Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Herbert Dutzler IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Oktober 2007
Ausgang mit Stern
von Herbert Dutzler

Im fleckigen Spiegel sehe ich ein Abbild von mir, grau und unrasiert, hohlwangig, mein abgetragener dunkler Mantel. Den gelben Stern habe ich mit zwei Stecknadeln festgemacht, obwohl es im Erlass hieß, dass er fest mit der Kleidung vernäht sein muss. Ich kann es nicht tun. Wenigstens zu Hause muss ich die Möglichkeit haben, den Stern wieder abzunehmen und den dunklen Mantel, so hässlich er ist, als einfachen dunklen Mantel an die Garderobe zu hängen. Ich will nicht, dass mich der gelbe Stern auch noch anstarrt, wenn ich den Mantel aufhänge. Selbst, wenn ich ihn verkehrt aufhinge, sodass der Stern verdeckt wäre, spürte ich noch sein Starren, zur Wand gerichtet, und mich dennoch beobachtend. Ich weiß noch nicht, wo ich ihn verstecken werde, wenn ich zu Hause bin und ihn abnehme. Tief unten, weit hinten muss es sein, irgendwo in meiner schäbig gewordenen Wohnung.
Jetzt muss ich hinaus, um etwas einzukaufen. Viel kann es nicht sein, denn ich besitze kaum nennenswertes Barvermögen. Doch essen muss ich noch. Muss ich? Wäre es nicht viel besser, mich hinzulegen, nichts zu essen und zu trinken, bis das Leben aus mir entweicht?
Ich stehe im Stiegenhaus. Hier ist es noch gleichgültig, wem ich begegne, alle wissen, dass ich Jude bin. Wer mich zu beschimpfen wünscht, hat es schon getan, wer auf mich voll Ekel herabsehen will, hat bereits genügend Gelegenheit dazu gehabt.
Ich trete auf die Straße und versuche ungeschickt den Stern mit meiner alten ledernen Mappe zu verbergen. Ich muss wirken wie ein Clown. Nur wenige Passanten sind unterwegs, und ich fühle, wie sie ihre Blicke auf mich abschießen. Möglich, dass ich mir das nur einbilde. Auch ich betrachte die Menschen, denen ich begegne, genauer als sonst, vielleicht reagieren sie nur auf meine ängstlichen Blicke. Ich lasse meine Mappe sinken, sodass der Stern sichtbar wird. Den Kopf senke ich, sodass ich keinen Menschen sehen kann, nur das Pflaster des Gehsteiges unter mir. Papierfetzen, Hundedreck, schmale dunkle Rinnsale, in denen Gießwasser über den Gehsteig und den Randstein abfließt. Weiter als bis zum Geschäft, bis zum Heimweg, bis zur Rückkehr in meine verrottenden vier Wände denke ich nicht, kann ich nicht denken.
Frau Rerucha in meinem Lebensmittelgeschäft kennt mich und nimmt mich hin. Vor zehn Jahren noch nannte sie mich bei meinem Professorentitel, heute wagt sie nicht einmal, mich einfach „Herr Hirsch“ zu nennen, ein ängstliches, gemurmeltes „Guten Morgen“ ist alles, was ihr der Wandel der Zeiten noch gelassen hat. Sie hat mich niemals beleidigt, niemals benachteiligt, wenn ich allein in ihrem Geschäft war. Ganz im Gegenteil, als ich meinen Posten verlor und sie an meinen Einkäufen merkte, dass mein Erspartes im Begriff war, zur Neige zu gehen, hat sie manchmal den einen oder anderen Pfennig weniger berechnet, vielleicht auch einmal nach dem Abwiegen noch eine Kartoffel oder einen Apfel dazu gelegt. Immer mit angstvoll niedergeschlagenen Augen. Seit der Krieg begonnen hat, hat sie nie mehr gewagt, mir direkt in die Augen zu blicken. So sind wir wie zwei Blinde verblieben, die einander nicht sehen. Ich weiß nicht mehr, wie Frau Rerucha aussieht, da auch ich, sobald ich das Geschäft betrete, meine Augen nicht höher schweifen lasse, als dies das Betrachten der wenigen in der Vitrine ausgestellten Lebensmittel erfordert.
