Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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September 2007
Babyblues
von Julia Breitenöder

Schrille Schreie zerrissen die Dunkelheit. Annalena kämpfte sich hoch, die Müdigkeit umfing sie zäh wie Schneckenschleim. Sie tastete nach dem Wecker. Das Licht im Display flackerte: Viertel vor drei. Konnte das sein? Keine zwei Stunden? Als sie mit wackeligen Knien aufstand, geriet der Deckenberg auf der anderen Seite des Betts in Bewegung. Ein müdes Murmeln: „Schon wieder?“. Sven drehte sich auf die andere Seite und zog das Kissen über seinen Kopf, der Deckenberg änderte seine Form.
Annalena verzichtete auf eine Antwort. Sven war sicher schon wieder ins Traumland abgetaucht. Außerdem war sie nicht sicher, ob sie in der Lage wäre, andere Töne als das „Schschschsch“ hervorzubringen, mit dem sie ihre kleine Tochter zu beruhigen versuchte. Maja brüllte in unverminderter Lautstärke weiter. Annalena hob sie aus der Wiege und ließ sich in den Schaukelstuhl sinken. Sie knöpfte ihr Nachhemd auf. Der warme Babymund verstummte, suchend fuhren die Lippen über ihre Haut und schlossen sich zufrieden schmatzend um die Brustwarze. Annalena legte den Kopf zurück. Sie lauschte den Trinkgeräuschen ihrer Tochter. So schön, so friedlich. Alles wäre perfekt, wenn sie nicht wie gelähmt vor Müdigkeit wäre. Maja hielt sie rund um die Uhr auf Trab, auch nachts gönnte sie ihr nicht mehr als drei Stunden Schlaf am Stück. Annalena gähnte.
„Schau deine Mama an, Maja. Um Jahre gealtert, dabei wollte ich doch eine vor Glück strahlende junge Mutter sein.“
Maja war beim Trinken eingeschlafen, das Köpfchen ruhte an Annalenas Brust. Die geschwungenen Wimpern warfen im Mondlicht Schatten auf die kleinen Pausbacken, ein paar Tropfen Milch waren ihr über die Wange gelaufen und hatten eine glitzernde Spur hinterlassen. Annalena drückte das Baby an sich, vergrub ihre Nase in den watteweichen Haaren und sog den unverwechselbaren Duft ein.
„Du hast keine Ahnung, wie lieb ich dich habe“, flüsterte sie. „Trotzdem beneide ich dich manchmal um dein unkompliziertes Babyleben. Alles ist noch so einfach, wenn du schreist, kommt sofort jemand, um zu schauen, was los ist, jeder bewundert dich, schmust mit dir. Und Mama und Papa hast du sowieso von der ersten Minute an um den Finger gewickelt.“
Annalena legte Maja wieder in die Wiege, strich ihrer Tochter noch einmal über das Köpfchen und stolperte zurück zum Bett. Müde, so müde. Sofort hüllte der Schlaf sie ein wie eine warme, weiche Decke.

Dunkelheit und Enge, grauenvolle Enge. Ihr Körper lag in einem schmalen Gang, dessen Wände sie von oben bis unten fest umschlossen, ihr Kopf wurde eingezwängt. Die Wände zogen sich noch weiter zusammen, Annalena bekam keine Luft mehr. Ein Schrei stieg in ihr auf, gequält und angstvoll, ihre Lippen öffneten sich, doch kein Laut kam heraus. Mit gewaltigem Druck wurde sie durch den Tunnel geschoben, es war, als würde ein Riese den Gang abwechselnd umklammern und loslassen. Als Annalena das Gefühl hatte, es keine Sekunde länger ertragen zu können, umschlossen die Wände sie noch einmal fest und plötzlich wurde sie ins Freie katapultiert. Eisige Kälte empfing sie, grelles Licht blendete ihre Augen. Gierig sog Annalena die Luft ein, das Atmen tat ihren Lungen weh. Sie öffnete den Mund, und diesmal klappte es. Ein jammerndes Quäken tönte durch den Raum.

