'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgesp├╝rt.
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August 2007
Der Diamantring
von Daniel Schmidt

"Hast du dir alles gemerkt?"
Laetitia rollte mit den Augen. "Jimmy, du hast mir bestimmt schon hundert Mal erz├Ąhlt, was ich tun muss. Zehn Uhr bin ich da. Wird schon gut gehen. Du bist schlie├člich ein Profi!"
Ja, ein Profi war er. Sie aber nicht. Er zog sich seine schwarzen Lederhandschuhe ├╝ber und verlie├č das Haus. Die T├╝r schloss sich langsam hinter ihm, er sah nicht zur├╝ck. Er startete den Wagen und fuhr los, achtete die ganze Fahrt ├╝ber penibel auf die H├Âchstgeschwindigkeit.
An seiner Brust sp├╝rte er das kleine K├Ąstchen. Den Diamantring, f├╝r den er sechs Jahre im Knast verbracht hatte. Jetzt war Zahltag. Eine Million hatte ihm Bob geboten, ein Bruchteil dessen, was er wirklich wert war, trotzdem ein guter Kurs f├╝r Hehlerware.
Jim parkte den Wagen drei Stra├čen weiter, schlich sich heran und stellte sich zwischen ein paar Str├Ąucher, so dass er den Eingang gut im Blick hatte. Seine Funkuhr zeigte sieben Minuten vor zehn. Warten. Eine Ewigkeit lang. Er dachte an sie. Laetitia! Was f├╝r ein Name. Sie war jung und auf eine Art und Weise sch├Ân, die jeden Mann sofort um den Finger wickelt. Er nannte sie oft Titi, eine Anspielung auf ihre vollen Br├╝ste, und fand die Mehrdeutigkeit sehr originell. Sie l├Ąchelte immer mit einem leicht versch├Ąmten Blick, wenn er sie so rief. S├╝├če Titi, genau sie hatte er gebraucht. Nicht f├╝rs Bett, obwohl sie auch da eine Granate war, sondern f├╝r Bob. F├╝r seinen Plan. Titi war seine Geheimwaffe. Ein Jammer, dass er sie hinterher beseitigen musste.
Endlich bog ihr Wagen um die Ecke. Sie stieg aus und schon ├Âffnete sich die T├╝r.

Bob umarmte seine neue Errungenschaft und zog sie ins Haus, nahm ihr das kleine J├Ąckchen ab.
"Sch├Ân, dass du da bist, Titi!"
Er hatte sich diesen Spitznamen als Anspielung auf ihre vollen Br├╝ste ausgedacht und weil sie so versch├Ąmt l├Ąchelte, wenn er sie so nannte.
"Ich erwarte gleich noch Jim, geh nach nebenan, ist besser, wenn er dich nicht sieht."
Und w├Ąhrend Laetitia ins Nebenzimmer st├Âckelte, klingelte es an der T├╝r.
"Jim, komm rein. Hast du die Ware?"
"Hast du das Geld?"
Bob f├╝hrte ihn ins Arbeitszimmer. Er ├Âffnete den kleinen Aktenkoffer, der auf dem Schreibtisch lag. Jim reichte ihm das K├Ąstchen und beide pr├╝ften kurz die Echtheit der Sachen.
"Willst du nachz├Ąhlen?"
"Nein, wird schon passen."
"Gut."
Jim brachte das Geld zum Auto, verstaute es im Kofferraum.

Unterdessen kam Titi zu Bob und bemerkte den Ring in seiner Hand.
"Wow, was ist das?"
"Ein Diamantring, 19 Karat."
"F├╝r mich?"
"Nein." Bob lachte. "Nein, leider nicht. Ich werde ihn verkaufen f├╝r zwei Millionen!"
"Kann ich ihn mal anstecken?" Ihre Augen leuchten. Bob z├Âgerte. Sie umarmte ihn von hinten, so dass ihre Br├╝ste sich an seinen K├Ârper schmiegten, und hielt ihm die Hand hin.
"Ach bitte. Nur kurz."
"Na gut." Er schob ihr den Ring auf den Finger, bis er richtig sa├č. Das Licht der Deckenlampe brach sich in den Facetten und brachte den Diamanten zum funkeln.
"Er ist wundersch├Ân!"
"Ja, das ist er!" sagte Bob, "Und nun gib ihn wieder her, er muss in den Safe."
Sie versuchte, ihn abzustreifen, doch es gelang nicht. Jim hatte die Gr├Â├če an ihren Finger anpassen lassen. Man bekam ihn mit M├╝he drauf, aber nicht wieder herunter.
"Es geht nicht!"
Bob versuchte es, ebenfalls ohne Erfolg.
"Vielleicht mit Seife?"
Bob rollte mit den Augen. "Das darf doch nicht wahr sein! Also gut, dann eben mit Seife."
Sie gingen ins Bad und seiften den Finger ein.
"Ich muss mal."
"Kneif die Beine zusammen, erst will ich den Ring!"
"Ich kanns nicht zur├╝ckhalten, wenn das Wasser l├Ąuft!"
"Dann pinkle eben, is mir doch egal! Hauptsache, wir bekommen den Ring wieder runter!"
Laetitia drehte sich um und stemmte ihre Arme in die H├╝ften.
"Ich werde jetzt pissen und du wirst mir nicht dabei zusehen, ist das klar?"
Bob, ├╝berw├Ąltigt von ihrem pl├Âtzlichen Ausbruch, verlie├č das Bad, h├Ârte, wie es von innen verschlossen wurde.
Pl├Âtzlich drang L├Ąrm an sein Ohr, Titi schien im Bad alles durcheinander zu werfen. Er sprang auf und pochte gegen die T├╝r.
"Mach die T├╝r auf!" schrie er und h├Ąmmerte weiter bis pl├Âtzlich Ruhe war.
"Titi?" fragte er und lauschte an der T├╝r

