Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Oktober 2007
Mission erfüllt
von Frauke Gimpel

Es gibt Dinge, die ich bin und Dinge, die ich nicht bin. Im Moment bin ich mehr als angepisst von dem Hampelmann in Turnhosen, der sich mir in den Weg gestellt hat. Immer wieder brabbelt er mich an, keucht mir atemlos Beleidigungen und Anweisungen entgegen und zappelt dabei wie Neuronen unterm Mikroskop. Scheiß egal, der kann mich mal so was von. Will er wohl auch, und das ist mein Problem.

Unter normalen Umständen hätte ich ihn beiseite gestoßen und ihm im Vorbeigehen ein Veilchen für die Ewigkeit verpasst. Pazifist ist wirklich keines von den Dingen, die ich bin. Darauf könnt ihr wetten. Aber die Umstände sind nicht normal und an ihm vorbei will ich auch nicht. Schließlich steht er mittlerweile mit dem Rücken zu Wand. Er will an die Konsolen und das Cockpit übernehmen und das lasse ich eben nicht zu.

Rebellen rebellieren, weil sie unterprivilegiert sind. Ob das eine ewige Weisheit ist, oder Neuigkeiten aus der Tagespolitik, ist mir beim diabolischen Androiden noch mal egal. Ich bin schließlich kein Rebell, denn die zahlen nicht gut genug.

Aber der Kasper vor mir ist einer. Noch dazu einer, der nicht versteht. Nichtwissen verzeihe ich. Ignoranz toleriere ich bis zu einem gewissen Grad. Aber Dummheit vergebe ich nicht und wenn ich ihn nicht aufhalten konnte, wird dieser Mini-Rebell uns beide mit seiner Dummheit umbringen.

Weil mir das klar ist, ihm aber um nichts in zwei Lichtjahren in den Schädel will, brodele ich mittlerweile vor blankem Zorn. Aus seinem Gestammel entnehme ich, dass er an den Steuerknüppel hinter mir will, das Schiff übernehmen. Eine Mission erfüllen, soweit ich verstehe. Er hat noble Ziele, wie es scheint, aber vernebelt ist er auch.

Die Rebellen haben Nachschubprobleme, soviel ist mir bekannt. Aber einen hirnreduzierten Trottel mit einer Knarre aus dem vorletzten Jahrhundert als blinden Passagier in meinen Gleiter zu schmuggeln, schlägt dem Fass den Boden aus.

Ich nehme noch einmal Anlauf: „Freundchen, ballerst du hier rum, sind wir beide Kartoffelbrei. Wenn die Kapsel platzt sind wir Geschichte.“ Zur Verdeutlichung weise ich mit dem Daumen über meine Schulter in die viel besungenen endlosen Weiten, durch die mein Autopilot uns hindurchmanövriert. Als ich mich bewege, fuchtelt der Hampelmann weiter und ich verliere endgültig die Geduld. „Scheiße, Junge, wenn du abkratzt, dann is’ nix mehr mit Mission. Narda! Rien! Sense!“ Ich sehe zu, wie die Botschaft sich im Zeitlupentempo durch seine Synapsen auf den Weg macht und der danach langsam die Waffe sinken lässt.

Nun da ich die Kanone nicht mehr durch den Lauf zwischen ihm und mir betrachten muss, wird mir nachträglich übel. Es ist einer dieser mechanischen Trommelrevolver und in den Kammern stecken rostige Patronenhülsen. Eine Antiquität, die mich mit pulverisieren könnte. Die Waffe ist wirklich geladen. Das allein bringt mich beinahe wieder zum Überkochen.

Er zielt nicht mehr auf mich, aber das war ohnehin von Anfang an nur das kleinere Übel. Ihn einfach umzuhauen, ist mir zu gefährlich. Wenn er zuckt, sind wir Püree. Ich habe also genau diese eine Chance, meine Haut zu retten. Ich hasse so etwas.

