Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2007
Keine Panik!
von Ingrid Gertz

„Frühstück! Ada! Prothon! Wie lange wollt ihr noch bummeln?“
Ruby hatte den Tisch gedeckt und goss Tee ein. Angespannt lauschte sie nach oben, versuchte die morgendliche Geräuschkulisse zu deuten. Ob sich ihre Zwillinge ausnahmsweise doch zu einer schnelleren Gangart entschließen würden? Seufzend nahm sie die lautstark zuklatschende Badtür zur Kenntnis und in Adas Zimmer polterte der obligatorisch einstürzende Bücherturm. Die Tochter hatte sich also schnell noch mit Schullektüre versorgt.
„Wie immer, alles wie immer Ruby, keine Panik!“ murmelte sie vor sich hin. Dieses allmorgendliche Mantra half Ruby aber auch nicht so recht über die innere Nervosität hinweg. Der Minutenzeiger wühlte sich mit geradezu schamloser Geschwindigkeit vorwärts und Punkt sieben würde das Magnetcab, Zubringer für die Tagesschule, an der Gartentür stehen. Genau zwei Minuten lang. Und dann mit oder ohne Passagiere weiterfahren.
„Beeilt euch doch! Bitte! Noch ´ne viertel Stunde und ihr habt noch nichts gegessen!“ Die Zwillinge ließen es aber gemütlich angehen, wie jeden Morgen, kamen ganz einfach nicht in die Puschen. Und Pascal musste natürlich auch noch seinen Senf dazu geben. „Lass sie doch, drängle nicht immer so! Du verbreitest in der Früh´ eine Hektik, glatt zum Weglaufen!“ grummelte er hinter seiner Zeitung. Na, der hatte ja auch gut reden! Verbrachte den Großteil des Tages in seinem „Institute for Bionic“ und sie durfte den Alltagskleckerkram abarbeiten. Einkaufen, Elternabende und so lästige Sachen wie Bürgerversammlungen waren schon immer ihr Metier gewesen. Bisher hatte Ruby damit auch keine Probleme gehabt. Die Bürgerversammlung der letzten Woche lag ihr aber immer noch quer im Magen, versorgte sie mit Angstgefühlen. Gerüchte hatte sie bis dahin gehört, Tuscheleien von Sachen aus anderen Stadtteilen. Nichts Öffentliches. Natürlich ungerecht, natürlich grauslich, diese Geschichten, die von ungezählten Tuschlern sicherlich aufgemotzt, dramaturgisch bearbeitet worden waren. Es hatte immer für den kalten Schauer im Nacken, für eine kurze Empörung gereicht und war dann im Tagesgeschäft untergegangen. Bis es greifbar wurde. Bekannte Gesichter, bekannte Lebensumstände. Bitterer Ernst, keine Tratscherei. Wo hatte sie bis zu dieser Versammlung nur ihre Augen, ihre Ohren gehabt?

„Die Kinder der Familie Schuster sind im letzten Monat insgesamt drei Mal nicht pünktlich am Zubringercab gewesen. Das waren nicht die ersten Vorfälle. Man muss die Frage stellen, ob die Familie in der Lage ist, ihren Kindern die richtigen Wertmaßstäbe beizubringen. Vergeudete Ressourcen schaden der Gemeinschaft und das lockere Umgehen mit Zeitplänen soll der neuen Generation keinesfalls als Kavaliersdelikt erscheinen. Unfähigkeit in der Vermittlung unserer gesellschaftlichen Grundsätze kann nicht mehr toleriert werden, weitere Verfehlungen müssen ausgeschlossen sein! “

Sylvie Schuster wohnte in der Nachbarschaft, vier Häuser weiter. Und Ruby hatte sie nach dieser Versammlung einmal noch gesehen. Da waren die Kinder schon weggenommen.
An der verlotterten, gequälten Erscheinung konnte man Sylvies Gemütsverfassung deutlich erkennen. All diese Geschichten, hinter vorgehaltener Hand erzählt, hatten mit Sylvie einen Namen und ein Gesicht bekommen, wurden Angst einflößende Realität. Man durfte sich keine Fehler leisten!

