Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juni 2007
Höhnische Vögel
von Juli Jaschek


„Ja, gewiss“, sagte Eva Dibelius, Kunsthistorikerin, während sie mit ihrer Auftraggeberin das Haus betrat. Plötzlich und unerwartet verstarben ja immer alle und hinterließen dann Häuser wie dieses mit penibel angelegtem Garten und – hatte sie es nicht gewusst? – Mobiliar aus deutscher Eiche. Halb rechnete sie damit, dass ihr gleich ein Dackel ans Bein fuhr wie beim letzten Gutachten in einem ähnlichen Viertel.
„Und was das alles hier wert ist...“, fuhr die Frau fort, während sich aus der Tiefe des holzgetäfelten Wohnzimmers drei weitere Mitglieder der Erbengemeinschaft erhoben.
„Kandlbauer“, sagten die Brüder nacheinander und schüttelten ihr die Hand, alle drei schwer gebaute, ältere Herren mit dunklen Wollresten auf den Häuptern.
„Ja“, begann dröhnend der Älteste. „Jetzt sind wir noch vier, gell. Und was sagen’S zu den Möbeln? Er hat ja ordentlich Sach gehabt, der Karli!“
Diese laute Stimme! Eva wandte den Kopf ab. Außerdem wusste sie, was nun kam: die hohen Erwartungen, dann Enttäuschung, Ungläubigkeit... . „Nun“, sagte sie, während sie die Blicke der vier Geschwister auf sich gerichtet spürte. „Das ist gute Qualität vom Material her, aber in der Ausführung recht ... äh... konventionell. Wird heute eigentlich nicht mehr nachgefragt...“
„Ja, aber – was wert ist es schon, oder?“
„Jetzt wart halt erst ab!“
„Ich wills ja bloß wissen!“
Zwei der Brüder und die Schwester waren in Zankton verfallen, der dritte hielt sich zurück und ließ die Augen wandern.
„Auf dem Flohmarkt kriegen Sie dafür vielleicht ... tausend?“ Ihre Füße in den spitzen Schuhen schmerzten, liebend gern hätte sie sie ausgezogen.
„Aber so viel hat doch die Eckbank schon gekostet!“ empörte sich die Schwester. „Die hat ihm seine zweite Frau reingestellt, wissen Sie, die hat alles gekauft, was teuer war.“
„Die Bank? Nie und nimmer, die ist erst gekommen, als die Flora schon tot war!“
„Ein Haufen Gemälde sind auch noch da“, verkündete der älteste Bruder immer noch laut, aber in unsicherem Tonfall. „Erst haben wir gedacht, die Ida erbt alles, seine Freundin“, fuhr er fort, während er die Tür zum nächsten Raum öffnete, „Aber dann war es so, dass er das Testament schon vor zehn Jahren geschrieben hat und damit wars ungültig, gell.“
„Weil damals hat er die Flora eingesetzt“, unterbrach ihn seine Schwester, „und die ist jetzt selber schon acht Jahre tot.“
„Ja mei, der Karli! Da hat er nicht einmal eine anständige Lehre gemacht - aber gell, mit all seinen geldigen Frauen...“
O Gott – Familie!, dachte Eva, die seit der Trennung von ihrem verheirateten Liebhaber vor zwei Jahren alleine lebte und sich alle Verwandtschaft säuberlich vom Leibe hielt.
„Da, schauns. Da ist er, der Karli. Da hat er sich malen lassen.“
Das Bild in einem üppig verschnitzten Holzrahmen zeigte unter dicken Pinselfurchen undeutlich einen schwarzhaarigen Koloss in Lederhose. An ihn geschmiegt eine rotwangige Blonde.
