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September 2007
Bella
von Juli Jaschek

In dem Sommer, als Bella dreißig wurde, stellte der Bauer endlich eine Fachkraft ein. Bisher hatte alle Arbeit der Pole Zbigniev getan, der in einem Blechcontainer auf dem Hof wohnte. Aber nachdem neulich ein Pferd bei einer Kolik fast eingegangen wäre, schlugen einige von uns Alarm. Auf dem Hof hatte man vorher Kühe gehalten, darüber wusste der Bauer alles. Doch der Organismus bei Kühen funktioniert anders als bei einem Warmblutpferd. Es musste jemand her, der sich auskannte.
„Ja“, sagte der Bauer. „Schon.“ Er seufzte tief. „Ich muss halt an meine Unkosten denken, gell.“ Ach, diese Unkosten. Von früh bis spät konnte man ihn darüber jammern hören.
Doch dann stellte er Dete ein. Dete war Pferdewirtschaftsmeisterin, eine junge Frau mit rauer Stimme und strohigem Haar, fest und gedrungen wie eine braune Wurzelbürste.
Auch wenn sie eine neue Unkost war – es schien, als müsse sie sich auszahlen für ihn. Nach dem Füttern in der Frühe brachte sie die Pferde zur Koppel, auch den Hengst, vor dem Zbig sich fürchtete, wenn er am Strick tänzelte und den Schweif kreisen ließ. Dann machte sie sich ans Misten, die Gabel schwang durch die Luft wie Windmühlenflügel, im Sekundentakt regnete es Pferdeäpfel und braun verschmiertes Stroh in die Karre. In der Zeit, die Zbig für eine Box brauchte, schaffte sie drei. Von uns Pferdebesitzern ging in Zukunft jeder gleich zu ihr anstatt zum Bauern und trug ihr seine Extrawünsche vor: „Für den Kyros nur nasses Heu, bitte, und Hafer auf keiinen Fall!“ – Dann setzte Dete die Gabel ab und nickte. „Koin Hafer, scho klar.“ Ich denke, für den Bauern waren wir sowieso alle Verrückte, wie wir dauernd um unsere Viecher herumsprangen.

Um Bella sprang niemand herum. Keiner kam, um sie zu putzen, zu reiten oder Karotten vorbeizubringen. Bella war ein vergessenes Pferd.
Vor Jahren war sie einem zwölfjährigen Mädchen geschenkt worden: eine kleine, schwarze Stute mit einer weißen Flocke zwischen den Augen, die sie eigentümlich dreist aussehen ließ. Schräg wehten Mähne und Schweif hinter ihr her, wenn sie über den Reitplatz trabte oder auf der Koppel, die anderen Pferde vor sich her trieb. Trotz ihrer 1,52m war Bella nämlich die Leitstute. Das kleine Mädchen war größer geworden, hatte Abitur gemacht, zu studieren begonnen – vielleicht war sie auch schon verheiratet. Sie kam nie mehr auf den Hof. Der Dauerauftrag mit der Boxmiete lief weiter – oder hatte man den auch vergessen mitsamt dem Pferd?
Dem Bauern wars recht. Solange weiter für sie gezahlt wurde, erhielt Bella, was die anderen auch bekamen: eine saubere Box, Koppelgang und Fütterung. War sie zufrieden damit? Es sah ganz so aus. Staub im Fell, ein paar Kletten in der Mähne störten sie nicht, sie wälzte sich im Gras, im Schlamm, rieb sich den getrockneten Schmutz an einem Zaunpfosten heraus und stibitzte Karotten aus den Krippen der anderen Pferde.
Zufrieden war auch Zbig, dem die Märsche zur Koppel und zurück lang wurden – Bella lief die Wege von allein, sie kannte ihre Koppel und ihre Box und musste nicht geführt werden.

