Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2007
Der Vogelwart
von Thomas Schröder

Die Hallig Norderoog ist bevölkert von Brandseeschwalben, Eiderenten, Austernfischern, ein paar Möwenarten und Boris. Boris ist Vogelwart und verbringt sieben Monate unter ungezählten Vögeln. Am letzten Zustand muss er versuchen, etwas zu ändern. Er hat die Aufgabe, in dem dunkelgrün gestrichenen, auf Pfählen errichteten Holzhaus Vögel zu schützen, zu beobachten und zu zählen. Die grüne Farbe demonstriert Naturverbundenheit, die Boris hier in Reinform genießen kann. Kein Computer, ein mit Holz beheizter Ofen, eine Art Klausur mitten in der Nordsee.
Boris hat langes, braunes Haar, trägt Naturfaser- Unterwäsche, gebatikte Baumwollhosen und selbstgestrickte Wollpullis. Aber das muss ein anderer Boris sein. Der Vogelwart, um den es in dieser Erzählung geht, hat seine Jeans mitgenommen, seine Fleece- Pullis und T- Shirts, er denkt an Sonnenschutz mit Lichtschutzfaktor 30 und stört sich an den unzähligen Mücken, die im Spätsommer alle Luftlöcher nutzen, in sein Einzimmerhaus einzudringen. Bei ihnen hört die Naturverbundenheit auf.
„Diessen Weg auf den Höh´n bin ich oft gegangen“, trällert er leise das Rennsteiglied. Tatsächlich tritt er mehrmals täglich in seine eigenen Fußstapfen. Boris hat kurzgeschnittenes, braunes Haar, das er zu Zeiten, als er noch in Husum wohnte, mit Gel gestylt hat. Jetzt wird er versuchen, ähnlich auszusehen wie Grizzly- Adams in „Der Mann in den Bergen“. Die Brille kann er dann vielleicht abnehmen. Irgendwo hat er gelesen, dass man weitsichtig wird, wenn man einen unbegrenzten Horizont vor Augen hat. Vielleicht braucht er nach dem Ende seiner Dienstzeit keine Brille mehr.
Boris verbringt seine Tage mit Wanderungen und dem Führen seiner Statistik. Aber er schreibt auch eine Nordseesymphonie. Seinen Briefblock hat er mitgenommen, um Briefe nach Hause zu schreiben. Immer, wenn das Versorgungsschiff anlegt, wollte er Svenja einen Brief schicken. Svenja hatte mit ihm Biologie studiert. Er hatte sie motivieren wollen, mit ihm Feldforschung zu betreiben in Anatomie und Funktion der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane. Natürlich hätte er auch gern die psychologische Dimension ergründet, dieses weite Feld Liebe. Nicht, dass sie keinen wissenschaftlichen Forschungsdrang gehabt hätte. Aber sie hatte einen anderen.
Er schaute aufs Meer hinaus. „Ich muss wohl anfangen, Selbstgespräche zu führen“, murmelte er. „Wie soll ich sonst sieben Monate überstehen? Hier wird wohl kaum irgendein Freitag angespült werden.“
Boris hatte Svenja einen Brief voller rauer Poesie eines einsamen Lebens mitten in der Nordsee geschickt. Für einen zweiten Brief war ihm nichts anderes mehr eingefallen, als dass er versucht hatte, das Brüllen der stürmischen Nordsee in Worte zu fassen.
