Ganz schön bissig ...
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September 2007
De Mensch braacht Awweid
von Michael Rapp

Ein zierlicher Rasenstreifen streckt sich schnurgerade zwischen Haustürpodest und Gartenzaun, nur durchteilt von einem schmalen Plattenweg, an dem junge Buchsbäume Spalier stehen. Das Gras hat eine Länge von genau drei Zentimetern und eine seltsam hellgrüne Färbung. Sein Schwiegersohn nennt das einen Vorgarten. Karl nennt es ein Elend.
Angespannt hängt Karl auf der weißen Kunststoffliege, die ihm seine Tochter anlässlich seines Ruhestandes geschenkt hat, und denkt darüber nach, weshalb alles seinen Sinn verliert. Im Garten um ihn herrschen Ruhe, nervenzerreißende Ruhe und Bewegungslosigkeit. Andererseits, was sollte sich auf diesem grünen Einöd schon abspielen, dessen Grundfläche geringer ist, als die einer ordentlichen Güllegrube? In Gedanken versucht er auf dem Rasen einen Trecker zu wenden, stößt aber immer wieder an die Gartenhütte oder an die Vogeltränke. Früher, in seinem alten Garten, zog seine Frau Annelise jedes Jahr auf hunderten Quadratmetern Gemüse und Schnittblumen – neben ihren sonstigen Pflichten –, nur so, weil es ihr eben Spaß machte, und weil sie es von Zuhause gar nicht anders kannte. Damals machte das jeder. Die einen, weil sie mussten, und die anderen, weil es eine Sünde war, guten Boden ungenutzt zu lassen. Das Anspruchsvollste, was seine Tochter und ihr Banker, der Schdaddbuub, leisten, ist ein sauberer Rasenschnitt. Auf die Idee, dass in einem Garten etwas Essbares wachsen könnte, würde der Schdaddbuub nie kommen.
„Du machst schon wieder dieses Gesicht“, sagt Lisa und tritt an Karls Lager heran.
Hastig richtet er sich auf. Es ist ihm peinlich, so unbeholfen vor jemandem zu liegen, selbst wenn es seine Tochter ist.
„Wir haben doch darüber gesprochen“, fährt sie fort. „Du bist im Ruhestand und musst dir um nichts mehr Sorgen machen. Wir kümmern uns um alles.“ Ihr Ton ist einmal mehr herablassend, als würde sie mit einem unverständigen Kind reden. Er hasst das. Als sie mit ihrem Schdaddbuub zu ihm kam, um das Geld für das Haus zu erbitten, war sie noch anders.
„Däss isch hiaä niggs mache därf, hawwe mäa nädd abgmacht“, widerspricht er. „Isch haw immä gsacht, isch schaff, bis de Häagott misch zu sisch nämmt. So hadd däss moi Faddä gmacht, so hadd däss die Annelis gmacht, un so will isch däss aach mache.“ Karl weiß, dass es sie aufregt, wenn er so redete, aber das ist ihm heute nur recht. Sie hat ihn mit falschen Versprechen in dieses Vorstadtgefängnis gelockt und erwartet nun allen Ernstes, dass er seine letzten Jahre untätig zwischen Bett und Gartenliege verlebt. So hawwe mer net gwett, Määdche!
„Faddä!...“ Ihre Augen sind streng. „Vater, wir sind in einem Wohngebiet. Du kannst hier nicht Ackerbau und Viehzucht betreiben, wie irgendein...“
„BAUÄ?“ Karl steht auf, er zittert vor Wut. „Isch säsch dir aa mal wass! Du un dei Käal, ihr wissds doch gaärnädd, wass Awweid is. All unsä Vorfahre hawwe uffm Aggä gschafft un hawwe immä guud gelääwd.“ Felder und Vieh brachten ihnen Brot auf den Tisch und Ansehen im Ort, bezahlten Lisas Kleider, ihre Schulausbildung und das Studium, und nun schämt sie sich für ihre Herkunft? Das ist Karl unerträglich.
Lisa lässt den Ausbruch ruhig, aber mit bitterer Miene über sich ergehen. „Das ist vorbei. Die Zeiten ändern sich. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst: Armin wird einmal mit seinem Job mehr Geld machen, als so ein Resthof im ganzen Leben abwirft. Was ist ein Bauer heutzutage noch wert? Es sei denn, er hat ein paar hundert oder besser tausend Hektar, die er bewirtschaften kann. Und selbst dann ist es kein leichtes Brot. Das will ich nicht für meine Kinder. Es reicht, dass ich im Hühnermist aufgewachsen bin.“ Sie ist den Tränen nahe und zugleich wütend. So hat er sie noch nie erlebt. Mit einem Ruck wendet sie sich ab und geht. „Um achtzehn Uhr gibt es Abendessen.“
Karl ist wie vor den Kopf gestoßen. Er hat nicht geahnt, dass Lisa so über ihre Kindheit denkt. Ist sie nicht immer ein glückliches Mädchen gewesen? Wie kann sie das nur vergessen haben?
Er muss raus aus dem Garten. Weg. Nur weg. Ohne sich über die Richtung Gedanken zu machen, läuft er los, durch das Viertel, vorbei an modernen Häusern, die einerseits schön, andererseits aber auch kalt wirken. Wie eine Vitrine voller feiner, bunter Sammeltassen, die nur zum Ansehen und nicht zum daraus Trinken gemacht sind. Zwischen den Häusern stehen Bäume, die keine Früchte tragen, Autos, in denen man kaum zwei Wasserkästen transportieren kann und Hunde, die nicht wachen oder hüten, sondern schon genug damit zu tun haben, sich selbst über die blitzsauberen Gehwege zu schleppen. Das alles deprimiert ihn. Am meisten aber quälen ihn Lisas Worte. Hat sie Recht? Hat er zu viel erwartet? Sie ist sein einziges Kind, und der Hof brachte zum Zeitpunkt des Verkaufs tatsächlich kaum noch Geld. Vorbei – wie sie sagte. Ihre Zukunft liegt bei dem Schdaddbuub und er muss sich eben anpassen. Karl nimmt es sich fest vor.
