'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Oktober 2007
Prinz der Nacht
von Tanja Muhs

Stellas Pupillen, groß, rund, wie schwarze Vollmonde in ihrem weißen Augensee, schwimmen hin und her, ruckartig, ertrinkend.
Ich lecke mir die Lippen. „Du würdest mir einen riesigen Gefallen tun“, sage ich leise, bittend, lege meinen Kopf leicht schief dabei, lächle, während meine Gedanken in ihrem Hirn die ersten Siegel brechen und die richtigen Türen öffnen. Ich kann sie riechen, ihre Angst, höre das Blut in ihren Adern brodeln. Sie ist bereits erlegt und ahnt es. Während ihr ganzer Körper nach der Türe sucht, nach dem Ausweg, einer Möglichkeit, doch noch zu entrinnen, ist ihr trotzig hervorgestrecktes Kinn das Einzige, das noch kämpft.
Ihre Finger nesteln an dem Riemen ihrer kleinen, schwarzen Handtasche und ihre Stimme bricht, als sie erwidert, nur flüsternd: „Ich weiß nicht... Nein. Ich kenne dich doch gar nicht.“ Ihr Lachen gurgelnd wie ein Schaf beim Hallal. Die Nebelschleier ihrer Selbstsicherheit und ihrer Erwartung haben sich nun vollends gelichtet, Verwirrung und Angst sind aufgezogen in ihrem Gesicht.
Ich setze mich neben sie auf die Couch, lege meinen Arm um sie, meine Hand umgreift die Kugel ihrer Schulter, langsam, bedächtig, ein Finger nach dem anderen. „Natürlich tust du das nicht, aber das hätte dich auch nicht abgehalten, mit mir das Bett zu teilen.“
Draußen, in Harrys Kneipe war sie überzeugt, sie wäre die Jägerin, ihre Augen glitzernd wie Sterne, hervorbrechend hinter Wolken, als sie mich aussuchte, mir erlaubte, mir bedeutete, sich ihr zu nähern, doch dabei war ich es, der ihren süßen Geruch, ihren Ruf bereits von der anderen Seite der Stadt vernommen hatte, der ihrem flackernden Licht wie einem Leuchtfeuer gefolgt war.
„Niemand ist hier außer dir und mir. Nichts wird nach außen dringen. Ich weiß, dass es schwierig ist, aber lass es zu. Erlaube es mir.“
Ihre Monde hasten von der Zimmertür zum vorhanglosen Fenster, streifen die schwere, antike Vase auf der Anrichte, die dicken, alten Bücher in der Vitrine. Ich bin in ihr, in ihren Gedanken, so unerträglich nah. Sie kann mich nicht ertragen, könnte es eher, wenn ich mich ihr näherte, sie liebkoste, verführte, aber das will ich nicht. Ich brauche ihr Einverständnis, um das zu tun, wofür ich sie hergebracht habe. Ohne ihr Einverständnis verpufft meine Magie vor der letzten Türe ihres Hirns. Sie ist noch nicht so weit, hat meinen Worten, meinen Bitten noch kein Vertrauen geschenkt. Bilder jagen durch ihren Verstand – sie sieht sich verblutend am Boden liegen, sieht mich, an ihrem Körper labend, nachdem ich ihn dahingemetzelt und mich dann an ihm vergangen habe.
Ich lenke ihren Blick nach rechts, ihr Kinn schießt nach vorn, abrupt steht sie auf, hastet, wohin ich sie wies, hinüber zum Regal. Ihr Blick fixiert auf die japanischen Wurfsterne, die, glänzend poliert, aufgespießt mit einem Nagel in ihrer Mitte, daneben an der Wand hängen. Die Distanz zu mir und der Anblick der Waffen haben jetzt echten Kampfesgeist in ihr entfacht. Ich lehne mich zurück in die ledernden Polster, denn der vermeintliche Garant für eine sichere Passage an mir vorbei zur Türe kann mir nichts anhaben, wie gut sie auch würfe. So einfach ist es nicht. So lange es Menschen gibt, werde ich unsterblich sein. Sie greift nach den Shuriken an der Wand, fährt mit zitternden Fingern über ihre Spitzen, dann schnellen ihre Finger zurück, sie hat sich geschnitten, ich kann es riechen.
„Sei vorsichtig damit. Sie sind höllisch scharf. Damit kannst du einen Mann tödlich verletzen“, sage ich.
Sie lächelt, ihr Kinn zuckt, die Kiefer mahlen gegeneinander wie Mühlsteine, in ihren Augen scheint jetzt der Halbmond. Einen Mann, Kind, aber nicht mich. Für sie bin ich ein Mann, keine uralte Kreatur auf der Pirsch. Jetzt verwirft sie die Idee, die Waffen von der Wand zu reißen, um sich ihren Weg frei zu kämpfen, greift stattdessen hinein ins Regal, nimmt eine der kleinen Eisenspitzen heraus, wiegt sie, betastet prüfend. Sie liegt fast natürlich in ihrer zarten Hand.
„Die sehen aus wie kleine Pfähle“, sagt sie.
Ich weiß, was sie plant, stehe auf und gehe auf sie zu, will es ihr leichter machen, sie an mir zu erproben, denn erst wenn sie es versucht hat, wird sie verstehen, was ich bin. Wird sie verstehen, dass ich ein Mann meines Wortes bin und wird mir das Einverständnis geben, das ich brauche.
„Hari gata, Tanto gata, Kugi gata – Bo-Shuriken, Wurfsterne, geformt wie Nadeln, Messer, Nägel. Die Samurai trugen sie in ihren weiten Gewändern versteckt. Tödliche Waffen.“
Mit einer schnellen Bewegung rammt sie mir den Kugi gata mitten ins Herz, tief hinein, dreht ihn darin, als er sein Ziel erreicht hat, ohne Zweifel, ohne Schuldbewusstsein, sie schützt ihr Leben, verteidigt die Mauern, die sie so sorgsam und mühevoll all die Jahre um ihr Inneres gebaut hat. Ich spüre keinen Schmerz in mir, nur eine süße Verheißung ihres Schmerzes, der gleich der meine sein wird. Das Mädchen schnappt nach Luft, erschrocken von seiner Tat und zugleich erlöst. Ihr Blick ist auf mich geheftet, dann schnellt er zur Tür, doch bevor sie ihren Füßen den Marschbefehl erteilen kann, zwinge ich ihren Blick zurück zu mir, lasse sie zusehen, wie ich den kleinen Eisenpfahl aus meinem Herzen ziehe, wie die Wunde sich schließt, bevor sie einen Tropfen Blut verliert.
„Das... kann nicht sein, kann nicht sein. Du müsstest tot sein! Bin ich verrückt?“ Sie weicht zurück, der Schrei, der sich in ihrer Seele formt, verirrt sich auf dem Weg hinaus. Sie stolpert zur Tür, doch ich bin vor ihr dort, zum Fenster, doch auch dort bin ich. Ihre Monde gehen unter in den Tränen, die ihr aus den Augen schießen, ihr Kinn sackt hinunter, dann ihr Körper, ohnmächtig geht sie zu Boden. Nein, Mädchen, so ist es, wenn man versteht, das Unausweichliche erkennt. Ich habe dich erlegt, du bist mein.

