Honigfalter
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Juni 2007
Sturm
von Ulrike Weinhart

Wie täglich erwachte Callum McAulay mit der Dämmerung. Er hörte einen zornigen Wind an den Ästen der Weide rütteln und fühlte, wie die Brandung an den Felsen zerschellte und das Haus auf der Klippe erzittern ließ. Gischtfontänen fauchten aus den Felsspalten in die Höhe und wurden von dem tobenden Seewind landeinwärts gepeitscht.
Callum spähte aus dem Fenster auf einen bleigrauen Horizont. Dann fasste er einen Entschluss.
Er schlüpfte in seine Hose, nahm einen sauberen Pullover aus dem Regal und zog dicke Wollsocken über. In der Küche erwartete ihn der Abwasch von gestern. Ein Teller, auf dem die Reste eines Spiegeleis klebten und ein halbleeres Glas mit Rotwein. Der Brief lag auf dem Küchentisch. Callum strich die Seiten behutsam glatt. Seine Hand glitt dabei so langsam über die Worte als lese er Braille, als könne er durch das Begreifen des Papiers, der Schrift, einen Zugang zu ihren Worten finden. Vielleicht, wenn die Buchstaben keinen Umweg über seine Augen und sein Gehirn machen mussten, sondern direkt von der Hand ins Herz wandern würden, vielleicht würde er dann verstehen, was sie ihm sagen wollte. Und warum sie es gesagt hatte.
Er kochte einen Kaffee, goss sich eine Tasse ein und füllte den Rest in die große Thermoskanne. Dann setzte er sich auf einen Stuhl zu dem Brief wie man sich zu einem anderen Menschen an den Tisch setzt. Eine ganze Weile lauschte er nur dem Sturm und ließ sich von dem heißen Getränk beleben. Dann griff er nach dem Papier und las den Brief erneut.

Ihre Worte waren süß und so vergänglich wie Vanilleeis auf der Zunge. Sie verkleisterten ihm die Gedanken, verklebten sein Herz. Sie zerredeten das unbeschreibliche Gefühl, das Callum erfüllte, seit er ihr das erste Mal im Museum der großen Stadt begegnet war, zu einer klebrigen Masse, die sie sich mit ihren letzten Worten wie angeekelt vom Mund wischte.
„Wir sind einfach zu verschieden. Ich glaube deshalb, es wäre besser, wir würden uns nicht wieder sehen.“

Callum hatte sie an einem regnerischen Apriltag im Kelvingrove Museum kennengelernt. Er verbrachte eine Woche Zwangsurlaub in Glasgow, weil sein Trawler, die 'Scara Brae', wegen eines Motorschadens auf Dock lag und Callum auf Ersatzteile warten musste. Selten vorher war er in der Stadt gewesen und nie zuvor in einem Museum. Sie trafen sich vor einem Gemälde von Dali, 'Christ of Saint John of the Cross', auf dem Jesus am Kreuz über einem Hafen mit Fischerbooten schwebte. Callum war vollkommen in dieses Bild versunken. Er erschrak, als sie ihn flüsternd bat, ein wenig zur Seite zu treten, da sie das Bild für einen Katalog im Auftrag des Museums fotografieren wollte. Sie begann, ihm von Dali zu erzählen, von dessen Träumen, seinen Visionen, seiner Muse und was er mit diesem Bild ausdrücken wollte. Callum hörte ihr fasziniert zu. Er sah in ihre Augen beobachtete ihre Hände, die ihre Worte leicht wie Schmetterlinge begleiteten, und fühlte eine große, ruhige Wärme in sich aufsteigen. Stundenlang saßen sie zusammen in der Cafeteria und als das Museum schloss, fragte sie ihn, ob er noch zu ihr nach Hause kommen wolle. Auf dem Parkettboden ihres geräumigen Ateliers liebte Callum zum ersten Mal seit zwölf Jahren eine Frau.