„Aha“, sagte Eva ratlos. „Die Dame daneben ist – äh – eine der Gattinnen?“
„Ja, jetzt wartens mal. Das ist die Elke, oder?“
„Schmarren, das war die... die ..., Herrschaft, wie hat die jetzt geheißen? Eine Schwabingerin. Das war jedenfalls in der Zeit, wo er geboxt hat, da hat er halt vielen gefallen. Weil ein fescher Kerl war er ja!“
„Und was ist das hier wert, was meinen Sie?“, unterbrach der Mittlere und wies auf den mit Persern und plumpem Pseudobiedermeier voll gestopften Raum. „Das hat er zusammen mit der Elke gekauft, seiner dritten. Die hat auch ganz schön was dahergebracht. Auch früh gestorben.“
Eva, die umgeben von japanischen Lackmöbeln und Jugendstilunikaten lebte, verzog die Lippen. „Na ja, das Mobiliar – wie gesagt, gut. Und bestens verarbeitet.“ Sie klopfte auf einen wuchtigen Sekretär. „Massivholz. Aber ich sag Ihnen ganz offen – so was will heute niemand mehr. Sie können es natürlich bei Ebay versuchen. Vielleicht zweitausend. Oder drei.“
„Und der heilige Stefan da?“, fragte die Frau böse. „Auch nix wert? Der ist aus Oberammergau!“
Meine Güte, dachte Eva, während sie den hölzernen Stefan herumdrehte. Mit seinem aufgerissenen Mündchen und den geschnitzten Locken erinnerte er sie von ferne an ihren Liebhaber, den kunstsinnigen Chef eines großen Auktionshauses. Einen Moment lang glaubte sie zu spüren, wie dessen Hand sie im Nacken fasste und zur Beurteilung von sich streckte. Sicher: edelstes Material, promovierte Kunsthistorikerin immerhin und bestens verarbeitet obendrein mit dem Schneiderkostüm, der Granatbrosche und den modisch spitzen Lederschuhen. Aber eben nicht mehr nachgefragt. Der Mann, der dem Stefan ähnelte, war jedenfalls nicht zu seiner Frau zurückgekehrt, wie sie zuerst geglaubt hatte. Sondern mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Sekretärin, der mit dem Zungenpiercing, in die Kiste gestiegen. Verstohlen glitt sie aus einem Schuh und streckte die Zehen.
„Die Bilder da hat er alle für die Flora gekauft“, sagte der Ältere mit brüchiger werdender Stimme. „Weil die war ihm einfach die Liebste von allen. Jeden Tag ist er auf ihr Grab gegangen, sogar wo er schon mit der Elke verheiratet war. Immer zur Flora ihrem Grab... Sie, die sind alle teuer, die Bilder mein ich. Die sind was wert!“
„Also erstens sind das Drucke“, sagte Eva. Sie zog den zweiten Schuh aus und bestieg ein straff bespanntes Samtsofa. „Sehen Sie: Vom Firnis spürt man gar nichts. Das soll nur so aussehen wie ein Ölbild.“
Misstrauisch strichen die Daumen der beiden Älteren über die Bildoberfläche.
„Aber wenn Sie einen Liebhaber dafür finden – vielleicht zweihundert.“
Wenn Sie einen Liebhaber finden, wiederholte sie stumm für sich. Eine ärgerliche Sekunde lang sah sie ihren ehemaligen Liebhaber vor sich, schlafend, das graue Haar dekorativ auf den Laken.
„So“, sagte in dem Moment eine tiefe Männerstimme. „Jetzt geh ich in’ Keller und hol mir ein Bier.“
„Gott!“, rief die Schwester des Verstorbenen und fasste sich ans Herz. „Weil ich die Tür aufgemacht hab zum Wintergarten... Ich erschreck jedes Mal wieder. Es ist, als ob der Karli reden würde.“ Sie knipste das Licht an, im Dämmer eines kahlen, gefliesten Raums wurde eine große Voliere sichtbar. Am Gitter hatte sich ein grauer Ara festgekrallt und beobachtete die Menschengruppe aus schlauen Augen. Ein zweiter Vogel saß desinteressiert auf einer Schaukel und hob sich mit einem Fuß eine Erdnuss an den Schnabel.