„Wer schickt dich, Junge?“ Er fummelt die Kette heraus, die unter seinem Hemd steckt. Meine wüstesten Befürchtungen manifestierten sich in Form des achtzackigen Sterns der cami.kc. Civil Army of Mankind Intergalactical – kingdom come. Nachdem die Armee von den religiösen Fanatikern übernommen wurde, hatte sie sich zu einem echten Problem entwickelt. „Bist du denn bereit, Junge? Also, verflucht noch mal, ich bin es nicht!“ Wieder brabbelt er mir etwas Unverständliches entgegen. „Wo sollst du uns umbringen, Kleiner? Hast du dein Grab schon gewählt?“ Er stutzt und sieht mich für einige Sekunden an. „Welches Grab?“, nuschelt er dann. Irgendwie hat er Recht. Nach dem Crash auf den er zusteuert, würde nichts von ihm übrigbleiben, das man begraben könnte. Von mir auch nicht, wenn ich es recht bedenke. Mein Hirn machte unbezahlte Überstunden.

„Wir landen auf Gamma 7. Bombe im Hauptquartier deiner Leute und weg.“ Bombe. Welche Bombe und welche Leute, meine Leute? Vor allem aber hat der Typ sie wirklich nicht alle stramm. „Mit diesem Gleiter wirst du nicht auf Gamma 7 ankommen. Wir werden abstürzen und in alle Winde verteilt. Für Gravitationsklasse 9 ist diese Schüssel nicht gebaut. Niemand ist so bekloppt, das auch nur zu versuchen!“ Seine Gesichtszüge ähneln unvermittelt denen eines unformatierten Androiden und er lässt scheppernd die Waffe fallen, während ich dagegen mir ein wenig zu lebhaft vorstelle, was mein Schiff anrichten würde, wenn es in den Militärposten krachte. Um so mehr, wenn wir eine Bombe tragen würden. Bombe. Er hat Bombe gesagt.

„Wo ist die verdammte Bombe?“ Der Junge verstockt wieder. „Willst du hier abnibbeln oder hast du noch was vor?“ Stumm deutet er auf den Frachtschrank, in dem auch er gesteckt hatte. Ein Trick, mich zu überlisten? Ich brauche keine Waffe, um ihn zu überzeugen. Eine Geste mit der Faust und ein deftiger Fluch sind genug. Schließlich hat auch er keine Waffe mehr. Umständlich fördert er eine nervtötend tickende Schachtel zu Tage. Nicht groß, nur ein wenig größer als ein herkömmlicher Gepäckwürfel, aber mit Sicherheit final. Das Ding fliegt aus meinem Gleiter, bevor er bis drei zählen kann.

Ich werfe einen Blick aus dem Front-Fenster. Wir navigieren gerade durch einen der Minenstreifen. Wenn ich die Bombe jetzt entsorge, haben wir ein Feuerwerk der Extraklasse. „Ich fliege jetzt so lange zwischen den Driftmienen im Kreis, bis wir draufgehen. Oder du schaltest das Teil ab und wir unterhalten uns erst mal.“ Es ist nur ein Bluff, aber vielleicht dringe ich zu ihm durch.

Offenbar habe ich ihn richtig eingeschätzt, denn er fällt auf die Knie und fummelt an dem Kasten herum, Schweißperlen auf der Stirn. Um seine Mission zu Ende zu bringen, muss er die Bombe bei sich behalten, bis wir angekommen sind. Sicher glaubt er, mich noch überrumpeln zu können. Diese Selbstmordattentäter geben nie auf, sagt meine Erfahrung. Er murmelt etwas, das über den Lärm des Gleiters kaum zu hören ist. Aber als ich ihn verstehe, ist es an mir, ins Schwitzen zu geraten. Deutlich habe ich es vernommen: „Ich werde nicht sterben. Ich will nicht sterben.“ Er stammelt weniger, seit der die Waffe nicht mehr hält, vielleicht hat sie ihn auch nervös gemacht. An den Rinnsalen, die seine Schläfen herablaufen, kann ich sehen, dass es ihm auch jetzt nicht gut geht. Geschieht ihm recht.

