Der Tod aus der Teekiste
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Oktober 2007
Sternchen
von Ingrid Gertz

Die Beiden waren wieder beim leidigen Thema: Ihrem Hochzeitstag. Der silberne sollte doch etwas Besonderes werden. Aber wie wollten sie ihn begehen? Martha und Theo hatten das Für und Wider von Familienfeiern ausgiebig diskutiert und mit Vergnügen die Möglichkeit erwogen, dem verwandten, feierwütigen Publikum ein Schnippchen zu schlagen: Einfach nicht das Erwartete tun, sondern vielleicht durch Abwesenheit glänzen? Raus aus dem Alltagseinheitsbrei!
Und überhaupt: Das gemeinschaftliche Durchhaltevermögen wollten sie sich nicht mit feuchtfröhlichen Gesängen der lieben, im Großrudel auftretenden Verwandtschaft bestrafen lassen.

Martha träumte von Korfu. War das jetzt schon soo lange her?
Händchenhaltend am Strand, den noch warmen Sand unterm Hintern, seine Jacke für beide gegen die auffrischende Brise, ein Fläschchen Retsina und zwei Pappbecher. Klarer Sternenhimmel über ihnen.
„Mein Sternchen!“
Diese Bucht ohne Pauschaltourismus, mit zwei oder drei streunenden Hunden am Strand.
Mit Spiros, der stolz war auf seine selbst gefangenen Fische. Den Ammenhai, der dann zum Abendessen als wundervoll duftendes Grillsteak auf ihren Tellern thronte, den hatten sie gestreichelt. Gleich nach dem Fang, an Spiros´ Bootssteg war das gewesen. Voller Ehrfurcht, andächtig hatten sie den hingestreckten Riesen tastend erkundet. Und die so überhaupt nicht fischige Struktur seiner Haut fühlte Martha bis heute in den Fingerspitzen, wenn ihr Kopfkino sie nach Agios Georgios entführte.
“Mein Sternchen!“
Sie dachte ans Tauchen, Surfen, Volleyball spielen, sah sich morgens, praktisch direkt aus dem Bett in das noch nebelverhangene Meer gleiten …und abends …

„Wann hast du eigentlich das letzte Mal Sternchen zu mir gesagt? Erinnerst du dich?“
„Na! Nu aber! N´ roter Riese ist nun mal kein Sternchen mehr!“ geckerte Theo und stupste sie neckend in die Seite. Gleich darauf versuchte er abzuwiegeln: „Lass mich mal machen, Muttchen. Weiß ja auch noch nicht, was wir da an unserem Ehrentag anstellen wollen, aber wozu hat man denn Freunde! Wir werden beratschlagen und dich überraschen. Diesen Tag wirst du nie wieder vergessen, versprochen!“ Muttchen!! Der Gipfel! Was musste sie sich eigentlich sonst noch bieten lassen?

Theo nahm das dann aber völlig unerwartet sehr ernst mit der Vorbereitung ihres Hochzeitstages. Zusammen mit Karli, Fränki, Kurti plante er, was das Zeug hielt. Montags, mittwochs und freitags wurde der kleine Weinkeller zum Sitzungssaal umfunktioniert. Seit Wochen ging das nun schon so. Dabei war außer Weinflaschen aus dem Kellerregal aber noch nichts Vorzeigbares herausgekommen. Und bis heute hatte Martha das auch mit Geduld und resigniertem Schulterzucken ertragen. Es sollte schließlich eine Überraschung werden, also hatte sie auch nicht versucht, durch übermäßige Neugier das Wohlbefinden der ratschlagenden Truppe zu stören. Und heute, so meinte Martha jedenfalls, heute sollte es nun so weit sein: Einen besonderen Tag hatte ihr Theo versprochen, den sie so schnell nicht vergessen würde… Wie er das wohl genau gemeint hatte?

