Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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September 2007
Kirschallee
von Ingrid Gertz

Sie zieht die Gardine ein winziges Stück beiseite und beobachtet, wie der weiße Mercedes hin und her rangiert, sich in die Lücke zwischen alter Platane und Straßenlaterne schiebt.
“Ich glob, der isses!“ Gertrud hat den fragenden Blick im Rücken gespürt und mit ihrer Antwort erlöst sie Eleonore von der lästigen Warterei.
Seit einer Stunde sitzt die alte Dame nun schon am Schreibtisch. Hockt steif im Rollstuhl und hätte viel lieber ihr gewohntes kleines Nachmittagsnickerchen gehalten. Stattdessen muss sie nun hier in diesem Panoptikum ausharren, in dem jedes Möbelstück einfach nur finstere, in Eiche geschnitzte Bedrohung ist.
Pünktlichkeit scheint jedenfalls keine Tugend des Besuchers zu sein, der da gerade die Türglocke betätigt.
Bei Gertrud bricht der Aktionismus aus. Schnell richtet sie noch ein silbernes Löckchen, das sich aus Eleonores Dauerwellenhelm in unerlaubte Richtung entfernt hat.
„Na, da müss mer nu offbassn.“ An den fahrigen Bewegungen, mit denen das Mädchen ihr das verrutschte Schultertuch richtet, spürt Eleonore Gertruds Nervosität.
„Das is`n richtcher Schnagnhascher. So `ne dicke Karre! Kann doch im Leben nich mal sein` Anzug selber verdient ham`, das Bübchen!“ brummelt sie vor sich hin.
Die Alte schmunzelt. Feines Mädchen, ihre Gertrud, aber sie wurde langsam wunderlich. Immer diese Selbstgespräche... „Tu mir bitte einen Gefallen. Du erzählst ihm einfach nur die Sache mit dem nächsten Makler, bissel Druck muss man schon aufbauen. Ansonsten lass mich verhandeln. Meine Beine wollen zwar nicht mehr, aber im Kopf bin ich noch ganz fit.
Glaub`s mir einfach und schnattre nicht dazwischen. Versprochen?“ Gertrud nickt kurz, zupft sich die Träger ihrer weißen Schürze in Position und macht sich auf den Weg zur Haustür.

Wolf Schneider hat die Adresse endlich gefunden. Im Stillen verflucht er sein Navigationssystem, das ihn auf kürzestem Weg in die Kirschallee siebzehn hätte führen sollen, aber mit diversen Bauarbeiten und den damit verbundenen Straßensperrungen heillos überfordert war. „Bitte wenden, wenn möglich bitte wenden!“ hatte ihn das Ding mit penetranter Beharrlichkeit von einer Sackgasse in die nächste gelotst, bis Wolf ihm kurzerhand den Saft abdrehte. Ein Königreich für einen Stadtplan! Er hatte sich durchfragen müssen und liegt nun eine halbe Stunde hinter der verabredeten Zeit. Kein guter Einstieg.
Der Anblick des Hauses besänftigt ihn ein wenig. An dieser großzügig geschnittenen Villa im Gründerstil konnte man eigentlich nur verdienen. Alles etwas vernachlässigt, die graue Fassade mit den jahrzehntelangen Ausdünstungen des sozialistisch-industriellen Ballungsgebietes gestraft, aber schon der Vorgarten ist Idylle pur. Hier wuchern Günsel, Funkien, Geißbart und Astilben, jeden Lichtstrahl begrüßend, der seinen Weg durch das dichte Laubwerk des alten Baumbestandes findet. Weil er sowieso schon zu spät ist, spart sich Wolf Schneider zunächst einen Blick hinter das Haus. Im Kataster stand, sein Gewährsmann hatte ihm das versichert, Frau Breitenbachs Besitz mit dreitausend Quadratmetern zu Buche. Was für Möglichkeiten! Eine gute viertel Stunde sollte es von hier aus zum Leipziger Zentrum sein. Wolf wittert Morgenluft. Das ist, ohne noch mal ganz genau hinsehen zu müssen, ein Nugget! Dieser Abschluss… nur noch der in diesem Jahr. Dann – Hey, ab in den Süden!

Mit einem Quietschen, das Wolf ganz unangenehm direkt bis in die Zähne fährt, öffnet sich die schwere Tür. Vor ihm steht ein schon fast operettenhaft kostümiertes Hausmädchen. Weißes Häubchen auf grau-schwarz meliertem Haar, die brettsteif gestärkte Schürze straff über puritanische Zugeknöpftheit gezurrt. Er fühlt sich in der falschen Zeit.
„Herr Schneider? Die Gnädige wartet schon.“
Wolf Schneider folgt der strahlendweißen Schürzenschleife über einen nicht enden wollenden Flur, findet seine Verhandlungspartnerin schließlich in dem riesigen, mit schweren Eichenmöbeln bestückten Arbeitszimmer, in dem sich die grüngedämpfte Atmosphäre des Gartens fortsetzt.
„Frau Breitenbach? Wir hatten telefoniert.“ Wolf stellt sich kurz vor, muss weit über den Monsterschreibtisch reichen, bevor er ihr die Hand geben kann. „Ich bin hier, um, wie besprochen, ein Angebot für den Verkauf Ihrer Villa zu machen. Darf ich mich vorher noch etwas umsehen?“
„Sicher dürfen Sie das, man will ja wissen, was man kauft. Gertrud wird Ihnen alles zeigen, mich entschuldigen Sie bitte.“ Eleonore deutet auf ihren Rollstuhl und gibt Gertrud ein kurzes Zeichen. Besorgt sieht sie dem sich entfernenden, ungleichen Paar hinterher.

