Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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August 2007
Ich wollte nicht gemein sein
von Evelyn Sperber

Jetzt reicht's, du eingebildeter Pinsel! Seit Wochen versuche ich, dich zu erreichen. Vergebens. Mit dir ist nichts mehr los. Das macht mich verrückt. Schlafen, immer nur schlafen. Als ob es nichts anderes gäbe, du drittklassiges Ungeheuer. Du bist gemein, niederträchtig, ein fauler Sack


Du schweigst. Das ist fies. Dein Schweigen macht mich krank. Ich brauche dich. Hörst du? Gleich schreie ich.


Mir kannst du nichts vormachen. Ich weiß alles. Ja, ich weiß genau, wo du bist. Du liegst mir nämlich schwer im Magen. Hör auf, mir deine Langeweile entgegenzuschnarchen. Hopp, raff deine morschen Knochen zusammen Lass mal 'n paar Ideen rüberwachsen, du nichtsnutziges Faultier. Wenn du in fünf Minuten nicht auf der Matte stehst, sind wir geschiedene Leute. Verstanden? Also, wird 's bald?


Ich warte, mein Freund. Hörst du? Der Ernst des Lebens wartet. ICH warte! Na?


Kein Lebenszeichen? Nun gut, wer nicht hören will, muss fühlen. Ich werde dich ersäufen. Ich werde eine ganze Flasche Rotwein trinken und dich dann auskotzen. Angenehme Aussichten, gell? Und wenn ich dich ausgekotzt habe, drehe ich dir den Hals um. Das gebe ich dir schriftlich. Schwarz auf weiß! Damit du es dir hinter die Ohren schreiben kannst. Vielleicht kapierst du dann endlich, was die Stunde geschlagen hat. Siehst du mein teuflisches Grinsen? Ich kann auch fies sein.


Sagtest du etwas? Sprich lauter und deutlicher. Ich verstehe dich nicht. Wie bitte? Ich soll meine Ohren aufsperren und dir zuhören? Jetzt wirst du auch noch frech. Hör DU mir mal zu, mein Junge, beleidigen lass ich mich nicht. Von dir schon gar nicht. Ist das klar?


Ich fühle mich von Gott und allen guten Geistern verlassen. Und von dir besonders. Aber mich kriegt ihr nicht unter. Was sind das für Spielchen, die ihr mit mir treibt?



Göttliche Spielchen?



»Ich verstehe das nicht. Irgendetwas ist schief gelaufen. Ich frage mich schon die ganze Zeit wieso und warum und finde die Antwort nicht.« Aufgeregt rannte Gott in der Küche auf und ab und raufte sich die Haare.


»Reg dich nicht auf, das schadet deiner Gesundheit«, warnte die Haushälterin Eleonore.


»Meine Gesundheit, meine Gesundheit! Es gibt wichtigere Dinge als meine Gesundheit.« Er machte eine Pause und stellte sich ans Fenster. Kopfschüttelnd schaute er hinaus.


»Hier, ich hab dir was zu essen gemacht.« Eleonore stellte Toast, Butter, Marmelade und Käse auf den Tisch. Der Tee duftete nach Melisse und Baldrian.


»Hab keinen Hunger«, knurrte Gott und starrte unverwandt nach draußen. »Ich verstehe das nicht, das will mir nicht in den Kopf.«


"»Was denn?«


Er setzte sich an den Tisch und trank einen Schluck Tee. »Dass die Menschen sich nach ewiger Jugend sehnen, dass sie partout nicht sterben wollen. Das begreife ich nicht, das will nicht rein in meinen Schädel.«


»Denen gefällt's auf der Erde.«


»Aber genau das ist es doch!« Er raufte sich die Haare. »Niemand sehnt sich nach dem Paradies. Niemand sehnt sich nach mir. Und dabei träumen sie von paradiesischen Zuständen.“


„Und machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle.“ Eleonore seufzte.


