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Juni 2007
Lehuma, die Blume seines Lebens ...
von Klaus Lütkenhorst


Tage reihten sich zu Wochen und Jahren. Und die Jahre hatten sich zu Jahrzehnten und Jahrhunderte aufgetürmt. Nomo, er hatte seinen alten Namen angenommen, blickte ein letztes Mal auf die nachglühenden Holoschirme der Kammer der Erkenntnis. In den letzten acht Jahrhunderten war er unzählige Male hier gewesen. An diesem Ort hatte alles angefangen. Und hier hatte er in all den langen Jahren immer wieder Ruhe und sein Seelenfrieden gefunden. Wiederholt war er hierher gekommen, wenn er eines seiner Leben, seine Freunde, seine Familie hinter sich lassen musste – hinter sich lassen musste, weil man anfing sich Fragen zu stellen. Fragen, warum er nach zwanzig, dreißig oder gar fünfzig Jahren immer noch so aussah wie an dem Tag seiner Ankunft. Biologisch gesehen waren für ihn weniger als zwei, drei oder fünf Jahre vergangen – zuwenig um irgendwelche Spuren des Alters in seinem Gesicht zu hinterlassen. Er hatte mit den Leuten von Suung gelebt, er hatte Freunde unter den Menschen von Nebra gefunden und in manchen Fällen hatte er sogar eine der schönen Töchtern der unzähligen Stämme und Völker, die er im Laufe der Jahrhunderte besucht hatte, zu seinem Weibe, zu seiner Blume gemacht.
Aber keine war wie sie gewesen. In all den Jahrhunderten, in den Zehntausenden von Tagen, hatte er sie vergessen können – und doch: Seit einigen Jahrzehnten wurde es für ihn immer schwieriger – Er, der sich an jedes Jahr, an jeden Tag, an jede verdammte Stunde erinnern konnte, hatte Schwierigkeiten sich an seine Mehanoma, seine Blume, zu erinnern.
»Hater-ne«, das Licht fuhr auf seinen Befehl hin runter. Nomo drehte sich ein letztes Mal um – er würde nie mehr hierher zurückkehren. »Ru’vaem-metu!« Mit dem letzten Befehl in der Sprache der Götter, wurde das uralte Artefakt in den Wächtermodus gefahren – und erst der neue, neue Auserwählte würde das ändern.

»Was ist los mit Dir?« Die dunklen, an Schwarzperlen, erinnernden Augen Lehumas versprühten Funken.
Nomo drehte sich erfreut um. In ihrem Zorn sah sie noch hinreißender aus. Ihre Augen wirkten wie tiefe dunkle Seen. »Was meinst du damit?«, stellte er sich unwissend.
»Noch vor vier Monden waren du und mein Vater euch einig ... wir waren uns einig. Wir wollten uns eine eigene Hütte bauen. Ein eigenes Bahatam, ein Zuhause gründen. Wir wollten ...« Verzweifelt brach sie ab.
Der Sohn des Heilers der Frikka blickt sie lange und nachdenklich an. Jedesmal, wenn er mit ihr zusammen war ... jedesmal, wenn er sie sah ... Er hätte ohne zu zögern sein Leben für sie gegeben. Hätte sie gegen Hanolohma, dem König der Steppe und sein Rudel verteidigt. Sie war sein Leben. Und doch ...
»Es tut mir leid.« Es tat ihm wirklich leid. Er wusste auch, dass er damit das Problem nicht lösen würde. Alles war auf einmal so kompliziert geworden ... so verflucht kompliziert.

