'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgesp├╝rt.
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September 2007
Hinter den eigenen vier W├Ąnden
von Frauke Gimpel

Er streckte die Beine, w├Ąhrend er langsam den Kopf hob. Es war still in der Wohnung. Nur dann und wann drang ein Ton von au├čen herein. Deshalb lebte er hier, deshalb liebte er es hier. In einem Haus aus dickem Stein konnte er zuhause sein, fand er Ruhe.

Der Dielenboden war kalt geworden. Seit einer Woche musste er heizen. Genau seit dem Abend, an dem er sie getroffen hatte, war es kalt. Vielleicht war es ihre Schuld. Vielleicht auch nicht. Er f├╝hlte die Seiten seines Buches und schauderte. Nur noch wenige Seiten ├╝brig. Bald w├╝rde er auch diese Welt hinter sich lassen m├╝ssen. Noch bevor die Kerze heruntergebrannt war.

Er f├╝hlte sich m├╝de, seit sie geradewegs aus seinen Gedanken und in sein Leben gestolpert war. Es war ihre Schuld, dass er m├╝de war. Sicherlich ihre Schuld. Sie war daf├╝r verantwortlich, dass er nicht schlief. Sie nicht allein lassen konnte und ihr im Geiste auf Schritt und Tritt folgte. Daf├╝r verantwortlich, dass ihm hei├č und kalt war. Dass er mehr B├╝cher verschlang und mehr Welten verbrauchte, als je zuvor. Sie hatte diese Phase eingel├Ąutet und er hatte keine Macht dar├╝ber. Um sich nicht in ihrer Welt zu verlieren, st├╝rzte er sich kopf├╝ber in fremde Universen, die ihn forttrugen.

Jetzt stand sie vor seiner Wohnungst├╝r, w├Ąhrend er seine F├╝├če betont langsam ├╝ber den Dielenboden streckte. Sie wartete darauf, dass er die Hand auf die Klinke legte. Dass er auf sie zu ging und ihr den Weg ├Âffnete. Sein Kopf drehte sich ohne sein Zutun langsam zur T├╝r. Vorhin hatte er geglaubt, den Schatten ihrer F├╝├če vor der T├╝r zu sehen. Aber er hatte nur einen fl├╝chtigen Blick riskiert.

Seit er sie getroffen hatte, traute er sich selbst nicht mehr ├╝ber den Weg. Aber so sehr er jetzt auch schaute, ihre F├╝├če waren nicht zu sehen. Im Flur brannte schon lange kein Licht mehr und selbst wenn sie noch dort w├Ąre, k├Ânnte er sie nicht sehen. Nicht einmal in dem Spalt unter der T├╝r. Sicherlich war sie noch da. Sie w├╝rde warten, bis er herauskam. Er w├╝rde nicht gehen. W├╝rde hier bleiben, bis sie gegangen war. Bis er sicher war, dass er allein war.

Das Kribbeln in den Beinen steigerte sich von einem leisen Knistern zu einem Feuerwerk. Aber er zuckte mit keiner Wimper. Sicherlich war sie schon gegangen. Wenn sie jemals hier gewesen war. Schlie├člich legte er das Buch zur Seite und trat ans Fenster. Die B├Ąume schaukelten im Novemberwind und hatten ihm nichts zu erz├Ąhlen. B├Ąume mochte er, auch weil sie nicht in ihn drangen. Seine Glieder waren noch steif vom Sitzen, sein R├╝cken war kalt wie die Wand. Aber das Gef├╝hl der Dielen unter seinen Fu├čsohlen war fest und schwankte nicht. Es sei denn, er dachte an sie. Dabei war es sie, die gestolpert war. Und er der sie in seinen Armen gerettet hatte. Ihr L├Ącheln hatte das Gleichgewicht gest├Ârt, als er sie am Fu├č der Treppe aufgefangen hatte.

