Honigfalter
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September 2007
Die Sünden der Väter
von Susanne Ruitenberg

Als wäre sie in Zement gegossen. Gedankensplitter funkeln im Brei. Parkplatz. Supermarkt. Sonne. So hell. Schwarze Sterne. Sie fällt, endlos, der Boden ist weit, weit weg, sie schwebt stundenlang durch das All und stürzt ins schwarze Loch. Stimmen. „He, was ist mit Ihnen?“ Ein junger Mann tätschelt ihre Wange, einen Moment lang sieht sie nichts als sein Gesicht, groß wie der aufgehende Mond im Nachthimmel.
Von ganz weit weg eine Kinderstimme: „Die alte Frau ist einfach umgefallen.“
Hände. Ein Auto. Alles so schwarz.
Nach einer Endlosigkeit.
Augen öffnen. Kleinen Spalt.
Zimmer.
Bin ich im Krankenhaus? Nee, da gibt’s keine Holzwände.
Wer bin ich? Beate. Beate Mohr.


Später. Der Nebel in ihrem Kopf ist dünner. Beate öffnet die Augen. Ein Bett, eine Kommode, ein Bauernschrank, karierte Wäsche. Kein Krankenhaus. Sie hängt am Tropf. Eine Almhütte mit Krankenstation? Sie versucht die Hand zu heben. Wo ist die Hand? Weg. Kein Gefühl mehr. Die andere auch. Eine Erhebung am Ende des Bettes. Ihre Füße? Sie spürt keine Verbindung zu ihnen. Nicht einmal den Kopf kann sie heben. „Hilfe.“ Ihr Flüstern ist kaum zu hören. Die Tür geht auf. Schritte. Ein Mann kommt in ihr Blickfeld. Der vom Parkplatz!
Er starrt sie minutenlang an. Ohne ein Wort zu sagen. Sein Gesicht ausdruckslos wie ein Roboter. Beate fällt in eine Kältewolke. Warum ist sie hier? Was will der Mann von ihr? „Wo? Bin ich?“ Sprechen ist anstrengend.
Er starrt sie an.
„Wer sind Sie?“ Ihr Mund ist so trocken.
Sein Blick durchbohrt sie.
„Warum haben Sie mich mitgenommen? Sind Sie Arzt?“
Langsam geht er einmal um das Fußende des Bettes herum. Sie folgt seinen Bewegungen mit den Augen. Aus der Tasche holt er eine Spritze heraus und jagt die Nadel in den Tropf. Er fixiert sie mit seinem Blick. Hellblaue Augen, die heißes Wasser gefrieren könnten. Wieso kommt er ihr bekannt vor? Eine Erinnerung deutet sich an. Gerd? Der Name ist böse, böse, böse; sie hat ihn in die Truhe gepackt und die Truhe ganz tief begraben, hinter der schwarzen Tür in dem Raum, den sie nie betritt. Sie steht davor. Nein, nicht öffnen, sie will nicht sehen, was sich dort verbirgt, ihr Herz klopft immer schneller und sie kann kaum atmen. Die Tür geht von alleine auf. In einem Schwall stürzt sich das Schwarz aus dem Raum und hüllt sie ein.

Es ist dunkel, als sie wieder erwacht. Sie blinzelt. Was war das? Ein eisiger Wassertropfen auf der Stirn. Noch einer. Sie zählt. Zehn Sekunden. Alle zehn Sekunden ein Wassertropfen. Ihr Kopf ist festgebunden. Was soll das? Beim nächsten Mal zählt sie mit. Ab acht wird das Warten auf den Wassertropfen unerträglich.
„He!“
Er nähert sich, hat die ganze Zeit neben dem Schrank gestanden und sie beobachtet.
„Was soll das, machen Sie das weg!“
Er leuchtet ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht.
Sie zuckt zusammen, als der nächste Tropfen fällt.
Zählt.
Zuckt.
Zählt.
Zuckt.
Irgendwann geht er, kommt mit einem Eimer wieder und füllt eisiges Wasser nach. Sie döst die wenigen Sekunden zwischen den Tropfen. Die Nacht ist endlos. Er füllt immer wieder auf. Als es draußen hell wird, weint sie. Ihr Kopf hämmert. Sie fühlt sich, als hätte sie eine Woche lang nicht geschlafen. Der Hunger bohrt in ihrem Bauch. Warum stirbt sie nicht endlich?
„Bitte, ich muss mal.“ Er schüttelt den Kopf.
Sie kann es nicht länger halten. Jetzt liegt sie in einer Pfütze.
Nachdem der Eimer leer ist, geht er.
Stunden später kommt er wieder, mit einem neuen Beutel für den Tropf.
„Bitte. Geben Sie mir etwas zu essen und trinken. Ich hab solchen Durst.“ Ihre Stimme ist nur noch ein heiseres Flüstern. Er steht am Fußende des Bettes und sieht auf sie herab. So viel Hass in diesem Blick. Sie würde so gerne den Kopf wegdrehen. Kann sie nicht. Er geht. Sie wird von einem Verrückten gefangen gehalten. Ihr Schluchzen ist trocken, zu trocken für Tränen.