Es war alles ganz anders gekommen. Fast zwanzig Sonnen waren seit jenen Tag vergangen.
»Vater ...?«, Nomo drehte sich um. Umango, sein jüngster Sohn, stand hochaufgerichtet nur wenige Schritte hinter ihm. »Mutter fragt, wann du ins Haus kommst?«
Er hatte ihn gar nicht kommen gehört. Seine Augen und sein Geist waren mal wieder vom nachtschwarzen Himmel abgelenkt gewesen. Die unzähligen Lichter da oben faszinierten ihn immer wieder aufs neue. Er spürte wie Umango neben ihn trat.
»Vater ...?«
»Mein Sohn ...?«
»Darf ich dich was fragen?«
Überrascht blickte Nomo seinem Sohn an. Er war groß geworden. Mit seinen dreizehn Sonnen war er schon fast so groß wie er. »Umango ... du darfst mich jederzeit etwas fragen ... und ich werde versuchen, dir Antworten zu geben.«
Der Junge scharrte mit seinem rechten Fuß nervös in dem Sand vor ihm. »Ich weiß ...«, er nagte an seiner Unterlippe. »Es ist nur ...«, er deutet mit seiner linken Hand in den Himmel über ihnen.
Nomos Lächeln zerteilte sein von der Sonne geschwärztes Gesicht in zwei Hälften und ließ ein kräftiges gesundes Gebiss mit weißen Zähnen daraus hervorblitzen. »Du möchtest wissen warum dein alter Vater jeden Abend hinaus geht in die Dunkelheit und dann die halbe Nacht in den Himmel starrt?«
Umango nickte erleichtert.
»Mein Sohn ...«, Nomo legte seinen linken Arm um die Schultern seines Jungen, »... hast du je nachts zum Himmel geschaut? Hast du je dabei die unzähligen Lichter gesehen. Lichter, wie sie einer riesigen Herde Krummhörner gleich, dort oben entlang ziehen.«
Erneut nickte Umango. »Umango ...«, Nomo sah seinen Jüngsten fest in die Augen, »... hast du je darüber nachgedacht, was diese Lichter bedeuten ... ja was sie sein könnten?«
»Ja klar ...«, eifrig nickte Umango, »... das weiß ich von unserem Mashoka, unserem Schamanen, und auch der alte Ganembo hat uns oft ...«
»Schhhh ...«, Nomo legte die Hand auf den Mund seines Sohnes, schüttelte den Kopf. »Ich meinte nicht das, was dir die Alten vorgesagt haben ... ich dachte nicht an die alten Legenden und Geschichten ... ich meinte nicht das, was man mir schon vor dreißig Sonnen erzählte oder davor Umango, deinem Großvater, dessen Namen du trägst. Was ich meinte: Ich will wissen, was DU denkst. Was könnten diese Lichter, die wir Helomahe Bahra, die Tränen der Götter nennen, sein?«

Nomo schaute von der Anhöhe hinunter. Es war geschafft. Seine Aufgabe war erfüllt. Er trug nicht mehr länger die Bürde eines Atkahb I’dure, eines Hüters des Lichts. Er war nur noch Nomo der Frikka. Und er war in seine Heimat zurückgekehrt. Viele Jahrzehnte waren es her, seit er das letzte Mal hier gewesen war – zu viele. Das Dorf hatte sich verändert. War gewachsen. Hier und da sah er die Veränderungen, die er bei seinem letzten Besuch hinterlassen hatte.
Mit Freude im Herzen und ausgreifenden Schritten ging er den Hügel herunter. Einem neuen, aufregenden Leben entgegen. Einem kurzen Leben, einen absehbaren Leben. Und er würde nicht mehr allein sein.

»Vater?«
Bahadomo drehte sich zu seiner jüngsten Tochter hin. »Was ist mein kleiner Wirbelwind?«
»Darf ich Großvater Nomo besuchen?«
Bahadomo blickte sinnend seine kleine Blume an. Sie war so anders, so neugierig. Und seit dieser seltsame Fremde vor zwei Jahren in das Dorf gekommen war, hatte sie sich sehr verändert. Es verging kaum ein Tag, wo sie nicht das Hatamam, das Haus des wandelnden Geist besuchte und den Geschichten des uralten, und doch so jung wirkenden Frikkas lauschte.
Ergeben nickte der Motambo, das Oberhaupt des Stammes. Schnell wie der Blitz war sie auch schon aus der Hütte gestürmt, und nur noch eine schwach in der Luft tanzende Staubwolke kennzeichnete ihren Weg.

