'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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September 2007
Mutterliebe
von Tanja Muhs

Armer Grischa! Woher bist du gekommen?
Eines Tages warst du einfach da, aus dem Nichts. Es ging so schnell und obwohl ich dich nicht kannte, liebte ich dich wie eine Mutter, echte, uneigenn√ľtzige Liebe. H√§tte ich etwas tun k√∂nnen? H√§tte ich sollen?
W√§rest du gegangen, h√§tte ein guter Freund einen Termin bei dem besten Psychologen am Platze f√ľr dich vereinbart?
Wahrscheinlich - und nötig wäre es auch gewesen, aber du hattest keinen guten Freund. Nur eine Mutter habe ich dir gegeben.
Und hätte ich dich zum Psychologen getrieben, was hättest du auf die obligatorische Frage nach deiner Kindheit geantwortet?
Wohl nichts. Instinktiv hättest du in deine Jackentasche gegriffen, doch sein strenger Blick hätte dich innehalten lassen, nur widerwillig hättest du den Griff um die Zigarettenschachtel gelockert, wärest dir mit der nun freien, unbeschäftigten Hand durchs Haar gefahren und hättest mit den Schultern gezuckt.
Wie konnte eine Kindheit schon sein, wenn man Grischa Maria Alexej Köhler hieß?


Mutter K√∂hler streichelte ihr zehnte-Woche-B√§uchlein, das noch keines war und dachte nach. Ja, etwas Russisches sollte es sein, obwohl ihr Sohn dem Pass nach wahrlich kein Russe werden w√ľrde. Grischa! Grischa, der russische Diminutiv von Georg und Gregor. Das klang bedeutend, nach so viel mehr, nach Niedlich-Kleinem und gleichzeitig Gro√üem, bedachte man den Ursprung. Ihr Sohn eingereiht in eine Linie von Heiligen, F√ľrsten und K√∂nigen. Wegweiser w√ľrde der Name sein, ihn erinnern, wenn man ihn riefe, an die Bestimmung, die Mutter K√∂hler sich f√ľr ihn erdacht, an Erbtante Maria, die ein klein wenig der erhofften Glorie bereits in das K√∂hlersche Leben gebracht hatte, erheben w√ľrde er ihn √ľber die missliche Unfreientradition, die noch im Nachnamen steckte.

Das Schreien deiner Mutter hallt mir in den Ohren, den Arzt h√∂re ich sagen: ‚ÄěEin Junge! Meinen herzlichen Gl√ľckwunsch!‚Äú Selig l√§chelt sie, sie wird dir den richtigen Weg ebnen. Ich sehe sie √ľber deine Wiege gelehnt, h√∂re ihre Stimme traurige, russische Weisen singen, die sie in einem Buch gelesen hat. Ich sehe dein kleines Gesichtchen hin- und her wiegen, sacht und melancholisch, wie an Vergangenes erinnernd, wird Mutter sagen und Vater wird ob dieses Unsinns mitleidig den Kopf sch√ľtteln. Sie f√§ngt dich ein, spinnt und spinnt, umspinnt dich mit einem klebrigen Netz m√ľtterlicher F√ľrsorge, m√ľtterlichen Wohlwollens, das du nicht verlieren willst, darfst, kannst, du hast doch nur sie. Sie h√∂rt nicht zu, dir nicht, Vater nicht, sie zuckt nur mit den Schultern, denn ihr Mutterherz wei√ü es so viel besser. So gut meint sie es, Gr√∂√ütes w√ľnscht sie sich f√ľr dich, Gr√∂√ütes wie es ihrem einzigen Sohn geb√ľhrt. Du sollst es mal besser haben als sie.

Grischa war sieben, als er zum ersten Mal aus der Schule nach Hause kam und weinte. Es war sein erster Schultag. Schluchzend verfluchte er die Lehrerin, die Schule, die Mutter, seinen Namen, doch Mutter K√∂hler zuckte nur mit den Schultern und verschwand in der K√ľche, um das Essen zu bereiten, w√§hrend der Vater ihm in die Seite knuffte, l√§chelte und sagte: ‚ÄěJeder hat halt seine eigene fixe Idee und sie hat eben eine Vorliebe f√ľr die Romanows. Sei froh, dass sie dich nicht Rasputin genannt hat!‚Äú Doch das vermochte Grischa nicht zu tr√∂sten.