In den darauf folgenden Monaten kam er nach Glasgow, sooft es der Fischfang und seine Crew zuließen. Die Tage verliefen immer gleich - Museen, Shopping, Ausflüge - und die Nächte immer anders. Callum erlebte die Zeit in einem Taumel zwischen Realität und Rausch, ein Regenbogen von nie erlebten Gefühlen ergoss sich über ihn und er war sich seiner Lebendigkeit so bewusst wie nie zuvor.
Dann kam der Tag - war es wirklich erst zwei Wochen her? - an dem sie beschloss, für ein verlängertes Wochenende nach Stornoway zu kommen. Die gesamte Woche davor war Callum wie ausgetauscht. Er war wortkarg zu seiner Crew und wenn er überhaupt sprach war er launisch und ungewohnt aufbrausend. Er putzte sein Haus, wusch sämtliche herumliegende Wäsche, einschließlich der Gardinen, kaufte frische Bettbezüge, strich die Eingangstür neu mit einem dunklen Grün, ihrer Lieblingsfarbe. Kaufte Blumen und eine Vase dazu.
Sie kam mit der Elf-Uhr-Fähre. Callum sah sie sofort. Sie hatte eine voluminöse, bunte Reisetasche bei sich und wirkte zwischen den betriebsamen Einheimischen, die mit gesenktem Kopf zu ihren Fahrzeugen hasteten, wie eine Touristin. Im November kamen aber keine Touristen auf die Insel. Callum hatte das Gefühl, die Bevölkerung der gesamten Insel habe sich an der Pier eingefunden, um zu beobachten, wie er auf sie zuging und sie steif und ungelenk in den Arm nahm. Es fehlte noch, dass sie klatschten.
Fast augenblicklich erkannte er, dass es ein Fehler gewesen war, sich ihre Anwesenheit auf der Insel zu wünschen. In seinem, wie er plötzlich fand, schäbigen Vauxhall fuhren sie zu dem Haus auf den Klippen. Seine Unsicherheit und Schweigsamkeit übertrug sich auf sie und von dem Zauber, der sie und ihrer beider Beziehung umweht hatte, war in der windkalten Wirklichkeit seines Insel-Zuhauses nichts mehr zu spüren. Ihre Unterhaltung geriet zur Anstrengung, ihre Körperlichkeiten zu einer Verpflichtung, die ihr Besuch eben mit sich brachte. Das Leuchten in ihren Augen wurde schwächer und sie verstummte zunehmend. Am dritten Tag, als er ihr sein Boot zeigen und die Crew vorstellen wollte, wütete ein solcher Sturm, dass sie darum bat, im Haus bleiben zu dürfen, obwohl, wie sie leise zugab, dessen Enge sie bedrückte. Der ewige Wind mache sie nervös und die Gischt ruiniere ihre Kamera. Er war zornig fort gestürmt, eineinhalb Stunden durch die Gegend gelaufen und vollkommen durchnässt zurückgekehrt. Dass sie noch da war, ihn mit einem Handtuch an der Tür erwartete und ein heißes Bad eingelassen hatte, wertete er als den Durchbruch. Sie liebten sich stürmisch - auf dem geschrubbten Dielenboden der Küche. Er stieß sich den Kopf am Tischbein. Am nächsten Morgen brachte er sie zur Fähre.

Zehn Tage hörte er nichts von ihr. Gestern war der Brief gekommen.

Sein Schmerz zerrte tonnenschwer an ihm und riss ihn wie ein Senkblei unter die Oberfläche seines Verstandes. Sie, die seine Gefühle überhaupt erst erweckt hatte, nahm ihm jetzt den Atem, zerbrach ihn mit wenigen Worten.

Er erhob sich schwerfällig vom Küchenstuhl und schraubte die Thermoskanne fest zu. Dann nahm er den Brief, stecke ihn sorgfältig zurück in den Umschlag und warf ihn zusammen mit zwei frischen Scheiten Holz in das fast heruntergebrannte Kaminfeuer. Im Flur schlüpfte er in seine derben Stiefel, zog den Parka über und die Mütze und ging zum Hafen hinunter. Im Zwielicht zwischen dem Morgen und dem Tag war die Mole menschenleer. Keiner der anderen Kapitäne und keine der Mannschaften fuhr bei diesem Wetter aus. Callum sprang an Bord der 'Scara Brae' und löste nacheinander die vier Leinen, die das Boot an der Mole vertäuten. Der Sturm riss ihm die Tür zum Steuerhaus aus der Hand und schlug sie an die Wand, so dass das Glas barst. Callum bemerkte es kaum. Er steuerte das Schiff rückwärts aus dem Hafen und wendete an der Hafeneinfahrt.
Als die 'Scara Brae' aus dem Schutz der Klippen herauskam, erfasste sie der Sturm mit voller Wucht. Die See war schwarz und wild wie ein wütender Stier. Haushohe Wellen schossen auf das kleine Fischerboot zu, hoben es himmelhoch, spieen es Sekunden später in ein Tal.

Callum überließ dem Meer das Ruder und trat aus dem Steuerhaus an Deck.

Letzte Aktualisierung: 17.06.2007 - 17.30 Uhr
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