Der himmelblaue Schmengeling
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September 2007
Gelähmt – oder: Schreien Fische im Wasser?
von Helga Rougui

Gelähmt vor Angst. Gelähmt durch Krankheit.
Wie gelähmt vor Müdigkeit.
Das Leben lähmt. Der Tod lähmt bis in alle Ewigkeit.
Lähmendes Schweigen.
Lähmende Stille.
Lähmendes Entsetzen.
Gelähmte Körper. Gelähmter Geist.
Gelähmter Pfirsichkern erstarrt im All im vierten Aggregatzustand.

Gefühle lähmen.

Es nützt alles nix.
Diesmal ist sie selbst das Thema, das fühlt sie.
Da könnte sie Gedichte schreiben, soviele sie wollte, sie kommt nicht von sich weg.
Und sie war schon wie gelähmt, als sie das Wort zum ersten Mal las.
Das Wort verkörpert alles, was sie hasst, es ist das Gegenteil von Lebendigkeit, von Bewegung, von Freiheit.

Sie kann keine Filme ertragen, in denen jemand gekidnappt wird. Der Gekidnappte verliert seine Bewegungsfreiheit. Der Kidnapper, der kein Recht über das Leben des Gekidnappten hat, nagelt ihn fest. Er kann sich nicht rühren oder nur so, wie der Kidnapper es will, und das ist genauso schlimm.

Das Thema lähmt ihre Fantasie. Es geht ihr nahe. Es macht ihr Angst.
Es erinnert sie an frühere Zustände, die sie vergessen will.

Immer wenn ein Mann in ihr Leben trat, nahm er es in die Hand, und sie ließ es zu.
Was vorher Selbstbestimmung, Selbstbewußtsein, Selbstwertgefühl gewesen war, änderte sich in Fremdbestimmung, Wartestellung, Stillhalten.
Um der Liebe willen.
Wann und wo hatte sie das gelernt.

Wenn du brav bist, dann haben wir dich lieb. Sei ein liebes Mädchen.

Sie will geliebt werden, also hält sie still bis zum Erstickungstod.
Falsch gelebte Liebe.
Psychische Lähmung.
Immer schon einen Tick zu brav.
Immer wenn ein Mann gegangen war, erwachte sie von neuem zum Leben.
Bis zum nächsten Mann.

Sie lernte sich zu fürchten vor dem nächsten Mann.

Nach dem Physiker, der ihr, die nie einen Sinn für Naturwissenschaften gehabt hatte, beibrachte, was die Doppelhelix ist, kam ein Katholik, der mit seinem Glauben haderte, und sie als atheistische Protestantin lernte das Vater Unser zu beten und dachte, sie hätte bei ihm dadurch einen Stein im Brett. Einer, der mochte die Lustige Forelle, und sie hörte zu, biß die Zähne zusammen und dachte an Meat Loaf. Aber dafür fraß er ihr immer die Flügel vom Brathähnchen vor der Nase weg, und sie freute sich wütend, daß es ihm so gut schmeckte. Der Franzose, der sie, träge, wie er war, nie geheiratet hätte, denn dafür hätte er sich ja scheiden lassen müssen, übte mit ihr die Lust am französischen Essen und am französischen Wein, und das so langatmig, zäh und gründlich, daß sie seitdem keinen Bordeaux auch nur von weitem mehr riechen, geschweige denn trinken konnte. Ein Orientale faszinierte sie zunächst, brachte sie dazu, sich politisch zu engagieren, sie lernte ein fremdes Land als ihre zweite Heimat schätzen und fuhr selbstverständlich jedes Jahr mit ihm zu seiner Familie immer an denselben Ort, frühere Reisen waren vergessen, und sie war es böse vor sich hinmurmelnd zufrieden, die Julia auf dem Dorfe zu sein, und kam vor Langeweile um. Dem nächsten gehörten ihre bequeme Couch und ihre Fernbedienung ganz und gar, und sie hatte ihren Leseplatz abseits in einer Ecke in ihrem Wohnzimmer und redete sich verbissen ein, daß Fernsehen und abends die Beine hochlegen ihr nicht so wichtig wären.
So verschrieb sie sich nacheinander der Physik, der Religion, der klassischen Musik, dem Wein, der Politik, dem Familiensinn, der Aquaristik.
Ach ja. Der neue Mann in ihrem Leben begeisterte sich für die Guppyzucht. Aber diesmal war natürlich alles ganz anders, denn Fische begannen sie tatsächlich zu interessieren. Nun gut, sie war zwar immer, seit sie bewußte Entscheidungen fällen konnte - was nicht heißt, daß sie es tat - äußerst tierunlieb gewesen. Ob Fell-, Feder-, Schuppenwesen, für diese Wesen mußte man sorgen, sie hatten Hunger in regelmäßigen Abständen und wollten mal mehr, mal weniger Zuwendung, und das beschnitt ihr die Freiheit, auch wenn sie sie eigentlich nicht wahrnahm. Nein, sie hatte nie Tiere gewollt und nie Tiere gehabt.
Nun hatte sie drei Aquarien.

Das Interesse am Wein überdauerte.
Vermutlich weil er nach einer Weile eine so angenehme Lähmung ab und an auftauchender bohrender, störender Gedanken erzeugte, weil er sanftmütig das Bewußtsein außer Gefecht setzte, das gerade dabeigewesen war, unbequeme, peinliche Klar- und Wahrheiten in Angriffsstellung zu bringen.

Lieber Gott.
Ich hätte gern eine neue Chance.
Aber nicht wirklich.
Nicht sofort.
Nicht in diesem Leben.
Im nächsten Leben mache ich das besser.
In diesem Leben geht es nicht, denn ich bin
infiziert,
unheilbar unbeweglich,
unrettbar verloren.

Aber ich bin kein Opfer.
Ich bestimme meine Lähmung selbst.
Ich bringe die Opfer.
Ich bin eine Priesterin am Altar der Selbstaufgabe.
Ich bin so wütend, daß ich schreien könnte.
Aber ich kann nicht.
Nicht schreien.
Nicht aufgeben.

Opfer gibt es nicht.
Das Opfer liebt sein Elend, denn es kennt die eigene Not.
Neues probieren, anders reagieren?

Geht nicht.
Vor Angst wie gelähmt.
Kann nicht mal mehr sprechen.

Im Wasser schreit der stumme Fisch.

Letzte Aktualisierung: 13.09.2007 - 11.39 Uhr
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