Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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August 2007
Der Stahlschrank
von Barbara Hennermann

Als man ihm den Stahlschrank ins Büro stellte, war er äußerst ungehalten. Der Raum war ohnehin überfrachtet mit Möbeln. Die Sekretärin flatterte um ihn herum, aufgeregt zwitschernd: „Herr Doktor, ich habe dem Herrn Doktor Martin auch gesagt, bei ihnen ist sowieso alles….“ Er schnitt ihr ärgerlich das Wort ab. Sie schlich mit gesenktem Kopf aus dem Zimmer und tat ihm leid. Es war ja nun wirklich nicht ihre Schuld gewesen!
Andreas Bralo, Doktor jur. Andreas Bralo, quetschte seine Einmeterneunzig hinter den Schreibtisch. Seit zwei Jahren war er Mitglied dieser Rechtsanwaltskanzlei, das Jüngste von vieren, und genau deshalb war immer er es, dem die schlechtesten Räumlichkeiten zugemutet wurden. Erbost betrachtete er das graue Ungetüm, das wie ein Berg ein Drittel des Zimmers ausfüllte. Wozu sollte der gut sein?

Wie immer war Ingeborg nicht rechtzeitig fertig geworden. Die Stimmen rauschten ihnen wie eine Welle entgegen, als sie die Treppe zum oberen Gastraum hinauf stiegen. Ein Kompagnon feierte den Fünfzigsten. Dem Geräuschpegel nach musste er die halbe Stadt eingeladen haben. Andreas stieß die Flügeltür auf, ließ Ingeborg vorbei.
Das Lachen perlte wie Sekt durch den Raum, erreichte ihn und strömte durch seinen Körper. Er hob den Kopf, suchte mit dem Blick –

sie stand neben dem Kalten Buffet, den Kopf zurückgeworfen, lachend. Nicht mehr ganz jung, nicht auffallend schön, nicht besonders zurecht gemacht. Aber sie schien voller Leben, es floss mit ihrem Lachen durch den Raum, erfüllte ihn. Andreas sah auf die anderen Gäste, meinte, sie müssten das ähnlich erleben, alle auf sie starren. Aber alle waren damit beschäftigt, ihre Teller zu füllen, sie schien für keinen etwas Besonderes zu sein. Ingeborg stieß ihn an und zischte: „Andi, was ist los mit dir? Bist du eingeschlafen oder was? Lass uns endlich unseren Platz suchen!“ Er schüttelte kurz den Kopf und folgte ihr, immer lauschend nach dem Lachen, das ab und an wieder wie eine Fontäne aus dem Stimmegewirr heraus sprudelte.
„Sag mal, geht´s dir nicht gut? Wirst du krank?“ Ingeborgs Stimme klang besorgt. Jetzt erst bemerkte er, wie er lustlos mit der Gabel auf seinem Teller aus dem köstlichen Lachsfilet einen rötlichen Brei gerührt hatte. Das Lachen! Er stand auf „ich hol mir rasch was Neues“, eilte zum Buffet. Das Lachen! Sie schäkerte mit dem Kellner hinter dem Tisch, der ihr dies und das empfahl. Ihr Lachen….Seine Gelegenheit! Er hielt ihr seinen Teller hin. „Sie sind Expertin an kalten Buffets?“ Er hätte sich für die Frage ohrfeigen können – blöde, unkreativ, uncharmant….Ihr Blick hob sich, streifte an ihm nach oben, braune wache Augen. Wie Sekt perlte ihr Lachen auf, erfüllte den Raum, strömte mit seinem Blut. Sie füllte seinen Teller, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen, reichte ihn an ihn zurück, streifte seine Hand, lachte und ging.
Es war der Kellner, der ihn aufklärte: „Das ist Frau Santer, ihr Mann hat die Kanzlei in der Mangrovenstraße.“ Er quetschte sich an den Tisch dazu, alle Umgangsformen außer acht lassend, und verwickelte den Kollegen in ein Fachgespräch, dem dieser sichtlich verärgert folgte. Sie blickte ernst und interessiert auf die beiden Männer, nur dem Zucken ihrer Mundwinkel entnahm er, dass sie sein Spiel durchschaute. Als sie ihr Handtäschchen aufnahm und in Richtung der Toiletten entschwand, beendete er das peinliche Gespräch und schlug den gleichen Weg ein.

