Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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September 2007
Ach, wie gut, dass niemand weiß…
von Karl-Otto Kaminski

Wenn Kerstin nur halb so gut aussieht, wie sie schreibt, muss sie eine Schönheit sein. Sie findet oft so charmante Formulierungen, hat jede Menge Humor. Und intelligent ist sie obendrein. Was die alles weiß! Ich muss mich tüchtig zusammenreißen, um mich nicht zu blamieren, wenn wir miteinander chatten. Zwei- oder dreimal habe ich unsere Internetbegegnung schon mit einer fadenscheinigen Begründung abgebrochen, weil wir an ein Thema geraten waren, über das ich mir erst Kenntnisse anlesen musste.
Sie erzählte anfangs von ihrer Liebe zu alter Musik, ich von meiner Begeisterung für die Bilder französischer Impressionisten. Dann entdeckten wir, dass wir beide ein Faible für die Astronomie haben und für alles was mit der Raumfahrt zusammenhängt, und für Harry Potter, und für italienisches Essen, und, und…
Kerstin erzählte sehr lustig von ihrer Schulzeit. An meine habe ich eher negative Erinnerungen. Dafür konnte ich einige Anekdoten aus meiner Familie zum Besten geben. Der Gesprächsstoff (oder sagt man jetzt Chatstoff?) geht uns also nicht aus.
„hast du eine freundin?“ wollte sie kürzlich wissen.
„nein“, beeilte ich mich zu antworten. „hatte mal eine. lange her. und du?“
„ich habe eine ;) “, flachste sie.
„ich meine einen freund.“
„nein, bisher nicht. nichts festes.“
Bilder und Adressen haben wir noch nicht ausgetauscht. Nur irgendwann mal festgestellt, dass wir beide in Dortmund wohnen, sie im Süden, ich im Nordosten.
Dortmund ist sehr groß. Sie weiß nicht, wie ich aussehe und ich nicht, wie sie.
Gestern beschlossen wir darum, uns endlich nicht nur virtuell sondern in Wirklichkeit zu treffen. Termin: heute Nachmittag, 16 Uhr vor dem Hauptbahnhof. Aufgeregt bin ich wie ein Primaner. Ich stelle mir Kerstin vor: schlank, natürlich bestens gewachsen, blond, blaue Augen, mit einem hinreißend schönen Gesicht, oval, und mit einem Mund… zum küssen.
Ein kleines Blumensträußchen habe ich mir besorgt, so ein Biedermeierdings. (Man soll ja beim ersten Mal nicht gleich übertreiben.)
Zur Vorsicht rasiere ich mich schnell noch einmal. Da fällt mir plötzlich ein, dass ich ja nur mein Traumbild von ihr kenne. Wie aber sieht sie wirklich aus? Wie soll ich sie unter den vielen Passanten finden? Wir haben keine Erkennungszeichen ausgemacht. Das müssen wir schnellstens nachholen. Ist ja erst halb drei. Und bis zum Bahnhof brauche ich mit der U-Bahn maximal fünfundzwanzig Minuten. Ich werde ihr vorschlagen, sie soll ein Harry Potter-Buch in der Hand tragen, und ich nehme den schwarz-roten Werbestockschirm von Toshiba mit. Der fällt auf.
Also ran an den Laptop und rein ins Internet.
Mein Gott, ist die Kiste heute lahm! Wieso dauert es denn so lange, bis sich die Startseite aufbaut? Jetzt bricht der Rechner den Versuch auch noch ab und zeigt mir eine unverständliche Fehleranzeige. Also noch mal!
Wieder bockt der Blechtrottel. Aber ich komme jetzt auf die Startseite und kann Kerstins E-Mail-Adresse eintippen: www.kerstin.de. Na bitte!
Da meldet sich das Internet wieder ab. Die Startseite erlischt, stattdessen sehe ich wieder diese Fehlermeldung. Das kann doch nicht wahr sein!
Dritter Versuch.
Da schießt es mir plötzlich durch den Kopf: Das hast du doch schon mal erlebt, Mensch! Du hast dir einen Wurm eingefangen, eine dieser hinterhältigen, fiesen Softwaregemeinheiten, mit denen kriminelle Hacker Millionen PCs lahm legen können. Und das muss mir passieren, und ausgerechnet heute.
Ich will, ich muss Kerstin noch einmal an ihren Rechner kriegen, sonst ist das ganze Rendezvous im Eimer. Und ich freu mich doch so riesig darauf.
Aber ich kann ja doch nicht einfach auf die schönste Frau vor dem Hauptbahnhof zu gehen und sie fragen, ob sie zufällig Kerstin heißt.
Kühlen Kopf jetzt! ermahne ich mich.
Wie war das noch, als ich das letzte Mal einen Wurm vom PC entfernen musste?
Irgendwo habe ich da noch einen kleinen gelben Zettel liegen, auf dem ich das Prozedere notiert habe, aber wo? Natürlich finde ich den Zettel nicht. Verdammte Unordnung!
Das Genie beherrscht das Chaos? Von wegen! Aufräumen muss ich, und zwar dringend, wenn auch nicht gerade heute.
Also, tief durchatmen. Was muss ich tun? „Ausführen“ anklicken und „shutdown-a“ eingeben, glaube ich. Damit müsste ich ein bis zwei Minuten Zeit haben, um die Stinger-software von „mcafee“ down zu loaden. Bei denen gibt’s ja immer die neueste. Wenn ich die erst auf dem Rechner habe, geht’s dem Wurm an den Kragen.
Also los!
Hurra! Das Biest bleibt ruhig. Ich komme auf die Startseite von „mcafee“.
Meine Hände zittern jetzt. Wo ist bloß der Icon für die Download-Seite? Warum überladen die ihre Pages immer mit so viel Müll?
