Der himmelblaue Schmengeling
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August 2007
Allergie
von Claudia Göpel


Verwundert betrachtete ich die Szenerie von oben. Ein Arzt und eine Krankenschwester rannten im Raum umher. Er telefonierte, gestikulierte mit den Armen, schüttelte mehrmals den Kopf. Sie hielt sich beide Hände vor den Mund, ihre Schultern bebten. Ich vernahm keinen Laut, es war gespenstisch still. Beide liefen um eine menschliche Gestalt herum, die unter einem fleckigen Tuch verborgen war, bückten sich, traten zurück. Der Körper war seltsam verbogen, schien zu zerfließen. Ich erkannte ihn als meinen. Die Krankenschwester wandte sich ab, rollte die Augen nach oben, Ekel und Angst im Blick. Der Arzt griff mit spitzen Fingern das Laken und bedeckte mein Gesicht.

Es begann mit einem centgroßen, milchigweißem Fleck in der Kniebeuge. Er juckte wie ein lästiger Mückenstich. Ich kratzte und betrachtete angewidert die unter meinen Fingernägeln klebenden Hautfetzen. Am nächsten Tag hatte das Ekzem bereits die Größe einer Untertasse. Als Beine, Hintern und Oberkörper aussahen wie die Oberfläche eines Perlpilzes, ging ich zum Arzt.
„Scheint eine Allergie zu sein, irgendein Parasit oder eine seltene Hauterkrankung“, meinte er, rümpfte die Nase und schälte mit einem spachtelähnlichen Instrument eine handtellergroße Schuppe von meinem Rücken.
Das Gewebe darunter pulsierte, ich spürte feine Nadelstiche und schließlich einen Dolchstoß in der Nierengegend. Ich griff nach der schmerzenden Stelle, versuchte den Druck wegzumassieren. Ein Kribbeln übertrug sich auf meine Handfläche, die Fingerspitzen schienen im Rücken zu versinken. Dieses Gefühl war erschreckend. Mit einem Schmatzgeräusch löste sich die Hand. Hilfe suchend blickte ich den Arzt an.
„Das Zeug kriecht in mich hinein“, rief ich entsetzt.
„Bleiben Sie wo Sie sind, ich bringe die Probe sofort ins Labor.“
Der Arzt warf ein weißes Tuch über meinen nackten Körper. Sein unsteter Blick wirkte für einen Moment erleichtert, als ich so verhüllt vor ihm stand, dann eilte er mit einer überdimensionalen Petrischale aus dem Zimmer, ließ mich wartend zurück.
Ein brennender Schmerz durchzuckte meinen Körper, als sich der Organismus, oder was auch immer das war, in meine Eingeweide bohrte. Ich sank auf die Knie.
„Hilfe“, wimmerte ich, meine Zunge schmeckte wie ein alter Putzlappen.
Die aufgeweichte Haut meiner Beine verschmolz mit dem Linoleum. Das Laken klebte am Rücken. Meine Arme knickten ein, ich fiel mit dem Gesicht nach vorn, lag in Gebetsposition, die linke Wange saugte sich am Boden fest, und ich fühlte ohnmächtig, wie das Blut lavagleich durch enge Adern kroch. Mein Hals schwoll an, ich rang nach Luft - vergeblich. Ein trockenes Brötchen füllte die Mundhöhle aus. Vor meinen Augen tanzten rote Sterne.
Die Tür wurde aufgerissen.
„Um Himmels willen, was ist mit ihm“, rief die Schwester und beugte sich über mich.
„Bleiben Sie weg von mir“, lallte ich mit letzter Kraft, „vielleicht ist das ansteckend.“
Der Arzt starrte abwechselnd auf mich und auf einen Computerausdruck, ungläubiges Staunen im Gesicht, während seine Finger hektisch die Tastatur eines Handys bearbeiteten
„Allergie“, murmelte er durch den Mundschutz, abgehackt, krächzend, „Autoimmuninsuffizienz - der Mann ist allergisch auf sich selbst. Scheiße, was soll ich tun?“
Seine Stimme waberte durch das Rauschen in meinen Ohren. Im Augenwinkel verschwammen die Konturen der Schwester zu einem hellen Lichtfleck.
Das ist ein Witz, dachte ich.

Es war mein letzter Gedanke. Der Herzmuskel machte einen verzweifelten Seufzer. Dann ließ der fehlende Sauerstoff mein Hirn implodieren.

© Claudia Göpel

Letzte Aktualisierung: 28.08.2007 - 20.14 Uhr
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