„Fräulein?“ Etwas seltsam kommt Wolf diese Anrede schon vor. Wäre „Frau Gertrud“ angebrachter? Klänge sicher auch merkwürdig. Schweigend und schwerfällig war sie die ganze Zeit vor ihm hergestapft, hatte ihm das Haus vom Keller bis zum Dachboden gezeigt. Abschließend bekommt Wolf jetzt das hintere Grundstück zu sehen. Und wenn er bisher die solide Substanz des Hauses immer erfreuter registriert hatte, ist Wolf jetzt einfach nur noch begeistert. Der Grund würde sich vom Schnitt und von der Größe her zweiteilen lassen, mindestens…die zentrumsnahe Lage im Grünen … eine Goldgrube! „Fräulein, mir gefällt, was ich da sehen konnte. Muss natürlich noch ganz schön was reingesteckt werden, um das Ganze auf Vordermann zu bringen.“ Beide gehen den überwachsenen Gartenweg zurück in Richtung Haus. „Wissen Sie vielleicht etwas über die Preisvorstellungen Ihrer Chefin? Soll nicht Ihr Schaden sein.“ Gertrud scheint auf finanzielle Angebote anzusprechen. Sie hält zum ersten Mal während der ganzen Besichtigungstour inne.
„Fünfhundert hat `se gemeint, aber da kommt heut` Abend noch`n Makler und da wird se sich dann wohl entscheiden, ne?“ Ohne mit der Wimper zu zucken, verstaut sie das rote Scheinchen wie selbstverständlich in ihrer Schürzentasche.

Wolf sitzt wieder im Arbeitszimmer und macht der scharf beobachtenden alten Dame sein Angebot, wie er weiß, einen saftigen Hunderter über ihrer Erwartung: „ Nach Allem, was ich hier sehen konnte, möchte ich Ihnen sechshunderttausend Euro anbieten.“
Eleonore schiebt den von Wolf vorbereiteten Vertrag unschlüssig auf dem Tisch hin und her. Der Bursche wollte sich das Geschäft anscheinend nicht entgehen lassen. „ Achthundert!“ Die Dame beliebt zu pokern. Wolf grinst in sich hinein. Er kriegt sie!
„Da werden Kosten für notwendige Baumaßnahmen fällig, nach meinen Erfahrungen kommen da leicht noch einmal bis zwei- bis dreihunderttausend zusammen. Die muss ich doch berücksichtigen …Achthundert sind eindeutig zu viel!“
Eleonore windet sich. „Haben Sie denn überhaupt soviel Geld, junger Mann?“
Wolf Schneider kann ihr das nur versichern, aber die alte Dame gibt nicht viel auf Sprüche, hat es gerne handfest, bar auf den Tisch. Sicher auch so eine, die mindestens einmal im Monat ihre Sparkassenfuzzis mit dem Vorzählenlassen der Einlagen zum Wahnsinn treibt.
„Den ganzen Kaufpreis kann ich jetzt sofort nicht zahlen. Den lasse ich morgen nach der notariellen Beglaubigung anweisen. Würden es fünfzigtausend fürs Erste tun, um Ihnen die Ernsthaftigkeit meines Angebots deutlich zu machen?“
„Wenn wir uns auf siebenhunderttausend einigen. Ja.“ Wolf kennt die misstrauischen Ostler inzwischen recht gut. Bis Hunderttausend trägt er bei Grundstücksgeschäften mit sich herum. Und die Ansicht der Scheine, die er jetzt, einen nach dem anderen, auf den Schreibtisch blättert, macht auch Frau Breitenbach gefügig. Sie unterschreibt.
Und Wolf summt in Gedanken vor sich hin: „Hey! Ab in den Süden! Der Sonne hinterher, hejo, was geht…“

Eleonore hält ihr Gesicht in die sanft wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne. Zu Hause herrscht jetzt nasskaltes Schmuddelwetter, da kann sie drauf verzichten. Ihren abgearbeiteten gichtigen Händen bekommt der Aufenthalt hier auf der Sonnenseite des Lebens jedenfalls gut. Keine Schmerzen. Hätte man auch eher schon mal drauf kommen können…
„Ob er sie gefunden hat?“ Gertrud bringt ihrer Mutter den Wermut, auf den diese neuerdings aus „medizinischen Gründen“ besteht.
„Du machst Dir immer noch Gedanken.“ Eleonore seufzt leise „Nochmal, Gertrud: Bestimmt hat er sie gefunden. Und er musste begreifen, dass sie ihm nichts unterschrieben hat. Wie auch, wenn sie mit Oberschenkelhals im Krankenhaus liegt.“ Eleonore angelt sich ihre geliebte „Leipziger Volkszeitung“, die sie auch hier auf Mallorca nicht missen wollte, vom Tisch. „Sie hat sich über den unverhofften Besuch gefreut und mindestens eine Stunde von ihrer tollen Villa geschwätzt. Und ihm ganz im Vertrauen den Hausschlüssel gezeigt, den sie sicherheitshalber unterm Kopfkissen aufbewahrt, so.“
Genüsslich nimmt Eleonore Skrodschik ein Schlückchen aus ihrem Glas. „Das ganze Programm eben. Das macht sie doch mit jedem, der sich in ihr Zimmer verläuft… Der feine Herr wird einen Teufel tun, seine Dämlichkeit an die große Glocke zu hängen.“
Damit ist Gertruds Gewissen nach Meinung der Alten genügend beruhigt. Sie blättert in ihrer Zeitung. Lustlos, bis sie zum Anzeigenteil kommt.
„Trudchen, hier! `Wir suchen für vorgemerkte, solvente Kunden…´
Mach nicht so`n Gesicht. Wie lange willste denn in Deinem Alter noch Bettpfannen durch die Gegend schleppen?“

Letzte Aktualisierung: 27.09.2007 - 10.17 Uhr
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