Ich betrachte ihre zuckenden Lider als der Bruder des Todes sie aus seinen Fängen entlässt.
„Nun, mein tapferes Mädchen, Zeit für den Aderlass. Du kannst mir nicht entrinnen. Willst du mir nun geben, worum ich dich gebeten habe?“
Sie starrt mich an, leckt ihre trockenen Lippen, räuspert sich, erkennt, dass sie noch lebt.
„Du müsstest tot sein! Ich habe doch getroffen, getroffen. Warum bist du es nicht? Was bist du?“
„Nosferatu, Prinz der Nacht - viele Namen hat man mir schon gegeben. Rufe mich mit einen von ihnen, denn alle sind richtig. Die Namen sind wahr, doch alles Übrige, was du über mich zu kennen glaubst, ist falsch. Gut hast du getroffen, Mädchen, sehr gut, aber Totes kann nicht sterben, nicht durch Pfähle, nicht durch den Strahl der Sonne, nicht wenn du mir meinen Kopf entferntest. Diese meine kleine Sammlung antiker Waffen magst du an mir ausprobieren. Glaubst du mir auch dann nicht, bist noch nicht bereit, mir diese Kleinigkeit zu geben, um die ich dich gebeten habe, können wir auch warten, bis alle Sterne und der Mond verschwunden sind und helles Sonnenlicht das Zimmer flutet. Ich habe dir mein Wort gegeben. Von Anfang an wollte ich nur dies, mehr verlange ich nicht. Deinen Körper wolltest du mir geben, aber ihn will ich nicht. Er ist mir zu nichts nutze – tot noch viel weniger als lebendig.“ All meine Magie lege ich in diese Worte, lege sie wie ein Geschenk sorgsam in das Kästchen vor der letzten Türe ihres Hirns.
„Dann lässt du mich gehen... danach?“ Sie sieht den Silberstreif eines weiteren Tages am Horizont, eines weiteren Tages ihres Lebens, der das Heute verblassen lassen wird wie eine Erinnerung an eine dunkle, von Alkohol durchtränkte, träumenwirre und zugleich befreiende Nacht. Dann nickt sie, sagt: „Dann nimm!“, bietet mir zitternd und in letzter Hoffnung die Adern ihres Halses dar, doch lächelnd greife ich nach ihren Händen, denn mein Aderlass ist anderer Art.
„Nun bitte mich hinein, erlaube mir einzutreten. Es tut nicht wirklich weh. Erkennen wirst du, dass das, was du bislang getan hast, viel schmerzhafter war. Wünsche dir, deinen Schmerz mit mir zu teilen, mir all diese Situationen zu zeigen, die vielen peinvollen Erinnerungen, die vielen kleinen Stiche ins Herz, die vielen kleinen und großen Ängste, die dich bedrücken.“
Und sie tut es. Wortlos und zaghaft zuerst, aber ich spüre die Zugluft, die modrige Luft, die aus der tiefsten Kammer ihres Herzens bricht, als die Magie meiner Gedanken ihr Innerstes betritt. Und ich sauge sie aus, trinke ihren Schmerz, der mein Lebenssaft ist.
„Warum tust du das? Was soll das?“, haucht sie und lächelt.
„Der Schmerz gehört zum Leben wie die Freude. Lebendiges empfindet beides von allein, doch ich bin tot. Freudige Menschen an den Händen zu fassen, ihre Freude zu trinken ist leicht, doch der Schmerz und das Leid sind verschanzt, verborgen vor fremden Augen hinter den sichersten Festungsmauern. Erträglicher ist es für euch, sich körperlich zu vereinen. Um euch Menschen jedoch zu erinnern, dass ihr auch Seele seid, dafür wurde mir dieser Durst gegeben. Ich lebe durch euch, ihr erkennt, dass ihr lebt durch mich, den Prinzen der Nacht.“

Letzte Aktualisierung: 27.10.2007 - 15.49 Uhr
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