Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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August 2007
Annonce
von Herbert Dutzler

„Nach einer langen Beziehung bin ich wieder allein. Meine Traumfrau ist jene, die es mit mir aushält: Ich bin Ende vierzig, verdiene gut an einem sicheren Arbeitsplatz. Ich suche eine Frau, die sich (noch immer) Zärtlichkeit und leidenschaftlichen Sex wünscht. Wichtig sind mir außerdem gutes Essen und Trinken, Sport (Rad- und Schifahren, Langlaufen, Bergwandern, Schwimmen) und Literatur.“

Das war es. Kein Niveauvoll suchte Herzeigbar mit tollpatschigen Abkürzungen. Alexanders Tod war nun schon zwei Jahre her, und in den letzten Monaten hatte sie aus Gründen, die sie sich selbst nicht eingestanden hatte, immer öfter auf den Seiten mit Partnerschaftsanzeigen innegehalten, sie bald Wochenende für Wochenende studiert, schließlich mit Faserschreiber Plus- und Minuszeichen neben einzelne Anzeigen gekritzelt.
Die letzten beiden Jahre war sie so allein gewesen. Allein? Sicher, da hatte es den Yogakurs gegeben, und die gemütlichen Abende im Café danach. Der Ausflug nach Amsterdam mit den Kolleginnen. Zuerst hatten sie sich zu sechst verabredet, eine sagte ab, weil ein Kind unerwartet in ein Volleyballteam einberufen worden war, der Freund der nächsten lag nach einem Motorradunfall im Krankenhaus, und die dritte hatte ihren Pass vergessen. So waren sie nur zu dritt aufgebrochen, und am zweiten Abend war ihr der Gesprächsstoff ausgegangen. Selbst mitten unter Menschen in Straßencafés hatte sie sich einsam gefühlt.
Zu Hause hatten ihr jede Wand und jedes Möbelstück entgegen geschrieen, dass sie allein war. Und sie musste diesen Zustand beenden. Nicht oberflächliches Geplapper im Bekanntenkreis war es, was sie brauchte. Sondern jemanden, der für sie da war und für den sie da sein konnte.
Fast euphorisch hatte sie auf die Anzeige geantwortet, und nun stand sie vor dem Spiegel, zurecht gemacht für die erste Begegnung, und hatte sich in ein Nervenbündel verwandelt. Schon bei der Unterwäsche hatten die Zweifel begonnen - niemand würde sie heute zu sehen bekommen, dennoch musste sie durch und durch gut aussehen. Was sie auch anzog, im Spiegel sah sie entweder ein Hausmütterchen oder eine Tussi. Für keines von beidem sollte er sie halten.
Als sie im Lift nach unten fuhr, wusste sie, dass sie im Begriff war, einen schweren Fehler zu machen. Sie würde sofort wieder in ihre Wohnung zurückkehren und ihm in einem E-Mail alles erklären.
Wie sie dennoch zu dem vereinbarten Treffpunkt gekommen war - dem Cafe im Museum Moderner Kunst – konnte sie sich nicht einmal erklären, als sie dort den Lift bestieg, der sie in das auf einer Felsklippe über der Stadt thronende Ausstellungsgebäude bringen sollte.
Er wolle nicht, dass sie in die Verlegenheit käme, im Cafe allein auf ihn warten zu müssen, hatte er geschrieben. Er verstand sie so. Zu den schrecklichsten Erlebnissen in den beiden einsamen Jahren hatte es gehört, allein in Lokale zu gehen, angestarrt zu werden - kommt noch ein Mann dazu oder ist sie Freiwild? - allein auf Berghütten, auf Flughäfen einzutreffen und niemanden zu haben, mit dem man die Begeisterung über das Panorama oder den Ärger über die Flugverspätung teilen konnte.
Auf der Toilette sprach sie sich Mut zu. Du bist über vierzig Jahre alt. Du bist erfolgreich und selbstbewusst. Es ist völlig egal, was da drinnen passiert. Morgen kannst du schon den nächsten treffen. Nimm es oder lass es. Missbrauche ihn für eine Nacht und wirf ihn weg, wenn er nichts taugt. Es ging ihr ein wenig besser.
