Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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August 2007
Zerbrechlich
von Manuela Gantzer

Sarah hielt einen kleinen, blauen Delfin vorsichtig in ihren Händen, drehte ihn in alle Richtungen. Kein Kratzer, kein Eckchen dieser feinen Glasfigur war abgebrochen. Sie liebte und hasste ihn gleichzeitig.
Er war das einzige, was ihr aus ihrem Leben mit Leo geblieben war, aber vermutlich auch das, was ihrem Mann das Leben gekostet hatte. Wie oft hatte sie mit dem Gedanken gespielt, dieses Ding zu zerschlagen, darauf herumzutrampeln. An anderen Tagen streichelte sie es heulend - wie einen Schatz.
Genau ein Jahr war es her. Ein ganzes, langes Jahr seit Leo verunglückt war. Sarah würde es nie verstehen. Wie auch, wenn weder Polizei noch Feuerwehr lückenlos klären konnte, warum das Haus zusammengefallen und abgebrannt war.
Dass es Sabotage gewesen sein musste war klar, aber sie konnten den Täter nie schnappen.
Leo musste irgendetwas bemerkt haben, denn er hatte sich mit einem Sprung durchs Fenster nach draußen retten wollen. Leider zu spät, er wurde von herabfallenden Trümmern erschlagen. Die Feuerwehr traf ein, als das Haus bereits verloren war. Leo konnten sie vor den Flammen retten, allerdings nichts mehr für ihn tun. In seiner Hand fand man den Glasdelfin, der wie durch ein Wunder heil geblieben war. Die Figur, eine Erinnerung an den ersten gemeinsamen Urlaub, bedeutete für Sarah weit mehr und Leo wusste das.
Das vergangene Jahr war an Sarah vorübergezogen. Sie hatte es nicht erlebt, sondern zwei Selbstmordversuche und Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik überlebt.
Die Klingel riss sie aus ihren Gedanken. Bedächtig stellte sie die Figur wieder ab.

Wer nervt nun schon wieder, dachte Sarah, während sie zur Eingangstür schlurfte. Durch den Türspion konnte sie Katja erkennen. Kurz hielt Sarah inne, sollte sie überhaupt öffnen? Doch sie kannte Katja zu gut, die würde nicht aufgeben.
„Hi Sarah! Na, hast du Lust mit mir shoppen zu gehen? Anschließend könnten wir uns noch etwas Leckeres beim Chinesen gönnen." Fröhlich lächelte sie Sarah an.
"Katja, nicht heute. Weißt du nicht, was für ein Tag heute ist?", schnauzte Sarah zurück.
Das Lächeln aus Katjas Gesicht verschwand. Ihre Augen blitzten für eine Sekunde auf, sie verzog den Mund und seufzte.
„Natürlich weiß ich das. Deshalb bin ich hier. Ich möchte dich auf andere Gedanken bringen."
„Vergiss es!", winkte Sarah ab. „Ich will allein sein."
"Komm, lass uns Kaffee trinken. Immer nur allein sein ist nicht gut. Vorher wirst du mich sowieso nicht los." Damit drängte sich Katja an ihr vorbei.
In der Küche machte sich Katja ungefragt daran, einen Kaffee aufzubrühen. Sarah setzte sich kopfschüttelnd, stellte beide Ellenbogen auf den Tisch und strich sich mit den Handflächen mehrmals über das Gesicht. Katja meinte es bestimmt gut, aber mit ihrer tollpatschigen Art machte sie es für Sarah meist schlimmer. Erinnerte sie mit kleinen Bemerkungen ständig an Leo. Aber Katja bemühte sich und Sarah konnte ihr deswegen auch nicht böse sein.
Katja plapperte fröhlich drauf los, erzählte von ihrer Arbeit und dem geplanten Ausflug mit ihrem Freund Bernd. Gerade stand sie noch neben der Kaffeemaschine, im nächsten Moment, als Sarah den Kopf hob, hatte Katja den Glasdelfin in der Hand und fragte, die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen: "Wie lange willst du dieses Ding hier noch stehen lassen? Du quälst dich nur damit."
„Bitte!" Sarahs Stimme überschlug sich. „Stell den Delfin wieder hin!"
„Er gehört endlich weg!"
„Verdammt Katja! Hast du nicht gehört?!"
„Wenn du das nicht schaffst, dann mach ich das für dich." Katja verließ die Küche mit der Glasfigur.
Sarah sprang auf und rannte ihr nach.
„Gib ihn mir! Sofort! Und dann – verschwinde! Ich will dich nicht mehr sehen!" Sarah zitterte am ganzen Körper.
Katja begann zu lachen. Sie konnte sich fast nicht mehr aufrecht halten. Sarahs Blick heftete sich auf den Delfin, verfolgte jede ihrer Bewegungen. Und dann - Katja streckte ihr die Hand mit der Glasfigur entgegen. Ganz langsam drehte sie die Handfläche bis ... die Figur fiel. Sarah hechtete mit ausgestreckten Armen nach vorne – zu spät! Der Glasdelfin zersprang in tausend kleine Splitter.
Laut atmend starrte Sarah auf die Glassplitter und war zu keiner weiteren Regung fähig. Tränen rannen über ihre Wangen.

