Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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September 2007
Fünf Glieder in der Nacht
von Sylvia Seelert

„Ich hasse dich …“ Überrascht hörte ich meine Worte, die Lippen überwanden, in deren Ränder die Taubheit schon so lange wohnte. Taumelnd standen sie im Raum und suchten nach sicheren Schritten.
Diese Nacht war nicht dunkel; sie war voller Lichter, ein Meer aus bunten Fischen, die in Schwärmen durch das Wasser zogen und leuchtende Spuren hinterließen. Diese Nacht war nicht still; Stimmen und Musik überall, die durch den Äther bis zu mir wehten, dort oben, wo der Augenblick mich hielt. Fünf Glieder in der Nacht, an einer Hand mit sechs Fingern, an einem Arm ausgestreckt, niedergestreckt, festgehalten. Unter mir das Toben der Cranger Kirmes. Mädchen mit Zuckerwatte im Gesicht und den Freund im Arm, kreischende Kinder in der Geisterbahn, kreischende Erwachsene in Karussells, die das Innerste zu Oberst brauchten, lachen, weinen, würgen, gemischt mit dem Duft von gebrannten Mandeln und heißem Fett.
Der Augenblick floss wie Bernstein um mich herum, mit zäher, klebriger Masse, die im Sonnenschein golden schimmert und ihr Inneres offenbart: eine Mücke, überrascht, nicht mehr fähig die Flügel zu strecken, willenlos gemacht. Kein Glied ließ sich mehr rühren, nicht Arm, nicht Bein, nicht Kopf.

„Das ist neu, da müssen wir drauf“, seine Worte keine Bitte, sondern Befehl.
Ein Arm, lampengeschmückt, schwang sein Gondelkreuz dreißig Meter in die Höhe, streckte sechs Finger in den Nachthimmel, schwang herum, drehte in jedem Finger seine fünf Glieder, drehte mir schon beim Zusehen den Magen um.
„Peter, bitte, ich will nicht, da wird mir schlecht“, flüsterte, hauchte ich mehr noch mit Stimmbändern von Angst gepackt.
„Ein Kraftwerk aus überirdischer Energie“, pries der Betreiber des Geräts an, “Kopfstand und Sturzflug der Extraklasse. Kommen Sie rein, trauen Sie sich …“
„Wir gehen, du Memme!“ Seine Hand umschloss stahlhart meinen Arm, zog, zerrte mich mit sich in Richtung des Karussells. So saßen wir auch schon bald in Sitz eins und zwei von fünfen einer Gondel. Schweißnasse Hände hielten sich an den Bügeln fest. Der Anfang war harmlos. Schwang der Arm noch gemächlich hin und her. Steigerte schließlich sein Tempo, schwang über seine Achse, stellte mich kopfüber, jagte mich im Sturzflug dem Boden wieder zu, um erneut aufzuschwingen an all den Lichtern und Treiben der Kirmes vorbei.
Plötzlich ein Ruck, ein Kreischen aus meinem Mund. Der Arm blieb stehen, mitten in der Bewegung, ließ uns kopfüber auf den Platz blicken und rührte sich nicht mehr.
„Kein Grund zur Panik“, sprang die knarrende Mikrofonstimme des Betreibers zu uns nach oben. „Den kleinen technischen Defekt haben wir gleich behoben.“ Mir entging das Zittern in seiner Stimme nicht.
Menschen sammelten sich dort unten, blickten mit ausgestreckten Fingern herauf. Ihr Raunen und Summen, das an einen Bienenschwarm erinnerte, konnte ich auch in dreißig Metern Höhe deutlich spüren. Ein leichter Wind wehte um mich herum, lau, sommergewärmt. Der Platz unter mir ein Lichtteppich mit glitzernden Fäden, die sich bis zum Horizont webten.
Träge floss das Blut in meinen Kopf, drückte sich mit Hilfe der Schwerkraft durch enge und blockierte Bahnen, trug Sauerstoff in die dunkelsten Winkel, die zuvor ohne Atem waren. Meine Augen wurden weit, erblickten nicht Menschen, sondern Lichtgestalten mit einer silbernen Aura. Mein Kopf schwenkte in seine Richtung. Lichtlos klammerte er sich an seinen Bügel fest. Die Lippen zu einem dünnen Strich verkniffen. Schweißperlen benetzten seine Haut und durchtränkten dunkel das hellblaue Hemd.
Da kam es zum ersten Mal über meine Lippen: „Ich hasse dich“. Zunächst eher erstaunt und ängstlich auf seine Antwort wartend. Als keine kam, ich ihn hilflos und schwitzend neben mir gefangen sah, wurden die Worte mit jedem Blutschwall, der durch meinen Kopf schoss, energischer, wütender bis sie erste Risse auf meiner Bernsteinhaut schlugen. Er blieb stumm. Nur das Weiß in seinen Augen spiegelte seine Gefühle.