Gott seufzte auch. „Ich brauche einen Schnaps.“


„Wacholder oder Anis?“


„Doppelkorn.“


„Seuchen habe ich ihnen geschickt, Armut, jede Menge Krankheiten, Liebeskummer, schmerzhafte Abschiede, Erdbeben, stürmische Verwüstungen. Ich habe sie in Hochwassern und in Tränen ertränkt. Immer wieder habe ich mir die teuflischsten Boshaftigkeiten und Gemeinheiten ausgedacht, mit denen sie einander quälen können. Und trotzdem krallen sie sich an ihrem irdischen Leben fest, als wäre es das Paradies. Irgendetwas stimmt mit den Typen nicht.«


»Vielleicht hast du sie falsch programmiert.«


»Spinnst du? Ich, ausgerechnet ich soll einen so schwerwiegenden Fehler begangen haben? Hast du vergessen, dass ich unfehlbar bin?“


„Unfehlbar? Ach“, sie zögerte, „ich dachte, das sei dein Stellvertreter. Ist ja egal. Aber ich frage mich, ob es richtig war, den Menschen so viel Freiheit zu geben. Hast du auch eingeplant, dass sie die Freiheit missbrauchen könnten?“


Als er nicht antwortete, sondern sie nur kurz anknurrte, sprach sie weiter. „Deine anderen Geschöpfe, Tiere und Pflanzen, folgen in allem, was sie tun, deinem göttlichen Rat. Und die Menschen? Sie können tun und lassen, was sie wollen. Du redest ihnen nicht rein, führst sie nicht auf den rechten Weg. Du lässt sie im Stich. Wenn du mich fragst, das ist deiner unwürdig, das ist abscheulich, es ist der Ursprung allen Übels. Warum versagst du ausgerechnet deinem liebsten Geschöpf die göttliche Führung?“


Gott kniff die Lippen zusammen und seine Augen wurden schmal. „Du hast überhaupt nichts begriffen. Man könnte glauben, du hättest ein Spatzenhirn.“


„Spatzenhirn, das ist es!“


Er runzelte die Stirn.


„Du hast den Menschen zwar die absolute Freiheit gegeben, aber nicht den Verstand, damit sie vernünftig damit umgehen können.“


„Moment mal, ich habe ihnen Verstand und Vernunft einprogrammiert. Und vergiss nicht, sie haben vom Baum der Erkenntnis gegessen.“


Eleonore machte eine wegwerfenden Handbewegung. „Einen einzigen Apfel haben sie genascht. Glaubst du wirklich, der ist an allem schuld? Das bisschen Erkenntnis reicht doch nicht für den Umgang mit absoluter Freiheit.“


„Sollte ich ihnen etwa die ganze Fülle meines Verstandes und meiner Vernunft geben? Meine Weitsicht und meine Erkenntnis, die bis in die Ewigkeiten reicht?“


Eleonore überlegte, dann nickte sie.


„Weißt du, was das hieße? Sie würden mir nicht nur ähnlich, sie würden mir gleich werden. Auf der Erde gäbe es eine Götterschwemme.“


„Na und?“


„Eleonore! Hast du mein Gebot vergessen? Du sollst keine anderen Götter haben neben mir?“


„Deine Gebote kannst du einmotten, die übertreten sie doch sowieso.“


„Das sind blasphemische Gedanken.“ Die letzten Worte kamen stockend, das göttliche Gesicht lief krebsrot an, er röchelte. Dann kippte er um.


»Exitus,« stellte Eleonore fest, nachdem sie seinen Puls gefühlt und mit einem Taschenspiegel seine Atmung geprüft hatte. »Schlaganfall. Er hätte sich nicht so aufregen sollen.« Sie trat ans Fenster und schaute hinaus. Auf der Erde verabschiedete sich gerade der Frühling und wünschte dem Sommer ein gutes Gelingen. Sie hörte die Menschen lachen. »Wie's jetzt wohl weitergehen wird ohne die göttlichen Spielchen?«, murmelte sie vor sich hin und fing an, den Tisch abzuräumen.


Ein Räuspern ließ sie zusammenfahren. Sie drehte sich um. Gott rappelte sich hoch, klopfte ein paar Fussel von seinem Rock und sah Eleonore kopfschüttelnd an. „Hast du vergessen, dass ich unsterblich bin?“


* * *


Haha! Ich habe es geschafft. Ich habe eine Geschichte geschrieben. Ganz allein. Ohne dich, du fantasieloser Blindgänger. Wie bitte? Ich habe die Geschichte nicht allein geschrieben? Du hast mich inspiriert? Dass ich nicht lache! Geschlafen hast du, mein Junge.


Was brummelst du dir da in den Bart? Du bist nicht mein Junge? Wer bist du denn? Wie bitte? Mein Mädchen?


Natürlich! Logisch. Darauf hätte ich selber kommen müssen. Ich als Frau warte auf den männlichen Ideenfluss und vergesse meine weibliche Inspiration. Verzeih mir, das war gedankenlos, ich wollte nicht gemein sein.

Letzte Aktualisierung: 19.08.2007 - 22.46 Uhr
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