Ich sehe dich in deiner Klasse sitzen, zusammengekauert, die Schultern hochgezogen. Du bist ein sanftes Kind. Scheue Blicke wirfst du den vielen fremden Kindern unter deinem langen Pony zu. Deine geschwungenen Wimpern zucken, als die Lehrerin alle Kinder mit ihrem vollen Namen aufruft. Die Kinder glucksen, kichern, lachen, so fremd klingt dein Name, so anders, so seltsam, so l√§cherlich. So anders f√§llt dein Haar, so anders der √Ąrmel deines Hemdes √ľber die blauen Adern deiner blassen Handgelenke. Es ist eine Tortur, aber du arrangierst dich damit, du musst es ja. Sogar zur Ski-Freizeit f√§hrst du schlie√ülich mit in deinem Abschlussjahr. Ich sitze an deinem Bett im Krankenhaus, nehme den Desinfektionsgeruch wahr, als du das Skifahren verfluchst und dir √ľber den Gips streichst, der deine zertr√ľmmerte Hand ruhigstellt. Du hasst diesen Geruch und ich wei√ü, dass ich ihn dir viele Male nicht werde ersparen k√∂nnen, wie sehr ich mich auch bem√ľhe, und du wei√üt es auch. Von heute an werde ich mich jeden Tag mehr um dich sorgen, jeden Tag um dich herumhetzen, gesch√§ftig und zugleich so paralysiert. Um dich herum werde ich aufr√§umen, nicht nur jeden Stein dir aus dem Weg r√§umen, damit du nicht f√§llst, jeden Gehsteig dich umwandern lassen, damit du nicht stolperst, sondern auch jede Scherbe, jede Klinge verschwinden lassen, bevor du den Raum betrittst. Dann werde ich nicht weitermachen, sondern zum Joggen gehen, mich im Kino ablenken oder vielleicht sogar meine Krimskramsschublade in der K√ľche aufr√§umen, nur damit ich mich nicht an den Schreibtisch setzen muss, denn ich kenne dein Dilemma besser als jede andere, es qu√§lt mich, dich aber nicht, du erahnst es vielleicht, aber wei√üt es noch nicht.

Als der Anruf aus dem S√ľdtiroler Krankenhaus kam, frohlockte Mutter K√∂hler gleich zweifach. Hatte sie es nicht immer gewusst? Vorher war es einzig m√ľtterliche Intuition gewesen. So ein untr√ľgliches Gef√ľhl, das M√ľtter haben, wenn sie ihr Kind unter dem Herzen tragen, wissend, dass es nicht nur nach besch√ľtzender Mutterliebe lechzte, sondern auch weitaus mehr in ihm steckte, als der Sohn einer Hausfrau und eines Maurers zu sein. Dann waren die Zeichen dazu gekommen. Grischas von jeher aristokratische Nase, diese zarten, feingliedrigen Finger, die f√ľr Arbeit nicht geschaffen waren, ferner seine von Muttern unterst√ľtzte, geradezu gef√∂rderte Liebe zum Aufenthalt im Freien in kalten Wintern und zu Hochprozentigem, denn waren sie nicht ein Anzeichen f√ľr das erwartete Herausbrechen der russischen Gene? Und jetzt auch noch diese Best√§tigung f√ľr die Richtigkeit von Annahmen und Rechtfertigung von Verhalten - Grischa war fast ein Bluter, litt unter einer angeborenen, vom Alkohol eventuell vorangetriebenen St√∂rung der Blutpl√§ttchenbildung! Sch√ľtzen, besch√ľtzen, leiten, umso mehr jetzt, wo seine Krankheit erkannt war - und sie tat es. Als absoluten Beweis empfand Mutter K√∂hler es damals, doch ein weiterer sollte folgen ‚Äď Grischa heiratete tats√§chlich Nina Romanowski, die Tochter von Mutters Jugendfreundin, wenige Jahre sp√§ter.

