Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Oktober 2007
Stars und Sternchen
von Esther Schmidt

„Red kein Unsinn! Das ist sie nicht!“
„Wenn ich’s dir sage!“
Ralf schüttelte den Kopf und starrte zu den beiden Frauen hinüber, die vier Tische weiter ihren Kaffee tranken.
„Jemand wie die sitzt nicht im Flughafenrestaurant. Die geht doch gleich in die VIP-Lounge.“
„Klar, wenn Tegel so was hätte.“ Hermann grinste. „Ich hab hier schon oft Promis gesehen. Glaub mir, das ist sie!“ Er sah auf seine Uhr und kippte den letzten Rest seines Weizens hinunter. „Ich muss los. Dein Flieger geht erst in einer halben Stunde, nicht?“
„Vierzig Minuten“, gab Ralf zurück.
„Also dann, guten Flug.“ Hermann erhob sich und schulterte den Laptop. Die Kollegen nickten einander zu, dann schlängelte sich Hermann zwischen den Tischen hindurch. Ralf sah ihm nach. Wieder blieb sein Blick an den Frauen zwei Tische weiter haften – die eine jung und gertenschlank, die Ältere vornehm. Ob sie es wirklich war? Vielleicht mit ihrer Agentin? Er müsste näher heran, um sicher zu sein.
Kurz entschlossen stand er auf, griff seine Geldbörse, ging zu der Selbstbedienungstheke, wo er ein Tunfischsandwich erstand. Während er an der Kasse wartete, blickte er zu den Frauen hinüber, und als er zu seinem Tisch zurückging, führte sein Weg direkt auf sie zu.
Herrje, wie dünn sie war, geradezu zerbrechlich! In den Filmen war ihm das nie so vorgekommen, aber sagte man nicht immer, dass die Kamera fünf Kilo hinzusetzte? Hermann konnte Recht haben, sie war es tatsächlich!
Erst als Ralf am Tisch der Frauen vorbei war, fiel ihm auf, wie ungehörig er die Schauspielerin angestarrt hatte. Peinlich war das! Am Ende glaubten die beiden, er gehöre zu diesen komischen Typen, die ständig irgendwelchen Promis hinterher liefen. Nein, das hatte er nicht nötig. Gut, er war nie im Fernsehen gewesen, aber er war auch nicht gerade Hilfsarbeiter. Als Abteilungsleiter konnte er stolz darauf sein, wie weit er es in seiner Firma gebracht hatte. Dieses Seriensternchen dort drüben brauchte sich nicht einzubilden, etwas Besseres zu sein, bloß, weil sie von wildfremden Leuten auf dem Flughafen erkannt wurde!
Wieder stand er auf, zapfte am Tresen ein Glas Cola. Auf dem Weg zurück zu seinem Tisch würdigte er die Frauen keines Blickes. Er ignorierte sie, sie waren Luft für ihn, und als er sich setzte, war er recht zufrieden mit sich.
Er hatte sie behandelt, wie jeden anderen Menschen auch. Sie war nichts Besseres als Lieschen Müller oder Hannes Meier.
Aber sie war auch nichts Schlechteres, schränkte er gedanklich ein. Hätte er Lieschen Müller ignoriert, so, wie er eben diese Schauspielerin ignoriert hatte? Nein, das hätte er nicht. Über jedes andere, unbekannte Gesicht hätte er seine Augen streifen lassen, hätte es zur Kenntnis genommen. Wieder hatte er sie herausgehoben aus der Masse, hatte sie anders behandelt, als den unscheinbaren Tischnachbarn.
Erneut erhob sich Ralf und diesmal suchte er sich einen Schokoriegel aus dem Sortiment. Auf dem Rückweg ließ er seine Augen gleichgültig durch den Raum wandern, nahm die Plastiksitze wahr, den Geschäftsmann, der sich hinter der Zeitung verschanzte, die tischewischende Bedienung, die Schauspielerin mit ihrer Agentin, die Familie mit der Tochter, die lustlos in ihren Pommes herumstocherte, die Plastikpflanze in ihrem Kübel.
„Ja, so ist es richtig gewesen“, dachte er, während er die Verpackung öffnete und herzhaft in den Schokoriegel biss. Nun hatte er sie wirklich behandelt, wie jeden anderen Menschen, hatte sie nicht herausgehoben, weder im Positiven, noch im Negativen. Sie war einfach ein Mensch unter anderen, nichts besonderes, und die Aufmerksamkeit, die er jedem Anwesenden gezollt hatte, war gerecht verteilt gewesen.
Gerecht? Vielleicht doch nicht ganz, schränkte er gedanklich ein. Immerhin, sie hatte es schon in jungen Jahren zu etwas gebracht. Wie alt mochte sie sein? Zwanzig? Einundzwanzig? In dem Alter hatte er gerade sein Studium begonnen. Sie stand bereits voll im Berufsleben, musste sich mit fordernden Regisseuren, eingebildeten Kollegen, verrückten Fans herumschlagen. Es war sicher nicht einfach, im „Showbiz“ Integrität und Würde zu bewahren, auch wenn Berlin nicht Hollywood war. Sie hatte es mit Anfang zwanzig zu etwas gebracht, zu mehr jedenfalls, als die Studentin, die ihr Taschengeld mit dem Abwischen der Tische aufbesserte. Das sollte man ruhig würdigen. Ja, man erkannte sie auf dem Flughafen, und sie hatte in gewisser Weise ein Recht darauf, dass es so war.
Noch einmal stand Ralf auf und kaufte eine Tüte Gummibärchen. An der Kasse wartend bereitete er sich darauf vor, seinen Blick durch den Raum streifen zu lassen. Mit einem kurzen, anerkennenden Lächeln würde er auf der jungen Frau verharren, bevor er souverän weiter glitt. Aber dazu kam es nicht. Kaum hatte Ralf den Rückweg angetreten schnappten die beiden Frauen ihre Handtaschen und marschierten kopfschüttelnd aus dem Restaurant.
Verärgert verstaute Ralf die Gummibärchen in seinem Handgepäck. Es stimmte schon, das Showbiz verdarb die Leute, manche später, manche ganz früh, aber irgendwann bekamen sie alle ihre Starallüren.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2007 - 14.00 Uhr
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