Ganz schön bissig ...
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August 2007
Schwabbel
von Renate Hupfeld

Als neben ihr ein Auto anhält, geht sie einen Schritt schneller. Da ist jemand. Von hinten wird sie am Arm gepackt. „Finger weg, widerliches Ekel“, zischt sie über die Schulter.
„Erst wenn wir gemütlich im Auto sitzen.“ Diese Stimme lässt ihr Blut erstarren. Sein eiserner Griff. Der Mann drückt sie in das Auto und schon sitzt er neben ihr. Sie zieht am Türhebel. Eingeschlossen. Der Alptraum ist Realität.
Verdammt einsam hier in der Allee, funzliges Licht unter alten Kastanien, hinter den Büschen der Schulhof und gegenüber nichts als Park. Kein guter Ort, um einem gewalttätigen Idioten in die Fänge zu geraten. Warum musste sie ausgerechnet diesen Weg nehmen? Wie konnte sie nur so dumm sein? Als hätte sie nicht ausgiebig genug in menschliche Abgründe geschaut und wüsste nicht um die Gefahren für eine Frau in der Dunkelheit. Doch stärker als der Zorn über den eigenen Leichtsinn und das schwummerige Gefühl im Magen ist der Wille, diesen Verrückten auszutricksen. Am besten so tun, als sei die Szenerie ganz normal, die Genervte spielen.
„Was soll das Ganze?“
„Bleib mal locker. Ich mach doch gar nix, will nur mit dir quatschen.“
„Und da fischen Sie sich nur mal eben irgendeine Frau von der Straße und zerren sie in Ihr Auto?“
„Nicht irgendeine. Wir kennen uns.“
„Diesen Schwachsinn glauben Sie doch selbst nicht.“
„Ist ein paar Jahre her. Ich sag nur: Basti. Da muss es doch bei dir klingeln.“
„Nichts klingelt. Lassen Sie mich raus.“
„Seit wann bist du denn so ungeduldig, Kirsten?“
Woher weiß der ihren Namen? Kennt sie ihn etwa doch? Dieser hämische Ton und der hinterhältige Blick? Das alles kommt ihr bekannt vor, ihr fällt jedoch keine Person dazu ein. Andererseits hat sie oft genug mit Tätern gearbeitet. Vielleicht kein Zufall, dass gerade ihr das passiert? Wo zum Teufel hat sie mit ihm zu tun gehabt? Sie fixiert ihn von der Seite. Nein, der Mann ist ihr unbekannt.
„Zu Basti fällt dir nichts ein? Dann vielleicht zu Schwabbel?“
Nie gehört, doch Schwabbel passt zu ihm.
„Wenn bei dir immer noch nicht der Groschen fällt, muss ich dir auf die Sprünge helfen.“
Er nestelt an seiner Hose und fährt mit der Hand in den Hosenschlitz.
„Also, es war einmal ein Junge. Der machte es jeden Tag…hier, willsten sehn, den Kleinen?“
„Ich kann mir das schon vorstellen“, sagt sie mit gespielter Gelassenheit.
„Also der Junge machte es jeden Tag mit seiner Schwester. Und jetzt kommt’s: In allen Einzelheiten musste ich dir das erzählen. Das Wort mit f durfte ich dabei nicht benutzen. Immer wieder musste ich dir erzählen, wie ich es mit meiner Schwester machte, wie sie sich wehrte und wie ein Schweinchen quiekte und wie meine Mutter nebenan auf dem Sofa vor dem Fernseher lag und glaubte, wir hätten einen Streit unter Kindern. Immer wieder wolltest du es hören. Deine blauen Augen leuchteten. Du konntest gar nicht genug kriegen. Immer wieder…“
Da sieht sie ihn, diesen linkischen Jungen. Schwabbelig und unsympathisch. Ein Kotzbrocken war er damals schon. Keine Spur von Reue, nicht einmal Einsicht. Und seine jüngere Schwester, verängstigt in der Sofaecke. Daneben die fette Mutter, die nichts mitbekommen hatte, auch nicht, wenn ihre Freier sich über die Kinder hermachten.
