Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2007
Die Freundin
von Susanne Ruitenberg

„Kommst du bald? Du bist seit einer Stunde im Bad!“
Antonia warf einen Blick in den Spiegel. Bernd stand im Türrahmen. Wenn er einen Zeiger auf der Stirn gehabt hätte, würde der jetzt im tiefroten Bereich stehen.
Auf ‚unmittelbare Explosionsgefahr’.
Sie stellte das Haarspray weg. „Fertig.“
„Dann los.“

Bernd knallte die Autotür zu und brauste aus der Einfahrt. Antonia krallte sich am Sitz fest. An der nächsten Straßenecke machte er eine Vollbremsung. „Hast du Tommys Geschenk?“
„Nein, ich dachte, du hättest es ins Auto gelegt.“
„Dein Kopf ist nur zum Haare kämmen gut.“ Er wendete, parkte quer vor dem Tor, und hechtete ins Haus.
„Hier, halt das.“ Bern warf ihr das bunt verpackte Päckchen in den Schoß und stieg wieder ein. „Zweiter Versuch. Vielleicht schaffen wir es ausnahmsweise, nicht die letzten zu sein. Kommt Evchen auch?“
„Soweit ich weiß, ja.“
„Es bleibt einem auch gar nichts erspart.“
„Ich weiß nicht, was du gegen sie hast.“
„Alles. Sie taucht andauernd bei uns auf oder hängt stundenlang am Telefon mit dir.“
„Sie ist meine beste Freundin.“
„Beste Freundin! Sie ist die personifizierte Klette. Wenn sie nicht gerade Löcher in die Luft starrt, als würde sie ins Nachbaruniversum schauen. Wo ihr Verstand offenbar den Hauptwohnsitz hat.“
„Sie ist ein herzensguter Mensch. Außerdem macht sie gerade eine depressive Phase durch.“
„Aha, deshalb hast du sie vorgestern also zum essen eingeladen, als sie hier aufkreuzte. Danke auch. Ich fand es toll, die zwei teuren Rumpsteaks durch drei zu teilen. Eine geschlagene Stunde habe ich mir für die Dinger bei Feinkost Huber die Beine in den Bauch gestanden."
„Es ist doch nur, weil Hugo sie verlassen hat.“
„Für so klug hätte ich ihn gar nicht gehalten.“
„Hör endlich auf mit deinen Gemeinheiten!“ Sie sah aus dem Fenster, damit er ihre Tränen nicht sehen könnte. Was war los mit ihnen? Seit Wochen stritten sie nur noch. Heute Morgen hatte sie eine halbe Stunde mit dem Koffer in der Hand vor dem Kleiderschrank gestanden, um ihn schließlich mit schleppenden Schritten wieder auf den Dachboden zu tragen.
Antonia musste aufstoßen. Mist, schon wieder dieser saure Geschmack. Sie fischte einen Kaugummi aus der Tasche.
Bernd bog in die Alleestraße ein. Girlanden, Lichterketten und eine riesige Dreißig schmückten das Eckhaus. „Verdammt. Wenn Madame nicht so lange gebraucht hätte, könnten wir hier parken. Jetzt ist alles voll.“ Er raste um die nächste Ecke und machte zwei Zentimeter vor einem entgegenkommenden Polo eine Vollbremsung.
„Den hättest du beinahe erwischt. Ich steige aus.“
„Ja, mach dich weg. Wahrscheinlich darf ich bis zur Turnhalle zurück eiern.“
Antonia schlüpfte aus dem Auto. Von ihr aus konnte er gleich nach Hause fahren. Auf sein missmutiges Gesicht verzichtete sie gern.
Tommy öffnete. „Bist du allein?“ Er sah besorgt aus. Hatte es sich schon bei allen herum gesprochen, dass sie und Bernd seit Wochen den Rosenkrieg aufführten?
„Nein, da war kein Parkplatz mehr.“
„Komm herein. Ich lasse die Tür angelehnt.“
Sie gingen durch das Wohnzimmer in den Garten. Evchen löste sich aus einer Gruppe und stakste in einer beinahe sichtbaren Wolke Proseccodunst auf Antonia zu. „Hallo Tonia! Wo hast du Mr. Motzkopp gelassen?“
Antonia grinste. „Parkplatzsuche.“