„Dem Karli seine Papageien“, erläuterte die Frau. „Den Käfig haben wir schon verkauft, bloß die Viecher noch nicht. Wir wissen nicht, wohin damit.“
„Die waren dem Karli sein Ein und Alles“, fügte der Älteste bedrückt hinzu. „Erst hat ihm die Elke einen geschenkt, weil er immer noch so traurig war wegen der Flora.“
„Und dann ist der davon geflogen“, unterbrach der Mittlere. „Und der Karli – wie so ein Dings, also halt gar nix mehr geredet mit uns, bloß überall Zettel hingeklebt, dass der Vogel weg ist.“ - „Bis ihm eine Nachbarin den einen da gebracht hat, der war ihr halt zugeflogen. Aber das war nicht seiner. Macht nix, er hat ihn genommen.“
“Geht’s weiter“, unterbrach der Jüngste. „Wissen Sie, ich will gar nix von dem ganzen Zeug. Bloß die Ikone da hinten. Als Andenken.“
„Und wieder eine Woche später ist der alte Papagei von selber zurückgeflogen“, fuhr die Frau fort. „Da war der Karli froh. Und wie er die Viecher verwöhnt hat – jeden Tag Spiegelei und Mandelkerne. Hernach haben die zwei dann so gut sprechen gelernt. Alles, was der Karli gesagt hat – viel hat er ja nicht geredet, gell – aber das halt schon. Und die Stimme ist-“
„Bloß die Ikone“, wiederholte der Jüngste und lächelte gewinnend.
„Zipfelklatscher!“, meldete ein tiefer Bass.
„ – die Stimme ist haargenau die vom Karli!“, schrie die Frau. „Du meinst, er steht im Zimmer!“
Der Ara auf der Schaukel hatte die Nussschale fallen lassen und reckte den Kopf. „Du Zipfelklatscher!“ beharrte er.
„Also, was ist jetzt die wert?“ fragte der Jüngste gereizt. „Mir geht’s nur um das Andenken vom Karli.“
Widerstrebend löste Eva den Blick von dem Käfig. „Moment...“ sie drehte die hölzerne Tafel mit dem nachgedunkelten Christusbild. Geheimnisvoll schimmerten die Heiligenscheine. Wie sollte sie dem Herrn Kandlbauer erklären, dass ein Pantokrator aus dieser Epoche niemals von Engeln begleitet wurde? Dass der Herrgott eben allein dasteht?
„Tut mir leid“, sagte sie. „Das ist eine – ziemlich gute – Fälschung. Da ist Rot im Emaille, hier, sehen Sie ...“ doch der Interessent hatte sich bereits mürrisch abgewandt.
„Und was sind solche Papageien eigentlich wert?“, erkundigte sich die Frau.
„Ich ... habe keine Ahnung, wirklich.“
„Wollte die Ida nicht einen nehmen?“, fragte der Älteste.
„Nein, wo sie sie doch nicht auseinanderkennt und den alten nicht erwischen will, sagt sie.“
„Wieso?“, fragte Eva. Die Vögel blickten zu ihr herüber. Ihre Augen hatten einen safrangelben Ring. Sie sahen so allwissend aus – als wüssten sie mehr sogar als der gefälschte Christus auf der Ikone.
„Ja, weil der Karli jeden Tag zur Flora ans Grab ist. Darum sagt der ältere Vogel dauernd ‚Jetzt geh ich dann rauf zum Friedhof.’ Und das mit der Stimme vom Karli! Stellen Sie sich das mal vor, das müsste die Ida sich dann jeden Tag anhören! Sagen Sie – wollen Sie nicht vielleicht einen nehmen? Oder alle zwei?“
Eva sah die Aras an. Ein Rilke-Gedicht kam ihr ins Gedächtnis. „Höhnische Vögel... Warten auf Zeugen...“
Der eine der beiden Vögel begann zu kreischen. „Kruzibusen!“ „... in Keller... ein Bier!“
Plötzlich war ihr, als hätten sie alle unrecht, der einsame Christus, die abschätzig blickenden Kunstfiguren. Als bräuchte sie nichts weiter als einen oder zwei solcher Zeugen um sich. Laute, lebendige, die sie mit Spiegeleiern füttern würde, mit Mandelkernen.
Der Vogel auf der Schaukel klaubte sich ein Salatblatt aus dem Trog, riss es in zwei Fetzen und spie die eine Hälfte aus dem Käfig.
Eva fiel ihr Seidenteppich aus Buchara ein, die Nautilusmuschel auf der Anrichte.
„Danke“, sagte sie und tastete mit dem Fuß auf dem Boden „die Rechnung schicke ich Ihnen zu.“ Während sie in ihren Schuh schlüpfte, wunderte sie sich über sich selbst.
Zwei Aras durchfüttern!
Wie war sie denn bloß darauf gekommen!

Letzte Aktualisierung: 27.06.2007 - 07.19 Uhr
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