Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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September 2007
GelĂ€hmt – oder: Schreien Fische im Wasser?
von Helga Rougui

GelÀhmt vor Angst. GelÀhmt durch Krankheit.
Wie gelĂ€hmt vor MĂŒdigkeit.
Das Leben lÀhmt. Der Tod lÀhmt bis in alle Ewigkeit.
LĂ€hmendes Schweigen.
LĂ€hmende Stille.
LĂ€hmendes Entsetzen.
GelÀhmte Körper. GelÀhmter Geist.
GelÀhmter Pfirsichkern erstarrt im All im vierten Aggregatzustand.

GefĂŒhle lĂ€hmen.

Es nĂŒtzt alles nix.
Diesmal ist sie selbst das Thema, das fĂŒhlt sie.
Da könnte sie Gedichte schreiben, soviele sie wollte, sie kommt nicht von sich weg.
Und sie war schon wie gelÀhmt, als sie das Wort zum ersten Mal las.
Das Wort verkörpert alles, was sie hasst, es ist das Gegenteil von Lebendigkeit, von Bewegung, von Freiheit.

Sie kann keine Filme ertragen, in denen jemand gekidnappt wird. Der Gekidnappte verliert seine Bewegungsfreiheit. Der Kidnapper, der kein Recht ĂŒber das Leben des Gekidnappten hat, nagelt ihn fest. Er kann sich nicht rĂŒhren oder nur so, wie der Kidnapper es will, und das ist genauso schlimm.

Das Thema lÀhmt ihre Fantasie. Es geht ihr nahe. Es macht ihr Angst.
Es erinnert sie an frĂŒhere ZustĂ€nde, die sie vergessen will.

Immer wenn ein Mann in ihr Leben trat, nahm er es in die Hand, und sie ließ es zu.
Was vorher Selbstbestimmung, Selbstbewußtsein, SelbstwertgefĂŒhl gewesen war, Ă€nderte sich in Fremdbestimmung, Wartestellung, Stillhalten.
Um der Liebe willen.
Wann und wo hatte sie das gelernt.

Wenn du brav bist, dann haben wir dich lieb. Sei ein liebes MĂ€dchen.

Sie will geliebt werden, also hÀlt sie still bis zum Erstickungstod.
Falsch gelebte Liebe.
Psychische LĂ€hmung.
Immer schon einen Tick zu brav.
Immer wenn ein Mann gegangen war, erwachte sie von neuem zum Leben.
Bis zum nÀchsten Mann.

Sie lernte sich zu fĂŒrchten vor dem nĂ€chsten Mann.

Nach dem Physiker, der ihr, die nie einen Sinn fĂŒr Naturwissenschaften gehabt hatte, beibrachte, was die Doppelhelix ist, kam ein Katholik, der mit seinem Glauben haderte, und sie als atheistische Protestantin lernte das Vater Unser zu beten und dachte, sie hĂ€tte bei ihm dadurch einen Stein im Brett. Einer, der mochte die Lustige Forelle, und sie hörte zu, biß die ZĂ€hne zusammen und dachte an Meat Loaf. Aber dafĂŒr fraß er ihr immer die FlĂŒgel vom BrathĂ€hnchen vor der Nase weg, und sie freute sich wĂŒtend, daß es ihm so gut schmeckte. Der Franzose, der sie, trĂ€ge, wie er war, nie geheiratet hĂ€tte, denn dafĂŒr hĂ€tte er sich ja scheiden lassen mĂŒssen, ĂŒbte mit ihr die Lust am französischen Essen und am französischen Wein, und das so langatmig, zĂ€h und grĂŒndlich, daß sie seitdem keinen Bordeaux auch nur von weitem mehr riechen, geschweige denn trinken konnte. Ein Orientale faszinierte sie zunĂ€chst, brachte sie dazu, sich politisch zu engagieren, sie lernte ein fremdes Land als ihre zweite Heimat schĂ€tzen und fuhr selbstverstĂ€ndlich jedes Jahr mit ihm zu seiner Familie immer an denselben Ort, frĂŒhere Reisen waren vergessen, und sie war es böse vor sich hinmurmelnd zufrieden, die Julia auf dem Dorfe zu sein, und kam vor Langeweile um. Dem nĂ€chsten gehörten ihre bequeme Couch und ihre Fernbedienung ganz und gar, und sie hatte ihren Leseplatz abseits in einer Ecke in ihrem Wohnzimmer und redete sich verbissen ein, daß Fernsehen und abends die Beine hochlegen ihr nicht so wichtig wĂ€ren.
So verschrieb sie sich nacheinander der Physik, der Religion, der klassischen Musik, dem Wein, der Politik, dem Familiensinn, der Aquaristik.
Ach ja. Der neue Mann in ihrem Leben begeisterte sich fĂŒr die Guppyzucht. Aber diesmal war natĂŒrlich alles ganz anders, denn Fische begannen sie tatsĂ€chlich zu interessieren. Nun gut, sie war zwar immer, seit sie bewußte Entscheidungen fĂ€llen konnte - was nicht heißt, daß sie es tat - Ă€ußerst tierunlieb gewesen. Ob Fell-, Feder-, Schuppenwesen, fĂŒr diese Wesen mußte man sorgen, sie hatten Hunger in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden und wollten mal mehr, mal weniger Zuwendung, und das beschnitt ihr die Freiheit, auch wenn sie sie eigentlich nicht wahrnahm. Nein, sie hatte nie Tiere gewollt und nie Tiere gehabt.
Nun hatte sie drei Aquarien.

Das Interesse am Wein ĂŒberdauerte.
Vermutlich weil er nach einer Weile eine so angenehme LĂ€hmung ab und an auftauchender bohrender, störender Gedanken erzeugte, weil er sanftmĂŒtig das Bewußtsein außer Gefecht setzte, das gerade dabeigewesen war, unbequeme, peinliche Klar- und Wahrheiten in Angriffsstellung zu bringen.

Lieber Gott.
Ich hÀtte gern eine neue Chance.
Aber nicht wirklich.
Nicht sofort.
Nicht in diesem Leben.
Im nÀchsten Leben mache ich das besser.
In diesem Leben geht es nicht, denn ich bin
infiziert,
unheilbar unbeweglich,
unrettbar verloren.

Aber ich bin kein Opfer.
Ich bestimme meine LĂ€hmung selbst.
Ich bringe die Opfer.
Ich bin eine Priesterin am Altar der Selbstaufgabe.
Ich bin so wĂŒtend, daß ich schreien könnte.
Aber ich kann nicht.
Nicht schreien.
Nicht aufgeben.

Opfer gibt es nicht.
Das Opfer liebt sein Elend, denn es kennt die eigene Not.
Neues probieren, anders reagieren?

Geht nicht.
Vor Angst wie gelÀhmt.
Kann nicht mal mehr sprechen.

Im Wasser schreit der stumme Fisch.

Letzte Aktualisierung: 13.09.2007 - 11.39 Uhr
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