Halten sich noch andere Kundschaften im Geschäft auf – was ich, so es sich vermeiden lässt, vermeide – bedient sie sie vor mir und würdigt mich weder eines Blickes noch eines Wortes.
Sie scheint mit mir zu leiden, und so seltsam es ist, sie gibt mir damit ein wenig von dem Halt, der mich noch im Diesseits festklammert.
Ich murmle meine Bestellungen, und sie packt mir die Dürftigkeiten, für die mir die Weltläufe die Mittel gelassen haben, ein und nimmt die Münzen entgegen, ohne darüber mehr als die unbedingt notwendigen Worte zu verlieren.
Gebückt verlasse ich ihr Geschäft. Halte ich mich vornüber gebeugt, so denke ich mir, kann niemand, der mir begegnet, das Kainsmal sehen, das mich brandmarkt und schändet. So schleiche ich gesenkten Kopfes wieder meinem Haus, meiner Wohnung zu.
Mäntel, Hosenbeine, Stiefel, Kinderstrumpfhosen hasten, schleichen an mir vorbei.
Bis es nicht mehr weiter geht. Zwei paar Beine versperren mir den Weg. Ein Paar trägt schwarze Stiefel und hellbraune Hosen, die sich über den Stiefelenden weit blähen. Das andere Paar trägt abgetragene, braune Halbschuhe und eine gewöhnliche, schwarze Hose.
„Wen haben wir denn da?“, fragt in einem Ton, der sich überlegen wähnt, aber nur die Erbärmlichkeit des Besitzers deutlich zu machen vermag, die Stimme, die zu den Stiefeln gehört. Ich hebe meinen Blick. Ihr Besitzer trägt eine braune Uniform mit einer roten Armbinde, auf der das wohl bekannte Zeichen der Barbaren prangt. Die Schuhe gehören zu einer feisten, rundgesichtigen Person in schwarzem, abgetragenem Anzug mit einer ebensolchen Armbinde. Der Braune sprüht Hass mit tiefer, senkrechter Falte über der Nase, der Feiste grinst über das ganze Gesicht.
Ich trete ohne zu antworten auf die Straße, um die beiden Beinpaare rasch zu umgehen, doch nicht nur eine Beleidigung des Braunen hält mich zurück. Noch bevor er mir „Saujud!“ ins Ohr brüllt, hat er mich am Kragen gepackt und hält mich, der ich mich weder wehren kann noch will, mit Gewalt zurück.
Wieder stehe ich gesenkten Kopfes vor den beiden Beinpaaren. „Was macht ein Mojsche wie du überhaupt auf der Straße?“ höhnt der Braune. Ich weiß, dass es völlig sinnlos wäre, auf die Frage zu antworten. Jede Antwort wäre Anlass für eine weitere Demütigung. Auch keine – wie meine. Der Feiste lacht mit hoher Stimme, meckernd. „Gib eine Antwort, du Sau!“, brüllt mir der Braune ins Ohr. Ich gehorche. „Einkaufen.“ „So, so. Die Judensau will sich mit Lebensmitteln, die dem deutschen Volk gehören, die das deutsche Volk gesät und geerntet hat, den Bauch voll schlagen?“ Wieder meckert der Feiste. Der Braune entreißt mir meine Mappe, öffnet den Verschluss und leert mein Brot, meine wenigen Kartoffeln, meine Rüben auf den Boden. „So!“, fügt er hinzu. „Das wäre einmal das erste.“
Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe von Menschen um uns versammelt. Ich höre Gekicher in meinem Rücken, ich sehe Beine auf der Straße stehen bleiben und sich uns zuwenden.
„Wenn du schon die ganze Zeit aufs Pflaster schaust, Jud, dann wirst du auch gemerkt haben, dass es schmutzig ist. Sehr schmutzig.“ Ich erwidere nicht und fahre fort, das Pflaster anzustarren. „Das muss geputzt werden.“ Der Braune ist im Begriffe, zur Erheiterung seiner mittlerweile offenbar recht zahlreichen Zuschauer eine Dramaturgie zu entwerfen, deren Hauptdarsteller ich werden muss. Der Feiste meckert. Diesmal betätigt er sich auch als Echo. „ Sehr schmutzig. Des is guat!“ Neuerliches Gemecker.