Der Klang von Sirenen wehte zu uns hoch. Blinkende und hupende Feuerwehrspielzeugautos schoben sich nach und nach durch die Menge.
„Keine Panik, bleiben Sie bitte ruhig“, knarrte und knackte die Mikrofonstimme wieder in unsere Richtung. „Wir werden Sie alle gleich befreien.“
Der gewohnten Perspektive beraubt, rasten meine Gedanken wirr durch den Kopf, wussten nicht wohin, überschlugen sich mit irrem Gelächter und wüsten Beschimpfungen in seine Richtung. Dann wieder waren sie ganz still und verschreckt, verkrochen sich in eine Ecke und hielten den Blick auf den Boden gerichtet. Doch welcher Boden? Er war nicht mehr unter meinen Füßen.
Ein Feuerwehrmann stieg auf schwankender Drehleiter zu mir vom Himmel herab. „Schön, Sie zu sehen“, sprudelte es kichernd über meine Lippen. „Ich hätte gerne eine Fahrt zur Erde zurück!“ Schmuck sah der Mann in seiner schwarz-gelben Uniform aus, ein moderner Hermes, der Götterkinder rettet und die Seelen der Menschen auf ihren Weg in die Unterwelt begleitet. Lediglich die Flügelchen fehlten ihm an Helm und Füßen.
„Alles wird gut“, grinste er mich mit Perlenzähnen an und das Funkeln seiner Haselnussaugen erhitzte mir das Herz. Zusammen schwebten wir zur Erde zurück; mit meinem Kopf an seinen Hals gekuschelt atmete ich seinen frischen und erdigen Geruch ein. Mein Körper zitterte leicht und so drückte er mich ein wenig fester an sich. Mit Bedauern nahm ich unsere Ankunft auf den Boden wahr, viel zu schnell rissen mich Sanitäter von ihm los und hüllten mich in eine Decke ein. Welch magerer Ersatz für seine Wärme. Doch mein Götterbote war schon wieder im Himmel entschwunden, die Nächsten rettend.
Sie schoben mich in ein Zelt, untersuchten mich kurz und drückten mir dann eine Tasse mit heißem Tee in die Hand. Der wärmte mich nur äußerlich. Nach Minuten, die ich nicht zählte, weil sie nicht mehr wichtig waren, hatten sie auch Peter gerettet. So trat statt Hermes Hades zu mir ins Zelt. Seine Augen, gefangen in einem Netz von roten Äderchen, gehalten in einem bleichen Gesicht, stierten zu mir herab. Meine Hand gefror und ließ den Teebecher durch steife Finger fallen. Seine Hand schob sich aus der grauen Decke hervor und umklammerte schmerzhaft mein Handgelenk.
„Marie, wir gehen …“
Ich blickte zu ihm auf, blickte durch ihn hindurch. Fühlte die zerrissene Bernsteinhaut, spürte die lähmende Kälte seiner Hand, die mit ihren fünf Gliedern auf viele Arten Spuren auf meiner Haut und noch durch viele Schichten darunter hinterlassen konnte. Durch Muskeln und Nerven breitete sich diese Eisfront aus. Ich horchte auf das ängstliche Hämmern meines Herzens als letztes Glied, horchte auf das Flehen in jedem Schlag, das jede Nacht in meiner Brust tobte, wenn er zu mir kam. Die Bernsteinhaut wuchs als Grenze zwischen jeden Stoß, der von außen wie innen mich traf. Doch nun war die Grenze aufgerieben.
Mit ungewohnter Kraft riss ich mich los und stand auf. Seine Augen flackerten erschrocken, blickten nicht mehr herab. Meine Flügel, an denen ein letzter Rest von Bernsteinstaub klebte, schlugen zornig, um ihn abzuschütteln.
„Ich gehe“, spuckte mein Mund ihn an. Mit Schritten, die nun sicher waren, ging ich achtlos an ihn und der gefallenen Teetasse vorbei, ließ die grauen Wände des Zeltes hinter mich fallen und tauchte in das Lichtermeer der Nacht ein.

Letzte Aktualisierung: 16.09.2007 - 20.41 Uhr
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