Tschrrrong, Tzüüsch, Bouuung, Schrinnn
Svenja hatte nicht geantwortet. Boris gab zu, dass seine Entscheidung, nach Norderoog zu gehen, sehr viel damit zu tun hatte, dass Svenja vergeben war. Er dachte abends an ihre träume erweckende Figur, ihre braunen Augen, den unglaublichen Nacken unterm fast schwarzen Haar. Ihre Grübchen, wenn sie lachte. Manche Briefchen, mit denen sie die Monotonie vieler Biologie- Vorlesungen bekämpft hatten. Ihre unverkrampfte Art, ihr ganz selbstverständlicher Umgang mit dem Körper. Als er noch mit T- Shirt unterm Hemd schwitzte, weil er seine Brustbehaarung nicht zeigen wollte, bemühte er sich, nicht zu registrieren, dass sie keinen BH unterm Top trug. Sie sagte ganz selbstverständlich: „Nerv mich jetzt nicht, ich hab meine Tage.“ Oder stöhnte über einen „tierischen Sonnenbrand am Arsch“, während er es noch peinlichst vermied, von dieser Körperregion überhaupt zu sprechen. Svenja- er suchte die Einsamkeit, um nicht in ihrer Nähe sein und ansehen zu müssen, wie dieser blonde Lehramtsstudent sie in die Arme nahm. Wer war schon so bescheuert, Lehrer werden zu wollen. Doch abends lag er manchmal wach und sah sie fast leibhaftig vor sich. Diesen unglaublichen seidigen Schimmer auf ihrer Haut, wo sich die Brüste beinahe berührten. Wenn er nicht schlafen konnte, setzte er sich an den roh gezimmerten Tisch und schrieb seine Nordseesymphonie:
Sisselsissel, Grummdummwumm, schschsch, schschsch, dschrüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdü
An einem Donnerstag stand er am Strand und sah den Knutts zu, die unermüdlich der ablaufenden Welle hinterherliefen, um sich am angespülten Gabentisch der Natur zu bedienen. Wer in der Art zum Büfett rennen musste, starb sicher jung. Der „Seehund“ kam. Kapitän Johannsen brachte ihm seine Verpflegung. Boris setzte sich in Bewegung und ging auf das Schiff zu. Die Knutts rannten weiter ihrem Futter hinterher. Vom Schiff stieg ein Passagier. Boris betrachtete den schlaksigen jungen Mann. Die Zeit der Touristen kam erst im Sommer.
„Hi, ich bin Marvin“, sagte der Junge. Er mochte siebzehn, achtzehn sein, fettige Haare, Aknespuren im Gesicht, eine dicke Brille und eine rote Baseballkappe fielen Boris auf. Die Kleidung nicht besonders individuell. Der Schritt der Hose fiel etwas nach unten, um die Shorts sehen zu lassen. Ein nicht zu prall gefüllter Rucksack.
„Boris, ich bin der Vogelwart. Möchtest du die Hallig ansehen? Es ist jetzt Vogelschutzzeit. Dann dürfen wir niemanden hierher lassen.“
„Das hat der Kapitän auch schon gesagt. Ich bin der Zivi.“
„Zivi? Davon weiß ich gar nichts. Die Leute vom Jordsand haben mir nichts darüber geschrieben.“
„Das kann ja sein. Aber meine Einberufung sagt, dass ich mich am 1. März auf Norderoog einfinden und bei einem Herrn Drochten melden soll.“
„Das bin ich.“
„Na denn, da bin ich.“
„Aber das geht doch nicht, das Haus ist nur für einen Schläfer eingerichtet. Ich hab nur Verpflegung für einen bestellt, du kannst nicht bleiben.“
Marvin sah ihn an. Welche Eltern hatten nur entschieden, ihm diesen idiotischen Namen zu geben? Wer Marvin hieß und diese dicke Brille trug, wurde nie auf Partys eingeladen oder in Sportmannschaften gewählt. Das wurde er, Boris, allerdings auch nicht.
„Ich komme mit allem klar. Ich esse wenig, schlafe auf dem Boden oder meinetwegen auf zwei Stühlen und kann mich im Hintergrund halten. Wenn ich will, bemerkt keiner, dass ich da bin.“
Boris hatte eine Ahnung, dass das noch mehr bedeutete, als er jetzt ahnen konnte.
„Ich bleibe“, sagte Marvin ganz ruhig. Boris zuckte die Achseln. Dann machte er eine Handbewegung, die Marvin bedeutete, dass er stehen bleiben und gleichzeitig mitkommen solle. Es war klar, für welche Bedeutung sich Marvin entschied. Er stieg in Boris´ Hütte hinauf und sah sich um. Was er sah, musste ihn sehr zufrieden stellen.