Irgendwo aus der Ferne vernahm sie ein Klingeln. Dann waren Stimmen zu hören. Fremde Leute redeten auf Sarah ein, versuchten sie von den Glasscherben wegzuziehen. Doch jedes Mal bäumte sie sich auf und schrie, schlug auf jeden ein, der ihr zu nahe kam. Mit aller Gewalt wehrte sich Sarah. Sie würde nie von hier weggehen! Niemals!
Mehrere Hände drückten sie zu Boden, ein Stich im rechten Oberarm und – die Welt verschwamm vor ihren Augen.

Sarah erwachte. Nur mit viel Mühe schaffte sie es, die Augenlider wenige Millimeter zu öffnen. Das Licht trieb ihr Tränen in die Augen und sie konnte nur verschwommene Umrisse wahrnehmen. Sie hob ihre Hand, doch nach wenigen Zentimetern ging es nicht mehr weiter. Erschrocken versuchte sie es mit der anderen, aber irgendetwas hielt sie fest. Sarah zog und zehrte, hatte aber keine Chance die Arme weiter zu bewegen.
Neben sich hörte sie ein leises Kichern. Verwirrt drehte sie den Kopf, öffnete und schloss die Augen mehrmals, konnte schließlich die Konturen einer Gestalt erkennen. Eine Hand mit einem Tuch kam auf sie zu, wischte über ihr Gesicht.
Endlich konnte Sarah klarer sehen, blickte direkt in das Gesicht ihrer Freundin.
Katja! Bilder tauchten in Sarah auf. Die Glasfigur, Katjas Lachen und - der zerstörte Delfin, die vielen Glassplitter!
„Wie ich sehe, erinnerst du dich." Katja lächelte amüsiert.
„D-du Ss-sch-wein!" Das Sprechen kostete Sarah unglaublich viel Kraft. Die Zunge war fast nicht zu bändigen.
„Streng dich nicht zu sehr an. Hör mir lieber zu.", kicherte Katja. Sie war jetzt ganz nahe an Sarahs Ohr. Sarahs Hände zuckten, sie versuchte sich zu befreien. Wie gerne hätte sie Katja ins Gesicht geschlagen, immer und immer wieder, sie gewürgt, getötet.
„Pass gut auf. Ich erzähle dir das nur ein einziges Mal.", flüsterte Katja. „Ich habe alles geplant. Jahrelang musste ich dir und Leo zuschauen, euer Glück ertragen. Es war zum Kotzen! Erinnerst du dich, dass ich euch beim Hausbau oft geholfen habe? Tja, das war nicht ganz uneigennützig. Ich habe viele Fachbücher gelesen, allerdings hätte ich nicht gedacht, dass es ganze zwei Jahre steht. Und nachhelfen musste ich auch noch. Leider ist es schief gelaufen, ich wollte DICH unter Schutt und Asche begraben. Stattdessen erwischte es den armen Leo. Ich kam jedoch rechtzeitig. Er lebte, war unter Trümmern eingeklemmt. Aber er wollte dich nicht verlassen, frag’ mich nicht warum. Er meinte, er würde immer nur dich lieben. – So ein Trottel. Dann bettelte und heulte Leo um sein Leben. Das konnte ich nicht ertragen, also habe ich zugeschlagen. Es fiel mir nicht leicht, aber wenn ich Leo nicht bekommen konnte, hatte es keinen Sinn ihn leben zu lassen. Er hatte seine Chance. Das letzte Jahr war eine Entschädigung. Ich fand es köstlich, dich so leiden zu sehen! Und das mit diesem blöden Glasding – ein krönender Abschluss.“ Katjas Augen funkelten vor Vergnügen, sie strahlte über das ganze Gesicht. „Jetzt, wo alle wissen, dass du völlig verrückt geworden bist, kann ich dich beruhigt einweihen."
Einige Zeit stand sie ganz ruhig vor Sarah, die wie gelähmt in ihrem Bett lag.
„Ich wünsche dir ein wunderschönes Leben – in deinem neuen Zuhause." Lachend drehte sich Katja um und verschwand.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2007 - 19.39 Uhr
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