Ganz schön bissig ...
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August 2007
Druckerzeugnisse
von Regina Lindemann

Einer der liebsten Aussprüche meines bescheuerten Bruders war: „Die Feder ist mächtiger als das Schwert!“ Dagegen ist im Grundsatz nichts einzuwenden, es war sein Ton, der mich jedes Mal auf die Palme trieb. Er sagte das immer, wenn ich mit irgendwas Schwerem auf ihn losging und er sprach den Satz aus, als würde er als einziger Vertreter der Intelligenz vor einer Horde Schimpansen ein Referat über den Sinn des Lebens halten. So was kann ich gar nicht ab, nee, echt nicht. Er hatte ja auch leicht reden, der Herr Überflieger - Abitur mit 18, Studium in Rekordzeit und jetzt seit drei Jahren Chefredakteur bei der örtlichen Zeitung, ein Vorzeigesohn eben.

Ich bin nicht so gut geraten, das gebe ich zu. Ich weiß auch nicht, aber das Glück in unserer Familie scheint sich bei ihm so verausgabt zu haben, dass für mich nichts mehr übrig blieb. Schon meine Grundschullehrerin hat mich gehasst, ganz ehrlich. Und später wurde es dann nichts mit der Lehrstelle, an Abitur dachte bei mir eh schon keiner mehr seit ich zehn war. Da hab’ ich dann so rumgehangen, bei uns am Bahnhof. Zu Hause durfte ich nicht rumhängen, da hieß es immer gleich: „Mach dies, mach das, wieso kannst du nicht wie dein Bruder sein?“ Nee, lass’ mal, da hatte ich echt keinen Bock mehr drauf. War viel besser am Bahnhof, war auch mehr los in der Gegend. Da hab’ ich dann Freddy kennen gelernt, ich muss so 17 gewesen sein.

Wir beide sind dann zusammen irgendwann einfach los, quer durch Europa. Getrampt und manchmal mit’m Zug. Bei ihm hab’ ich dann gelernt, wie man auch ohne Geld weiterkommt, beziehungsweise, wie man an welches rankommt. Freddy hat mir alles beigebracht. Die Leute glauben dir jeden Scheiß, wenn du ihnen bloß ein bedrucktes Stück Papier vor die Nase hältst. Am besten geht das mit den Touris, bei denen hat Freddy immer mich vorgeschickt. Er sagte, ich könnte so herrlich spießig-ehrlich aussehen. Wir haben denen irgendwas ganz Exklusives angeboten, Uhren, Autos, einmal sogar ein Haus. Ich erzählte irgendwelche Geschichten, warum ich jetzt ganz dringend und sofort Bargeld brauchte. Sie haben mir die Vorschüsse in bar fast aufgedrängt und dafür einen Wisch in der Landessprache gekriegt. Es musste bloß irgendwie offiziell aussehen und sie durften kein Wort von dem verstehen, was draufstand.
Einmal gab’s tausend Euro für einen Porsche, der da auf dem Parkplatz rumstand. Als Quittung haben wir dem Typ einen Strafzettel angedreht. Hatte Freddy vorher von irgendeiner Windschutzscheibe abgepflückt. Und der hat’s echt gekauft, hat uns die ganze gelogene Geschichte abgekauft. Ich hatte so einen Schiss, dass der Besitzer zwischendurch einfach kommt und wegfährt, aber Freddy ist ganz cool geblieben und alles ist gut gegangen.

Mist war bloß, dass Freddy immer alles überall sofort in Drogen umgesetzt hat. Deswegen ist er jetzt auch tot. Irgendein Dreckskerl hat ihm schlechten Stoff für gutes Geld angedreht und der Döspaddel hat sich die ganze Dröhnung sofort ins Blut gejagt. Ich hab’ ihn am Strand begraben, er hätte nicht gewollt, dass ich wegen seiner Leiche Schwierigkeiten krieg.

Danach war es nicht mehr das Gleiche, so ganz allein. Ich hab’ immer an meine Familie denken müssen, dass sie vielleicht glauben, ich wär’ auch schon tot. Irgendwann bin ich dann zurück in unser Kaff. Mann, es kam mir noch enger und kleiner vor als vorher schon. Bei meinen Eltern leben ging gar nicht. Ich hab’s wirklich versucht, hab mein Bestes gegeben, aber es war einfach nix. Nach zwei Tagen heulen und schluchzen um die verlorene Tochter ging es gleich wieder los: „Mach dies, mach das, fang was an mit deinem Leben!“ Zum Bahnhof konnte ich nicht mehr, da erinnerte mich alles bloß an Freddy. Ich dachte, bei meinem Bruder wäre es besser. Thorsten hat sogar ja gesagt, vielleicht ein Anfall von brüderlichter Zuneigung. Bei ihm war es auch besser, schon deswegen, weil er selten zu Hause war.

Nach ein paar Wochen verlangte er, dass ich mich an den Unkosten beteilige. Er hat dabei sein Klugscheißergesicht aufgesetzt und gesagt, dass es ja auch zu meinem Besten wäre. Ich müsste „aktiv am Erwerbsleben teilnehmen“. Bloß hat er mir nicht verraten, wie ich das anstellen sollte. Den Job als Packerin in der Fabrik war ich wieder los, als so ein Drecksack von Leiter mir unter den Rock gegriffen hat. Ich meine, man kann sich ja als Frau nicht alles gefallen lassen. Ich fand’s jedenfalls nicht gewalttätig, ihm das Auge blau zu hauen. Soll er doch gucken, wie er das seiner Alten zu Hause erklärt.