In diesem Winter rutschte Bella auf dem eisglatten Boden ihres Paddocks aus und knallte auf die Schulter. Dete holte Zbig, sie legten ihr einen Gurt unter den Leib und hievten sie gemeinsam hoch. „So“, bestimmte Dete, „du alte Madam bleibscht mir ab jetzt in der Box drin! Ned, dass no was passiert.“
Also stand Bella, solange es eisig war, in der Box und schaute Dete beim Misten zu. Sie hatte inzwischen viele weiße Haare im Gesicht, über ihren Augen lagen tiefe Gruben im Schädel, aber immer noch blickte sie dreist wie je. „Mei, schau, wie sie schaut!“, sagte Dete öfter zu mir, wenn wir an ihrer Box vorbeikamen. Oder „Bella, heunt red i ned mit dir! Du hascht mi heunt au no kei einzigs Mal angschaut!“
Für das Stroh musste Dete zu einem Schuppen außerhalb des Stalles gehen. Vierzig Ballen Stroh, vierzig Gänge. Die Schneeflocken wirbelten in der Luft, der Frost biss in die Haut, Dete bekam brandige Flecken im ganzen Gesicht, fünf violette Stellen mit grauen Rändern, Frostbeulen. Sie schmierte Melkfett über das ganze Gesicht und schlang einen schwarzen Schal um den Kopf, es sah aus wie bei einer Nonne. Die automatischen Tränken in den Pferdeboxen froren ein. Sie ging zum Wohnhaus, um Werkzeug zu holen und kam wieder zurück. „Er isch ned daheim“, sagte sie. Dann erhitzte sie Wasser im Teekocher und goss es in die Tränken. „Mei, Bella“, keuchte sie, als sie an der Stute vorbeikam. „Den Winter packscht du no, gell. Aber den nächschten?“

Im Frühling passierte Zbig ein Unfall. Als er den Traktor rückwärts aus der Scheune fuhr, krachte er auf den stolzen Jeep eines der Pferdehalter. „Kurva mac“, fluchte er, als er sich den zerbeulten Wagen besah. Es bedeutete so was wie „Sauhure“, Zbig benutzte es, wann immer ihm etwas missfiel. Und hier war mehr als Missfallen. „Das teuer“, jammerte er. Der Besitzer des Jeeps und der Bauer, beide erklärten ihm, dass die Versicherung den Schaden zahlen würde.
Zbig stand da mit aufgeklapptem Mund, den Unterkiefer vorgeschoben wie eine geöffnete Schublade und ließ den Bauern reden.
„Das kostet leicht 8000, soviel hast du eh nicht!“
Zbig verstand etwas Deutsch. Aber es war klar, dass er kein Wort von dem glaubte, was er hörte. Hatte man ihm denn bisher was geschenkt? Zbig ging fest davon aus, dass er für den Schaden würde aufkommen müssen. Das hieß: Er würde im Sommer heimfahren ohne Geld. Der Gedanke raubte ihm die letzte Lust zur Arbeit, jetzt ging er noch langsamer, eine Box dauerte nun eine Stunde.
Nach einer Woche fasste Dete sich ein Herz und sprach den Bauern an. „Du muscht no amal mit dem Zbig reden“, sagte sie zu ihm. „I schaff nur und schaff, und der tut glei gar nix mehr. So gehts ned!“
Wir standen beide am Waschplatz, während sie sprach. Ich mit der Schaufel für die Pferdeäpfel, die mein Ross hinterlassen hatte, sie hielt den Schlauch in der Hand und spritzte den betonierten Boden sauber. Das Wasser schoss so stark durch den Gummischlauch, dass er in ihrer Hand tanzte.
„Er wills nicht glauben“, schrie der Bauer von seinem Traktor herunter. „Und das, wo arschklar ist, dass er das nicht zahlen kann. Ich weiß doch, wie viel er in der Taschn hat – ich zahls ihm ja selber, die siebenhundert jeden Monat. So ein Depp!“ Er startete den Traktor durch.
Dete hatte den Hahn zugedreht. Sobald das Wasser aus dem Schlauch wich, wurde er schlaff und kraftlos. Das gleiche passierte jetzt mit Dete. Schultern, Mundwinkel, Kopf – alles hing herab.
Zwei Pferdehalterinnen kamen angeschlendert. Als sie Dete so stehen sahen, hielten sie an. „Was ist los, Dete?“
„I bin a Pferdewirschaftsmeischterin!“, heulte Dete. „I sollt hier eigentlich die Gäul zureiten und au amal einem sein Schweif waschen. Und i tu den ganzen Tag bloß mischten! I bin a Fachkraft!“ Sie schniefte laut auf. „Und i krieg des gleiche Geld wie der Pole! Grad hat ers mir gesagt! Der Zbig hat grad so viel wie i!“
Wir sahen uns an und keine wusste, was wir sagen sollten. Was konnte man schon auch groß tun?
„Ach, Dete“, sagte die eine. „Das ist ja gar nicht schön!“
„Jetzt warte mal“, sagte die andere mit weicher Stimme. „Das wird schon wieder.“
„Mensch, Dete.“ Mehr fiel mir auch nicht ein.
Dete schniefte immer noch laut, ihre Schultern zuckten.
Die beiden gingen weiter zu ihren Pferden, und ich ging zu meinem.