Beate dämmert vor sich hin. In ihren dröhnenden Kopfschmerz blitzen Erinnerungsfetzen auf. Sie will sich nicht erinnern.
Als es dunkel wird, kommt er mit dem Eimer in der Hand zurück.
„Nein, nicht noch mal die Wassertropfen. Ich halte es nicht aus. Bitte, lassen Sie mich gehen. Was wollen Sie? Lösegeld? Für mich kriegen Sie nix, aber ich gebe Ihnen alles was ich habe. Bitte ...“
Er befestigt den Eimer.
Pling.
Sie zählt.
Pling.
Sie beginnt zu zittern.
Pling.
Sie wimmert.
Er nickt kurz und geht.
Beate fällt in Dämmerschlaf. Die Erinnerungsfetzen werden deutlicher.

Gerd. Er schlägt sie.

Der Eimer ist leer. Der Mann kommt wieder und füllt auf. Er hat eine Zigarette dabei. Rothhändle. Er bläst ihr den Rauch ins Gesicht, bevor er geht.

Ein Brandfleck auf der Haut. Wessen Haut? Das war Gerd. Welcher Gerd?

Beim nächsten Eimerfüllen hat der Mann eine Flasche dabei. Er gießt sie über Beates Gesicht, aufs Kissen, auf ihren Oberkörper. Korn. Die Alkoholschwaden benebeln sie, ihr wird schlecht. Sie muss würgen. Diesmal grinst der Mann, bevor er wieder verschwindet.

Sie hängen auf dem Sofa, sie und Gerd. Leere Flaschen auf dem Tisch. ‚Mach Essen, du dumme Schlampe.’ Mühsam zieht sie sich hoch. Er schlägt ihr eine Flasche auf den Kopf.

Die Nacht dauert Jahre.
Am nächsten Morgen kann sie kaum die Augen aufhalten. Der Mann betritt den Raum, stellt sich ans Bett und starrt sie an. Jetzt würde sie gerne wieder in die Schwärze fallen. Es geht nicht. „Bitte.“
Wortlos drückt er auf einen Knopf, das Kopfende des Bettes wird angehoben. Seine Eisaugen fixieren sie lange. „Du hast versagt.“ Er hat mit ihr geredet! Vielleicht kann sie ihn erweichen. Ein Hauch von Hoffnung lässt ihr Herz schneller schlagen.
„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Bitte erklären Sie es mir. Ich tu' alles, was Sie sagen.“
„Es ist zu spät.“
„Aber ich habe Ihnen doch gar nichts getan.“
„Alles hast du getan. Nichts hast du verhindert. Das hier ist deine Schuld.“
Er wirft ein Foto auf die Bettdecke. Ein kleiner Junge, blaue Flecken im Gesicht, auf den Armen, auf dem Brustkorb. Ein Aktenzeichen auf dem Foto.

Vier heulende Kinder. Der älteste versucht, die Kleinen zu schützen. Ein Mann steht über ihnen. Gerd. Er hat einen Weidenstock in der Hand und drischt wie besessen auf sie ein. Beate nähert sich vorsichtig. „Das reicht doch, nur wegen dem kaputten Glas!“
Blitzschnell dreht er sich um; schlägt ihr ins Gesicht. „Hau ab. Ich bin nicht fertig mit ihnen.“