„Ja, ich erinnere mich“, unterbricht sie ihn. „Du kamst zu uns, weil deine kleine Schwester ihrem Lehrer erzählt hatte…“
„Ein Arschloch war das,“ brüllt er so laut, dass sie zusammenfährt. Mit den Händen hämmert er auf das Lenkrad, als er weiter spricht. „Der hatte es immer nur auf mich abgesehen, weil er ein schwarzes Schaf brauchte. Wenn der mir über den Weg läuft. Der kann was erleben. Dieser Spinner hat mir doch die ganze Scheiße eingebrockt.“
Ball flach halten, ermahnt sie sich selbst, keinen Ausraster provozieren.
„Schon nach ein paar Wochen wurdest du entlassen.“
„Rausgeschmissen habt ihr mich. Ein großer Fehler war das. Danach kam nämlich erst Recht die Hölle, der Knast, wenn du verstehst, was das bedeutet. Aber ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, was da los ist.“
„Wahrscheinlich nicht. Wie lange warst du im Jugendstrafvollzug?“
„Gott sei Dank nicht sehr lange. Wegen guter Führung kam ich nach einem halben Jahr raus, in eine betreute Wohngruppe, musste dann in der Stadtgärtnerei arbeiten.“
„Und das ging gut?“
„Mein Ding. Die Arbeit draußen in den Grünanlagen war genau das Richtige für mich. Den Job mache ich immer noch und komme damit gut über die Runden.“
Sie spürt, wie der Druck in der Magengegend ganz langsam nachlässt. Aber ihre Hände sind noch eiskalt. Sie legt die Finger ineinander und bewegt sie in den Handflächen.
„Respekt. Du kannst dir sogar ein Auto leisten.“
„Und eine kleine Wohnung. Ich wohne nur ein paar Straßen entfernt vom Havanna. Das sagt dir doch was.“
„Das Bistro? Ja, ja.“
„Heute Abend warst du ja mal wieder dort.“
Aha, daher weht der Wind. Wer weiß, wie oft der sie schon heimlich beobachtet hat.
„Ich saß an der Bar, ganz in deiner Nähe“, fährt er fort. „Unter dem großen Bild in der Ecke. Hemingway auf Kuba, steht darunter. Du hast vor deinem Cocktail gesessen, allein, und schautest immer wieder zu diesem Mann mit dem Riesenfisch. An mir vorbei. Der Alte muss es dir wohl angetan haben. Mich hast du gar nicht gesehen.“
„Warum hast du mich nicht angesprochen?“
„Hab mich nicht getraut. Konnte ich denn wissen, dass das inzwischen so einfach ist mit dir?“
Sie zieht die Augenbrauen hoch, tut so, als sei sie erstaunt. „Meinst du nicht, dass auch Therapeuten sich ändern?“
„Stimmt eigentlich. Du bist gar nicht mehr so. Damals warst du echt krass drauf. Wie du dich immer aufgespielt hast! Voll die Harte. Aber vergessen wir das. Arbeitest du eigentlich noch in der Klapse?“
„Nein, nein. Schon lange nicht mehr.“
„Hast keinen Bock mehr gehabt auf die Scheiße, was?“
„Unsinn. Es waren andere Gründe.“
„Recht hast du“, sagt er. „Viel zu stressig mit all den Verbrechern.“
Nach einer Weile des Schweigens klopft sie ihm leicht auf den Arm.
„Und du? Ein bisschen hast du dich auch verändert.“
„Was meinst du mit ein bisschen?“
„Du redest mit mir, willst mit mir reden, wie ein Mann eben.“
„Siehst du? Hättet ihr mir gar nicht zugetraut, was?“
Gut gelaufen bisher, denkt sie, aber wie den Bogen kriegen? Es ist wie der Gang über ein Minenfeld. Sie muss es wagen. Einfach das heikle Thema ansprechen. Allen Mut nimmt sie zusammen.
„Stimmt wohl. Nur eins hast du immer noch nicht gelernt.“ Ihre eigene Stimme kommt ihr so fremd vor.
„Pass gut auf, was du sagst, Kirsten“, droht er.
„Also, ich denke mir, du hättest hin und wieder gern jemanden an deiner Seite.“
Er nickt.
„Jemanden, mit dem du reden könntest, eine Frau zum Beispiel.“
„Wer will das nicht?“ sagt er mit traurigem Ton in der Stimme. „Manchmal träume ich sogar von einer richtigen Familie mit Kindern, nicht so kaputt wie unsere damals.“
In sich zusammengesunken sitzt er da wie ein Häufchen Elend.
