Der Tod aus der Teekiste
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September 2007
Babywonnen
von Tina Mews

„Schatz, ich glaub es geht los.“ Brit rüttelt leicht an Toms Schulter. Keine Reaktion.
„Ich glaub es ist soweit. Wir fahren jetzt besser ins Krankenhaus.“
Wieder nur ein widerwilliges Brummen aus den Decken.
„Mhm, was denn? Lass mich doch schlafen.“
Brit müht sich hoch und wälzt sich aus dem Bett. Schwerfällig zieht sie sich an. Irgendwie ist es ganz anders als in den Filmen, wo die Männer vor Nervosität durchdrehen, wenn das Baby kommt. Tom will am liebsten weiterschlafen und scheint überhaupt nicht aufgeregt. Die nächste Welle schlägt über Brit zusammen. Alle 5 Minuten, langsam wird es Zeit.
Warum braucht der Kerl nur so lange? Endlich kommt er aus dem Bad und schnappt sich Brits Tasche.
„Ich fahr schon mal den Wagen aus der Garage, und du wartest bis ich dich hole.“
Er ist ja doch ziemlich fürsorglich, wenn er erstmal wach ist. Brit hofft nur, dass es dieses Mal nicht wieder falscher Alarm ist. Sie ist so neugierig auf das kleine Wesen.

Kurz darauf, im Kreissaal, ist Brit sicher, dass sie dieses Mal nicht umsonst gekommen ist. Auf Schmerzen dieser Dimension hatte sie niemand vorbereitet. Im Babykurs hörte sich das alles ziemlich harmlos an.

„Ziehen Sie sich erst mal aus und dann werden wir Sie an den Wehenschreiber anschließen. Anschließend gehen Sie in die Wanne zum Entspannen und dann sehen wir weiter.“ Behutsam führte die Hebamme Brit zum Bett.

„Die Atemübungen aus dem Vorbereitungskurs helfen mir gar nicht weiter. Bei jeder Wehe kann ich kaum atmen. Wird es noch lange dauern?“

„Die Wehen kommen regelmäßig, soweit ist alles in Ordnung. Aber ein paar Stunden müssen Sie noch durchhalten. Denken Sie dran, wenn Sie das überstanden haben, werden Sie ihr Baby im Arm halten. Dann sind die Strapazen schnell vergessen. Jetzt gehen Sie erst mal in die Wanne und entspannen Sie sich.“

Brit hievt ihren riesigen Bauch vorsichtig in die Wanne. Das warme Wasser umplätschert ihren Leib und lockert die verkrampften Muskeln.
Tom massiert ihr sanft den Nacken.
„Bekommen Nilpferde ihre Babies eigentlich im Wasser?“ Mit schiefem Blick auf ihren Bauch bringt Tom Brit zum Lachen.
„Ich bin froh, dass du bei mir bist, trotz Deiner frechen Kommentare.“ Brit lehnt sich in der Wanne zurück.
„Ist doch klar. Ist doch schließlich u n s e r Baby. Wenn ich auch nicht viel tun kann.“

„So, raus aus dem Wasser. Jetzt sehen wir mal, wie weit Sie sind“. Mit einem energischen Schwung wird die Tür geöffnet. Mit Bedauern klettert Britt umständlich aus dem wohligen Bad.

„Sechs Zentimeter ist der Muttermund schon geöffnet. Lange dauert es nicht mehr. Aber das Baby sitzt noch zu hoch, langsam müsste es tiefer rutschen. Ich werde mir noch mal die Herztöne anhören.“
„Ich habe das Gefühl, es ist die ganze Zeit gleich. Die Wehen kommen zwar schneller aber es tut sich…“, Brit schnappt nach Luft und verkrampft.
„Die Herztöne des Babys gefallen mir gar nicht. In der Wehe werden sie schlechter. Da möchte ich kein Risiko eingehen. Der Oberarzt soll sich das mal ansehen.“
Bittere Galle steigt in Brits Magen auf. Dem Baby geht´s schlecht? Was kann ich …? Warum geht es nicht voran?

„Das Kind rutscht nicht in den Geburtskanal. Das wird so nicht gehen, wir müssen einen Kaiserschnitt einleiten. Die Gefahr für das Baby ist zu groß.“ Der Oberarzt spricht mehr zu der Hebamme, als zu Brit.

Als wenn ich gar nicht da wäre. Gedankenfetzen schweben durch Brits Kopf, sind aber so schemenhaft und unwirklich.
„Ich will, dass das endlich vorbei ist. Ich kann nicht mehr.“ Benebelt sieht Brit die Infusion mit dem Wehen hemmenden Mittel in ihrem Arm. Ihr Herz rast wie bei einer Achterbahnfahrt und ihre Muskeln versagen ihren Dienst.
Sanft streichelt Tom ihre Hand.
„Ich würde dir so gern helfen. Ich komme mir so nutzlos vor.“ Die lockeren Späße sind vergessen. Ängstliche Sorge schwingt in seinen Worten als die Schwestern Brit zum OP schieben.
„Sie warten bitte draußen.“ So hat Tom sich das Ganze nicht vorgestellt.