Ganz locker und gelöst kamen Ada und Prothon schließlich die Treppe herunter, lachend, sich gegenseitig neckend und die weizenblonden Haare provokativ für den Rest des Tages auf ungekämmt getrimmt. Trotz der vorangeschrittenen Zeit, trotz ihrer Angst musste Ruby einen Moment innehalten: Was für ein schönes Bild sie abgaben, ihre Kinder! So frisch, so stark! In sich ruhend, doch gleichzeitig Freude und Glück nach außen tragend.
Ganz gegen sonstige hungrige Gewohnheiten nahmen die Beiden heute nur Joghurt und Tee. Pascal kam hinter seiner Zeitung hervor und sprach Ada auf ihr neues Piercing an: „Dein kleiner Nasenring ist nicht erlaubt, das weißt du! Mach ihn raus. Auffallen um jeden Preis ist nicht angesagt. Die Wissensprüfung wird ab jetzt elektronisch abgenommen, das ist euch gesagt worden. Keine Metallteile!“ Ada knipselte an ihrem Nasenschmuck und knallte ihn wortlos auf den Tisch.
Wie mit einer inneren Uhr bestückt, sammelten die Zwillinge zwei vor sieben ihre Schultaschen auf und machten sich auf den Weg zum Cab, das gerade am Gartentor stoppte.

Ruby loggte sich ins Netz. Pascal war mit seiner abonnierten Dienstlinie in Richtung Firma entschwunden und sie hatte auch einen Zeitplan einzuhalten, musste bis acht ihre Aufgaben abgeholt haben. Dieses Mal, das konnte Ruby gleich sehen, fehlten an den übermittelten Zeichnungen nur ein paar Beschriftungen für das Elektropolieren an gasführenden Einheiten. Das Zusammenspiel der vorgegebenen mechanischen Komponenten funktionierte in ihrem dreidimensionalen Programm reibungslos. Die Vorarbeit war also in Ordnung, sie musste nicht mehr tüfteln. Ruby blieb im Netz, tätigte ab und an einen kleinen Tastendruck, einen Mausklick, suggerierte Aktivität. Wie lange das so noch möglich sein würde, wusste sie nicht. Ruby hatte bis zum Abholtermin der nächsten Aufgabe jetzt ein Stündchen für sich.
Und wie konnte sie das besser verbringen, als mit dem Betrachten von Fotos ihrer Lieben? Ada und Prothon, zwei kleine Würmchen grinsten zufrieden aus dem Zwillingswagen, von der Krabbeldecke, aus dem Sandkasten…

Was hatten sie damals für ein Glück gehabt! Pascals neuer Job wurde durch das Haus in der Bionic-Siedlung gekrönt, ihr Traumhaus im Grünen. Bionic wusste, was gute Mitarbeiter wert waren! Und durch die Vermittlung von Bionic waren sie erst zu einer richtigen Familie geworden, hatten sich ein halbes Jahr nach dem Einzug um zwei quengelnde, himmlisch nach Puder und Babyöl duftende kleine Bündel kümmern dürfen. Und hatten sich dafür an Regeln zu halten. Und wenn nicht… Die Erinnerung an Sylvie schlich sich wieder in Rubys Gedanken und ängstliche Hilflosigkeit lähmte sie. Es musste doch eine Möglichkeit geben, um…, ja um was? An diesem Punkt kam sie nie weiter.

