Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Oktober 2007
Zwei Leuchter
von Katharina Joanowitsch

Paul hastet über die Straße. Einfach quer. Ist ihm egal, ob Egon, dem er gerade noch ein ‚Hallo, da bin ich’ durch die Caféhausscheibe zuwinkte, beleidigt ist, dass er einfach an ihm vorbei zieht. Er muss jetzt einfach hinüber. Beinahe hätte er sie nämlich übersehen. Aber nun, wo die Wolken gerade aufreißen und Sonne den Schutt überstrahlt, blinkt etwas auf und er ist sich sicher. Direkt neben der backsteinernen St. Trinitatis, deren Innenraum gerade renoviert wird, steht ein Container. Fast randvoll. Und was dort aus dem Bauschutt herausragt macht ihn atemlos. Eingestaubt zwar aber eindeutig zu erkennen: seine Leuchter! Die Hardliner haben sich also durchgesetzt im Kirchengemeinderat. Eine Unverschämtheit, sie einfach weg zu schmeißen! Die Entdeckung macht ihn ganz zittrig. Seine Leuchter! Er muss sie bergen, ganz klar. Ob Egon mit anpacken kann? Paul guckt zum Café zurück, sieht ihn zwar nicht winkt aber heftig und auffordernd. Sicherlich beobachtet Egon ihn dort durch die Gardinen. Und richtig, kurz darauf verlässt jemand das Café und diese klapperdürre Gestalt kann nur Egon sein. Kommt mit vorgerecktem Kopf neugierig an, bleibt pustend stehen.
„Nu sag bloß mal, was ist das denn? Ich seh’ wohl nicht recht? Wie komm’ die dazu, deine Leuchter weg zu schmeißen?“ Egon stößt die Worte in kleinen Portionen aus.
„Ja klar, schon klar, die müssen wir retten.“ Egons magerer Vogelkopf ruckt aufgeregt. Unternehmungslustig krempelt er die Strickjackenärmel hoch. Ist schließlich viel aufregender, als ihre mittwochnachmittägliche Rentnerpatience im Café Linde. Doch lässt er die Arme gleich wieder sinken.
„Verdammt hoch, der Container.“
„Also wie? Wie denn?“, knurrt Paul, dessen Gesicht in einem beängstigenden Rot verdunkelt ist. Auch er schielt abschätzend an der Containerwand hoch.
„Bräuchten ’ne Leiter, ’n Hocker oder so was.“
„Wir holn uns – pff – ein’ Stuhl von Elfriede – pff – ganz einfach.“ Egons asthmatischem Hecheln nach wird es nicht einfach. Aber Pauls Bluthochdrucksröte verlangt schnelle Aktion.
„Nee, nicht wir, du.“ bestimmt Paul. „Ich pass hier auf.“
Egon zockelt zurück ins Eckcafé. Paul bleibt, stemmt seine Leibesfülle breitbeinig auf den Boden, zu allem entschlossen. Fünfundfünzig Jahre waren die Leuchter kein Ärgernis, im Gegenteil, ein wertvoller Schmuck rechts und links vom Altar und nun plötzlich zum Müll erklärt! Aber nicht mit ihm. Aus dem Inneren der Kirche dringt Scheppern und Knirschen. Kurz darauf schiebt jemand im staubigen Overall eine volle Karre durch die seitliche Sakristeitür. Paul stellt sich in den Weg, bevor Mateusz die Karre weiter schieben kann. Paul fuchtelt gebieterisch mit den Armen und versucht, in aller Kürze und Dringlichkeit etwas zu erklären. Mateusz – der Mann für alle Fälle in der Gemeinde – setzt die Karre ab und verschränkt seine Arme. Er versteht zwar ganz gut Deutsch aber wer soll dieses Durcheinander verstehen? Gerade als Mateusz verstanden hat, dass er die im Schutt steckenden Leuchter wieder herausholen soll, kommt Egon keuchend mit einem Café-Linde-Stuhl angeschleppt.
„Was willst du mit Stuhl, Egon? Ist doch Brett. Hier hinten Brett.“ Hustet Mateusz, spuckt etwas zur Seite und deutet mit seinem staubigen Daumen hinter sich. Paul und Egon umrunden den Container und entdecken verblüfft einen Einschnitt auf der Rückseite des Containers, durch den ein Holzsteg bequem ins Innere führt.
„Also Matti, lass mal die Karre beiseite und hilf uns, die Leuchter da wieder rauszuholen, schließlich hast du sie weggeschmissen“, sagt Paul grimmig und erklimmt den Steg. „Na ja, wegschmeißen sollen, ich weiß, ist nicht deine Schuld, Matti.“
Egon folgt, dann Mateusz mit resigniertem Seufzen. Und natürlich ist es Mateusz, der die Backsteinbrocken schleppen muss, die mürben Putzhaufen wegschippen und die sperrigen Bohlen abtragen. Der erste Holzleuchter ist bald frei gelegt. Gerade, als Paul und Egon ihn vorsichtig zu zweit über den Steg schleppen, kommt ein Streifenwagen angefahren. Der Wagen hält direkt neben dem Container, beide Beamten steigen aus, grüßen mit knappem Nicken.
„Wir erhielten einen Hinweis, dass hier jüdisches Eigentum vernichtet würde.“
Paul, einen Arm behutsam um den geborgenen Leuchter gelegt, schrickt auf.
„Was sagen Sie? Jüdisches Eigentum? Wer – wer behauptet das?“ Pauls Krächzen klingt alarmierend.
„Sie da! Was machen Sie da mit dem Leuchter?“ Diese letzte, mit ziemlicher Schärfe an den Polen gerichtete Frage bleibt erst einmal unbeachtet, denn Paul taumelt und bricht jäh zusammen.
