Honigfalter
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Oktober 2007
Alpha und Omega
von Helga Rougui

- Jesus, seufzte sie beim Anblick der Kopftheke, Zimtsterne gibt es jetzt also schon im September?
Und demnächst säßen die Osterhasen unter dem Weihnachtsbaum und sängen „O du fröhliche“?
Es sollte überhaupt alles zu jeglichem Anlass das ganze Jahr über pausenlos im Angebot sein.
Warum noch mühselig sich an der Sinngebung von Traditionen abarbeiten, wenn Konsum und Kommerz im Mittelpunkt der Festivitäten standen.
Was Weihnachten anbelangte, so war die Geburt Jesu Christi längst für die meisten Nebensache, verdrängt von sich biegenden Gabentischen und Freßorgien, daß es nicht mehr feierlich war.
Sie fand dies alles unerträglich.

Ich hole dir die Sterne vom Himmel, mein Augenstern. Ich werde Zimtsterne zu allen Jahreszeiten für dich backen, und mit dir unter dem Sternenhimmel zu tanzen ist mein schönster Traum. Deine blauen Augen sind wie Leitsterne meiner Existenz. Ich werde mich mit dir im Walzertakt drehen, bis du Sterne siehst, mon amour.
Daß sie Sterne sehen würde, glaubte sie ihm aufs Wort.
Ansonsten textete er sie jeden Abend so oder ähnlich zu, hauchte ihr ellenlange elegische Liebesbankrotterklärungen auf den Anrufbeantworter, denen sie nicht traute, und den Hörer abzuheben traute sie sich erst recht nicht.
Wie er an ihre Nummer im Frauenhaus gekommen war, war ihr unerklärlich.

Während sie einen Zimtstern knabberte, las sie in dem einzigen Buch, das man mit ihr aus der Katastrophe gerettet hatte.
„Endlich gelangte das Mädchen in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte:
»Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben«, und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin.
Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.“
Da war diese sternenklare Nacht, und trotzdem war vor dem Auto plötzlich dieser dunkle hohe Baum aufgetaucht, vielleicht war Papa müde gewesen und hatte nur für einen winzigen Moment die Augen geschlossen. Sie hatte auf dem Rücksitz gesessen, ihr Märchenbuch umklammernd, als ihre ganze vertraute Welt in einer tosenden flammendhellen Supernova explodierte und sie aus ihrem bisherigen Universum katapultiert wurde.
Die Tür öffnete sich einen Spalt, es hieß „Licht aus - Nachtruhe - Gute Nacht allerseits“, und während sie ihr Märchenbuch in der plötzlichen Dunkelheit mühselig unter das Kopfkissen bettete, hörte sie, wie nebenan die Tür auch schon wieder zugeknallt wurde und die „Schlaft gut – Befehle“ sich zügig den Gang hinunter entfernten.
Sie schloß die Augen und hoffte, daß vielleicht in dieser Nacht die Sterne vom Himmel fallen würden.
Aber am nächsten Morgen wäre da nur wieder der bleiern wolkenverhangene Himmel. Die Salben und Verbände. Der stete Schmerz. Die Einsamkeit.
Schon beim Einschlafen hatte sie Angst vor dem Erwachen.

Die Wachtelbrüstchen sind den Gästen von Tisch vier zu roh, brachte einer der Commis de rang die frohe Kunde in die Küche, worauf der international bekannte, allseits verehrte und geachtete Dreisternekoch in der Montierung einer Mohn-Zimt-Sauce innehielt, was ein Fehler war, konnte er doch nun sein Werk gänzlich von vorn beginnen. Immer die gleichen Banausen reklamierten regelmäßig die Garstufe der Wachtelbrüstchen, „rosa gebraten“ galt ihnen als „blutig“, sie wollten sie gut durch, und hätte er noch Haare auf dem Kopf gehabt, hätte er sie sich gerauft. Sollten sie doch in einer Pommes-Bude gut durchgegarte Fritten verzehren.
Er hatte von der Ignoranz dieser Sterneauto fahrenden Arroganzlinge und Sternendiademe tragenden Oberschichtziegen die Nase eßlöffelgestrichen voll.

Dieser fiese alte Sack, wie er keuchte und mit seinem Kugelbauch auf ihr herumrutschte, und nun fing er auch noch an zu schimpfen, weil er sein kleines Teil weder steif noch in sie hineinbrachte. Er rollte ächzend von ihr herunter und aufseufzend ließ sie sich auf die Knie nieder, und während er wohlig zu grunzen begann, unterdrückte sie den Brechreiz und dachte, wenn ich nur diese Rolle bekomme. Das Geld reicht hinten und vorne nicht zum Leben, ich brauche diese Rolle unbedingt.
War sie nun ein aufstrebender Stern am Filmhimmel, der auf einen Durchbruch hoffen konnte? Solche Fettsäcke wie dieser hatten die Macht dazu, über den weiteren Fortgang ihrer Karriere zu entscheiden. Oder würde sie sich von einer schmierigen Besetzungscouch zur nächsten schleppen und am Ende als Filmsternchen mit drei Nebenrollen und leeren Händen dastehen?
Mutlos dachte sie, daß sie vermutlich nie ihren Stern auf dem Walk of Fame bekommen würde.
Sie hatte von diesem stinkenden Job übergenug.

