Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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September 2007
Gesplittert
von Karina Schneider

Manchmal gibt es Tage, die verdienen es nicht, dass man sie mit der eigenen Gegenwart bereichert. Der vergangene Donnerstag war solch ein Tag. Aber bevor ich jetzt alles vorwegnehme, beginne ich der Reihe nach.
Es begann bereits beim Aufstehen. Der Wecker klingelte wieder unverschämt früh und der Blick aus dem Fenster verriet auch an der Wetterfront nichts Gutes. Regen, Regen und noch mehr Regen, wie Stecknadeln die zu Boden fielen und ohne Rücksicht jedes Glücksgefühl attackierten. Am liebsten hätte ich mich sofort wieder rumgedreht und weitergeschlafen, was aber ohne einen Mann zum wärmen auch nur halb so schön war.
Vielleicht veranlasste mich das zum Aufstehen. Oder es war schlichtweg Pflichtgefühl, dachte ich, als ich wieder viel zu flott um die Kurven bog, denn ich war zu spät dran. Wahrscheinlicher war das Pflichtgefühl, auf Grund dessen ich meinen wohlverdienten Schlaf opferte, um stattdessen meinem langweiligen Bürojob nachzukommen. Alles Wunschdenken half nicht und so erreichte ich, sogar beinahe pünktlich, meine Arbeitsstelle, eine Versicherungsagentur. Zu meinem Glück hatte der Chef nichts bemerkt von der leichten Verspätung, sonst hätte es unverzüglich Rabatz gegeben.
So richtig wollte mir die Arbeit an diesem Morgen nicht von der Hand gehen, weiß der Herrgott warum. Es gibt halt einfach solche Tage, und das triste Wetter beflügelte meine Stimmung auch nicht im Geringsten. Dieser Sommer war einfach zum an die Wand nageln. Statt grünen Flip-Flops regierten meine Gummistiefel mit Miniaturgärtnern drauf, deren Anschaffung sich wirklich bezahlt gemacht hatte. Dass mir das Schlimmste jedoch noch bevor stand, ahnte ich um 10 Uhr noch nicht.

Nach der Mittagspause wollte ich wieder in mein Büro gehen, um die verhassten Listen fertig zu machen, auf die der Chef so schrecklich viel Wert legte. Wirklich aussagekräftig würde meiner Meinung nach keine der 5 Tabellen sein, aber was Chef will, soll Chef auch bekommen. Ganz klar war mir die Bedeutung der Tabellen nicht, ich fertigte sie bloß an, wie ein Handlanger, indem ich Zahlen aus der Buchhaltung nahm, um sie nach einem bestimmten Muster neu zu arrangieren.
Vor der Pause hatte ich auf Grund chronischen Chaos, meine Zimmertüre verschlossen. Umso überraschter war ich nach dem Aufschließen, ein mir unbekanntes Gesicht hinter meinem Schreibtisch zu entdecken. Wie war der bloß herein gekommen und warum hatte er sich in MEINEM Büro eingeschlossen? Diese Fragen beschäftigen mich kurzfristig.
Der Eindringling machte sich an meinem Computer zu schaffen und bemerkte mich zunächst nicht. Nach einiger Verzögerung die ich zeitlich nicht zuordnen konnte, schreckte auch er auf und bekam hektische Flecken im Gesicht. Er sah mich an, wie jung er doch wirkte, was anderes konnte ich nicht denken. Die wenigen Haare auf seinem Kopf waren kurz geschnitten, standen aber trotzdem in alle erdenklichen Richtungen ab. Sein Blick streifte den meinen. Für mich passierte all das in Zeitlupe. Auch dass er aufstand und auf das Fenster zulief und ohne es zu öffnen hinaus sprang.
Fünfter Stock – Gehweg.
Das gesamte Spektakel hatte keine zwei Minuten gedauert, mir war es vor wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen. In einer Art Trance bewegte ich mich zum Fenster und sah hinunter. Was dort auf dem Bürgersteig lag, erinnerte kaum noch an den Menschen, der zuvor hinter meinem Schreibtisch gesessen hatte. Ich konnte mich nicht mehr rühren, wie eingefroren war mein Körper. Und mein Geist tat es ihm gleich. Gedanken verflogen und ließen die große weiße Leere überwiegen.

Durch den Lärm der gesplitterten Scheibe angelockt, betraten immer mehr meiner Kollegen mein Büro. Ich starrte weiter auf das Häufchen Elend, dass fünf Stockwerke unter mir lag. Jegliche noch verbliebene Wärme verließ meinen Körper und doch konnte ich den Blick einfach nicht abwenden.
Dass die Polizei mit Blaulicht erschien, ebenso wie ein Krankenwagen blieb in der Leere meines Geistes nicht hängen. Ich begriff einfach nicht was geschehen war.

ein mann
tot
aus meinem fester
in die tiefe
5 stockwerke

Worthülsen, deren Sinn ich nicht begriff, vielleicht auch nicht begreifen wollte. Alles weiß, gesprenkelt mit roten Tropfen.

Was in den darauf folgenden Stunden alles geschehen war, daran hatte ich keine Erinnerung. Irgendwann wachte ich in meinem Bett auf. Neben mir, auf einem Stuhl, saß meine beste Freundin. Jemand musste Andrea angerufen haben, damit ich nicht alleine wach wurde. Es dauerte bis die Erinnerung mich einholte. Als sie aber dann eintraf, war es, als schlüge jemand mit einem Hammer das Bild des Toten von innen gegen meine Netzhaut.
Die Tränen begannen mir das Gesicht herunter zu laufen und Andrea nahm mich in den Arm und hielt mich fest.
Nach einiger Zeit wurde ich wieder ruhiger und sie begann mir zu erzählen von dem Unglück. Was ich hörte konnte ich nicht verarbeiten. Sein Name war Viktor gewesen, Sohn des Hausmeisters, 17 Jahre alt. Er hatte seinem Vater den Generalschlüssel gestohlen um an meinen Rechner zu gelangen. Einige Dateien waren verschwunden von der Festplatte, man hatte sie nicht wiederherstellen können. Darunter auch die Listen, die ich als letztes bearbeitet hatte. Die näheren Umstände ermittelte jetzt die Polizei. Es war mir in dem Moment auch egal, was den Jungen, ein Junge war er wahrhaftig noch gewesen, zu dieser Tat veranlasst hatte. Schließlich war er tot, wen kümmerte da die Ursache. Wieder begann der Vorhang aus Tränen, sich vor meinen Augen zu schließen.

Letzte Aktualisierung: 11.09.2007 - 20.11 Uhr
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