„Wer ist der Junge?“
Er schüttelt den Kopf. „Du weißt es wirklich nicht mehr. Hat der Schnaps dein Gehirn gefressen? Oder die Jahre im Knast?“
Stimmt, sie war ja im Knast gewesen. Warum eigentlich? Alles so lange her. Jetzt ist sie draußen. Arbeitet als Putzfrau.
Er wirft ein weiteres Foto vor ihr Gesicht. Ein Mädchen. Ausgemergelt. Strähnige Haare, tiefschwarz umflorte Augen. Eigenartig, das Mädchen sieht so tot aus. Fragend sieht Beate den Mann an. Er hält ihr das Foto ganz dicht vor die Augen. „Denk nach, dumme Plotsche.“ So hat Gerd sie auch immer genannt. Wenn er wütend war. Der Mann ist auch wütend. Sie spürt seinen Hass wie elektrische Ladung von ihm abstrahlen.
„Ich kann nicht denken. Ich habe Hunger.“
„Was weißt du schon von Hunger? Hast du nächtelang wach gelegen, weil du vor Hunger Magenschmerzen hattest? DAS HIER IST HUNGER.“ Er wedelt mit dem Bild vor ihren Augen. Eine Erinnerung bricht durch die schwarze Tür, giftig wie der Rauch über einer brennenden Müllkippe.

Es ist nach Gerds Tod gewesen. Zwei Wochen ist sie mit ihrem neuen Freund von Party zu Party gezogen, selten nüchtern. Ihre Kinder hat sie fast vergessen. Sie geht zur Wohnung, schließt auf. Jemand weint. Der Flur liegt voll Müll. Können die Dreckbälger nicht aufräumen? In der Küche ist alles schimmelig. Das Weinen kommt aus dem Wohnzimmer. Dennis ist auf dem Sofa, Josefyne im Schoß. Kevin, ihr Großer, sitzt unten. Er wiegt Cheyenne in den Armen. Der Teppich ist versifft. Jemand hat alles vollgekotzt. Warum sind die Kinder so dünn? „Mama, Cheyenne ist krank. Ich glaub sie geht tot.“

„Kevin?“
„Du hast uns wirklich vergessen. Gut, dass ich deiner Erinnerung auf die Sprünge helfe. Du und Papa, ihr habt immer nur gesoffen und geraucht. Wir haben kaum zu essen bekommen. Nachdem er tot war, bist du selten daheim gewesen.“
„Ihr habt mich an Gerd erinnert. Mich hat er doch auch geschlagen.“ Die Erinnerungen, die sie jahrelang vergraben hatte, jetzt schießen sie hoch wie Lava aus einem Vulkan.
„Warum bist du nicht abgehauen?“
„Weiß nicht. Wo hätt' ich denn hinsollen?“
„Zur Polizei oder ins Krankenhaus. Wenigstens versuchen, Hilfe zu finden."
"Das wär' so ein Aufwand gewesen."
"Aufwand! DAS waren wir für dich? Aufwand! Soll ich dir sagen, wo die anderen sind?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Alles ist dir scheißegal. Wie früher. Cheyenne, meine süße kleine Cheyenne, sie ist tot. Dennis und Josy sind im Knast. Ich suche dich seit Jahren. Und dann fällst du mir einfach so auf dem Parkplatz vor die Füße. Es ist ein Zeichen. Jetzt weiß ich, dass es stimmt.“
„Was stimmt?“
„Ich habe einen Auftrag. Sie will, dass du das gleiche fühlst wie sie.“
„Wer?“
„Cheyenne, natürlich. Sie redet mit mir. Sie will, dass ich es tue.“
„Du spinnst doch.“
"SAG DAS NICHT NOCH EINMAL." Er ohrfeigt sie. Es flimmert vor ihren Augen.
"Was ... hast du vor?"
"Du sollst fühlen, was sie gefühlt hat. Hunger. Durst. Qual. Verzweiflung. Ich gucke zu, wie du stirbst. Langsam, Stück für Stück. Wie Cheyenne."
"NEIN, das kannst du nicht tun. Bitte, Kevin. Ich flehe dich an. Verzeih mir. Ich wollte das alles nicht. Ich wollte doch besser sein als meine Alten."
Beinahe traurig schüttelt er den Kopf.
„Zu spät. MUTTER.“
Er fährt das Kopfende wieder herunter. Nimmt den Wassereimer vom Haken.
"Ich bin gleich zurück."
Als der erste Wassertropfen auf ihre Stirn trifft, beginnt sie zu schreien; sie schreit, bis ihr Hals schmerzt und ihre Stimme in Krächzen übergeht.
Kevin bringt einen Stuhl, stellt ihn neben das Bett, setzt sich darauf, zündet eine Zigarette an und lehnt sich zurück.

Letzte Aktualisierung: 27.09.2007 - 14.22 Uhr
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