Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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September 2007
Meerblick
von Thomas Schröder

Ralf Horndeich lag in seinem Bett, weil er nichts anderes tun konnte. Eine merkwürdige Nervengeschichte hatte ihn zusammenbrechen lassen. Sie sagten, er wäre nicht transportfähig. Er hatte seine Runden auf Helgoland gedreht. Jetzt lag er in der Paracelsus- Klinik mit gefühllosen Beinen und schaute aufs Meer hinaus. Hoffentlich bekamen sie ihn wieder hin. Die Sonnenbräune hing noch etwas auf seinen Wangen fest, aber seinem Gesicht war anzusehen, dass sein Körper eine Krise auszustehen hatte. Das Meer schien ruhig, nur kleine Schaumkronen. Der Ausblick aus dem Fenster verschwamm vor seinen Augen. Und auf einmal war ihm, als kämen fremde Gedanken in seinen Kopf:

Ich bin ein uraltes Bewusstsein, ein Vorhandensein, eine Selbstverständlichkeit seit Beginn der Welt. Ich bin wir, wir sind ich. Alles und überall. Wir sind Wasser. Wasser rauscht aus dem Hahn, damit die Patientin es beim Waschen als angenehm empfindet. Es regnet, große Tropfen platschen auf das Dach und auf die Straße. Von dem Geräusch muss ein Mädchen Wasser lassen. Man kann beim WC- Spülen Wasser sparen, indem man die rechte Taste betätigt. Manche haben auch ein Schild: 1 oder 2 mal drücken. Zum Händewaschen reicht kaltes Wasser. Wenn man aber auch zum Zähneputzen kaltes Wasser nimmt, kann es schmerzen. Das Trinkwasser ist überprüft worden. Die Stadtwerke berichten, dass das Trinkwasser weniger belastet ist als Mineralwasser, wie man es im Supermarkt kauft.

Bedenke, Mensch, dass wir uns verändern. Das Wasser bleibt nicht so, wie ihr es kennt.

