Honigfalter
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August 2007
tutti brutti e cattivi
von Helga Rougui

Pl├Âtzlich sa├č die Ratte da, auf dem Rand der M├╝lltonne, sie atmete heftig, wie konnte sich ein so kleiner Brustkorb so heftig heben und senken.
Ich hatte gerade den M├╝llsack ausgeleert und den Deckel der Tonne schlie├čen wollen, da sa├č sie, krallte sich fest und atmete.
Fl├╝sterte.
Ich schlo├č die Augen, sch├╝ttelte kurz und heftig den Kopf.
├ľffnete die Augen, hoffte, sie w├Ąre fort.
Sie sa├č da, atmete, atmete.
So weit war es also gekommen.
Jetzt sah ich sie also auch schon tags├╝ber, nicht nur in der Nacht, wenn alle guten Geister mich verlassen hatten und nur ein sehr b├Âser, sehr hochprozentiger Geist mich bewohnte, der mich daran hinderte, zu laufen, zu essen, zu schlafen, zu leben.
In der Nacht sah ich sie immer. Sie atmeten, sie winselten, sie lebten f├╝r mich, an meiner Stelle.
Sie waren um mich herum und hinter mir her.
Pausenlos.
Und nun sah ich sie schon am Vormittag?
Und das war neu, nun fl├╝sterten sie.
Mir war klar, da├č, wo diese eine war, die anderen bald nachkommen w├╝rden, und die Vorstellung, da├č mein privates Rattenheer mich von nun an fl├╝sternd auch morgens umgeben w├╝rde, brachte mich fast um.War das die Strafe daf├╝r, da├č ich seit Wochen wieder einmal versucht hatte, etwas Ordnung in mein Leben zu bringen. Ich war eigentlich viel zu schwach zum Laufen, aber es waren in letzter Zeit zu viele Fliegen geworden, dazu der strenge M├╝llgestank, die Berge halbgegessener Mikrowellenmahlzeiten und schmutziger W├Ąsche, die Armeen geleerter Flaschen in allen Zimmern. Ich hatte etwas tun m├╝ssen, aber zum Eigentlichen reichte es nicht. Diese l├Ąhmende Schw├Ąche, die mich nie verlie├č, hielt mich davon ab, an meiner Forschungsarbeit ├╝ber das Venedig des 14. Jahrhunderts weiterzuarbeiten - was hie├č, weiterarbeiten?? - schon den Wust von Papieren, der die Vorarbeit von zwei Jahren darstellte, ├╝berhaupt ansatzweise zu ordnen, ging ├╝ber meine Kr├Ąfte.
Und dazu kam ÔÇô ich traute mich an diesen Papierberg nicht mehr wirklich heranÔÇŽSie winselten, sie raschelten, sie atmeten, und wenn es tiefe Nacht war, krochen sie hervor aus den stinkenden H├Âhlen und Windungen der grausamen Geschichte Venedigs, quollen durch meine Gem├Ącher und verfolgten mich und trieben mich in die Enge.
Und ab heute w├╝rden sie fl├╝stern? Und das am hellichten Tag?

ÔÇŽ

wo bin ich
was schaut der mich an
er stinkt
er schaut mich an
diese augen
sie schauen leblos starr wie in erwartung des finalen schlages

die augen damals genauso
kalte blaue augen
k├Ąlte im gro├čen saal
diese augen vereisten die luft wenn ihr blick durch den saal schnitt
kein feuer keine w├Ąrme

der alte doge war ganz allein zur├╝ckgeblieben
seine frau hatte ihn verlassen
sie lebte nun in unehre mit einem t├╝rsteher in pozzuoli
und in gl├╝ck und glut

nur eine alte dienerin hielt dem dogen die treue
zu sp├Ąter stunde entfachte sie ein kleines feuer im riesigen kamin
schwerf├Ąllig erhob sich der doge von seinem pr├Ąchtig geschnitzten einsamen stuhl
schwerf├Ąllig schlurfte er auf den kamin zu um sich dort niederzulassen
ich werde das nie vergessen
er hatte die augen gesenkt
f├╝r einen moment sah man seine kalten blauen augen nicht
es war als ob der saal pl├Âtzlich in w├Ąrmeres licht getaucht w├Ąre
oder war das das winzige kaminfeuer das sich leicht flackernd traute die glasharte eisesk├Ąlte zu durchbrechen

wer konnte es ihr verdenken da├č sie in diesem moment
├╝berw├Ąltigt von diesem anflug an w├Ąrme
und dieser illusion von geborgenheit
sich unwiderstehlich zu diesem einen hellen gl├╝henden punkt im riesigen leeren kamin
hingezogen f├╝hlte
meine s├╝├če frau
sie verga├č wo sie war
sie wollte nur zu diesem punkt
ich konnte sie nicht zur├╝ckhalten sie wand sich aus dem nest und huschte los
blindlings gierig hin zum licht
sie rannte los aus dem nest quer durch den saal
blind war sie blind vor dem wunsch zum licht zu gelangen zur w├Ąrme
so selten in diesem eisigen palast aus marmor und glas

sie l├Ąuft und l├Ąuft
und ist fast da
und
ger├Ąt dem humpelnden dogen vor die f├╝├če
etwas weiches hemmt seinen schritt
der leib meiner s├╝├čen frau
der doge stolpert
hebt w├╝tend den fu├č und tritt zu
hebt die augenlider und
der saal verwandelt sich in einen blauglitzernden klumpen undurchdringlicher luft
meine frau im schock v├Âllig erstarrt fliegt
fliegt in hohem bogen in den kamin und zerbricht an seiner r├╝ckwand
und stirbt beleuchtet von den resten des zerstiebenden feuers

der doge sitzt vor dem kamin
sieht durch das wieder erstarkende feuer die reste eines kleinen k├Ârpers
sie wollte nichts anderes als w├Ąrme und leben
nun brennt sie auf ihrem scheiterhaufen
in einem licht das sie nicht mehr sieht

schon seit tagen
seit wir im hafen das schiff verlie├čen
ging es mir schlecht jetzt geht es mir noch schlechter
und
ich beschlie├če den keim der krankheit den ich in mir trage
an den m├Ârder weiterzugeben
ich laufe auf ihn zu
er sieht mich nicht er schl├Ąft
ich bei├če ihn
er zuckt zusammen wacht nicht auf

ich verschwinde in den hohen regalen der bibliothek
w├╝hle mich todeskrank in die aufgeh├Ąuften pergamentberge
der doge
schl├Ąft fiebrig atmet schwer
er tr├Ągt den keim der krankheit in sich
die alte dienerin wird ihn ├╝bernehmen und weitergeben
und venedig wird st├Âhnen unter der seuche

ÔÇŽ

Es ist nicht m├Âglich, da├č diese Ratte echt ist.
Aber sie sieht so echt und wirklich aus ÔÇô wenn auch etwas krank.
Und sie hat, so scheint es, mir ihre Geschichte zugefl├╝stert.
Und weiterhin scheint es, da├č ich nun vollends ver├╝ckt werde.
Sie mu├č ein Phantom sein. Sie kann nicht echt sein. Oder doch.
Aber in beiden F├Ąllen w├Ąre ich verr├╝ckt.

Ich mu├č diesem Unertr├Ąglichen ein Ende machen. Ich mu├č.
Ich hole die gro├če flache Schaufel aus dem Gartenschuppen.
Die Ratte sitzt auf dem Rand der M├╝lltonne, zittert, atmet, fl├╝stert.

Endlich frei seinÔÇŽ

Ich schlage zu.

Letzte Aktualisierung: 15.08.2007 - 09.10 Uhr
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