Ich bin Trauzeugin bei deiner Hochzeit mit N. und dein Blumenm√§dchen. Ich sehe Mutters L√§cheln als ihr euch das Ja-Wort gebt. Endlich. Sie hat dich darauf vorbereitet, das Leben zu leben, das f√ľr dich bestimmt ist. Sie glaubt es wirklich, Grischa, glaubt, dass du leben sollst, was ihr verwehrt geblieben ist, weil niemand vor ihr die Wahrheit erkannte, die Wahrheit, dass blaues Blut in ihren und deinen Adern flie√üe, dass die √ľbrigen zwei Zarenkinder nicht an diesem Tag gestorben, sondern die Welt unter anderem mit dir bev√∂lkert haben. Du bel√§chelst sie, gleichzeitig liebst du sie. Sie meint es doch so gut. N. liebst du auch und N. dich. Sie versucht es, k√§mpft, zerrt an dir, will dich befreien aus dem Mutter-Kokon, lange, doch du bist wie ein Kaugummi zwischen Mutters Schuhsohle und N.s Bodenhaftung. Irgendwann gibt sie auf, l√§sst dich unter Mutters Schuh weiterwandern. Du leidest wie ein Tier, als N. dich verl√§sst.
Stumm beobachte ich dich bei deinem Termin beim Scheidungsanwalt. Du bist inzwischen 37 Jahre alt. Immer wieder h√∂re ich Musik, ein Requiem. Ich will das alles nicht wissen! Ich springe vom Schreibtisch auf, will gesch√§ftig sein, um nicht daran zu denken, um nicht von dieser B√ľrde erschlagen zu werden und gehe wieder joggen. Als ich den Computer herunterfahre und meine Laufschuhe anziehe - vorher bin ich nie gelaufen, Grischa, du hast mich dazu gebracht! - denke ich: Es liegt in meiner Hand und meine Hand kann dich nicht t√∂ten.


Als Mutter K√∂hler es erfuhr, konnte sie es nicht fassen, dachte, jemand h√§tte sich einen √ľblen Scherz mit ihr erlaubt. Aber, nein, es war Grischas schwungvolle Handschrift, keine Frage. Er schrieb, er habe etwas verstanden, er k√∂nne so nicht weitermachen. ‚ÄěEs tut mir Leid, aber versteh bitte, Mutter! Wenn du diese Zeilen liest, habe ich die Stadt und mein altes Leben verlassen! Ich m√∂chte endlich mein Leben leben und nicht das, das du dir f√ľr mich erdacht hast! Mein Leben war deine Fiktion, doch damit ist jetzt Schluss! Bitte suche mich nicht! In Liebe, dein Sohn Grischa.‚Äú
Mutter K√∂hler sah in das Gesicht ihres Mannes, der ihr am Tisch gegen√ľbersa√ü. Dann sprang sie auf, langte nach ihren Schuhen und dem Telefon, rief, man m√ľsse los und ihn suchen, doch ihr Mann griff nach ihrem Arm. ‚ÄěLass den Jungen endlich gehen!‚Äú, sagte er.

Dein Leben ist meine Fiktion. Gut m√ľsste es sich anf√ľhlen, aber meine Liebe zu dir schmeckt mir schal. Ich klammere, klebe. Was bin ich f√ľr eine Mutter, die dir deinen ureigenen Weg versperrt?

Als Mutter K√∂hler es erfuhr, konnte sie es nicht fassen, dachte, jemand h√§tte sich einen √ľblen Scherz mit ihr erlaubt. Aber, nein, es war Grischas Handschrift, keine Frage. Er schrieb, er habe etwas verstanden, er k√∂nne so nicht weitermachen. ‚ÄěEs tut mir Leid, aber versteh bitte, Mutter! Wenn du diese Zeilen liest, habe ich diese Stadt und diese Welt und dieses Leben hinter mir gelassen! Ich kann nicht das Leben leben, das du f√ľr mich erdacht hast, denn es ist nicht meins! Mein Leben war deine Fiktion und niemals mehr als das! In Liebe, dein Sohn Grischa.‚Äú
Mutter K√∂hler sah in das Gesicht des Mannes, der ihr am Tisch gegen√ľbersa√ü. Dann sprang sie auf, schrie, doch ihre Beine konnten diese √ľberschwere Last nicht tragen und auch die Tr√§nen machten sie nicht leichter. Der Arzt, der im T√ľrrahmen bereit gestanden hatte, eilte herbei und gab ihr eine Beruhigungsspritze. Als der Pfarrer vom Tisch aufstand, griff Vater K√∂hler nach dessen Arm. ‚ÄěWie...?‚Äú, fragte er. ‚ÄěPulsadern, der arme Junge.‚Äú, antwortete der Pfarrer, t√§tschelte dem Vater die Hand, in die er Grischas Abschiedsbrief legte und ging.

Letzte Aktualisierung: 27.09.2007 - 14.20 Uhr
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