Als sie das Lokal betrat, sah sie ihre schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Der Mann, der ein Exemplar von „Silentium“ von Wolf Haas auf einer Ausgabe der Salzburger Nachrichten - das vereinbarte Zeichen - auf seinem Tisch liegen hatte, war jemand, den sie hasste. Eine Welle von Panik lähmte ihr Entscheidungskraft, und so trugen ihre Beine sie zum Tisch, ohne dass sie Widerstand zu leisten vermochte. Er stand auf, begrüßte sie, kam ihr entgegen, nahm ihr die Jacke ab, rückte den Stuhl zurecht, lächelte, all das pathetisch wie in einem Stummfilm. Was er sagte, drang nicht bis in ihr Bewusstsein vor, sie wusste nicht einmal, ob sie geantwortet hatte. Sie zwang sich ein Lächeln ab. „Sie sind viel schöner, als ich sie mir vorgestellt habe.“ Es klang ihr wie eine Drohung.
Der Mann, der ihr gegenüber saß, war am Tod Alexanders schuld, er war sein ehemaliger Chef. Nach all dem, was Alexander ihr erzählt hatte, waren es seine Demütigungen, die ihn in eine solche Depression getrieben hatten, dass er seinem Leben ein Ende bereitet hatte. Er hatte sie nicht erkannt – wie auch, sie war nur einmal bei einer Betriebsfeier gewesen und hatte ihm bei seiner Rede zugehört - ebenso theatralisch wie sein Auftritt jetzt - und Gelegenheit gehabt, sich sein Aussehen einzuprägen. Er hatte sie wohl nur als Teil einer Masse von Zuhörern wahrgenommen.
Er trieb Konversation, sie blieb einsilbig. Er bestellte, nicht ohne sich zuvor versichert zu haben, dass sie ihm die Auswahl der Speisen und Getränke überlassen wolle. Er schmeichelte ihr, ohne wahrzunehmen, dass sie in einem Zustand schwebte, der sich zwischen Wachen und Trance bewegte.
Nachdem aufgegessen war, bemächtigte er sich ihrer Hand, ohne dass sie es zu verhindern wusste. „Sie haben so kalte Hände. Sie verdienen jemanden, der sie Ihnen wärmt.“
Der Mann war außerdem verheiratet, dessen war sie sich sicher. Sie konnte sich noch genau an das zierliche, blonde Wesen erinnern, das mit ausgebrannten Augen bei der Betriebsfeier an seiner Seite blass gelächelt hatte.
Sie wollte ihm weh tun. Als es Zeit war, aufzubrechen, legte er ihr an der Garderobe die Jacke um. Nicht ohne zu versuchen, um ihre Taille und ihre Hüfte zu streichen, ihre Schulter zu berühren. Im Lift legte er den Arm um sie, ohne dass sie die Kraft fand, sich zu wehren.
Er rief ein Taxi. Aufgeräumt fragte er nach, wohin es denn nun gehen solle. „Es war ein sehr schöner Abend,“, log sie, „aber ich muss morgen früh raus, und es war alles ein bisschen viel für mich.“ Doch um ihm weh zu tun, musste sie ihn noch einmal treffen. „Aber Sie können mir gerne noch einmal schreiben.“
Sie konnte aus dem Taxi fliehen, nicht ohne seine geile Hand auf ihrem Schenkel zu spüren. In ihrer Wohnung verfluchte sie sich dafür, dass sie ihm ihre Adresse preisgegeben hatte, indem sie sich nach Hause hatte chauffieren lassen.
Für das zweite und letzte Treffen musste sie sich einen einigermaßen einsamen Ort ausdenken. Er würde nicht erleben, was er sich ausgemalt hatte. Sie schlug per Mail vor, zusammen laufen zu gehen. Er hatte sich doch als Sportler dargestellt. Obwohl sie keinen genauen Plan hatte, schlug sie einen Zeitpunkt vor, der sie ins Dämmerlicht führen würde. Sie steckte ein kleines Taschenmesser in ihre Bauchtasche, die beim Laufen völlig unauffällig sein würde, viele Jogger führten solche Taschen mit sich. Was sie wann mit dem Messer anfangen würde, war ihr völlig unklar, nur der Gedanke, Alexander zu rächen und diesem Mann weh zu tun, bestimmte ihr Handeln.
