Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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August 2007
980 Hektopascal
von Thomas Schröder

Thea Ginzing bot Marvin die erste ErklĂ€rung fĂŒr seine Schwierigkeiten. "Wenn draußen Tiefdruck ist, haben Kinder auch Tiefdruck im Kopf", sagte sie. Marvin hatte oft Tiefdruck. Der Neurologe hatte gesagt, dass es MigrĂ€ne war. Das Wort passte zu dem Ausnahmezustand, in dem Marvin gewöhnlich gewalttĂ€tig wurde. Es fing an mit tanzenden Lichtstreifen, schwarz und weiß, immer an einer Seite des Gesichtsfelds. Dann kam die Übelkeit, manchmal erbrach er, manchmal fiel er einfach um. Und er hatte immer höllische Kopfschmerzen. Die MigrĂ€ne warf ihn nur um. Schneiden musste er aus andern GrĂŒnden.
Sein erster und einziger Adoptionsversuch war gescheitert. Thea Ginzings jĂŒngster Sohn hieß Horst und Marvin hatte ihm die Wange mit einer Scherbe aufgeritzt. Thea hatte es lange mit ihm ausgehalten. Doch dann war es vorbei. Marvin selbst wusste nicht, warum er es tun musste, aber er hatte ihr noch die Ohrstecker aus den LĂ€ppchen gerissen. Er verband die Adoption mit Tiefdruck, Starlight Express in Bochum und jeder Menge Blut.
Marvin saß in seiner Nachdenkecke im Gemeinschaftsraum. Sein fĂŒnfter Besuch in der Intensiv- Wohngruppe WGV I. Er musste das Step- by- Step- Programm noch einmal durchlaufen, weil er wieder ausgerastet war. Er hatte ein MĂ€dchen zusammengeschlagen, weil sie ihn Maulwurf genannt hatte. Katrin lag seitdem im Krankenhaus. Marvin hatte seine Ohren mit dem MD- Player verschlossen. Den hatte ihm Thea damals noch geschenkt. Ihre Hoffnung, dass er ausgeglichener wĂŒrde. Er war siebzehn. Damals war er sieben gewesen. Auf den Wangen blĂŒhte die Akne, die Haare wurden immer schnell wieder fettig und seine Brille hatte starke GlĂ€ser. Er trug jetzt immer eine rote Baseballkappe, deren Krempe er bis ĂŒber die Brille zog. Katrin hatte gesagt, er sĂ€he aus wie ein Maulwurf mit Baseballkappe. Niemand lachte ĂŒber ihn. DafĂŒr wĂŒrde er sorgen.
Paul kam.
"Hallo, Großer."
Paul war ein sehniger, unterernĂ€hrt wirkender Mann. Er trug immer lange gestreifte Hemden und kaum jemals Socken. Marvin beneidete ihn um diese hemdsĂ€rmelige, barfĂŒĂŸige Freiheit und UnbekĂŒmmertheit. Paul war der beste. Hier in der WGV I war ein Betreuer fĂŒr zwei Jungen zustĂ€ndig. Paul war der Ansprechpartner fĂŒr Viktor, seinen Zimmernachbarn, und ihn.
"Wir mĂŒssen was bereden", sagte Paul.
Marvin hörte etwas heraus, was ihn alle Muskeln anspannen ließ.
"Weißt du, dass vor Heimunterbringung immer Adoption steht, auch wenn lange nichts passiert, das nach Adoption aussieht?"
"Nein, sag nicht, ich soll hier weg!"
"Es gibt eine Bewerberin, eine Frau Scholz. Sie hat ein langes GesprÀch mit der Chefin gehabt. Dein Profil hat ihr am besten gefallen."
"Komm, verarsch mich nicht. Ihr braucht den Platz! Ich bin doch hier der letzte LadenhĂŒter."
"Du musst mir nicht glauben. Aber habe ich dir schon mal was vorgemacht?"
"Hey, Mann, ich stell' denen die Bude auf'n Kopf! Die Alte seif ich ein! Dann bin ich so schnell wieder hier, dass mein Bett nicht mal kalt wird. Ihr könnt mich dann wieder von vorn durchs Programm schleifen! Wer kommt denn auf so 'ne bescheuerte Idee?"
"Ich, Marvin. Weil das eine Chance ist. Wenn wir eine Adoptionsmöglichkeit sehen, nutzen wir sie- doch, lass mich ausreden. Was ist mit deinem Berufswunsch? Willst du noch Maler werden?"
"Kann mich doch von hier aus bewerben."
