Zwischenweltler,
Meschdusvetniks, falls es das Wort gab.
Eugen kam aus dem
Freibad. Großtante Olga saß auf ihrem Rollator auf dem Parkplatz,
ihre Basen Irina und Katharina neben ihr. Drei Matruschki auf
Rollatoren, mit Kopftüchern und bunten Kleidern. Eugen hasste sie für
ihre Fremdartigkeit. Das Bild der drei Grazien auf den Gehwagen war
allerdings zum Brüllen komisch. Vor allem, weil sie vorm Freibad
saßen. Er wusste, dass die alten Frauen es undenkbar gefunden hätten,
im Badeanzug gesehen zu werden. Zaungäste der glorreichen westlichen Freiheit.
Er beeilte sich, ungesehen zu Markus` Auto zu kommen. Eugen trug
seine Jogginghose und ein langes Shirt mit V- Ausschnitt. Spuren von
eitrigen Ekzemen waren noch in seinem Gesicht zu sehen. Vielleicht
würde er bald seine glatte Haut wiederbekommen. Die Haare waren noch
nass vom Schwimmen. Er hatte keine Kondition mehr. Schon in
Kasachstan hatte er Heroin gefixt. Hier hatte er angefangen,.
Methadon zu nehmen. Vielleicht schaffte er es, wieder ohne die
Pamoschniks, seine Helfer, wie sie sie nannten, klarzukommen. Markus hatte er an den Wochenenden bei der
Caritas kennen gelernt, wenn sie sich ihr Methadon abholten. Markus
war fast zwei Meter groß, lange Haare, Lederjacke, ein supercooler
Deutscher, der irgendwie immer an Schlaf- und Schmerztabletten
herankam. Eugen sah die Augen der Caritas- Schwester und wusste, dass
sie Angst vor Markus hatten.
“Hier, willste´n Schluck?“ fragte er und reichte Eugen die
Bierflasche. Der stieg ein und trank.
“Könnte immer literweise saufen nach dem Schwimmen“, sagte er. Er
hatte die harten Konsonanten seiner Sprache beibehalten.
“Komm, wir kaufen noch ´nen Hänger“, sagte Markus. „Haste noch Kohle?“
“Fünf Euro oder so, bisschen noch.“
Sie kauften noch Bier und fuhren dann zu Markus in die Uhlandstraße.
“Hast du die beiden Schwalben gesehen, die neben uns lagen? Geile
Dinger, hm? Mann, der dunklen hätte ich gern mal das Höschen
ausgezogen.“
Eugen nickte einfach zustimmend. Er hatte Markus noch nie mit einer
Freundin gesehen. Er wollte auch nicht daran denken. Sex war das, was
er in dieser WG mit fremden Männern tat, um sich Geld zu verdienen.
Und wenn er es nicht tun musste, wollte er nicht daran denken.
“Ich leg mal die WM- Scheibe rein“, rief Markus aus dem Wohnzimmer.
Sönke Wortmanns Sommermärchen lief bei Markus fast rund um die Uhr.
Er ließ kein gutes Haar an Klinsmann, aber die Spieler waren alle
Genies. Nach drei, vier Bier und ein paar Doxepin fing er dann davon
an, dass er auch fast in die Nationalmannschaft gekommen wäre. Diese
Scheiß- Fixerei hatte ihm alles vermasselt. Manni, sein Kumpel, der
ihn damit zugelabert hatte. Als er Markus ein paar Trips verscherbelt
hatte, war er kein Kumpel mehr. Es war ihm nur darum gegangen, sein
eigenes H zu finanzieren.
“Ich zieh mal noch ´n bisschen los“, sagte Eugen, nahm seine Jacke
und ging. Er brauchte eine andere Bude und einen Job, der ihn nicht
so runterzog wie die Stricherei. Er fühlte sich einsam. Zuhause war
er der Deutsche, hier war er der Russe. Der Vater saß zu Hause mit
seinen Zeitungsausschnitten von der Zeit, als sein Schenja noch Titel
in Leichtathletik errungen hatte. Der Vater war ein Held, der in vier
Schichten schaffen ging, um die Frau und die Großtante zu ernähren.