Plötzlich schimpft er los. „Mit der ganzen Sippe will ich nix mehr zu tun haben. Am Arsch vorbei geht mir das alles. Alles, verstehst du?“
Ihr Herz klopft noch bis zum Hals, so sehr hat sie sich erschreckt. Sie wartet eine Weile, bevor sie ruhig antworten kann.
„Verstehe ich gut. Umso wichtiger ist für dich ein Freund oder eine Freundin. Eine vernünftige Beziehung, das wäre doch was.“
„Das hast du gut gesagt, Kirsten.“
Seine Worte klingen friedlich, doch jeden Moment kann eine Granate hoch gehen.
„Und weißt du“, sagt sie, die Worte vorsichtig abwägend, „wenn man ernsthaft mit jemandem ins Gespräch kommen will, einer Frau zum Beispiel, dann schafft man es auch. Die Frage ist nur: Wie nimmt man am besten Kontakt auf?“
„Was meinst du?“
„Also dieses Gezerre vorhin auf der Straße…“
Wie ein Pfeil trifft sie sein böser Blick.
„Was hast du da gesagt?“
„Nur ein Beispiel, Basti, Ich meine, das kann man anders machen.“
„Du willst Streit, gib’s zu.“
„Wo denkst du hin?“
„Ich kapier nix mehr. Erklär mir das.“
„Kein Problem. Die meisten Frauen suchen die Nähe eines Mannes. So emanzipiert, wie sie immer tun, sind sie nämlich gar nicht. Doch eine Frau will nicht bedrängt und schon gar nicht zu etwas gezwungen werden.“
„Gezwungen? Habe ich etwa jemanden gezwungen?“ Puterrot wird er im Gesicht.
„Habe ich das gesagt?“ Sie antwortet in ruhigem Ton. „Allgemein ist es so, dass Frauen mehr Zeit brauchen. Aber daran arbeiten wir noch.“
„Das hört sich so an, als wolltest du mir das beibringen, ich meine, wie man eine Frau kennen lernt.“ Dabei beugt er sich zu ihr hinüber, nimmt ihre Hand und beginnt sie zu streicheln. Sie wehrt sich nicht.
„Gerne, wenn du mir das zutraust. Doch nicht mehr heute. Ich bin zu müde. Früh aufgestanden, viel gearbeitet, kannst du dir ja denken.“
„Kann ich, muss auch früh raus. Ist ja auch spät geworden.“
„Beim nächsten Mal dann“, schlägt sie vor. „Was hältst du von morgen Abend im Havanna?“
„Einverstanden. Ich warte ab acht Uhr unter dem großen Bild. Aber nicht wieder an mir vorbeigucken“, witzelt er.
„Wo denkst du hin? Kannst du mich dann jetzt rauslassen?“
„Klar doch.“
Er zieht den Autoschlüssel aus der Jackentasche und drückt die Fernbedienung. Endlich. Sie öffnet die Beifahrertür und schiebt das rechte Bein heraus. Doch was ist mit ihren Knien los? Weich wie Pudding. Was wird er tun, wenn er sie im Schatten der Bäume die Straße lang torkeln sieht? Wird er nicht plötzlich auf die Idee kommen, sie noch einmal einzufangen? Wie die Katze, die die Maus freilässt, um sie ein weiteres Mal zu erbeuten? Nein, ein gut beleuchteter Ort ist zum Aussteigen besser geeignet ist als der hier. Sie schaut zu ihm hinüber, sieht ihm zu, wie er den Motor startet.
„Was ist? Zu dunkel? Soll ich dich nach Hause fahren?“, fragt er.
„Gute Idee, Basti.“ Sie legt den Gurt an.
„Wohin?“
„Geradeaus, an der Kreuzung nach rechts, dann sag ich dir weiter.“

Kirsten stolpert die Treppe hoch, schließt mit zitternden Fingern die Wohnungstür auf und verriegelt von innen. Im Flur bleibt sie erst einmal stehen und atmet ein paar Mal tief ein. Dann zieht sie alle Vorhänge zu und ruft die Polizei an.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2007 - 19.28 Uhr
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