Was für ein Hochzeitstag! Das Timing der Vergesslichen war jedenfalls gründlich aus dem Ruder gelaufen. Schon beim Einzug der Gladiatoren, bei ihrem gefährlichen Marsch über die Treppe zu den Kellerschätzen hatte Martha erkannt, dass die einzige Überraschung heute keine Überraschung sein würde.
Die Herrengesellschaft hatte sich zielstrebig, wie immer in den letzten Wochen, in den Keller verkrümelt. Von dort her sendete sie, lautstark schon, eiskalt die Wünsche nach neuen Schnittchen, problemlos zu hören bis in den Flur…
Und Martha setzte sich in Bewegung, machte ihren personengebundenen Spaziergang aus der Küche in den Keller, verteilte Speis´ und – nein, nur Speis´! Der Trank war ja in den Kellerregalen gestapelt. Hier schlummerten Marthas Eigenproduktionen vor sich hin: Löwenzahnwein, goldgelb, staubtrocken, von fast öliger Konsistenz. Dann kam der Melomel aus Sauerkirschen und Honig, „Wikingerblut“ hatte sie ihn getauft. Darüber wiederum lagerten in friedlicher Nachbarschaft orange-gelber Hagebuttenwein und das gerbstoffhaltige, schwarzroten Tröpfchen aus Schlehen, warteten geduldig auf den Korkenzieher.
Und ganz vorne, direkt am Verkostungstisch, Aug in Aug mit dem Betrachter, fand sich Marthas neuste Kreation, der Wein vom schwarzen Holunder, ihr Sorgenkind.
Erstmalig hatte sie da auf eine abschließende Schwefelung verzichtet, ungern und wider besseres Wissen. Aber Theo war ihr beim Abziehen in die Quere gekommen, hatte das Kaliumsulfit in die Finger gekriegt und langatmige Vorträge über Naturbelassenheit gehalten: „Deine Alchimistenpanschereien lässt du mal schön bleiben, reicht wohl noch nicht, dass man nicht mehr weiß, was man so zu kaufen kriegt? Jetzt hat man das Chemielabor schon im eigenen Haus!“ Da hatte es keinen Zweck gehabt, ungewollte Nachgärung oder Farbveränderungen ins Feld zu führen. Theo sammelte das angebrochene Schwefeltütchen ein. „Schwefel! Teufelswerk!“ Und nun lag der Wein unbehandelt, argwöhnisch von Martha beobachtet, im Keller, hatte kein ruhiges, kühles Plätzchen, im Gegenteil. Das ständige Anwerfen des Radiators, weil Rücken, Füße und weitere unbenannte altherrliche Körperteile ein gewisses wärmendes Umfeld bevorzugten, brachte kleine gierige Hefezellen in den Flaschen erneut auf Trab. Sie machten sich bei heimeligen Temperaturen über den sorgfältig eingestellten Restzucker her. Und die vortreibenden Korken beim Holunderwein zeigten, dass in den Flaschen ein vortreffliches Fressen und Pupsen stattfand. Martha konnte nur mehr beobachten und hoffen, nämlich dass das Tröpferl vor dem großen Knall Geschichte sein würde.

Diesen Tag hatte sie sich anders vorgestellt. Was immer da unten im Keller jetzt zur Diskussion stand, der heutige Hochzeitstag konnte es unmöglich sein.
Den für heute extra gekauften Wein hatte sie dekantiert und machte es sich, nachdem die Altherrenriege ja mit Schnittchen, Salätchen und Gürkchen versorgt war, mit dem Herrn Aitmatov gemütlich. Und Herz, was brauchst du mehr! Das über kasachische Steppe holpernde Pferdefuhrwerk tat sich ganz wunderbar mit dem rubinrot funkelnden Shiraz zusammen. Wie kam man nur auf die Idee, ein Weingut „Allesverloren“ zu taufen? Diese Afrikaner!
Martha konnte sich aber nicht lange in ihren Buchseiten vergraben. Sie musste den Soldaten allein sein Liefersoll in den Speicher tragen lassen, weil aus dem Keller ziemlich lautes Geschrei nach oben drang. Was ging da vor?

Die Männer bemerkten sie nicht einmal, sondern rätselten, lautstark und aufgeregt durcheinanderschwatzend, was ihnen da wohl gerade widerfahren war. Und sie sahen aus, als hätte sich Mr. Krüger himself an ihnen versucht. Riesenrote Sauerei! Klebrige Seen waren auf dem Natursteinboden entstanden. Die ganze Wand verunzierte ein feuchtrot glänzendes Muster, aus dessen größeren Flecken sich filigrane Rinnsale in Richtung Fußboden absetzten. Dann entdeckte Martha ihren Theo, der ganz ungewohnt still in seinem „Probiersessel“ hing und sich nicht regte. Ein Blick ins Regal bestätigte ihre Vermutung: Der Hollerwein war hochgegangen. „Theo, aufwachen, komm schon!“ tätschelte sie beherzt seine Wangen. Eine noch leicht scheinende Rötung ums rechte Auge markierte den Korkeneinschlag und versprach die Aussicht auf veilchenhafte Farbspiele im Antlitz ihres Angetrauten. „Theo!“ Er kam nur langsam zu sich.
„Sternchen… ich sehe…Sternchen!“
„Aber ja Schatz…siehste, geht doch! Ich bin ja da!“ flötete sie.

Letzte Aktualisierung: 25.10.2007 - 10.04 Uhr
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