Laetitia rannte zusammen mit Jim zum Auto.
"Ging jaÔÇŽ einfacherÔÇŽ als gedacht!" V├Âllig au├čer Atem lie├č sie sich in den Sitz fallen, drehte den Ring vom eingeseiften Finger und legte ihn zur├╝ck in das K├Ąstchen, das Jim ihr entgegen hielt. Er fuhr los und hielt eine halbe Stunde sp├Ąter vor einem kleinen Motel.
"Bis gleich Titi!" Er dr├╝ckte ihr den Zimmerschl├╝ssel in die Hand und gab ihr einen fl├╝chtigen Abschiedskuss.
Und w├Ąhrend sich das Auto mit Jim im Dunkel der Nacht verlor, holte Laetitia ihr Handy aus der Tasche. Beim dritten Klingeln ging er ran.

Jim summte vor sich hin. Es lief alles bestens. Die Kleine hatte es wirklich drauf. Einen Moment lang dachte er daran, seinen Plan zu ├Ąndern, sie am Leben zu lassen. Doch er verwarf die Idee sofort wieder. Er war zu alt f├╝r so was. Er wollte sich zur Ruhe setzen und letztendlich machen Frauen doch nur ├ärger. Beschwingt lie├č er die Stadt hinter sich, bis er an der kleinen Kapelle des Friedhofes angekommen war. Er holte den Koffer aus der Tasche und ging hinein, schob einen Schrank beiseite und hob mit aller Kraft eine lose Bodenplatte an. Er zog das K├Ąstchen mit dem Ring aus der Tasche, holte ihn heraus und hielt ihn gegen das durchs Fenster scheinende Mondlicht. Er stutzte. Der Stein hatte an Leuchtkraft verloren, keinerlei Brillanz. Er betrachtete ihn genauer, kratze damit ├╝ber die Fensterscheibe bevor er ihn voller Wut in eine Ecke feuerte. Dieses kleine Biest hatte ihn betrogen! Nichts Gutes ahnend ├Âffnete er den Koffer. Lauter Zeitungspapier. Er w├╝hlte alles nach drau├čen, kein einziger Geldschein war mehr drin.
Jim rannte zum Auto, schlug mit der Faust aufs Dach und fuhr mit quietschenden Reifen los. Er achtete nicht mehr auf seine Geschwindigkeit, Ampeln oder Vorfahrtschilder. Er wollte Rache. So was macht man nicht ungestraft mit Jim. Erst Recht nicht du, kleine Titi.

