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Oktober 2007
Zimtsterne
von Claudia Göpel



Ich hing gerade kopfüber über dem Wannenrand, wusch mir die Haare, als das Telefon klingelte. Ich angelte nach dem Hörer, überlegte zum wiederholten Male, ob meine nassen Hände dem Akku schaden könnten und drückte auf grün.
„Ja, bitte.“
„Warum dauert das immer so lange, bis du ans Telefon gehst?“, nörgelte meine Mutter.
„Ich wasche Haare.“
„Um diese Zeit?“
„Es ist kurz vor neun Uhr abends. Was gibt es denn?“
„Wieso rufst du nicht an?“
„Ich habe doch am Dienstag erst mit dir telefoniert.“
„Das ist schon wieder ein paar Tage her, du könntest ruhig öfter anrufen.“
„Mutti, ich habe nasse Haare, schaumige Hände und meine Beine schlafen in dieser Stellung gleich ein. Was ist denn los?“
„Du weist doch, dass Vati im Krankenhaus ist.“
„Natürlich, darüber hatten wir gesprochen. Der Termin stand längst fest.“
„Übermorgen ist der erste Advent.“
„Na und?“
„Da muss ich Plätzchen backen.“
„Mutti, so ein Quatsch. Du kannst gar nicht backen.“
Meine Mutter konnte auch nicht kochen, nicht mal Eier. Um die Essensversorgung hatte sich, seit ich denken konnte, mein Vater gekümmert. Das war schon ewig so und nicht wirklich ein Problem.
„Ich muss mit dem Hund spazieren gehen. Und außerdem gab es zum ersten Advent immer Plätzchen.“
„Mutti, kein Mensch braucht jetzt Plätzchen und dem Tommy machst du das Gartentor zur Streuobstwiese auf, da hat er massenweise Platz, um sich einen Ort zum Kacken zu suchen.“
„Dein Vater liegt seit vier Tagen im Krankenhaus. Du weist ja gar nicht, wie das ist“, jammerte sie.
„Stimmt. Ich wohne hundertzwanzig Kilometer weit weg, habe einen Acht-Stunden-Tag hinter mir, dein Enkel schläft Gott sei Dank, dein Schwiegersohn müsste jeden Moment von der Montage heimkommen, und ich möchte nur meine Ruhe haben.“
„Du bist so undankbar. Weißt du eigentlich, was ich alles für dich getan habe?“
„Ja, weiß ich.“
„Na, jedenfalls backe ich morgen Vormittag. Wenn du mit mir sprechen willst, kannst du ja noch mal anrufen.“
Damit legte meine Mutter auf. Ich stand mir tropfenden Haaren und schaumverschmiertem Telefon im Bad, starrte den Hörer an. Wenige Sekunden später klingelte es erneut.
„Schatz, ich schaffe es dieses Wochenende nicht, nach Hause zu kommen. Ist das sehr schlimm?“
„Nein, kein Problem.“
„Was ist los?“
„Nichts, Liebling. Meine Mutter will nur Plätzchen backen.“
„Das kann sie doch gar nicht.“
„Eben. Mach dir keine Sorgen, das kriege ich hin. Bis nächste Woche, ich liebe dich.“
Wieder ein Wochenende ohne meinen Mann.
Am nächsten Morgen wollte ich eigentlich richtig lange ausschlafen. Stattdessen knetete ich früh um acht Uhr Teig.

Als ich gegen Mittag die Tür zum Haus meiner Eltern öffnete, roch ich es bereits. Dunkel qualmte es aus dem Herd. Schnell schaltete ich ihn aus, öffnete die Klappe und zog das Backblech heraus. Mein Sohn stand kopfschüttelnd daneben.
„Was hat die Oma nur wieder angestellt.“
Ich legte den Finger an die Lippen.
„Keinen Mucks zu Oma, hörst du. Geh nach draußen und such sie, bestimmt ist sie mit dem Hund spazieren.“
In der Zwischenzeit entsorgte ich den schwarzen Belag, säuberte das Blech notdürftig, setzte meine mitgebrachten Plätzchen darauf und schob es wieder in den nun bereits erkalteten Ofen.

„Hallo Mutti. Ich habe mich mal etwas um deine Plätzchen gekümmert. Sie wären beinahe verbrannt.“
„Ach Himmel. Die hatte ich ganz vergessen. Schön, dass du kommen konntest. Da wird sich dein Vater aber freuen, wenn wir ihn nachher im Krankenhaus besuchen.“
Verlegen wischte ich mir die Finger an der Hose ab. Der alte Hund leckte meine Hände. Mein Sohn grinste verschwörerisch.
„Na, da will ich mal nach den Plätzchen sehen. Ich habe doch gesagt, dass ich das hinbekomme.“
Meine Mutter öffnete den Herd, zog das Backblech heraus und stutzte.
„So was aber auch. Ich dachte, ich hätte Vanillekipferl gemacht und nun schau dir das an! Ein Wunder: Jetzt sind es plötzlich Zimtsterne.“
Ihre Augen wurden ganz groß und glänzten.
„Du bist eben doch eine richtige Backkünstlerin“, sagte ich, umarmte meine Mutter und zwinkerte meinem Sohn zu.


© Claudia Göpel
17.10.2007


Letzte Aktualisierung: 27.10.2007 - 14.28 Uhr
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