„Ruby?!“ Nanu, was war denn das? Ganz außerhalb des üblichen Zeitplans tönte Pascals Stimme durchs Haus. Die richtige Reihenfolge wäre gewesen: Kinder, Abendessen, Fernsehen, Pascal… Ungewöhnlich war das…
„Ruby!?“ Irgendwie musste sie reagieren, auch wenn sie keine Lust dazu hatte.
„Hi, du bist aber früh dran heute, schön!“ Ruby wartete mit großen Augen auf eine Erklärung für den geänderten Tagesablauf. Sie wusste, dass Pascal nicht einfach mal so von seiner Arbeit weggehen würde. „Was ist los, Pascal? Ist was mit den Kindern?“ Die stoische Ruhe, die wie immer in seinem Blick lag, war Ruby unverständlich. Sie selbst wusste vor lauter Aufregung plötzlich nicht mehr, wohin mit ihren Händen, zupfte hier an einer Tischdecke, sammelte dort versprengte Staubflusen vom Teppich und wartete dabei unendlich scheinende Sekunden auf irgendein Wort.
„Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Kriegst du eigentlich noch mit, was deine Kinder so treiben?“ Ruby verstand nun überhaupt nichts mehr. Aber wenn den Beiden, wie sie befürchtet hatte, etwas zugestoßen wäre, dann würde Pascal das sagen. Seine erste Aktion wäre keine Frage zu ihrem Tagesablauf gewesen, also Entwarnung. Abwarten.
„Die zwei sind heute aus der Prüfung geflogen. Nicht auswertbare Ergebnisse. Weißt du warum?“ Rhetorische Frage, keine Panik, was noch?
„Zungenpiercing, alle Beide! Hast du das nicht mitbekommen? Die elektronischen Messwerte sind unbrauchbar und in den Chips hat es wahrscheinlich ein paar Bauteile gehimmelt.“
Ruby war entsetzt „Chip – was?! Unsere Kinder, chipgesteuert?“
„Keine Panik, einen Chip hat heutzutage der letzte Köter hinterm Ohr, liegt dann immer noch entspannt unterm Tisch und wedelt fröhlich mit dem Schwanz.“
„Was fällt dir ein, von unseren Kindern auf irgendeinen Hund zu kommen!“ Diese aalglatte und, ja, dämliche Verharmlosung kam bei Ruby gar nicht gut an. Ihre Hände irrten nicht mehr planlos über Tische und Teppich, nein die waren inzwischen fest in den Hosentaschen verstaut. Geballte Wut.
„Jetzt reg´ dich nicht so auf, ist doch alles nicht so schlimm…“ Pascal wiegelte ab. Den Tonfall konnte Ruby eher der Beruhigung aufgebrachter Kleinkinder zuordnen. Fehlte nur noch ein `Heile, heile Gänschen´, also wirklich!
„Da ist doch überhaupt nichts dabei! Ein wenig Ordnung und Übersicht schadet nicht. Es soll doch keine absolute Kontrolle, nur eine Hilfe sein! Die Vorteile überwiegen ganz einfach, hab doch inzwischen selbst so ein winziges Implantat.“
„Und weshalb liegst du dann nicht entspannt unterm Tisch? Oh, wie konnte ich vergessen, dass Bionic kein Interesse an fröhlichem Wedeln hat! Ab wann muss man denn dann künftig als Nicht-Chip-Inhaber eine gut sichtbare Kennzeichnung führen?!“
Ruby setzte sich, ihre wackeligen Knie ließen im Augenblick nichts anderes zu.
„Warum ich eigentlich da bin…“ Pascal nahm Rubys Jacke von der Garderobe. „Deine morgendliche Hektik, die Angstattacken sind nicht gut. Du läufst völlig neben der Spur, überleg mal, was du da gerade von dir gegeben hast! Ich habe mit dem Labor gesprochen und einen kurzfristigen Check-up-Termin bekommen. Auf geht’s! Dein Chip ist ja auch schon aus einer hornalten Baureihe.“ Fest umspannte seine Hand Rubys Arm. „ Du wirst sehen, alles wird besser. Keine Panik, komm schon!“

Letzte Aktualisierung: 27.08.2007 - 13.48 Uhr
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