"Bob, hier ist deine Titi." Sie fl├╝sterte. "H├Âr bitte einfach nur zu. Jim hat mich entf├╝hrt, ich wei├č nicht, was er vor hatÔÇŽ Ja, der Ring ist noch da, ich bekomme ihn nicht vom FingerÔÇŽ Er hat mich gefesselt und wird bald zur├╝ck sein, komm schnellÔÇŽ Im Motel, Zimmer 31." Sie legte auf und l├Ąchelte in die Nacht. "Machs gut, Jimmy!" sagte sie leise und ging hinein.
Dreimal kurz, zweimal lang, dann ├Âffnete sich die T├╝r. Ihre Freundin Katie hatte den Koffer geleert und das ganze Geld auf dem Bett verstreut.
"Komm rein. Los, leg dich aufs Bett, das ist der Wahnsinn! Eine Million!" Sie warf Geldscheine in die Luft und zog Laetitia aufs Bett.
"Ich hab dir gesagt, bei dem Typ ist was zu holen. Schade, dass ich nicht so aussehe wie du, der war bestimmt im Bett auch nicht schlecht!"
"Wer, Jimmy oder Bob?"
Katie verdrehte die Augen.
"Na Jimmy, der Schwerverbrecher!"
"Ja, er hat sich M├╝he gegeben. Los jetzt, wir haben keine Zeit f├╝r so was, sie m├╝ssen bald hier sein." Laetitia holte den Ring aus ihrer Tasche.
"Schau mal!"
Katies Mund blieb vor Staunen offen stehen.
"Wow, ist der sch├Ân."
"Jimmy hat mal gesagt, mit dem Ring am Finger leuchte ich wie eine Sternschnuppe."
"Du wei├čt, dass Sternschnuppen schnell vergl├╝hen?"
"Ich nicht, ich werde ihn ewig tragen. Pass gut auf ihn auf, bis das hier ├╝berstanden ist!"
Gemeinsam gingen sie in Zimmer Nummer 31, Laetitia steckte sich eine weitere Ringkopie an den Finger und legte ihr Handy neben sich, bevor Katie sie an den Heizk├Ârper fesselte.
"Bob wird zuerst hier sein. Wenn Jim kommtÔÇŽ"
"Ja ich wei├č, du brauchst mir nicht alles dreimal zu erz├Ąhlen, ich bin ja nicht blond!"
F├╝r einen kurzen Moment funkelten sie Laetitias Augen b├Âse an.
"So war das nicht gemeint." entschuldigte sich Katie.
"Schon gut, geh jetzt und pack das Geld und den Ring in den Koffer!"

Bobs Finger verkrampften sich im Lenkrad. Jim, der Drecksack. Gut, er hatte ihm sein M├Ądchen ausgespannt, aber das war ja wohl kein Grund, durchzudrehen. Schon gar nicht jetzt. Haarscharf schrammte er an einem Fahrrad vorbei, dass unvermittelt in der Dunkelheit vor ihm auftauchte. Verflucht!
Bob st├╝rmte in das Zimmer und fand Laetitia gefesselt am Boden liegen. Er schob sie soweit zur Seite, dass er an ihre Hand ran kam und zerrte am Ring. Er schnaufte laut und Laetitia versuchte, ihr Gesicht so weit wie m├Âglich von ihm weg zu bekommen. Der Ring l├Âste sich und mit einem Seufzer der Erleichterung steckte Bob ihn in die Tasche. Dann setzte er sich gegen├╝ber der T├╝r auf einen Stuhl, holte seine Waffe aus der Tasche und schraubte den Schalld├Ąmpfer auf.
Die n├Ąchsten Minuten war es sehr still, bis Jim die T├╝r ├Âffnete und kurz darauf mit einem dumpfen Knall ins Zimmer fiel. Bob lachte auf.
"So du kleiner Hosenschei├čer, du verarschst mich nicht mehr!"
Er wandte sich an Laetitia, die ihn sprachlos anstarrte.
"Leider wirst du jetzt auch gehen m├╝ssen, ich kann keine Zeugen gebrauchen. Schade, h├Ątte was werden k├Ânnen mit uns."

"Waffe fallen lassen!"
Die ins Zimmer st├╝rmenden Polizisten ├╝berw├Ąltigten Bob ohne gro├če Probleme.
"Was ist hier passiert?"
"Er hat Jim get├Âtet!" schluchzte Laetitia und sah Bob hinterher, der gerade in Handschellen nach drau├čen eskortiert wurde.
Der Inspektor durchschnitt ihre Fesseln und dr├╝ckte sie tr├Âstend an sich.
"Es ist alles gut. Ich bin ja da. Wie hei├čen sie?"
"Laetitia."
Er l├Ąchelte. Titi w├Ąre ein guter Spitzname, dachte er bei sich und fand das eine witzige Idee. Er stellte ihr die ├╝blichen Fragen und bat sie, am n├Ąchsten Tag ins Pr├Ąsidium zu kommen.
"Und ich kann Sie wirklich hier allein lassen?"
"Ja, ich nehme mir ein anderes Zimmer, ich brauche jetzt einfach nur Ruhe."
"Okay, dann sehen wir uns morgen."
"Bis morgen, Inspektor."

Sie ging an der Spurensicherung vorbei eine Etage tiefer. Dreimal kurz, zweimal lang. Keine Antwort. Dreimal kurz, zweimal lang. Nichts.
"Katie?" Kein Laut von innen.
Sie drehte den Knauf, die T├╝r war offen. Katie und der Koffer waren weg. Auf dem Bett lag ein einzelner Geldschein, beschrieben mit blauer Schrift: 'F├╝r dich, Sternschnuppe.'

Letzte Aktualisierung: 15.08.2007 - 09.41 Uhr
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