Ihr Treffpunkt war der zu dieser Jahreszeit verwaiste Parkplatz eines Freibades, und sie lief los, voll Wut und mit einer Energie, die sie selbst überraschte, sie hatte befürchtet, so weiche Knie zu bekommen, dass ihr das Laufen würde unmöglich sein. Seine Sportlichkeit war gelogen. Er konnte ihr kaum folgen. Mit dünnen, atemlos hervor gepressten Scherzen versuchte er, sie zu langsamerem Lauf zu bewegen.
Am höchsten Punkt der Laufstrecke hielt sie an. Die Anstrengung des Laufens bergauf und ihre Überlegenheit ihm gegenüber hatten sie ruhig und sicher werden lassen, sie empfand keine Angst mehr vor dieser verschwitzten Gestalt, die sich ihr langsam auf wackeligen Beinen näherte. Sie drehte sich um, lehnte sich an das Geländer, das Spaziergänger hier vor dem Absturz über die Felswand schützte. Hier hatte Alex seinem Leben ein Ende gesetzt. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Bauchtasche, drehte sich nicht einmal um, als sie ihn an sich herantreten hörte. Er legte den Arm um sie, sie betrachtete reglos die Busse, die aus dem Tunnel unter ihr auftauchten, die Fußgänger, die rudelweise die Zebrastreifen überschritten.
„Alle Achtung!“, keuchte er, „Sie haben ein ordentliches – du hast – ich darf doch du sagen? – ordentliches Tempo…“ Sein linker Arm legte sich um ihre Schulter. „Aber du bist heiß.“ Seine Stimme änderte sich und verriet Erregung. Er schob seine rechte Hand unter ihr Sweatshirt, unter ihr Laufshirt und fühlte dort nackte Haut, er bewegte die Hand nach oben, ohne dass sie irgendetwas fühlte außer dem Wunsch, ihm so weh zu tun, wie er ihr und Alexander weh getan hatte. Er schob die Hand bis zu ihrer Brust vor, und sie wusste, sie musste noch ein wenig warten, bis er sich gänzlich sicher fühlte, und als er ihre Brust knetete und drückte und den BH beiseite schob und ihre Brustwarze zwischen zwei Finger nahm, griff sie mit der linken Hand in ihre Bauchtasche, nahm das Messer heraus und ließ es aufschnappen. Er merkte nichts, denn er hatte nun auch begonnen, seinen Unterleib heftig gegen ihren Oberschenkel zu drücken.
Sie stieß das Messer mit der linken Hand knapp an ihrer rechten Hüfte vorbei kräftig nach hinten.
Er schrie auf, und sie war befreit von seinen Händen und seinem drängenden Unterleib. Niemand war zu sehen, es war dämmrig, niemand hatte seinen Schrei gehört. Sie ließ das Messer über die Felswand nach unten fallen und drehte sich zu ihm um. Er stand da und hatte seine Hand auf den Bauch gepresst, sein Blick war so erstaunt wie der eines Fußballfans, der in der allerletzten Spielminute eines Endspiels einen Treffer gegen seine Mannschaft miterleben muss, der die Meisterschaft kostet.
Wimmernd und fluchend sank er zu Boden. Sie konnte nicht anders als zu stehen, zu warten und zu beobachten. Er lag nun seitlich am Boden, zwischen seinen Fingern, die auf die Wunde gepresst waren, quoll ein Blutstrom hervor. Sie beobachtete, wie sich ein kleines Rinnsal seines Blutes den Weg zur Felskante hin bahnte und dort langsam, aber stetig begann, die Wand hinunter zu tropfen.

Letzte Aktualisierung: 14.08.2007 - 15.21 Uhr
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