"Das lĂ€uft nicht, Marv. Wir haben unseren Namen jetzt so oft geĂ€ndert. Auch wenn du schreibst „Jugendhilfe Haus Eckehardt“ weiß jeder, du kommst aus dem Heim fĂŒr Schwer Erziehbare. Und was wird wohl dein zukĂŒnftiger Chef denken, wenn er sieht, dass du den Weg in die Adoption schon geschafft hast? Allen unseren Reha- Erfolgen zum Trotz macht sich das immer besser, als wenn da steht: Ich wohne im Wohngruppenverbund Eckardtsheim, zur Zeit gerade mal wieder Intensivwohngruppe."
Paul lehnte sich neben Marvin an die Wand. Er war der Einzige, der so nah ran durfte.
„Ich bin doch nicht so beknackt, das zu schreiben.“
„Was ich meine ist: Du bist schon wieder da. Du neigst immer noch zum Hauen und Stechen. Was hast du denn gelernt im Programm?“
Marvin sagte nichts. Er wusste inzwischen, was sie im SK hören wollten, im Programm Soziale Kompetenzen. Er sagte die SĂ€tze fĂŒr sie auf. Aber er wollte mit niemandem was zu tun haben. Hier in der WG wusste er, wie er sich schĂŒtzte. Draußen musste er erst lernen, wie er es am besten anstellte, mit anderen nicht zurechtzukommen. Er tastete mit der Hand nach seiner Jackentasche. Paul sah den Blick.
"Ich will alle Scherben und Splitter haben.", sagte Paul.
Paul war der einzige, der ihm seine Scherben abnehmen durfte. Marvin gab sie ihm.
"Willst du rausgehen?"
"Nein", gab Marvin zurĂŒck. Er wĂŒrde sich draußen nur neue Scherben holen.
"Gut. Dann brauchen wir ĂŒber Ausgangsregelung gar nicht zu sprechen. Marv- versau dir nicht alles", bat Paul. Dann ließ er Marvin allein.
Das konnten sie doch nicht mit ihm machen. Er war siebzehn. Es war zu spĂ€t fĂŒr eine Adoption. Marvin konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er schlug im Vorbeigehen an die Stuhllehnen, sodass die StĂŒhle mit viel LĂ€rm hin- und herwackelten. 980 Hektopascal, dachte er. Es kam ein gewaltiges Tiefdruckgebiet. Die oszillierenden Lichtstreifen tanzten Pirouetten vor seinen Augen. Sturmwarnung.
Marvin beschmierte den Toilettenraum, bis der Nachtdienst kam. Danach ging er in den Gemeinschaftsraum und sah fern. Im Fernsehen kam ein Bericht ĂŒber die Hallig Norderoog. Dort lebte außer See- und Zugvögeln nur ein Vogelwart. Der gerade angetretene neue Vogelwart wurde in seiner HolzhĂŒtte und in Gummistiefeln gezeigt.
"Das ist wahrscheinlich der einsamste Arbeitsplatz des Landes", sagte der junge, etwas traurig wirkende Mann.
"Normalerweise ist hier noch ein Zivildienstleistender eingesetzt", erklĂ€rte er. "Aber es gibt kaum noch Zivis.“
Viktor ließ sich gerĂ€uschlos neben ihn fallen.
„Ist das denn?“
Marvin gab keine Antwort.
„Mach mal auf 5.“
Viktor nahm die Fernbedienung und schaltete um. Marvin sprang förmlich auf ihn und schlug ihm die FĂ€uste ins Gesicht. Viktor hatte schon blaue Augen, bevor er ĂŒberhaupt kapierte, was geschah. Marvin schlug seine Wut raus. Er hatte sich noch nie mit Viktor geprĂŒgelt. Sie wollten ihn hier loswerden. Selbst Paul. Dem hatte er fast vertraut. Marvin bekam einen Schwinger in den Bauch, keuchte und blieb auf dem RĂŒcken liegen. Viktor trat ihm in die Seite.
„Wichser!“ schnauzte er und wischte sich mit dem HandrĂŒcken die blutende Nase ab. Marvin dĂ€mmerte am Rande einer Ohnmacht dahin. Starlight Express. Pearl hatte fĂŒr den heruntergekommenen Rusty gesungen: Only He. Er wollte dieser eine besondere Jemand fĂŒr jemand anderes sein. Er hatte auch Rost angesetzt. Sie schoben ihn aufs Abstellgleis. Weg hier. Er sollte weg? Er wĂŒrde hier verschwinden. Oh ja. Sie wĂŒrden alle gucken, diese Sozialtypen, Teetrinker, Allesversteher. Nie wieder wĂŒrde einer ihn rumschubsen.