Mit wackeligen Beinen klettert Brit von ihrem Bett auf den OP-Tisch. Plötzlich sind Ärzte und Schwestern um sie herum und helfen ihr hinüber. Ihr Bauch wird mit einer Lösung desinfiziert. Der raue Schwamm kratzt kühl auf ihrer empfindlichen Haut.

„Haben sie keine Angst, wir bereiten sie jetzt auf die OP vor und dann geht es ganz schnell. Sie schlafen und wenn sie wieder wach sind, haben sie ihr Baby.“

Die beruhigenden Worte der Schwester prallen ungehört an Brit ab. Zitternd und vollkommen erschöpft liegt sie apathisch wie ein Opferlamm auf der Liege. Durch die Infusion in ihrem Handrücken steigt langsam eine Flüssigkeit warm in ihren Arm auf. Dann sind ihre Augenlider tonnenschwer und fallen ohne den geringsten Widerstand zu.
„Zählen Sie bis zehn, dann werden Sie schlafen.“
„ Eins, zwei,…“, weiter kommt Brit nicht. Aber sie schläft auch nicht. Wie in einem Eisenpanzer liegt sie, unfähig sich zu bewegen. Kein Muskel gehorcht ihrem Willen aber sie ist wach.
„Irgendwas läuft da nicht richtig“, hört sie sich innerlich sagen, „ der Arzt gibt den Schwestern Anweisungen, warum kann ich das hören?“
Kein Ton verlässt ihre Lippen. Das Entsetzen breitet sich rasend schnell in ihrem Körper aus.
„Ich bin wach “!
Niemand hört ihren stummen Schrei. Gefangen in einem Alptraum. Sie kann sich nicht bemerkbar machen und weiß genau, was als nächstes passieren wird. Sie wird ihren Kaiserschnitt miterleben. Heiße Wellen der Panik wogen in ihrem Innern und sie kann nichts tun.

Wie bei einem Deja-vu-Erlebnis erinnert sie sich an einen Kinofilm, der sie Jahre zuvor mit Entsetzen erfüllt hatte. Johnny zieht in den Krieg. Er handelte von einem Soldaten, der im Kriegseinsatz auf eine Mine getreten war. Sein Körper lag als Torso ohne Arme und Beine im Lazarett. Er konnte sich nicht bemerkbar machen, da auch sein Gesicht zerfetzt war und die Ärzte ihn für bewusstlos hielten. Das Grauen des Filmes bestand darin, dass sein Gehirn funktionierte und er bei Bewusstsein war, gefangen in einem Körper, den es eigentlich nicht mehr gab. Sein wacher Geist litt unter der Isolation und dem Entsetzen sich nicht bemerkbar machen zu können. Für Brit war das der schrecklichste Film gewesen, den sie je gesehen hatte.

„Wir können jetzt, sie schläft.“ Brit spürt das Skalpell die gespannte Haut an ihrem Bauch streifen.
„Nein“, ihr Gedankenschrei hallt tausendfach durch Brits Gehirn, „das könnt ihr doch nicht machen.“
Die Haut gibt unter dem Druck des Messers nach, die Spannung des gewölbten Leibes löst sich und Brit hat das Gefühl ihr Körper reißt auf. Sie wartet auf den unerträglichen Schmerz.
„Lass mich wenigstens ohnmächtig werden.“ Stoßgebete an den Himmel verhallen ungehört. Wo aber bleiben die Schmerzen? Erstaunen lässt sie fast das Entsetzen vergessen. Sie fühlt zwar was da geschieht, aber ohne Schmerz.

Dann endlich taucht sie in die Dunkelheit ab und versinkt im schwarzen Nichts.

„Brit, aufwachen. Es ist alles vorbei.“ Mühsam quält sich Brit aus dem Nebel und versucht sich zu finden.
„Mein Baby,…“
In der Wiege neben ihrem Bett schlummert das Baby die Strapazen der letzten Stunden weg.
„Ihrem Sohn geht es prächtig“, „ jetzt müssen Sie wieder auf die Beine kommen:“
Die Schwester hebt das Kind aus dem Bettchen, da trifft die Erinnerung Britt wie ein Hammerschlag.
„Ich habe mitgekriegt, wie Sie mir den Bauch aufgeschnitten haben.“ Vor Panik schwingt Brits Stimme schrill. „Ich habe alles gehört und konnte nichts sagen und mich nicht bewegen. Wie in einem Alptraum.“

„ Das kommt schon mal vor. Wir dosieren die Narkose so gering, dass das Baby keinen Schaden davonträgt, da kann die Mutter schon mal was mitkriegen. Aber sie hatten doch keine Schmerzen, oder?!“

Letzte Aktualisierung: 16.09.2007 - 20.44 Uhr
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