Er hebt den Kopf. „Ich krieg’s nicht hin.“ Ich sehe ihn mitleidig an. „Dann, Freundchen, sind du und ich Sternenstaub in Ewigkeit, wie man so schön sagt. Triff deinen Schöpfer, wenn du einen hast.“ Ich bluffe immer noch, denn ich war noch nie bereit mich zu opfern. Sein Gemurmel ergibt aber nach wie vor keinen Sinn, auch wenn er jetzt deutlicher spricht: „Ich will nicht sterben! Ich deponiere die Bombe und sehe aus dem Orbit zu, wie’s kracht.“

Das ist normalerweise meine Masche. Keine schlechte Taktik, so gesehen. Die Jungs, die diesen zappeligen Typen geschickt hatten, gehen anderes vor. „Du wärst der erste Hijacker von cami.kc, der nicht stirbt. Ich meine, seit ihr von der Civil Army mit den kc-Typen zusammenhängt, ist eure Lebenserwartung drastisch gesunken, so wie ich das sehe. Euer Name sagt alles.“

Er sieht mich verständnislos an. „Das mit dem Namen versteh’ ich nicht.“ Dies ist der Moment, in dem ich aushole, meine Faust seine Nase bricht und er zu Boden geht. In der Geschichtsstunde über den Zweiten oder Dritten der Sieben Erdkriege, hätte er vielleicht besser aufpassen sollen. Aber das ist nicht sein einziger Fehler. „Meine Leute“ hatte er gesagt. Als hätte ich einen Zugang zur Base von Gamma 7, nur weil ich einen alten Gleiter fliege. Hatte mich für einen von der echten Besatzung gehalten. Weit gefehlt, Freundchen. Aber es spricht für meine Tarnung.

Es gibt Dinge, die ich bin, aber religiöser Fanatiker bin ich nicht und werde ich nie sein. Ich habe auch eine Mission, aber für die werde ich immerhin bezahlt. Ich habe mir zwar nicht aussuchen können, welche Rolle ich übernehme, aber meine Entscheidung steht jetzt fest: Lockvogel war ich lange genug. Noch ein Selbstmordattentäter, der es auf mich abgesehen hat, und ich falle tot um. Aber die Idee, gleich Gamma 7 auszulöschen, ist weder schlecht, noch sollte man sie bis in alle Ewigkeit verschieben. Ich werde den Kasper mitnehmen, seine Bombe in deren Atmosphäre schießen, und mich zum Feuerwerk zurücklehnen, wie üblich.

So leicht hatte ich es lange nicht. Wenn hinterher Spuren gefunden werden, glaubt die ganze Gamma-Sektion, dass camic.kc dahintersteckt, weil deren Logo auf der Bombe prangt. Wenn nicht, auch gut. Sollten sie mich fassen, was ich allerdings für äußerst unwahrscheinlich halte, behaupte ich, es war der Typ in meinem Frachtschrank und ich hätte ihn gerade erst überwältigt. Wenn wir heil durchkommen, versteht er vielleicht, dass ich sein Leben gerettet habe. Wenn nicht, liefere ich ihn in meiner Basis ab. Er wird sich wundern, wo das ist. Im Moment grölt er in den Knebel und zappelt wieder wie zu Beginn. Meine Pläne glätten sich vor meinen Augen zusehends.

Während ich auf den Screen starre und das große Kabumm herbeisehne, erstatte ich im Geiste schon mal Bericht. Wenn ich einen Coup wie diesen einfahre, habe ich endlich zumindest den Hauch einer Chance, befördert zu werden.

Söldner, das ist eines der Dinge, die ich bin. Major, das ist eines der Dinge, die ich gerne wär.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2007 - 19.45 Uhr
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