Annalena erwachte keuchend, ihr Herz klopfte. Was für ein schrecklicher Traum! Sie wimmerte. Etwas schlug hart gegen ihre Nase. War das ihre Hand, mit der sie sich eigentlich die Augen hatte reiben wollen? Zitterte sie etwa so stark?
„Sven“, wollte sie rufen, doch der Name kam unverständlich als schwaches Jammern heraus.
Ihr Kopf fühlte sich schwer an, und als sie ihn bewegte, kostete es alle Kraft und Konzentration, ihn nach rechts zu drehen. Dorthin, wo Sven neben ihr hätte liegen sollen, friedlich schlummernd unter seinem Deckenberg. Da war kein Deckenberg. Nicht mal ein Kissen. Im Dämmerlicht erkannte sie Gitterstäbe vor einer ihr unbekannten Wand. Auf der Tapete tanzten Teddys. Wo war sie? Was war passiert?
Annalena versuchte, sich auf die Seite zu drehen, aber ihr Körper gehorchte nicht. Die Hände flatterten kurz durch die Luft, bevor sie sich wieder auf ihren Bauch legten, den Beinen konnte sie ein Strampeln abringen. Die Extremitäten verweigerten die Kooperation. War der ständige Schlafmangel zu viel für ihren Körper gewesen? Ein Schlaganfall? Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen und Sprachverlust – alles deutete darauf hin. Aber wo war Sven? Und wer kümmerte sich um Maja? Annalena unterdrückte die aufsteigenden Tränen und biss sich auf die Lippe. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Mund sich seltsam anfühlte. Vorsichtig tastete die Zunge durch die Mundhöhle. Ganz langsam sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass sie keinen einzigen Zahn mehr besaß. Die Zunge glitt über nacktes Zahnfleisch. Nun ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten, Annalena schrie ihr Entsetzen heraus.
Nach kürzester Zeit beugte sich eine fremde Frau über sie. Eine riesengroße Frau. Sie knipste eine Lampe neben dem Bett an und strich Annalena beruhigend über den Kopf.
„Schschschsch, mein Schatz, was ist denn?“
Warum war diese Frau so groß? Annalena kam sich winzig vor, und jetzt griff sie auch noch mit ihren baggerschaufelgroßen Händen nach ihr und hob sie scheinbar mühelos aus dem Bett.
„Hast du Hunger?“
Annalena hatte nicht bemerkt, dass die Frau ihre Bluse aufgeknöpft hatte. Jetzt wurde sie gegen die nackte Brust gedrängt und hartnäckige Finger versuchten, ihr die Brustwarze zwischen die zusammengekniffenen Lippen zu schieben. Angeekelt drehte Annalena den Kopf so weit wie möglich weg. Ihren Protest konnte sie nur in wütendem Gebrüll äußern.
„Keine Milch? Dann vielleicht der Schnuller?“
Annalena würgte und spuckte, als das Silikonteil ihren Mund ausfüllte. Doch die Frau schob es unerbittlich wieder hinein und wiegte sie leise summend auf dem Arm. Da ihr nichts anderes übrig blieb, nuckelte Annalena am Schnuller und ließ das Schaukeln über sich ergehen. Seltsamerweise hatte es eine beruhigende Wirkung.
„Jetzt weiß ich, warum Maja ihren Schnulli so liebt“, dachte sie schläfrig.
Die Frau jubelte.
„Oh, ein Lächeln, warum habe ich jetzt keine Kamera hier? Komm, Schätzchen, jetzt gibt es eine frische Windel, dann kannst du gut weiterschlafen.“
Windel?? Annalena wand und drehte sich, es half nichts. Die Frau zog sie aus, wusch sie und verpackte ihr Hinterteil flink in eine neue Windel. Dann gab sie ihr einen Kuss und legte sie ins Bett.
„Schlaf schön, mein Schatz. Und gönn deiner Mama mal eine Stunde mehr Schlaf.“
Sie löschte das Licht, strich Annalena über die Wange und verließ den Raum.

Annalenas Gedanken rasten wie eine Herde durchgehender Pferde. Ein Albtraum? Das war kein Krankenhaus oder Pflegeheim, die Frau war definitiv keine Krankenschwester. Sie hatte sie wie ein Baby behandelt. Ein hilfloses Bündel in einem Gitterbett.
Annalena wollte nur noch schlafen. Wenn sie aufwachte, würde sie mit Sven über diesen absurden Traum lachen. Ihr Daumen wanderte zum Mund, die Lippen umschlossen ihn zufrieden saugend. Annalena fühlte das glatte Zahnfleisch. Ein Prickeln überlief ihren Körper, kalt und spitz wie die Stiche eisiger Nadeln. Was, wenn es gar kein Traum war?
Der kleine, zahnlose Mund öffnete sich weit. Schrille Schreie zerrissen die Dunkelheit.

Letzte Aktualisierung: 27.09.2007 - 16.16 Uhr
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