Nach zwei Monaten hatte Dete etwas anderes gefunden und verließ den Hof. Sie ging von Box zu Box und verteilte Karotten. „Mei, Bella“, sagte sie. „Den Winter machscht es schon noch, ha?“ Die Stute hob gierig die Oberlippe. Gleich war die Karotte verschwunden.

Nun brachte Zbig die Pferde wieder alleine zur Koppel. Am Morgen ließen sie sich kaum halten, mittags waren sie von den Fliegen ganz verrückt und bissen und schlugen nach allen Seiten. Nur Bella machte keine Probleme, jeden Tag sahen wir sie auf stakeligen Beinen ihren Weg alleine gehen.
„Kurva mac“, fluchte Zbig, vier renitente Haflinger hinter sich, von denen jeder in eine andere Richtung zog. Von einem Tag auf den anderen ließ er die Tiere bis zum Abend draußen. Es war nichts mehr zu machen, Zbig hatte die Schnauze voll.
„Das geht so nicht!“ Wieder saßen wir beim Bauern. „Den ganzen Tag stehen die Pferde jetzt in der Sonne. Du musst noch jemand einstellen!“
„Ja“, seufzte der Bauer. „Schon klar. Ich muss halt an meine Unkosten denken, gell! Und jetzt ists schwer, dass ich was Gescheites find. Bis zum Herbst – da kommt dann schon wieder jemand!“

An einem heißen Maitag bekamen die Bauerskinder plötzlich Lust, Bella zu putzen. Alle anderen Pferde hatten den Fellwechsel längst hinter sich, ihre Besitzer hatten ihnen die Winterwolle vom Leib geschabt. Nur die alte Bella trug noch ihren schwarzen Bärenpelz. An dem machten sich nun die Kinder zu schaffen, sie striegelten und bürsteten, in dicken Wolken flogen die Fellbüschel über den Hof. Dann lockte ein neues Spiel, die Kinder rannten weg. Bella stand da, auf der einen Seite entkleidet, auf der anderen rauhaarig. Wie ein Vogel in der Mauser.

In einem der veralgten Bottiche vor den Koppeln trieb ein ertrunkenes Wiesel. Geheimnisvoll leuchtete sein Fell durch das grüne Wasser. Ein paar Meter weiter lag Bella auf dem Boden. Ob sie schlief? Dann sahen wir, dass eine Wespe auf ihrem Hüftknochen saß und feine Fleischfasern heraus biss. Und dass Bella am Leben war, denn sie hob den Kopf und blickte uns an. Nur für einen Augenblick, dann gab sie auf und ließ den Kopf wieder ins Gras sinken. Was wir alles versuchten, um sie hoch zu kriegen! Am Halfter zerren. Am Schweif. Sie war klein, aber immer noch ein Pferd, viel zu schwer. Einen Tritt gegen die Kruppe. Das Halfter in beiden Händen wandte eine von uns ihr den Kopf so, dass sie sie wieder ansah und brüllte „Du MUSST!“ Auf einmal war es, als käme ihr soeben der gleiche Gedanke. Sie stemmte die Vorderbeine in den Boden und drückte. Die Muskeln zitterten. Dann saß sie schräg auf der Wiese wie ein zum Kegel aufgerichteter Hase. Noch ein Zug. Sie stand.

Zwei Wochen später hieß es, Bella gebe es nicht mehr.
„Eingeschläfert halt“, sagte der Bauer.

Letzte Aktualisierung: 25.09.2007 - 09.16 Uhr
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