Marvin starrte regungslos an die Zimmerdecke. Eine Hallig. Keine Menschen außer diesem Vogelwart. Keine Adoption.
Die anderen Jungen sahen Marvin am nĂ€chsten Morgen vorsichtig an. Er wirkte ruhig. Keine Beschimpfungen, keine PrĂŒgelei. Trotzdem dachte Paul, dass irgendetwas um den verspannt wirkenden Mund bedrohlich wirkte. Alle im Wohnbereich spĂŒrten, dass der nĂ€chste Ausbruch kommen musste. Er versuchte, Marvin zu erreichen. Der Junge nahm seinen Minidisc- Player gar nicht aus den Ohren.
Es wurde Montag. Marvin konnte nicht still sitzen. Alle Jungen gingen ihm aus dem Weg, die Betreuer auch. Paul kam.
"Marvin, das hier ist Frau Scholz."
"Hallo."
Sie redete immerhin nicht gleich auf ihn ein. Frau Scholz war ziemlich dick und vielleicht FĂŒnfzig. Sie trug eine rote Brille mit dicken GlĂ€sern, wodurch ihre Augen sehr klein wirkten. Das Haar trug sie militĂ€risch kurz und wasserstoffblond. Am auffĂ€lligsten war ihre Kleidung: Sie trug ein langes Gewand in Blautönen, das bis auf die FĂŒĂŸe reichte und ihre nackten, fleischigen FĂŒĂŸe in Sandalen sehen ließ. Marvin starrte irritiert auf einen ĂŒberdimensionalen Peace- AnhĂ€nger im OhrlĂ€ppchen. Wen hatte ihm Paul da nur angeschleppt?
"Wollen wir los?" fragte Frau Scholz. Marvin starrte sie an. Das war was ganz anderes als diese seliglÀchelnden Erstkontakt- Besucherspiele, die er hier sonst sah. Eine angenehme Stimme.
"Ich hole meinen Rucksack", sagte Marvin.
"Wieso los?", fragte Paul. Er schien recht ĂŒberrascht.
„Wir fahren in den Stadtpark“, sagte Frau Scholz. „Eine halbe Stunde."
Paul sah Marvin so lange in die Augen, dass Frau Scholz anfing zu husten.
„Geh mit“, sagte er. „Du kennst die Regeln.“
"Nenn mich Monika", sagte sie, als sie zum Parkplatz gingen. "Da hinten steht mein Auto."
Sie zeigte auf einen weißen Sportwagen, japanisches Fabrikat, hinter dem ein AnhĂ€nger hing.
"Ich hab hinten Möbel drin, die beim SperrmĂŒll standen. Die waren zu schade zum Wegwerfen."
Also stieg Marvin in den penetrant nach Zitrone stinkenden Sportwagen ein, der einen AnhĂ€nger mit Möbeln vom SperrmĂŒll zog und in dem eine dicke Frau im Wallegewand saß, die bei jedem Schalten gerĂ€uschvoll schnaufte.
"Monika, ich wĂŒrde mir gern Schokolade kaufen", sagte er mit glockenheller Lieblichkeit in der Stimme, als sie den Supermarkt erreichten.
Sie fuhr auf den Parkplatz. Der Supermarkt hatte einen zweiten Ausgang zur Straße.
"Soll ich gerade allein gehen?", fragte er.
Er hoffte, dass sie zu bequem war, mit auszusteigen.
"Geh nur. Dauert ja nicht lange."
Marvin verschwand im Supermarkt. Er hoffte, dass sie den Eingangsbereich nicht beobachtete. Schwarzweiße tanzende Lichtstreifen am linken Blickfeldrand. Nicht jetzt! sagte er sich.
Marvin trat auf die Straße hinaus. Er hĂ€tte sich ĂŒbergeben können, wenn er nur an das Zitronen- DuftbĂ€umchen dachte. Aber interessant, diese Frau.
Er nahm einen FußgĂ€ngerweg hinter den GeschĂ€ften und ging Richtung Bahnhof. Er hoffte, sie schickten ihm nicht gleich die Polizei hinterher.
Dann tauchte der Bahnhof vor ihm auf. Die Zeit stand still. Er kaufte ein Messer. Nur zur Sicherheit. Dann kam sein ICE. Marvin stieg ein und verschwand nach der Abfahrt auf der Toilette. Richtung Hamburg auf dem Klo. Ziel Hallig Norderoog. Weg vom Auge des Sturms.

Letzte Aktualisierung: 24.08.2007 - 20.11 Uhr
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