Als das Telefon durch die Stille schnitt, zuckte er zusammen ohne sich vom Fenster abzuwenden. Woher sie seine Nummer hatte, fragte er sich. Aber das Telefon gab ihm keine Antwort. Ihr L├Ącheln hatte alles ver├Ąndert. Jetzt qu├Ąlte sie ihn mit einem weiteren Schrillen. Und dann mit einem weiteren. Schlie├člich drehte er sich um und betrachtete das Telefon, dessen W├Ąhlscheibe zu vibrieren schien, wenn es die Stille unterbrach. Er z├Ąhlte die Sekunden zwischen den T├Ânen. Gleich w├╝rde er abheben und ihre Stimme w├╝rde das unerbittliche Schrillen abl├Âsen. Nur noch ein Klingeln. Oder vielleicht noch eines mehr.

Sie w├╝rde auflegen. Er w├╝rde es tun, wenn er sie w├Ąre. W├╝rde aufgeben, wenn er ohne Antwort bliebe. Hatte aufgegeben, weil er ohne Antwort geblieben war. Viel zu viele Male. Sie musste es einfach tun, nur dieses eine Mal. Musste ihn erl├Âsen. Aber das Telefon gellte weiter in die Stille hinein. Er w├╝rde abheben. Aber dann w├╝rde sie etwas sagen, das Gleichgewicht noch einmal st├Âren. Vielleicht w├╝rde sie ihn erl├Âsen aus seinem Gef├Ąngnis mit Kerzenschein. Vielleicht aber, und davor hatte er Angst, w├╝rde sie vor seinen Augen die T├╝r f├╝r immer verschlie├čen. Wenn er abhob, konnte sie ihn erreichen. Wenn er es nicht tat, w├╝rde sie gehen. Vielleicht war es gar nicht sie.

Gleich w├╝rde er es tun. Nur nicht zu sp├Ąt, denn wenn sie aufgab, w├Ąre alles vorbei. Die K├Ąlte, das Klingeln und ihre Stimme. Alles vorbei, viel zu fr├╝h. Versunken in die Gedanken an sie auf der Treppe, an das Stolpern in sein Leben, hatte er die Stille nicht bemerkt. Er hatte sie nicht erkannt, als sie nach dem Telefon griff und den H├Ârer eisern herabdr├╝ckte, die Gabel niederhielt. Aber sie war gekommen und hatte die Oberhand gewonnen. Wieder einmal. Die Stille war nicht wie die B├Ąume. Sie hatte eine Geschichte, und sie schrie sie heraus. Umkreiste ihn und zog ein, wenn er einen Moment lang nicht an sie dachte.

Es war ihr zu gem├╝tlich geworden, seit Lara ausgezogen war. Seit sie alles genommen hatte, was ihr geh├Ârte und ihn in seinen B├╝chern allein zur├╝ckgelassen hatte. Lara hatte ihr Leben von seinem getrennt und Jahre der Gelassenheit und Ruhe in Stille verwandelt, die alles durchdrang und alles verschlang. Seitdem lungerte die Stille in den Schatten herum und bel├Ąstigte ihn. Drang durch Mark und Bein ohne jedes Erbarmen.

Es war zu sp├Ąt. Zu tief hinein, zu weit entfernt, zu kalt, zu dunkel, zu lange her. Der Dielenboden schnitt tiefe Strukturen in seine blo├če Haut. Unruhig lief er zwischen den B├╝cherbergen hin und her, die den leeren Raum in Zonen teilten, dem Dielenboden folgten, ihn schnitten und beherrschten, w├Ąhrend der Schatten der Kerze Monumente aus ihnen formte. Wieder und wieder begann das Telefon zu l├Ąuten und focht seinen Kampf. Aber wenn er abhob musste er etwas sagen. Und wenn er das Falsche sagte, w├╝rde sie gehen, so wie Lara es nicht verziehen hatte. Er w├╝rde schweigen, diese eine Mal, um nicht zu verletzen, wenn er heilen wollte. Um nicht zu vertreiben, wenn er gefunden werden wollte. Aber w├Ąhrend die Stille und die M├╝digkeit sich um ihn balgten, lauschte er auf sie und ihren Kreuzzug gegen die Einsamkeit.