Kurz vor dem Abendessen geht er zu Lisa in die Küche. „Tschuldische, däss isch so aan aal Oggs bin“, sagt er. „Aach aan Schaffä wie isch muss aamal zur Ruu kemme.“
„Mach Sache!“, antwortet sie grinsend und umarmt ihn. „Mir tut es auch leid, dass ich so schlecht drauf war. Aber wir versuchen uns hier etwas Neues aufzubauen, und wenn du immerzu unzufrieden bist, ist das für mich schwer.“
In dieser Nacht träumt Karl von seinem alten Deutz Trecker. Das Nageln des unverwüstlichen Motors und das Rütteln der Sitzschale sind wunderbar. Über weite, von Büschen umstandene Feldwege geht es, bis auf den Acker am Waldrand. Hier senkt er den Pflug in die dunkle Erde, lauscht dem tiefen Rumpeln der brechenden Schollen und sieht mit Vergnügen, wie sogleich Gemüse und Schnittblumen aus den Furchen emporwachsen. „Gugg Annelis! Isch haw däa Blumme zooche“, denkt er noch, dann beginnt sich alles zu ändern. Statt auf dem Feld ist er nun in der Vorstadt. Der Trecker prescht vorwärts und der Pflug kreischt und schlägt aus, während er über die Straßendecke schrammt. Nur feine weiße Rinnen hinterlässt er in dem harten Material. Karl ist tief erschrocken und versucht den Pflug zu heben oder den Traktor ganz zum Stehen zu bringen, aber es geht nicht. Die Maschine gehorcht ihm nicht. Angelockt durch den Lärm kommen Leute aus ihren kleinen Kaffeetassenhäuschen, laufen über ihre mit Teppichen ausgelegten Vorgärten und sehen ihn böse an. Hinter einigen der Gartenzäune kläffen Wattebäusche und Sofakissen. Entschuldigend hebt er die Arme „Isch kann niggs defieä! Däss is moi Trecker!“ Es ist ihm so peinlich, dass er erwacht.
Die meiste Zeit des Tages geht Karl spazieren. Er muss in Bewegung bleiben. Ein Versuch, im Garten zu arbeiten, scheitert. Er erträgt es nicht, sich mit Kantenschneider und Vertikutierer am Rasen zu schaffen zu machen. Lächerlich kommt er sich vor, mit diesen Spielsachen.
Abends geht er früh zu Bett und besucht im Traum seinen Hof, seine Felder und seinen Deutz Trecker. Hier ist er glücklich – eine Weile. Er pflügt, er säht, er erntet, doch als er versucht, Grasschnitt in Ballen zu pressen, gebiert die Maschine statt Heuquadern kleine Selbstfahrrasenmäher, die um seinen Deutz sausen und ihn rufen: „Papa, Papa! Lass uns in die Stadt ziehen! Da gibt es Zierrasen und Rollrasen, Spielrasen und Schattenrasen! Hier ist das Gras so hart und struppig! Lass uns in die Stadt ziehen!“
Er wagt es nicht, wieder einzuschlafen, stattdessen sieht er sich im Fernsehen eine Dokumentation über die großen Landgüter des Ostens an. Staunend lässt er die Bilder der riesigen Weizenfelder und Mastbetriebe auf sich wirken.
Den folgenden Tag über versucht Karl Normalität darzustellen. Doch am Abend ist seine Kraft am Ende. Das Wohngebiet erdrückt ihn, raubt ihm den Atem. Es treibt ihn aus dem Haus – ohne Abschied, ohne Gepäck –, hinein in einen Bus, der aufs Land fährt. Er muss weit laufen, aber das stört ihn nicht. Oft ist der Weg zurück der leichtere. Endlich erreicht er das Raiffeisen-Technik-Center, in dem er früher Ersatzteile für seine Maschinen gekauft hat. Im dunklen Hof steht neben anderen Treckern ein Deutz 4006 mit Fritzmeier-Verdeck. Er ist nicht so schön, wie sein alter D25, dennoch erscheint er Karl wie ein Zeichen des Himmels. Er prüft die Maschine und findet sie in tadellosem Zustand. Für ihn, der seinen Trecker immer selbst gewartet hat, ist es ein Leichtes, auch ohne Schlüssel den Motor zu starten. Das Rattern beflügelt ihn. Funktionsfähig.
Als er vom Platz fährt, kommen einige Jugendliche vorbei. Sie sind aufgeputzt, wollen sicher eine Tanzveranstaltung besuchen.
„So spät noch aufs Feld, Opa?“, fragt ein Junge spöttisch, die anderen lachen.
„Naa, nit uffn Aggä. In welsch Rischtung gääts dann zuure Uggermaak?“
In der Gruppe bricht Unruhe aus. „Wohin möchte er?“ Kichern. „Zur Uckermark, glaube ich.“ Bellendes Gelächter.
Karl will schon weiterfahren, als ein Mädchen neben den Deutz tritt. „Wenn Sie in die Uckermark wollen, müssen Sie nach Osten“, sagt sie. „Nordosten, glaube ich, aber kaufen sie sich besser eine Straßenkarte – das ist ein sehr weiter Weg.“
Er nickt ihr freundlich zu und gibt Gas. Das Gefühl von Bewegung. Alles macht Sinn.

Letzte Aktualisierung: 19.09.2007 - 16.29 Uhr
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