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August 2007
Wahre Freundschaft soll nicht wanken
von Gregor Schürer

Es gab niemanden, der sein Bett so machte wie sie. Sie rollte die Zudecke zu einer Wurst zusammen und legte sie dann zu einem Halbkreis gebogen auf das Laken. Die beiden kleinen Kissen - sie hasste die voluminösen Kopfkissen in 80 mal 80 mit Federfüllung - legte sie rechts und links darüber. "Wieso machst Du das?" hatte er sie einmal gefragt. "Schau, das sieht aus wie ein Gesicht. Da lacht mich schon jemand an, wenn ich in mein Schlafzimmer komme" war ihre Erklärung gewesen.

Julia hatte eben ihre Eigenarten. Das hatte schon damit begonnen, dass damals in der Kneipe sie ihn angesprochen hatte und nicht er sie. Er hatte am Tresen gesessen mit seinem Freund Holger, als sie auf dem Nebenhocker Platz nahm. "Ich habe noch nie einen Mann mit so schönen Händen gesehen" war ihr erster Satz gewesen und er war sprachlos ob dieser Anmache. Sie hatten sich verabredet zum Essen, außer einem Begrüßungskuss auf die Wange und ein paar flüchtigen Berührungen war nichts gewesen. Ein paar Tage später, im Kino - er wusste noch genau, welcher Film es war, sie hatten "Ocean Eleven" gesehen, weil sie für George Clooney schwärmte - war ihre Hand zärtlich auf Wanderschaft gegangen, vom Knie aufwärts bis sie zwischen seinen Beinen ankam. Sie hatten es beinahe nicht mehr bis zu ihr nach Hause geschafft, so prall war seine Hose geworden. Dort liebten sie sich bis zur Erschöpfung, doch sie gab erst Ruhe, nachdem sie dreimal gekommen war.


Fast ein Jahr waren sie nun zusammen, doch in seiner Wohnung war sie noch nie gewesen. Sie wollte das nicht. "Du kannst jederzeit zu mir kommen, darfst auch immer bei mir schlafen, wenn du willst. Aber in deine Junggesellenbude bringen mich keine zehn Pferde." Ihm war das so unrecht nicht, denn dann konnte er dort hausen, wie er wollte. Brauchte nicht aufzuräumen oder Staub zu saugen, weil sie zu Besuch kam. So gesehen war alles supergeil. Und deshalb ging es ihm auch supergut. Wenn er es so recht überlegte, war es gerade die glücklichste Zeit seines Lebens.

Natürlich kam Holger, sein Kumpel seit Kindertagen, jetzt ein bisschen zu kurz. Sie hatten sich früher sogar eine Wohnung geteilt. Bis Holger mit Britta zusammen gezogen war. Britta war Krankenschwester, immer sauber und adrett. Und geordnet sollte auch ihre Beziehung sein, also wohnte man auch zusammen, wenn man zusammen war. Holger hatte sich gefügt, denn "Schwester Britta" war ein echter Hingucker, Typ Heidi Klum.

Trotzdem verbrachte er mit Holger noch viel Zeit, beim Fußballspielen mit der Hobbymannschaft, beim Mountainbiken und "Bei Freddie", das war ihr Stammlokal. Echte Freunde wie sie, die ließen sich auch durch eine Frau nicht auseinander dividieren.
Nur auf "Schneckenjagd" ging er nicht mehr mit Holger. Er hatte mit Julia genug zu tun, doch Holger brauchte ab und zu mal was nebenbei. Das hatte auch seine Krankenschwester ihm nicht abgewöhnen können. Dafür verschaffte

er Holger auch ab und zu ein "Alibi". Der nannte ihn dafür Ali Bibi. "Du bist Ali Bibi und ich bin die vierzig Räuber". Das passte, denn an die vierzig Herzen hatte Holger sicher schon geraubt. Britta erzählte er, sie seien zusammen beim Kicken gewesen. "Stimmt ja auch fast" hatte Holger hinterher zu ihm gesagt, "ich habe ja einen Freistoß bekommen."

Als sie wieder mal bei Freddie saßen, erzählte er, dass er am Wochenende zu seiner Mutter fuhr. Die hatte 59. Geburtstag und freute sich, wenn Sohnemann kam. "Nimmst Du Julia mit?" fragte Holger. "Neenee, für das Vorstellen der Verlobten im Familienkreis ist ihr das noch zu früh. Aber zu Mamas Sechzigstem, da begleitet sie mich, das hat sie versprochen."
"Sag mal, dann könntest du mir doch deine Wohnung überlassen" kam Holger nach einigem Zögern mit seiner Bitte rüber.
Das hatte Holger ihn noch nie gefragt. "Wieso das denn? Hast Du wieder eine Schnecke angegraben?" "Ja. Und zu ihr können wir nicht. Sie will das nicht. Und bei mir daheim, du weißt ja. Und Hotel find ich irgendwie blöde." "Ich weiß nicht, das passt mir ehrlich gesagt nicht so. Du mit einer fremden Frau in meinem Bett." "Ach Mensch, jetzt sei nicht so. Für einen echten Kumpel muss man auch sein letztes Hemd hergeben."
Er erinnerte sich, wie sie früher, in Jugendzeiten, am Lagerfeuer " Wahre Freundschaft soll nicht wanken" gesungen hatten. Also willigte er ein und gab Holger die Schlüssel. "
Aber wenn ich Sonntagabend zurück komme, muss die Bude geräumt und das Bett frisch bezogen sein."


Mutters selbstgemachte Apfeltorte war wieder eine Wucht gewesen. Noch auf der Heimfahrt hatte er den Zimtgeschmack im Mund und Kindheitserinnerungen im Kopf. Vergnügt pfeifend öffnete er die Wohnungstür. Nur schnell unter die Dusche, dann zu Julia, um ihr zu erzählen, was sie kuchentechnisch verpasst hatte. Er ging ins Schlafzimmer, um sich frische Unterwäsche zu holen. Dabei fiel sein Blick aufs Bett. Er erstarrte. Ein Gesicht aus Decke und Kissen grinste ihn an.

Letzte Aktualisierung: 07.08.2007 - 19.54 Uhr
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