Irgendwo aus der Gruppe der Zuschauer kommt ein schmutziger Lappen geflogen. „Putz den Gehsteig!“, herrscht mich der Braune an. Ich zögere. Nur wenige Sekunden nach seinem Befehl kommt von hinten ein Tritt in meine Kniekehlen, der mich zu Boden wirft. Ich schlage mit den Knien, mit den Ellenbogen auf. Es schmerzt. Ich spüre, dass meine Hose an zumindest einem Knie zerrissen ist. Ich rapple mich hoch, aber nur, bis ich auf den Knien kauere. Da wird mir der Lappen unter die Nase gehalten. „Putz!“, schreit die Stimme des Braunen. „Irgendwer muass jo putzn!“, meckert der Feiste. „I net!“, fügt er heiter hinzu. Die Stimmung in der Gruppe steigt, man lacht, johlt, wiederholt: „Putz, Saujud!“
Ich nehme den Lappen und fange an, die Pflastersteine zu scheuern. Auf, ab. Links, rechts. Mit kaum sichtbaren Ergebnissen. Die Gruppe scheint zufrieden. Der Feiste kommentiert: „Schau, wieara putzt, da Jud!“. Das übliche Meckern. Ich scheuere. Teile des Lappens lösen sich ab. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie jemand meine Mappe aufhebt, das Brot, die Kartoffeln, zuletzt auch die Rüben. Mein Einkauf entschwindet meinen Blicken. Ich putze.
„Mit euch werden wir noch ganz andere Saiten aufziehen!“, meldet sich nun wieder der Braune zu Wort. Aber das von ihm inszenierte Stück beginnt ihn zu langweilen. Seine Stiefel verschwinden aus meinem Blickfeld. Auch andere Zuschauer scheinen sich zu entfernen, der Wald aus Beinstämmen vor meinen Augen wird lichter.
„No jo, jetz is eh gaunz sauba!“, konzediert der Feiste und entfernt sich ebenfalls. Ich putze. Erst, wenn es ganz sicher ist, wenn sich die Gruppe der Zuschauer ganz aufgelöst haben wird, werde ich flüchten.
Ich übersehe fast, dass auch die letzten Beine vor mir verschwunden sind. Nur ein ganz kleines Paar roter Schuhe taucht direkt vor meinen Augen auf. Die Schuhspitzen sind abgewetzt, dort und an den Seiten tritt graues, blankes Leder hervor, die Spitze des rechten Schuhs ist bereits völlig glatt gescheuert. Die des linken weist einen Riss auf. Die Schuhspitzen sind zueinander gekehrt. In den Schuhen stecken dünne blaue Strumpfhosen, offenbar zu groß, in vielen Falten hängen sie lose über die bleichen Waden, die durch einige Löcher sichtbar sind. Das größte Loch über dem rechten Knie ist fast faustgroß.
Ich höre auf zu putzen und hebe den Kopf. Ich blicke in die verwunderten Augen eines etwa sechsjährigen Mädchens, das den Daumen im Mund hat. Sie starrt mich wortlos an. Ich starre ebenso wortlos zurück. Langsam rapple ich mich hoch, werfe den Lappen weg und schlage mit den Händen den Staub von meinen Hosenknien. Im linken klafft ein breiter Riss. Ich werde ihn ebenso unfachmännisch flicken müssen, wie ich das bereits mehrmals zu tun gezwungen war.
Immer noch fixiert mich das Mädchen mit seinen Blicken. „Warum hast du da den Gehsteig geputzt?“, fragt sie mich mit einer Unschuld, die nur Kindern eigen ist. Ich atme tief durch. Sie lässt den Blick nicht von mir. Noch bevor ich antworten kann, beginnt sie zu lachen. „Du hast dir sogar die Hose kaputt gemacht. Du bist schon blöd.“ Sie kichert weiter und zeigt dabei auf das Loch in meiner Hose. „Ja,“, antworte ich mühsam. „Ich bin schon blöd.“

Letzte Aktualisierung: 18.10.2007 - 23.46 Uhr
Dieser Text enthält 9936 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.