Im Café durfte ich nicht bleiben, weil die Omis sich angepampelt fühlten. Fünf Stunden dahocken, einen Koffeinfreien bestellen und mich dann 20 Mal um kostenloses Wasser rennen lassen, alles ohne Trinkgeld. Einmal, ein einziges Mal hab ich dazu was gesagt und schon standen sie am Tresen und jammerten: „Das Fräulein ist immer so unfreundlich!“.

Tja, als ich dann so ganz ohne Lohn und Brot dastand, hab’ ich mich an das erinnert, was Freddy mir beigebracht hat: das über die Glaubwürdigkeit von Gedrucktem. Mein Bruder hat immer einen Karton von dem Briefpapier seiner Zeitung zu Hause. Der Streber arbeitet nämlich manchmal auch nach Feierabend. Arbeitete, sollte ich wohl besser sagen. Ich hab’ ein Konto eingerichtet und Rechnungen geschrieben. Meistens an große Firmen oder Behörden, sie mussten nur weit genug weg sein. Als Rechnungsgrund hab’ ich einfach „Artikel in unserer Zeitung“ reingesetzt und meine Bank und Kontonummer schön deutlich, mit Absatz und Fettdruck, in den Text geschrieben. Irgendeinen Krakel drunter und abgeschickt. Hat funktioniert. Der Rubel rollte nur so auf mein Konto. Thorsten hat geglaubt, ich arbeite wieder in der Fabrik. Er war ja eh nie da.

Er hat auch nie was gemerkt. Bis heute Nachmittag. Da kam er viel zu früh nach Hause und sah aus wie ausgespuckt. Er stand im Türrahmen und hat mich lange bloß angesehen. Ich wurde schon ganz zappelig, weil ich nicht wusste, warum er so geisterbleich aussieht und mich so anstarrt. Irgendwann hat er dann gefragt: „Du bist zu Hause? Nicht arbeiten?“ Ich hab’ was von Urlaub geschwafelt und mich gefragt, ob ihm jemand was davon erzählt hat, dass ich eigentlich immer zu Hause bin. Ganz plötzlich hat er dann losgebrüllt: „Lüg’ mich nicht an!“ Er hatte es herausgefunden, das mit den Rechnungen. Irgendeiner unterbelasteten Sekretärin war wohl eingefallen, den bezahlten Artikel in der Zeitung auch haben zu wollen. Thorsten war mit dem Brief zur Bank gegangen und sie haben ihm als langjährigem ehrbaren Kunden sofort gesagt, auf wen das Konto lief. Das war von Anfang an ein Schwachpunkt in dem ganzen Plan gewesen, aber ohne Ausweis kriegst du hier kein Konto und ich konnte mir ja schlecht Bargeld schicken lassen. Da wären sie dann wohl doch misstrauisch geworden. So sauer habe ich Thorsten überhaupt noch nie erlebt. Mein sonst so sauberer Bruder ist total ausgerastet. Er schrie mich an, das würde alles auf ihn zurückfallen. Nicht nur der Geldbetrug, viel schlimmer wäre der Skandal, wenn so eine Rechnung mal irgendwo auftauchen würde. Sie wären eine unabhängige Zeitung, die sich von niemandem für Artikel bezahlen ließe. Das gab mir dann doch zu denken, dieses Problem war mir völlig entgangen. Naja, betraf mich ja auch nicht direkt.

Trotzdem hatte er kein Recht, so auf mich loszugehen. Mir tut jetzt noch alles weh. Irgendwann bin ich dann gegen sein Bücherregal gefallen. Das Ding stand als Raumteiler zwischen Wohn- und Bürobereich, weil im eigentlichen Arbeitszimmer wohne ja ich. Das sauschwere Teil fing an zu kippeln und ich konnte gerade eben noch aus dem Gefahrenbereich hechten. Thorsten war für’s wahre Leben noch nie so recht gemacht gewesen, konnte nicht mal einen Nagel gerade in die Wand bringen. Er blieb so lange vor dem kippenden Möbel stehen, bis er drunterlag. Ich hab’ die Bücher von ihm runtergeräumt, von seinem Gesicht wenigstens. Er war tot. Ich weiß doch, wie ein Toter aussieht. Da hatte er jetzt seine Macht der Feder – die pure Menge an gedruckten Wörtern hatte ihn einfach erschlagen. Ich bin nicht sicher, ob er den Spruch je so gesehen hat, aber eigentlich müsste er sich doch freuen, an seinem Lebensmotto gestorben zu sein.

Bloß ich bin wieder die Gearschte. Wo soll ich denn jetzt hin? Selbst wenn sie mir abkaufen, dass es ein Unfall war: Meine Geldquelle ist versiegt und Thorsten verdient ja jetzt nix mehr. Das Leben ist einfach nicht gerecht.

Letzte Aktualisierung: 26.08.2007 - 14.17 Uhr
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