Er lie├č sich wieder an der Wand herabsinken, griff nach dem Buch, dessen Ende ihm drohte wie die kahlen B├Ąume ohne Geschichte und zog zur├╝ck in die Welt, die ihn herausspeien w├╝rde, wenn er den Einband zudr├╝cken musste. Er hatte begonnen, auf das Ende zu warten, bevor etwas begann. All dies sollte ein Ende haben, sobald sie aufgab. Aber sie w├╝rde wieder anrufen. W├╝rde noch einmal nach dem H├Ârer greifen, ihn in Versuchung f├╝hren und dann zur├╝ckweisen. Sie war wie Lara.

Niemand war wie Lara. Niemand konnte es sein. Das Buch zitterte in seinen H├Ąnden, als er den Gedanken herumschob. Er hatte den Boden mit Tr├Ąnen getr├Ąnkt, weil er es glauben wollte und nicht glauben konnte und keinen Sinn darin sah, daran zu denken, w├Ąhrend er sie vergessen wollte. Aber die Tr├Ąnen waren versiegt und die eine war eingezogen um die andere zu ersetzen. Sie war wie sie war nicht wie sie war immer noch sie. Das Kettenkarussell der Bilder drehte sich in vollkommenem Schweigen ├╝ber den Seiten des Buches und lie├č ihn schwindeln.

Schritte vor der T├╝r, durch die Lara gegangen war. Sie lie├čen ihn tiefer zwischen die Seiten tauchen. Wieder schrillte das Telefon Mal um Mal, unerbittlich. Aber die Pausen wurden l├Ąnger. Direkt vor der T├╝r musste sie es h├Âren. Musste h├Âren, dass kein Laut herausdrang, au├čer dem Angriff des Telefons. Sie musste glauben, dass er nicht hier w├Ąre. Dass er sie nicht h├Âren k├Ânnte.

Er f├╝rchtete sich vor den Pausen mehr als vor dem L├Ąrm. Und davor, dass der Anruf mit diesem Klingeln endete. Davor, dass es der letzte Anruf war. Dass sie ihn nicht retten w├╝rde. Dass sie ihn verlassen w├╝rde, bevor es begonnen hatte. Lara hatte es getan. Warum sollte sie es nicht tun. Ihre Hand schlug wieder und wieder gegen das Holz, als wolle sie es zerbrechen. Aber er w├╝rde sich von der T├╝r fernhalten. W├╝rde warten, bis sie ging. Das Buch schob sich von einer Hand in die andere. W├╝rde warten, bis sie ging. Wenn sie nicht n├Ąher kam, w├╝rde sie ihn auch nicht erreichen. Wenn er sie nicht erreichte, w├╝rde sie gehen und alles konnte wieder seinen Lauf nehmen.

Im Kerzenschein wirkten die B├╝cherstapel un├╝berwindlich wie die chinesische Mauer. Als er auf sie herabsah, drehte sich sein Kopf. Um den Schwindel zu besiegen, hielt er sich am T├╝rrahmen fest. Er hatte nicht aufstehen wollen. Hatte nicht damit gerechnet, dass er es tun w├╝rde. Es war zu schnell gegangen. Aber hinter ihm schrillte das Telefon und vor ihm vibrierte das Holz der T├╝r. Schwei├čperlen rannen auf seine Stirn und verfingen sich in den Augenbrauen.

Mit der Hand ├╝ber der Klinke sog er scharf die Luft ein. Dann wieder. Und wieder. Schlie├člich sank die Hand und mit ihr glitt er zu Boden, den R├╝cken gegen die T├╝r gedr├╝ckt, als k├Ânne er sie damit fernhalten. Ihre W├Ąrme drang durch das Holz zu ihm herein und lie├č das Fieber gl├╝hen. Die Kerze verlosch und in der Dunkelheit erreichte ihn die Stille schneller, als er es f├╝r m├Âglich gehalten hatte. Ihre Schritte auf der Treppe h├Ârte er leiser und leiser, dann ihre T├╝r.

Letzte Aktualisierung: 25.09.2007 - 23.57 Uhr
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