Sie war Sternbild Fische, also konnte sie nicht dagegen an. Die Fische waren weich, nachgiebig, allzeit hilfsbereit, und als sein Anruf mitten in der Nacht gekommen war, du, hol mich ab, ich sitze hier fest, habe getrunken und kann nicht mehr fahren, hatte sie sich mit ihren zwei Flaschen Wein im Bauch sofort brav ins Auto gesetzt, und erst während der Fahrt wurde ihr nach und nach klar, wie widersinnig das war, was sie hier trieb. Sie hätte ihm Paroli bieten sollen, aber das Schwert des Sternenkriegers wußte sie nicht zu führen, vor allem nicht gegen ihn.
Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel. Sie folgte ihr mit dem Blick und wünschte, sie hätte die Kraft, sich etwas zu wünschen.
Sie war dieser Art Existenz dermaßen überdrüssig ….

„Schwarzer Stern
Gravasterne als Alternative zu Schwarzen Löchern?
Schwarze Löcher bleiben unter den Astronomen umstritten. In der neuesten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins ‚New Scientist’ stellen zwei US-Forscher ihre Alternative vor: Gravasterne.
Schwarze Löcher sind Regionen der Raumzeit, aus der nichts, nicht einmal ein einzelner
Lichtstrahl entweichen kann. Was an den Rand der verfressenen Monster gelangt, gerät hinter ihrem Ereignishorizont ins Aus. […] Spektakulär werden sie aus sterbenden massereichen Sternen geboren und saugen alles aus der Umgebung in ihren schwarzen Schlund. Materie und Licht wirbelt in einem Strudel um sie herum, um dann endgültig aus dem Universum zu verschwinden. Es gibt kein Entkommen und wie es aussieht, lauern diese Tore ins Nichts überall in den Tiefen des Alls. […] Mottola und Mazur sind überzeugt, dass ein kollabierender Stern nicht zwangsläufig zu einem Schwarzen Loch werden muss. Sie zeigen auf, dass Quanteneffekte die Raumzeit in einen merkwürdigen Zustand versetzen kann, der zur Formation eines höchst speziellen Objekts führen könnte. […] Mottola geht sogar so weit, darüber zu spekulieren, ob der Gravastern nicht sogar ein Modell für das ganze Universum sein könnte: eine gigantische Blase, die alle Galaxien umschließt. Er meint: Es könnte sein, dass wir fähig werden, mit der wirklich radikalen Idee zu spielen, dass wir - und alles was wir im Universum sehen - innerhalb eines solchen Objekts sein könnten.“

Er las nicht weiter, schaute nachdenklich auf von der Ausgabe des Telepolis vom 22.1.2002, die ihm zufällig in die Hände geraten war. Irgendeiner der Neuankömmlinge mußte sie hier am Eingangsportal verloren haben, denn er hatte sie neben seinem Stehpult gefunden, auf dem das Große Buch lag, in dem er die Neueinträge verbuchte. Er atmete tief durch. Er war, umgeben von Milliarden von Sternen, in diesem Augenblick ganz allein. Endlich einmal zog nicht irgendein überbeschäftigter Engel an ihm vorbei und fragte ihn nach dem Weg zu irgendeinem unansehnlichen, unausprechlichen Planeten.
Ja, und nun dieser Artikel. Seine Gedanken kehrten zum eben gelesenen Text zurück. Den Teil über die Gravasterne zum Schluß hatte er nurmehr überflogen, derlei Theorien kannte er schon zur Genüge, und lächelnd dachte er sich, die Wesen gerade von diesem Planeten haben wirklich Fantasie, sie wollen unbedingt erkunden, wie sich die göttliche Schöpfung in Wahrheit anfühlt, und nun haben sie für sich die Gravasterne zum Spielen entdeckt – und auch diese Idee war wieder meilenweit vom tatsächlichen Sachverhalt entfernt.
Leider aber hatten diese eigentlich auf sympathische Weise so eifrigen Wesen, die der Schöpfer in einer schwachen Minute in der vorliegenden Form lediglich zum Üben auf dem erwähnten Planeten arrangiert hatte, ein paar fiese und störende Macken. In einem fort betrieben sie ihre ruchlosen Machenschaften, und nicht nur Mißgunst, Völlerei, schlechte Laune, Egoismus, Betrug und Überdruß gehörten dazu, sondern auch Krieg, Gewalt, maßlose Gier, Grausamkeit und Ungerechtigkeit.
Er hatte es schlichtweg satt, bei jeder neuen Lieferung über die Hälfte von ihnen zur Hölle schicken zu müssen. Der Schwarze Fürst lachte sich ob dieser umfangreichen Himmelslieferungen inzwischen ins heiße Fäustchen, und das wurmte ihn.
Aber vielleicht gäbe es ja eine Möglichkeit…
Er grinste.
Es müßte doch zu schaffen sein, ein Schwarzes Loch in die Nähe des Planeten dieser Wesen zu manövrieren und dann zielgerichtet abzuschicken, dann würde es natürlich seine Tätigkeit aufnehmen und mit einem Schlag wäre aller Ärger Vergangenheit und der Planet und seine Wesen im übrigen auch und die Hölle könnte langsam austrocknen, so wie sich das der Schöpfer schon seit langem wünschte. Denn auch der Ewige war bei aller Langmut in letzter Zeit genervt von dem, was er bei seinen regelmäßigen Kontrollen sehen mußte, und so täte sein getreuester Prophet, Wächter der Pforte, ihm letztlich nur einen Gefallen, nicht wahr.
Ja, auf diesen Felsen konnte er nach wie vor bauen, besonders wenn extreme Krisen extreme Lösungen erforderten.

Immer noch lächelnd begann er sein himmlisches Navi zu programmieren …

Letzte Aktualisierung: 15.10.2007 - 22.56 Uhr
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