Mein Gott, die Zeit rast mir davon. Ich muss Kerstin erreichen, bevor sie aus dem Haus geht. Ich muss, ich muss, ich muss!
Ah, da ist das Schaltfeld „downloads“. Anklicken, und schon erscheint die rettende Seite auf dem Bildschirm.
Ach du lieber Himmel, da werden Killerprogramme gleich für sechs Würmer angeboten. Welcher davon ist aber nun der, der in meinem Laptop haust? Wie soll ich das wissen? Ich klicke einfach den ersten an.
Schon zehn nach drei.
Nun mach doch schon! „Stinger exe“ steht da und „downloaden“. Ok.
Na? Zeigt das Ding Wirkung?
Jetzt verlangt das Programm zum Öffnen des Stingers einen Finereader. Habe ich doch auf der Festplatte, oder?
Shit! Das ist noch die alte Version. Den Würmerkiller kann ich nur mit der neuen aktivieren. Also muss ich die auch noch runterladen.
Mist, verdammter! Jetzt ist die Karenzzeit abgelaufen und der Wurm lässt mich wieder nicht ins Netz.
Also noch mal „shutdown-a“ und den Finereader runter beamen. Hoffentlich reicht das Zeitfenster aus.
Warum dauert das nur so lange? Das müssen ja irre Datenmengen sein, die da bewegt werden. Na, endlich! Wenigstens das hat funktioniert.
Bitte, bitte, Kerstin, verspäte dich doch! Such dir ein anderes T-Shirt aus, wechsle die Jeans, vermurkse dein Makeup oder mach sonst was. Sei nur nicht pünktlich!
Schon siebzehn nach drei.
Da! Jetzt ist der Scheißwurm wieder wach geworden und bricht die Internetverbindung ab. Was mach ich nur? Die Hotline des Providers anrufen ist Käse. Da werde ich nur in die Warteschleife geschoben und kann mir für 12 Cent pro Minute blöde Diskomusik anhören und die Automatenstimme, die mich um Geduld bittet, weil alle Serviceanschlüsse belegt sind.
Letzter Versuch bei „mcafee“. Jetzt kenne ich die Prozedur, klicke automatisch und schnell. Die Stingersoftware für den zweiten Wurm runterladen. So!
Was ist das? Wieder eine Niete! Das heimtückische Biest bleibt auf meinem Rechner, treibt sich irgendwo auf der Festplatte rum und singt wie weiland Rumpelstilzchen: „Ach, wie gut, dass niemand weiß…“ Aber es verrät mir seinen Namen nicht.
Wahrscheinlich ist mein Wurm ohnehin der letzte in der Reihe der aktuellen Störenfriede auf der Downloadseite. Also nehme ich gleich das Programm für den letzten.
Verdammt, verdammt, verdammt! Der war es auch nicht.
Hätte ich Kerstin doch nur mal nach ihrer Telefonnummer oder ihrem Nachnamen gefragt. Ich habe das für indiskret gehalten. Aber das war nicht indiskret, das war einfach blöd.
Fünf vor halb.
Die nächsten drei Stinger schaffe ich sicher nicht mehr in der kurzen Zeit, die
mir noch bleibt. Aber ich muss es doch versuchen. Ich muss!
Wieder abblocken den tückischen Feind, rein ins Netz, hoch zu „mcafee“ und runter mit dem vierten Rettungsprogramm.
Ich habe jetzt Schwierigkeiten, meine zitternden Finger unter Kontrolle zu halten, mein Blut kocht vor Wut. Warum nur muss dieses Scheißding gerade meinen Computer lahm legen?
Und warum ausgerechnet heute?
Jetzt vertippe ich mich auch noch. Also noch mal!
Rechts unten am Bildschirmrand leuchtet höhnisch die Zeitangabe: 15:36.
Nun habe ich auch das sechste Stingerprogramm geladen. Wird es noch reichen, um den Wurm zu killen? Und, was viel wichtiger ist, wird Kerstin noch zu Hause sein, wenn es mir gelingt, ihren Rechner zu kontakten?
Das Programm durchsucht die vielen Dateien.
Mach schneller! hörst du? Mach schneller!
Fünfzehn Uhr einundvierzig. Jetzt müsste ich dringend los.
Gibt’s denn so was? Ich fasse es nicht! Mitten in der Suchroutine bricht das Programm ab.
„Der Rechner wird herunter gefahren.“ meldet ein Fenster in der Startseite. Das Bild erlischt.
War denn jetzt alles umsonst?
Was mache ich jetzt? Und was macht Kerstin, die süße, kluge, charmante Kerstin?
Das wird sie sich nicht bieten lassen, gleich beim ersten Date versetzt. Und schuld daran ist so ein anonymer Verbrecher, der meine Technik lahm legt.
Das ist doch eine gottverdammte Scheiße!
Nun ist alles zu spät!
Ich merke, wie mir mein Kragen zu eng wird.
Meine Hände sind feucht.
Eine Überdosis Adrenalin schießt durch meinen Körper.
Ohnmächtige Wut braust in meinen Ohren.
Vor meinen Augen flattern rote Nebel.
Meine Finger verkrampfen sich.
Und im Innern des abgeschalteten Computers triumphiert ein unberechenbarer, hinterhältiger, gemeiner Wurm: „Ach, wie gut, dass niemand weiß…“
Schwer atmend stehe ich - ich weiß nicht, wie lange - neben meinem Arbeitsplatz. Langsam lässt das Dröhnen in meinen Ohren nach, beruhigt sich mein Puls, während ich unendlich traurig auf den hässlichen Haufen Elektronikschrott zu meinen Füssen starre.

Letzte Aktualisierung: 03.09.2007 - 20.42 Uhr
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