»Großvater ... Großvater ...«
Nomo drehte sich um. Die helle Stimme des kleinen Wirbelwindes drang an seine Ohren. Ein Schmunzeln zerteilte sein von der Sonne verbranntes Gesicht. Wie Shanudah, der Wind, stürmte sie in den Vorgarten seines großen Hauses.
Dies war sein Lieblingsplatz. Hier, unter freiem Himmel, traf er die Bewohner des Dorfes. Groß und Klein. Alt und Jung. Die Alten hatten ihn Anfangs gemieden, ja waren sogar aufgestanden, um ihn des Dorfes zu verweisen. Aber sie waren in der Minderheit gewesen. Die Jüngsten hatten ihn sofort in ihre kleinen Herzen geschlossen. Wenn auch mehr wegen einer Mischung aus Neugierde und leichten Schauers. Denn er war immerhin der Umalana unala, der wandelnden Geist. Der, von dem die Eltern abends an den Lagerfeuern Geschichten erzählten.
Jetzt weilte er unter ihnen. Das alleine war schon Grund genug, ständig um sein großes Haus zu schleichen, was er sich im ersten Jahr hatte bauen lassen. Aber er war auch ein Naratomo, ein Geschichtenerzähler.
In seinem kleinen, farbenfrohen Vorgarten hatte sich schon eine kleine Gruppe junger und älterer Zuhörer versammelt – und er saß mitten unter ihnen.
Schwer atmend blieb sie vor ihm stehen. Schaut ihn mit ihren großen runden schwarzen Augen an. Augen die ihn an jemanden erinnerten. Augen, die Freude und Schmerz in ihn wachriefen.
»Großvater Nomo ... erzählst du uns heute wieder eine Geschichte?«
»Ja meinen Liebe. Heute möchte ich euch von einem kleinen Mädchen berichten. Einem Mädchen, das wie ihr und ich eine Frikka war. Und ihr Name war Lehuma.« Nomo blickte dabei in die Augen des kleinen Wirbelwindes. »Ja meine kleine Blume, sie hatte den selben Namen wie du – Lehuma, und sie war die Blume meines Lebens ...

Alle waren versammelt. Sogar aus den Nachbardörfern waren sie gekommen. Ganz vor stand der Fremde. Wie damals Großvater Nomo, so war auch er aus der Wüste gekommen.
Lehuma blickte ihn von der Seite an. Neben ihr stand ihr Ältester. Auch in seinen Augen standen Trauer und Tränen. Tapfer schluckte er, drehte sich zu den versammelten Gästen. Noch nie hatte er vor so vielen Menschen gesprochen.
»Wie alle kannten Großvater Nomo. Er kam in unser Dorf als meine Mutter selbst noch eine Tschali‘awi, ein kleines Mädchen war. Ein Mädchen das ständig an seinen Lippen hing und ihm lauter Löcher in den Bauch fragte.
Und wie sie, waren viele. Im Laufe der Jahre waren wir es vermutlich alle. Meine Mutter hatte noch die Geschichten des wandelnden Geistes gehört – wie aufregend muss es für sie gewesen sein, den Umalana unala dann selbst zu treffen. Den jahrhundertealten Mythos, den wir, die Jüngeren, nur noch als Großvater Nomo, den Geschichtenerzähler kennen gelernt haben.
Jetzt ist es an uns, seine Geschichten weiterzutragen. Es ist an uns, seine Geschichte zu erzählen.«
Nomo, der Sohn Lehumas drehte sich zum Holzstoß hin auf dem der Leichnam des Naratomos lag, der in das traditionelle Leichentuch der Frikka, dem schwarzweißes Fell des Nehmolos gewickelt war. Er, Lehuma und der Fremde nahmen jeweils eine Fackel und entzündeten das traditionelle Feuer der letzten Reise.
»Mögest du endlich das Ziel deiner ewigen Wanderung erreichen.« Lehuma, der kleine Wirbelwind, wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln, und dachte an den Tag vor über dreißig Sonnen zurück. An den Tag, als sie zum erstenmal von Lehuma, ihrer Vorfahrin gehört hatte. Sie wartete schon auf ihn. Lehuma, die Blume seines Lebens ... endlich würden sie wieder zusammensein.
ENDE
© Klaus Lütkenhorst 06/2007

Letzte Aktualisierung: 22.06.2007 - 12.30 Uhr
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