„Draußen im Garten haben wir ein Bohrloch“, sagte Oberwasser. „Bekannte haben es schwarz angelegt. Mit dem Wasser daraus können wir den Garten sprengen, vielleicht auch ein Planschbecken füllen, wenn es nicht zu eisenhaltig ist. Das Wasser, nicht das Becken“, lachte Oberwasser.
In Südamerika bewässern nur die Reichen ihren Garten. Die Armen haben Durst, weil es nicht genug Wasser gibt. Und sie haben keinen Garten. Um den Äquator herum gibt es den Regenwald. Die Luft ist dort so feucht, dass man davon ganz nass wird. Und der Schweiß läuft nicht in Bächen, sondern in Strömen den Körper hinab.
„Die Leute sehen manchmal so unheimlich erotisch aus, wenn ihre Kleidung nass wird“, schwärmt Röhrbach. „Andere sehen nur nass aus.“
Viele sagen, der Klimawandel habe schon begonnen. Der Meeresspiegel ist so weit gestiegen, dass sich Neptun nicht mehr darin erkennen kann. Trotzdem werden die Kriege der Zukunft um Wasser geführt, sagen Leute, die es zu wissen behaupten, nicht mehr um Öl. Öl schwimmt auf und über uns. Aber das Wasser, auf dem es schwimmt, wird unten drunter trotzdem verseucht. Am Ende Russlands verrotten Atom- U- Boote im Wasser. Manche Industrieschlacke wird in die Nordsee verklappt. Die Radioaktivität bei Brunsbüttel war unbedenklich, als sie in die Elbe gelangte. Sicherlich war sie das für die Menschen, die im Auftrag des Energiekonzerns strahlend diese Information verkündeten. Die Elbe quält sich noch heute durch strahlende Teilchen. Sie verändert sich.
„Ich genieße es, in der Brandung zu stehen, wenn sich die Nordsee mit Macht und Kraft auf die Strände wirft“, träumt Hucketeich. Meerwasser schmeckt salzig. Gift, Öl und Strahlung schmeckt man nicht. Muscheln filtern das Wasser. Muscheln schmecken auch noch nicht nach Pommes mit Schlacke und Strahlung. Man kann mittlerweile Erdbeeraroma aus Sägespänen herstellen. Ihr könnt euren Gaumen austricksen und euch vormachen, dass ihr die Veränderung nicht herausschmeckt.
„Unser eisenhaltiges Wasser darf nicht an die Hauswand“, warnt Oberwasser, „weil die davon braun werden kann.“
Ihr nehmt Wasser zu euch. Experten streiten, ob Kaffee mit in die Flüssigkeitsbilanz einzurechnen sei oder nicht. Ihr besteht zu 80% aus Wasser, manche mehr. Die haben Wasser in den Beinen oder in der Lunge oder einen Wasserkopf. Wasser fließt über eure Körper oder ihr setzt euch hinein. Ihr schwimmt im Wasser, das mit Chlor versetzt ist, damit wir nicht die eitrige Angina der anderen Badegäste bekommt. Die Kinder rutschen über die Wasserbahn, spielen mit ihrem Aquaplay oder fahren zum Wasserspielplatz, wo sie aus Wasser und Sand Motsche oder Matsche machen. Da hat jede Region ihr eigenes Wort.
Man muss glatte Böden wischen. Es reicht, wenn der Aufnehmer nebelfeucht ist. Es gibt Wischzusätze, die nur reinigen. Manche pflegen noch, manche desinfizieren zusätzlich. Gebrauchtes Wischwasser wird der Erde zurückgegeben. Eine archaische Form des Opfers an Naturgeister, damit sie euch länger vor Schmutz schützen. Wie oft haben wir uns schon erneuert. Es gibt erste Bachläufe, die melden: Es geht nicht mehr. Manche von euch sagen: Ein Biotop ist gekippt. Das Kippen geht weiter.
Manche Regionen in Deutschland sind traditionelle Suppen- und Eintopfregionen. Andere blicken auf lange Teetraditionen zurück. Die Menschen früher haben viel Obst und Gemüse eingeweckt. Und um alles, was man im Haushalt benutzt, zu spülen, nimmt man auch Wasser. Es gibt sehr praktische und sparsame Spül- und Waschmaschinen, für die Industrie und die Autopflege auch Waschanlagen. Wegen der Grundwasserbelastung soll man das Auto nicht bei sich im Hof waschen. Natürlich werden Ölwechsel auch nicht zu Hause vorgenommen. Wasser besteht aus 2 Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff. Es wird zu Eis oder Wasserdampf. Drei Aggregatzustände nimmt Wasser an. Ihr braucht es fürs Aquarium, für den Swimming- Pool und zum Feuerlöschen. Die Straßenreinigung nimmt es auch.
Das Wasser ist unaufhörlich in Bewegung.
WIR SIND LEBEN.
Ich fließe durch die ganze Welt und durch jeden Menschen, jedes Lebewesen, jede Pflanze hindurch.
„Manchmal verströme ich mich“, berichtet Marina Quellberg ihrer Sexualtherapeutin, „manchmal fühle ich mich wie aufgequollen.“
Woher kommt all dieses Wasser? Wie sprudelt es immer wieder neu aus der Erde? Wenn Quellen kein Wasser mehr fördern, versiegen sie. Versiegen hat nichts mit Sieg zu tun. Versiegen können nur Bäche und Flüsse. Menschen versiegen nicht. Nicht ein Wassertropfen kehrt wieder. Zeit ist wie fließendes Wasser. Jede Sekunde ist unwiederbringlich verloren. Ein irgendwo entliehener Sinnspruch. Warum sollte das schlecht sein? Schlimmer wäre es, wenn der Fluss des Lebens stockte. Lähmung des Flusses. Des inneren Flusses. Eine Art interner Talsperre. Welche Kraft sollte dadurch genutzt werden? Welche Quelle sollte gespeist werden? Doch das ist es, was passiert.
In Bielefeld- Brackwede sind die Lutterquellen. Nicht eine, mehrere. Sie speisen den Lutterkolk. Früher erzählte man sich, dass von dort die kleinen Kinder kommen. Der Fluss startet als Rinnsal. Wasser rieselt, Sandkörnchen gleich, aus der Erde. Wie entsteht es dort immer wieder neu? Woraus? Wie lange schon? Und wie lange noch?
Das Rinnsal plätschert, sprudelt, fließt, strömt zum Fluss. Fließen wird auch der Fluss, doch er beherrscht noch die kleinen, zärtlichen Bewegungen. Er kann aber ebenso gut strömen, steigen, überschwemmen, fallen. Er ist die Lahn, die Mosel, die Wupper. Das Weibliche. Etwas geht über die Wupper, vielleicht auch den Bach hinunter. Die Elbe ist weiblich, sie führt aus der Tschechei heraus über Sachsen quer durch Deutschland, bis in die Nordsee. Der Rhein ist breit und stark, man nennt ihn auch Vater Rhein. So belastet er auch ist, so trägt er doch die Last auf uralten nassen Schultern. Man sagt ihm nach, dass er noch den Schatz der Nibelungen verbirgt. Doch keiner der zahllosen Binnenschiffer ist bisher bei Niedrigwasser daran hängen geblieben.
„Jeder See ist männlich“, doziert Matro See, „die Flüsse ergießen sich in den See, durchschwimmen ihn, und verströmen sich zuletzt in der See- im Meer. Die See ist weiblich. Die Mutter allen Wassers?“ Welche Befruchtung der mächtigen Ströme, welche erotische Verschmelzung der vielen mit der einen! Und was gebiert sie, die mächtige See? Das Blau, das dem Planeten beim Betrachten aus dem Weltall den Beinamen „Der blaue Planet“ gegeben hat. Die Hurricans, Taifune, die Tsunami. Die See brüllt, tobt, peitscht Mensch und Schiff. Sie holt sich Land zurück, das mit Sturmwehren mühsam geschützt wird. Und über dem Meer alle Arten von Wolken.
„Ich lasse mich verbrennen, wenn ich tot bin, und meine Asche auf dem Meer verstreuen“, sagt Hucketeich. Er will zum Meer gehören, sich in ihm verlieren.
Es gibt alle Arten von Regen und von Ausbleiben des Regens. Es gibt auch schweren und sauren Regen. Es gibt dieses unglaubliche sinnliche Erlebnis, wenn der Regen nach schwülen Tagen die Luft wieder reingewaschen hat.
Doch die alten Wesensheiten verändern sich. In den Alpen gibt es den ersten Baach, der nur stockend vorankommt. Er wird von einer Quäle gespeist, aus der das Wasser wie Dickmilch hervordringt. Er führt in einen Fluuß, der nicht strömt, sondern wabert und rollt. Das Wasser dort fließt langsamer. Bitte achtet auf die Veränderungen. Es kommt die Große Lähmung, der neue Vierte Aggregatzustand. Wir verschlacken und werden zäher. Wenn es nur noch Flüüße gibt und das Wasser in einer Stase endet- es werden unvorstellbar grauenvolle Zeiten anbrechen.

Ralf bemerkte, dass seine Augen wieder klarer sahen. Die Tränen, die jetzt die Wangen hinunterliefen, wirkten eigentümlich langsam und zäh. Er sah aufs Meer und blinzelte. Es kam ihm so vor, als sei die Bewegung der Wellen bedeutend langsamer.

Letzte Aktualisierung: 10.09.2007 - 17.21 Uhr
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