„Liebster,
gibt es wirklich Dinge zwischen Himmel und Erde, die unser Leben leiten? Eine Kraft, die uns lenkt? Engel, die uns führen? Gott?
Ich glaube, es ist so. Es MUSS so sein. Niemals sonst hätten wir uns getroffen.
Ich liebe dich. Peterle“
Peterle. Petra Santer. Er hob den Brief an seine Lippen. Die Türen des Stahlschrankes waren geöffnet, der Safe seines Herzens, seiner verborgenen Liebe. Wie wichtig war er in den letzten Monaten für ihn geworden! Dies war ihr erster Brief an ihn gewesen. Dutzende waren gefolgt, erfüllt mit Liebe und Gefühl. Anschmiegsam und feminin wie Petra selbst, die sich fallen ließ in seine Liebe wie er in ihr perlendes Lachen.

Ingeborg betrachtete ihn argwöhnisch. Seit jenem Abend legte sie das Netz ihrer Fürsorge noch enger um ihn, verfolgte ihn mit Sorge um seine Gesundheit. „Musst du wirklich auch noch zu diesem Vortrag? Du hast doch schon genug am Hals!“ Das Schlimmste – sie bot plötzlich ihre Begleitung an, organisierte einen Babysitter für den Sechsjährigen. Ob sie ihm etwas anmerkte?

„Liebste, was es auch ist- nimm es als ein Geschenk des Lebens an uns!“ Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, sog ihren Duft ein, versank in ihrer Gegenwart. Sie gab ihm einen schmalen Umschlag, lächelte spitzbübisch: „Erst später aufmachen!“ Eine Haarsträhne, getränkt mit ihrem Duft. Eine Reliquie. Die Türen des Stahlschrankes schlossen sich.

„Andreas, so geht das nicht weiter mit uns. Du weichst mir ständig aus.“ Unruhig ging Ingeborg auf und ab. Sie hatte den Kleinen zu ihrer Mutter gebracht, auf eine „Aussprache“ gedrungen. Er wollte nichts aussprechen. Längst hatte er bemerkt, dass sie seine Unterlagen kontrollierte, seine Aktentasche untersuchte, am Handy und Telefon nach gespeicherten Nummern forschte – sie würde nichts finden! Er hatte ja den Stahlschrank. Dafür hatte sie keinen Schlüssel.

„Geliebter meiner Seele,
ich kann dieses Leben nicht weiter führen. Ich mag nicht eingesperrt in deinen Schrank sein. Lass mich ein gelebter Teil deines Lebens werden!“
Natürlich verstand er ihren Wunsch. Aber sie hatte es auch viel leichter als er, sie hatte keine Kinder, die sie vorwurfsvoll ansehen würden. Einen erwachsenen Menschen enttäuschen ist eine Sache, der war für die Beziehung mitverantwortlich. Aber ein Kind? Sollte er seinem Sohn eine hysterische aufgelöste Mutter zumuten, die zudem alles unternehmen würde, ihn dem Vater zu entfremden?
„Petra, nun sei doch nicht so ungeduldig! Wir müssen das langsam angehen. Ingeborg wird schon irgendwann selbst merken, dass wir nicht mehr zusammen passen und dann wird SIE die Konsequenzen ziehen, verstehst du?“

Eigentlich war er selbst erstaunt, dass sein Leben im Wesentlichen unverändert weiter verlief. Genau genommen gab es gar keinen Grund, etwas zu verändern. Er musste nur zusehen, dass Ingeborgs Misstrauen keine neue Nahrung bekam. Vielleicht gelang der Spagat ja, vielleicht konnte er alles behalten – das gewohnte Leben, die Liebe im Hintergrund als Ausgleich…..

