'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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August 2007
Blut spritzte Gedichte
von Manfred H. Freude

Seine Gedichte ruhten auf dem Tisch. Keiner wollte sie aufnehmen. Als Irgendwer begann zu lachen, ergriff er eines seiner Worte und schob es seinem Nebenmann in die Rippen. Blut spritzte ĂŒber die Tafel. Mit einer Feder schrieb er ein neues Wort. Er nahm es auf und steckte es in seinen Mund. Er grinste und zeigte sein Zahnfleisch ehe er die Schreibfeder in das Auge seines Nachbarn stieß. Dessen Schrei klagte die letzten zweitausend Jahre in den Raum. „Erkennst du den Dichter“ ermittelte er, in den Bereich voller Finsternisse, um dessen Tisch die Teufel saßen. Er öffnete seinen Leib mit einem Riss durch die Haut und seine Worte quollen wie DĂ€monen, wie die Larven der Eintagsfliegen, aus seinem Balg. Er ergriff eine Handvoll Worte und schrie sie laut in den Raum. Der Darm ist draußen außerhalb des Körpers. „Worte, Worte, spielt mit mir, spielt mit mir“ schrie er.
Ein Gedicht ist keine SchlafzimmerlektĂŒre. Es muss gesprochen werden, das ist sein endgĂŒltiges Schicksal. Der Körper ist voller Gedichte vor dem Platzen, wie der rote Fötus, vor dem Platzen der Fruchtblase. Wer immer Gedichte in sich trĂ€gt; lasse sie hinaus, fliehen ins Freie ins Leere. Die Tischnachbarin kotzte Buchstaben des Todes.
Mit meiner Zunge, wie rohes Fleisch, leckte ich die Tischplatte. Die Frau daneben verblutete. Aus ihrem Unterleib flossen die Worte mit Blut und Urin und Kot auf den schmutzigen Boden. Ein JungfrĂ€ulicher stellte erstmalig sein erregiertes Glied auf den Tisch. Einige schrieen ruckzuck, „ zu lang, viel zu lang, das muss kĂŒrzer, viel kĂŒrzer und ohne Substanz, kopflastig, du stehst nicht dahinter, da muss etwas kommen, etwas rausspritzen.“ Stille. Der weibliche Körper einer durchtrainierten Sappho legte zwei Schwergewichtige pralle Manuskripte auf den Tisch. „Dies ist mein Beitrag„ antwortete sie. DrĂŒckte auf die Silikonkissen ihrer Brust und aus der Brustwarze spritzten die köstlichsten Formulierungen in die Fresse ihres GegenĂŒber. Der wischte sich mit beiden HĂ€nden die gereimten, fetthaltigen Worte von seinen Wangen, aus seinen Augen und von den Lippen. Gleichklang der Worte umarmten und kĂŒssten sich. Die Dralle aber packte ihn beim Schopf, stieß ihn mit beiden Fingern in seine Augen und knallte krachend seinen SchĂ€del auf den Tisch, das dieser Hirnkasten in StĂŒcke riss und aus seinem Kopf die Gehirnmasse ĂŒber die Tischplatte schwappte und sich zu Formulierungen zusammenrollte. Er der Dichter fand inzwischen bei seinen GedĂ€rmen seine Nabelschnur und zerbiss sie vor Zeugen, er entband sich von seiner Mutter. „Wo werde ich liegen?“ fragte die Lehrerin spitz und zerfetzte mit einem Griffel ihre GebĂ€rmutter. Die Verblutende erhob sich vom Stuhl, stand auf und kreischte: „Ich bin das Gedicht, ich bin das Schicksal. ĂŒberwindet die Angst, verliert eure Spannung und lasst mich hinein, dies ist mein Blut, das ist der Weg meines Herzens“. Der Körper der Frau entleerte sich wie ein Ballon, flog hoch durch den Raum mit einem Pfeifen, platzte und fiel herab. Eine zum Platzen schwangere Autorin schob ihren Bauch ĂŒber den Tisch, ein nasses StĂŒck Fleisch. Das Kleine darin schob bereits sein hĂ€ssliches Köpfchen auf den Tisch. Es leckte gierig die Worte die den Tisch bedeckten. WĂ€hrend es schluckte rief es „dies sind alles meine VĂ€ter und ehe ich geboren, werde ich einen Bart tragen“. Seine Mutter presste es zurĂŒck in ihren Leib. Der Leib der Blut isst und ausscheidet. Aus LeibeskrĂ€ften schrie die Uhr zur Pause: „Ich liebe Dich“. Die Zeiger zeigten in den Raum auf alle Anwesenden. Ihre Uhren pochten im Takt der Reime. Im VerhĂ€ltnis zwischen Metrum, Rhythmus und Syntax.
Der Ort des Gedichtes ist dieser Raum. Es ist der Schrei, der Ekel. Die Geburt des WortgefĂŒges.
Was ist ein Gedicht fragst du noch?
Frage du: Wo und wann ist ein Gedicht zwischen Bild und Wirklichkeit.
Die bloße weite Öffnung des Mundes lĂ€sst mich ekeln vor diesem Lokus meiner Nicht-IdentitĂ€t als menschliches Subjekt. Relativ ist Nihilismus, das Wissen das wir nicht Wahrheit erkennen und niemals fei sein werden. Im Schrecken der RĂ€ume des Hauses beißt die Mutter uns alle tot. Sie isst alle Innereien und wird wieder schwanger: die Geburt der Dichtung hat begonnen.

Letzte Aktualisierung: 19.08.2007 - 14.05 Uhr
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