„Cool“, sagte er. Er nahm einen ipod aus der Tasche und steckte ihn sich in die Ohren. Dann sagte er: „Ich schau mich mal draußen um.“
„Bleib auf den Wegen“, rief ihm Boris nach. Was sollte er mit einem Zivi? Er schrieb ein paar Zeilen an Jordsand und beschwerte sich, dass man ihn nicht informiert hatte. Gott gebe mir einen PC, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel. Wie fehlte ihm jetzt die Möglichkeit der eMail. Wie sollte er in seinem Liebeskummer im Hinblick auf Svenja schwelgen, wenn Pickelgesicht diskret im Hintergrund unter seinem ipod verschwand? Die Blicke, die wie durch ihn hindurchgingen, machten Boris Marvins Präsenz noch deutlicher bewusst, als wenn ihm dieser ein Gespräch aufgezwungen hätte. Wenn die Batterien im ipod leer waren, würde Marvin wieder abhauen, freute sich Boris.
Marvin erwachte morgens zu den ersten Schreien der Möwen. „Mein Gott, können die dieses Gekreische nicht lassen?“ lamentierte er. „Und dieses Gequake!“ nörgelte er, wenn die Ringelgänse wach wurden. „Ich hasse Vogelscheiße!“ rief er jedes Mal, wenn er hineintrat. „Booah, dieses Watt ist dermaßen schlammig, ist ja eklig!“ und „gibt’s hier eigentlich immer nur Regen und Wind?“ waren noch die harmloseren Beschwerden an diesen ersten Tagen auf Norderoog.
Irgendwann platzte Boris: „Mein Gott, Marvin, du gehörst hier soviel hin wie der Alm- Öhi auf den Kurfürstendamm! Was willst du auf einer Hallig, wenn du so naturverbunden bist wie Beton? Du wirst nicht mal Austernfischer und Möwen auseinanderhalten können, wie willst du mir beim Zählen helfen? Lass dich versetzen, echt, das ist das Vernünftigste, was du tun kannst.“
Marvin schwieg einen Moment. „Man merkts ganz schön, oder?“ Boris nickte. „Du hältst ja mit deinem Widerwillen auch nicht hinterm Berg.“
„Bin abgehauen.“ – „Bitte was?“ – „Weg. Hab meinen Kram gepackt und bin zu Hause weg. Hab im Fernsehen was von Norderoog gesehen. Dachte mir, da will ich hin. Bin kein Zivi. Bin ausgemustert.“
Boris wusste nicht gleich, was er antworten sollte. „Ja, was mach ich denn jetzt?“
„Lass mich hier. Ich jammere dir nichts mehr vor. Ich lerne alles über die Austernschwalben und Brandmöwen.“
„Austernfischer und Brandseeschwalben.“ – „Genau die.“ – „Im Sommer kommen die Mücken.“ – „Halt ich aus.“ – „Hier gibt’s nirgends Schatten.“ – „Halt ich aus.“ – „Du bist hier mit mir allein, bis die Touris kommen.“ – „Halt ich aus.“ – „Es gibt meist Fisch aus Konserven oder im Glas.“ – „Halt ich aus.“ – „Wir haben keinen Strom, damit du deinen ipod aufladen kannst.“ Marvin sah ihn resigniert und auch sehr traurig an. Er hatte wahrscheinlich allen Grund, von zu Hause wegzulaufen. Er seufzte. Das mit dem ipod war hart. „Halt ich aus“, sagte er. Boris starrte ihn an. „Ich denk mir was aus, wie ich dich denen vom Jordsand verkaufe“, sagte er. Er würde den Beschwerdebrief noch einmal neu formulieren. Er wollte hören, warum Marvin auf die Hallig geflüchtet war.



Letzte Aktualisierung: 08.06.2007 - 21.31 Uhr
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