Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Juni 2007
Unvollendet
von Barbara Hennermann

Das Glas neigte sich zur Seite, legte sich im Zeitlupentempo um, der letzte Rest Wassers darin züngelte auf das Tischtuch, versickerte….
Greta seufzte. Wieder einmal hatte sie es nicht mehr geschafft, mit den von Arthritis knotigen Fingern rasch und sicher zuzugreifen. Morgen früh würde sie sich einiges anzuhören haben über ihre Starrköpfigkeit, die anderen nur Arbeit machte. Doch halt, nein – morgen früh würde sie sich nichts mehr anhören müssen….
Sie ergriff mit den schmerzenden Händen die acht glänzenden, knisternden Plastikplättchen am Tisch und schob sie unter den Heizkörper. Achtzig Doxepin-neuraxpharm hatten sie enthalten. Das Wundermittel gegen Schlaflosigkeit und Depressionen, preiswert und hilfreich. So gut wie jeder hier begann und beendete damit (oder etwas ähnlichem) seinen Tag. Wieder seufzte Greta. Immerhin schien zu stimmen, was angekündigt wurde, sie fühlte bereits eine leichte Benommenheit und stand schwerfällig auf. Hoppla! Mit Mühe schleppte sie sich zum Bett und leget sich rücklings darauf. So war es besser! Für diesen Abend hatte sie all die Tabletten gehortet, schlaflose Nächte und durchheulte Tage in Kauf genommen. Es war Zeit, dem ein Ende zu bereiten.
Mühsam knüllte sie das Kopfkissen zusammen und schob es schwerfällig unter ihren schmerzenden Nacken.
Ihre Erinnerung sackte ab, vermischte sich mit den weißen Nebelschwaden, die vor ihren Augen tanzten. Eine Gestalt löste sich aus ihnen, jung und strahlend lachte sie Greta an. Mit einem Ruck fuhr Greta hoch, lachte zurück, hielt sich an der Gestalt fest, verschmolz mit dem jungen Körper – IHREM jungen Körper. Lachend jagte sie über die Wiese, die hinter den Nebeln lag, und sog den würzigen Duft der Gräser tief in sich hinein. Mein Gott, wie lange schon hatte sie dies alles vermisst!
Suchend sah sie sich um. Eigentlich müsste doch auch….? Natürlich war er da. Er war immer da, wenn sie kam, wartete schon auf sie. Jauchzend rannte sie auf ihn zu und warf sich in seine Arme. Er hob sie hoch wie eine Feder, drehte sich mit ihr im Kreise, bis sie glücklich und schwindlig ausrief: „Peterle, ich kann nicht mehr!“ Da hielt er abrupt inne und sie wandte ihr erhitztes, strahlendes Gesicht zu ihm hin. Seine Lippen trafen die ihren, fanden sich in einem nicht enden wollenden Kuss, versanken ineinander. Die Wiese verwandelte sich, schenkte ihnen Schutz und Geborgenheit im schmeichelnden Grün.
Sie hatten sich nicht gesucht und dennoch gefunden. Es war, als hätte das Schicksal an einer Schraube gedreht. Er hatte als Außendienstmitarbeiter ein Seminar im Stammhaus besucht, sie war als Chefsekretärin zufällig anwesend, weil die vorgesehene Protokollantin krank geworden war. Es war nur ein Blick über die Köpfe der Anwesenden hin gewesen, EIN Blick, der ihr beider Leben unwiderruflich verändern sollte. Beim Hinausgehen streifte er ihren Arm, entschuldigte sich, lud sie auf einen Kaffee in die Kantine ein. Ihr war sofort klar, wie gefährlich ihr das werden könnte. Aber es war von Anfang an nicht mehr zu ändern.
Beide ließen den Kaffee kalt werden, sahen sich nur an, redeten aufeinander ein. Das Gefühl, sich immer schon gekannt zu haben, machte ihnen das Reden leicht. Sie verabredeten sich. Schon bei ihrem ersten Treffen, ihrem ersten Spaziergang, entdeckten sie diese Wiese, IHRE Wiese. Von da an wurde es mühsam.
Sie fühlten sich füreinander bestimmt, aber sie waren beide gebunden. Zudem trennten sie mehrere hundert Kilometer. Auf was für eine Zukunft sollten sie hoffen? Sie hatte keine Kraft, darüber nachzudenken. Sie lebte nur noch für diesen einen Nachmittag im Monat, der ihnen beiden gehörte.
Es war ein heißes und trockenes Jahr, von Mai bis September schenkte ihnen ihr Nest in der Wiese seinen duftenden Schutz. Greta begann sich zu sorgen, wie es im Herbst weitergehen könnte, wenn die Natur abweisend und schroff werden würde. Zum ersten Mal seit Monaten begann sie ihre gewöhnliche Umwelt wieder mit wachen Augen zu betrachten. Ihr wurde bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Sie bemerkte die argwöhnischen Blicke ihres Mannes, aber sie maß ihnen keine Bedeutung bei. Es war unmöglich, dass er etwas bemerkt haben könnte. Sie hatte nie Spuren hinterlassen, weiter normal funktioniert wie immer. Nein, er KONNTE nichts bemerkt haben!
Heute würde sie mit Peter sprechen müssen, wie sie in Zukunft verfahren könnten. Die Wiese würde sie nicht mehr aufnehmen können. Wo aber könnten sie sich dann treffen? In ihrer Umgebung war sie viel zu bekannt, um ein Hotel aufsuchen zu können. Wegfahren bedeutete aber ebenfalls, dass sie ihrem Mann würde beichten müssen, was ihr widerfahren war. Und Peter? Wie würde Peter damit umgehen?
Ihre Schritte waren schwer, als sie über die Wiese zum gewohnten Treffpunkt ging. Sie hatte es geahnt. Als die Dunkelheit sich wie eine schwarze Decke über die Wiese legte, schleppte sie sich nach Hause zurück. Ihr Leben war beendet….
Es dauerte noch dreiundsechzig Jahre. Dreiundsechzig Jahre einsamen Wartens. Ihr Mann war darüber gestorben, seit sechs Jahren lebte sie nun hier. Einsame Jahre, Jahre ohne ihn, ohne die Liebe ihres Lebens. Es war Zeit zu gehen.

„Es ist was es ist
sagt die Liebe.“
(Erich Fried)

Letzte Aktualisierung: 17.06.2007 - 18.13 Uhr
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