Die Polizisten telefonieren einen Notarzt herbei. Egon kniet schlotternd neben seinem ohnmächtigen Freund, befreit den Oberkörper vom schweren Leuchter, an dessen Zacken er sich noch im Sturz geklammert hat. Mateusz, den zweiten Leuchter geschultert, kommt mit finsterem Blick den Holzsteg herunter gepoltert und stellt den Leuchter vorsichtig neben dem ersten auf. Die zwei wuchtigen Kerzenhalter wirken neben Paul ein wenig, als hielten sie bereits Totenwache, denn sein Gesicht ist aschgrau. So grauweiß, wie der Schuttpuder, unter dem gemasertes Kirschholz zu ahnen ist. Standfuß und Kerzenhalter umrahmen einen großen, geschnitzten Davidstern. In Gänze messen die Leuchter gut anderthalb Meter. Wo die Finger den Staub abgegriffen haben, blitzt etwas Blattgold, mit dem die Schnittkanten belegt sind.
„Das – das sind aber doch seine Leuchter. Der Paul hat sie selbst gezimmert, damals, nach dem Krieg.“ Egons Stimme hält dem Ansturm von Empörung, Aufregung und Atemnot kaum stand. Mateusz nickt schwer, die Beamten scharren ratlos mit den Füßen. In der Sakristeitür taucht ein völlig eingestaubter Pastor Tiede auf, durch seine ungewohnte Arbeitskluft fast nicht zu erkennen. Erschrocken lässt er den Müllsack fallen und eilt zum Liegenden.
„Mensch, Paul,“ spricht er den Reglosen an und berührt ihn sacht.
Ein Notfallwagen hält, zwei Sanitäter und eine Frau mit Notfallkoffer steigen aus. Die Umstehenden treten zurück und überlassen den Sanitätern die Verantwortung. Nach kurzer Prüfung wird Paul eine Infusion gesetzt, er wird auf eine Trage geschnallt und in den Notfallwagen geschoben.
„Keine Bange Paul, deine Leuchter, die bring ich erstmal ins Café, oder–“ kann Egon seinem Freund durch die zuklappende Wagentür noch hinterher rufen, bevor der Notfallwagen mit Blaulicht davon rast.
„Wie verhält es sich nun mit den jüdischen Leuchtern?“ fragt einer der Beamten in protokollarischem Ton und fixiert den Pastor.
„Jüdische Leuchter? Ach, deshalb sind Sie...? Nein, da liegen Sie falsch. Völlig falsch.“ Sagt Pastor Thiede mit Nachdruck. „Der Paul Neumann, der ist ja Tischlermeister gewesen, der hat sie ’45, gleich nach dem Krieg, geschnitzt und unserer Kirche geschenkt. Die Davidsterne sollen die Glaubenseinheit mit den Juden symbolisieren und an die überwältigende Schuld mahnen, die wir Christen uns aufgeladen haben.“
„Ah – so, dann bleibt allerdings die Frage, warum die Leuchter im Müll gelandet sind“, stellt der ältere Polizist fest.
„Könnten Ihnen doch eine hübsche Summe bei e-bay einbringen“, grinst sein junger Kollege und klappt seinen Berichtsblock zu.
„Da ist was schief gelaufen, geb’ ich ja zu, aber e-bay!“, schnaubt der Pastor empört, „wofür halten Sie uns?“
„Dem schnöden Mammon nicht grundsätzlich abgeneigt“, erwidert der ältere Polizist und blickt den Pastor mit hochgezogenen Brauen an.
„Ich hoffe, Sie meinen das nicht persönlich.“ Der Pastor klopft sich verärgert etwas Staub aus dem Overall, „Der Kirchengemeinderat hat – ganz demokratisch – im Zuge der Restaurierung beschlossen, diese Leuchter, neben vielem Anderen, zu entfernen. Paul Neumann war anwesend und natürlich dagegen, ist aber überstimmt worden. Er hätte die Leuchter mitnehmen dürfen, zu sich oder sonst wohin, wollte er aber partout nicht. Nein, die sollten unbedingt in der Kirche bleiben. Nun mussten sie raus.“
„Aber auf den Müll,“ der Polizist schüttelt den Kopf. „He Sven, warte mal eben,“ ruft er seinem Kollegen zu, der mit untergeschlagenen Armen neben der geöffneten Autotür wartet. „Warum nicht einen Kirchenbasar veranstalten oder wie wäre es, wenn sie die Leuchter einer Synagoge schenkten? Haben Sie mal an die Möglichkeit gedacht?“
„Da sagen Sie was!“ entfährt es dem Pastor, betreten starrt er zu Boden. Dann wandert sein Blick zwischen dem Polizisten, Egon und Mateusz hin und her.
„Beschämend, dass wir da nicht selbst drauf gekommen sind! Eine im wahrsten Sinne einleuchtende Idee. Komm, Egon, wir fahren zu Paul ins Krankenhaus und du, Matti, du bringst die Leuchter zurück in die Sakristei. Danke, Herr –?“ Der Pastor reicht dem Polizisten die Hand.
„Rosenberg, Matthias Rosenberg“, sagt der Polizist und drückt Pastor Tiede fest die hingehaltene Hand. „Ich könnte mit unserem Rabbi sprechen, Rabbi Weismann. Es sind zwar keine Chanukka, aber die Davidsterne sind doch beeindruckend.“
Mateusz schultert einen Leuchter, um ihn über die Schuttspur wieder in die Kirche zurück zu bringen. „E-bay, genau wo ich hab immer sag, e-bay“.


Letzte Aktualisierung: 26.10.2007 - 20.40 Uhr
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