Er war stark. Er hatte immer rot geränderte Augen. Von der
Nachtarbeit. Er hatte einen großen Kummer. Weil er hier ein Russe war
und er doch geflohen war vor den echten Russen, die ihm keine Arbeit
geben wollten. Und weil er seinen Schenja an die Spritze verloren
hatte. Eugen hielt es nicht aus, zu Hause zu sein. Er besuchte die
Mutter, wenn er wusste, dass der Vater nicht da war.
Er ging zum Bahnhof und sah nach, ob jemand da war, den er kannte. Er
hatte kein Geld, um irgendwo ein Bier zu trinken. So machte er sich
auf den Fußweg zur Stricher- WG. Er schellte. Sascha machte auf.
Wortlos ließ er ihn herein. Zwei andere Männer saßen in der Küche und
rauchten und tranken Wodka. Sascha zeigte auf das blaue Zimmer. Er
trug eine Jeans und eine Pulli mit V- Ausschnitt, der die goldene Kette zeigte, und glatt nach hinten gegelte,
blonde Haare. Im Mundwinkel hing eine Zigarette.
“Kannst da schlafen“, sagte er. Er hatte Eugen schon öfter über Nacht
beherbergt.
Eugen stand früh am nächsten Morgen auf. Es war sicher erst zehn Uhr.
Er zog sich an, kämmte die Haare und ging zur Praxis von Dr. Akshoy,
um sein Methadon zu holen. Sein Körper meldete sich schon. Er
brauchte diese eklige Flüssigkeit aus dem Döschen mit dem roten
Deckel. Erst danach konnte er wieder an andere Dinge denken. Frau
Panagiotis, der Giftzahn, war da. Sie ließ ihn wieder lange warten.
Er bebte. Endlich der Aufruf, dass er ins Labor kommen sollte. Mit
zitternden Händen leerte er sein Döschen, ließ sich Wasser nachgießen
und ging. Langsam wurde er ruhiger. Dieser Panagiotis mit ihren
falschen roten Haaren würde er mal auflauern. Er würde ein paar
hässliche Dinge mit ihr machen.
Das Methadon hatte gerade etwas gewirkt, als es schellte. Kundschaft.
Eugen öffnete die Tür.
“Hallo, komm herein“, sagte er. Ein jüngerer Mann mit Brille, Haare
kurz geschoren, schlecht sitzende Jeans, schielte etwas, leise Stimme.
“Hallo“, ein leichtes Hängenbleiben in der ersten Silbe. Ein
Schüchterner, vielleicht das erstemal.
“Möchtest du eine Cola?“ fragte Eugen. Der Typ brauchte sicher ein
Glas zum Festhalten.
“Ich bin Aljoscha“, stellte sich Eugen vor.
„Dirk“, sagte der andere.
Es war sicher sein richtiger Name. Eugen fragte ihn, was er für ihn
tun könne.
Dirk sagte: „Ganz normal.“ Eugen zählte noch mal die
verschiedenen Angebote auf.
„Aber mit Gummi. Ohne gibt´s nicht“,
sagte er. Dirk entschied sich für Massage und Normal.
“Dann zieh dich mal aus“, sagte Eugen, als er ihm das Geld abgeknöpft
hatte, „ohne geht´s nämlich nicht.“
Eugen war überrascht, wie gut ihm alles, was Dirk machte, selbst tat.
Er mochte diesen zurückhaltenden Mann. Sie verbrachten eine sehr
zärtliche Stunde, obwohl sie sich auf eine halbe geeinigt hatten.
Nachher lagen sie noch nackt beieinander.
“Das war das erstemal, dass du so etwas machst, oder?“ fragte Eugen.
Dirk nickte.
„Es war sehr schön. Ich dachte fast, dass es das auch
für dich war.“
“Manchmal magst du die Kunden auch etwas. Es geht halt nicht ganz ohne Gefühl.“
“Wann bist du immer hier?“ fragte Dirk. Eugen nannte ihm
seinen üblichen Tag.