„Du musst das verstehen. Ich liebe dich, mehr als alles andere auf der Welt. Aber trotzdem kann ich so nicht weiterleben.“ Im Grunde empfand er ihre weibliche Ungeduld auch als Bestätigung ihrer Liebe zu ihm. Glücklicherweise war sie intelligent genug, ihn damit nicht allzu sehr unter Druck zu setzen. Nichts hasste er mehr als! Doch sie schien erkannt zu haben, wie wichtig dieses Ausharren und Stillhalten für ihn war, ließ ihm sein normales Leben und funkte nicht zerstörerisch dazwischen. Er konnte sich ihrer Liebe sicher sein und liebte sie dafür umso mehr. Zärtlich lächelte er ihr Bild an und führte es kurz an seine Lippen, bevor er es in den Schrank zurücklegte. Seit drei Monaten hatten sie sich nicht mehr sehen können – ob sie sich wohl inzwischen verändert hatte?

Ingeborgs Launen wurden mit der Zeit nicht erträglicher. Er seufzte. Er tat doch wirklich schon alles, um es ihr recht zu machen! Konnte sie nicht endlich einmal mit ihrem Misstrauen aufhören und ihm wenigstens ein wenig Freiraum lassen? Wenn der Junge nicht wäre…..Nun, wenn er ehrlich war, auch ohne den Jungen wäre es sehr unerfreulich und anstrengend, sich Ingeborgs Zorn auszusetzen! Weiß Gott, wie das seiner Karriere schaden würde. Besser nichts riskieren. Weiter abwarten und durchhalten. Peterle würde das schon verstehen. Sie verstand ihn ja immer. Dafür liebte er sie ja auch so.

Er rannte durch den Park, um sich abzureagieren. Längst hätte er in der Kanzlei sein müssen, doch zum ersten Mal es war ihm egal, ob er auffiel. Seine Hand umklammerte ihren Brief. Wie konnte sie ihm das antun? Fassungslos schob er den Bogen Papier in den Umschlag zurück.
„Geliebter, Liebe meiner Seele, Einzigartiger –
du musst es doch gemerkt haben? Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann diese Beziehung nicht mehr so leben. Sie löscht das Leben in mir. Sie löscht mich aus. Wer auch immer uns zusammen geführt haben mag – er hat uns nicht das Vermögen gegeben, diese Liebe leben zu können. Ich fühle mich hingehalten,
in die Ecke gestellt, getäuscht, enttäuscht. Ich glaube, du liebst nicht mich – du liebst ein Gefühl, das dir gut tut und einen Ausgleich schafft. Ich habe dir meine ganze Liebe angeboten, du hast nur Häppchen gewollt. Lass es uns beenden!
Peterle“
Wieso jetzt auf einmal, aus heiterem Himmel? Hatte sie nicht auch gesagt, dass sie ihn liebt? War das alles nur Gerede gewesen?

In der Kanzlei eilte er in sein Büro. Aufgeregt flatterte die Sekretärin um ihn herum, zwitscherte… Er hörte nicht hin, riss die Tür auf – der Raum war gewachsen. Andreas hob die Augenbrauen in die Höhe, sah in die Ecke. Er war weg. Der Stahlschrank war verschwunden. SEIN Stahlschrank!
Es zwitscherte aufgeregt hinter ihm weiter: „Ja eben, Doktor Bralo, ist das nicht wunderbar? Herr Doktor Martin war der Ansicht, dass die Akten auch im Keller untergebracht werden könnten. Er hat ihre Frau angerufen, damit sie mit seinem Zweitschlüssel ihre persönlichen Papiere herausnimmt. Bestimmt wird Sie ihnen alles vollständig übergeben!“

Letzte Aktualisierung: 12.08.2007 - 20.35 Uhr
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