Als Bernd erschien, saßen beide kichernd auf der Hollywoodschaukel. Er warf ihnen einen finsteren Blick zu und wechselte demonstrativ die Richtung.
„Oh, schon wieder dicke Luft?“
„Ach, es ist wie verhext. Was wir uns gegenseitig an den Kopf werfen in letzter Zeit ...“
„Männer. Alle sind sie gemein.“ Evchen drehte ihr Proseccoglas hin und her.
„Deshalb müssen wir Frauen zusammen halten.“ Antonia kippte ihr eigenes Glas in einem Zug hinunter. „Lass uns zum Buffet gehen.“
Mit vollen Tellern schlängelten sie sich durch die Grüppchen hindurch. „Da ist ein Tisch.“ Antonia stellte ihren Teller ab.
Evchen schaufelte sich Kartoffel-Lachs Gratin hinein. Antonia schob ihren Salat zu farbigen Mustern auf dem Teller.
„Tonilein, was ist mit dir? Keinen Appetit?“
„Ich weiß nicht, unsere ewige Streiterei schlägt mir auf den Magen.“ Antonia presste eine Hand auf ihren Bauch.
„Immer noch? Warst du endlich beim Arzt?“
„Montag habe ich einen Termin. Und du? Mal wieder was von Hugo gehört?“
„Der hat endlich seine restlichen Sachen abgeholt. Mistkerl.“ Sie starrte plötzlich einen Punkt über Antonias Schulter an. Antonia blickte sich kurz um. Was sah Evchen dort? Nach einigen Minuten nahm Evchen den Faden der Unterhaltung wieder auf, als sei er nicht unterbrochen gewesen. „Er ist schon bei seiner Neuen eingezogen. Ob ich ihr eine Beileidskarte schicken soll?“ Sie prusteten los.

Dienstagmorgen stand Evchen freudestrahlend vor Antonias Firma, als diese gerade das Gebäude betreten wollte.
„Was machst du denn hier? Ist was passiert?“ Evchens Augen glitzerten wie mit Glanzlack überzogen. So überdreht hatte sie noch nie ausgesehen. Antonia zwang sich, tief durchzuatmen. Woher kam diese Angst?
„Ich hab’s endlich gefunden.“ Evchen glich einem Forscher, der den Goldschatz in der Pyramide entdeckt hat.
„Was?“
„Ein angemessenes Dankeschön. Immer warst du für mich da, wenn mir mal wieder ein Typ durchgebrannt ist. Jetzt habe ich etwas für dich getan.“
„Das ist toll. Sagst du mir auch, was?“ Antonia merkte, dass sie mit Evchen sprach wie mit einem Kindergartenkind.
„Natürlich. Gehen wir ins Café da drüben? Oder hast du’s eilig?“
„Kein Problem, ich bin früh dran.“

Antonia rührte ihren Milchschaum um. „Nun sag’s endlich, was hast du getan?“
„Na, wegen Bernd. Eure ewige Streiterei. Ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie gemein er zu dir ist und habe etwas dagegen unternommen.“
Antonias Hand blieb mit der Tasse in der Luft hängen. „Was unternommen? Hast du mit ihm gesprochen?“
Evchen schüttelte den Kopf. Dieses merkwürdige Lächeln. Antonia spürte Eiskristalle auf der Haut. Draußen fuhren mehrere Feuerwehrfahrzeuge mit gellenden Sirenen vorbei. Evchens Blick glitt ins Leere. Als sie zurückkam, versuchte Antonia das Thema zu wechseln: „Ich muss dir auch was erzählen. Wir haben uns gestern Abend versöhnt. Stell dir vor, ich bin schwanger! Deshalb war ich immer müde und gereizt. Als ich es Bernd erzählt habe, hat er geheult, sich vor mir auf die Knie geworfen und mich angefleht, ihm seine schlechte Laune zu verzeihen. Er will einen neuen Anfang machen. Wir lieben uns, haben uns immer geliebt, trotz der Streitereien. Er wird versuchen, den Büroärger im Fitnessstudio loszuwerden statt bei mir. Was ist? Freust du dich gar nicht für uns?“
Der Glanz aus Evchens dunklen Augen verschwand, sie verdunkelten sich und wirkten wie Kohlen im Schnee. Sie sprang auf und rannte ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus.

Antonia zahlte und trat auf die Straße. Evchen war nicht mehr zu sehen.
Mit einem Schulterzucken betrat Antonia ihr Bürohaus. Sie hatte sich kaum gesetzt, als das Telefon läutete.
„Harper Investments, mein Name ist Schrader, guten Morgen.“
„Peter Berger hier.“ Bernds Chef? Was wollte der von ihr?
„Guten Morgen, Herr Berger. Was kann ich für Sie tun?“
„Frau Schrader. Es ist furchtbar. Ihr Mann!“
Antonias Luftröhre schrumpfte auf den Durchmesser einer Einwegspritze zusammen.
„Was ist mit ihm?“
„Frau Schrader, es tut mir so leid. Es ist etwas Schreckliches passiert. Ihr Mann ist tot.“
Sie krallte sich am Telefonhörer dermaßen fest, dass er knackte.
„Tot? Wie ... was?“
„Der Expressumschlag war ‚persönlich vertraulich’ adressiert, Theo von der Poststelle hat ihn sofort hinauf gebracht. Ihr Mann hat ihn in seinem Büro geöffnet. Die Detonation hat den ganzen Raum in Einzelteile zerlegt.“
„Detonation?“ Ihr Verstand weigerte sich, das Wort zu erkennen.
„Frau Schrader, ihr Mann hat eine Briefbombe bekommen. Theo sagt, der Umschlag war mit Blumen dekoriert.
Als Absender stand nur: ‚Eine Freundin’“

Letzte Aktualisierung: 27.08.2007 - 19.41 Uhr
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