Dirk kam etwa einmal monatlich und wollte ausschließlich mit Eugen
ins Zimmer gehen. Irgendwann dachte Eugen nach und ließ das Gummi
weg. Dirk fragte ihn, ob sie sich nicht auch so treffen könnten. Ein Wort
gab das andere und bald saßen Dirk und Eugen bei einem Kaffee in der
Fußgängerzone beisammen. Eugen hatte lange überlegt, ob er wirklich
kommen sollte. Was wollte dieser Typ? Hing er diesem romantischen
Gedanken nach von dem Strichjungen, den er retten könnte? Zwischen
ihnen gab es diese unüberbrückbare Kluft. Der Zwischenweltler im
Methadonprogramm, Lustknabe, Russe unter Deutschen. Der stille
Deutsche, liebevoll, zärtlich, darum bemüht, es seinem Stricher auch
ein bisschen schön zu machen. Eugen musste ihn loswerden. Am Ende
würde er ihn doch enttäuschen. Wie seinen Vater.
“Ich habe gefixt“, sagte er Dirk darum unverblümt. „Ich lass mich
vögeln, um überleben zu können.“
Nach einer Denkpause:
„Was ist mit Aids?“ fragte Dirk.
„Negativ, hab
kein Bock drauf. Nehm´ keine fremden Spritzen. Und mach´s nur mit
Pariser. Du warst die Ausnahme“
“War?“ fragte Dirk nach.
“Mann, ich bin im Methadon- Programm. Ich bin´n Russe. Ich geh´ auf´n
Strich. Ich mach´s mit allen Männern, die bezahlen. Mit alten,
dreckigen, besoffenen, bescheuerten, mit abartigen Typen. Ich halt´
den- na ja, du weißt schon- allen hin, die...“
“Pscht!“ machte Dirk. „Trink deinen Kaffee, er wird kalt.“
Eugen hoffte, dass er dann bezahlte und ging. Dirk trank ein wenig
von seinem latte macchiato.
“Willst du mich loswerden?“ fragte er dann. „Ich wäre traurig, wenn
ich nicht mehr zu dir kommen dürfte.“
“Hey, Mann, das hier ist kein Schnulzen- Ding von Rettung und so. Ich
werde dich nicht heiraten und mit dir in eine Vorstadtwohnung...“
Dirk machte etwas, das Eugen völlig verblüffte: Er lachte schallend
los.
“Was ist denn jetzt? Habe ich was Falsches gesagt?“
Dirk wurde ernst.
„Nein, eigentlich etwas Zauberhaftes- nun schau
mich nicht so an, vielleicht ist das Wort wirklich etwas tuntig.“
Eugen versuchte, in Dirks Gesicht zu lesen. Er entdeckte dort nichts
von dem, was er erwartet hätte. Nur Wohlwollen.
“Darf ich dir noch einen Kaffee bestellen?“ fragte Dirk. Eugen
zögerte. Er zögerte noch länger, als Zögern eigentlich
dauert.
„Erzähl mir von dir“, bat Dirk. „Wie war das in Kasachstan?
Wie bist du hergekommen?“ Er machte eine aufmunternde Pause.
„Und
nach dem Kaffee frage ich dich dann später noch einmal.“
Eugen starrte auf seine leere Tasse. Das hier brauchte viel Mut. Mehr
Mut, als der Tag in der Stricher- WG, wenn er nicht wusste, welche
Perversen ihn für ihre abartigen Wünsche bezahlen wollten.
“Der Vater nannte mich zu Hause immer Schenja“, begann er. Das war
der erste Satz. Er schaute Dirk an. Er spürte, dass er noch einen
Kaffee wollte. Jetzt musste er einen zweiten Satz finden. Einen
zweiten Satz, damit es weiterging.
„Wir wohnten nicht weit weg von
Solnzewka.“ Das war der zweite Satz. Danach kam der dritte fast von
selbst.
„Zuhause war es wunderschön...“ Eugen ließ sich einen zweiten
Kaffee bestellen.

Letzte Aktualisierung: 21.06.2007 - 14.27 Uhr
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