Bitte lächeln!
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Oktober 2007
Star
von Ulrike Weinhart

Ich bin nicht mehr gern in Los Angeles. In meinem Alter überfordert mich die Stadt. Der Lärm, die vielen Menschen. Der Verkehr ist mörderisch, die Luft an windstillen Tagen zum Schneiden. Aufgehängt wie Leichentücher hängt der giftige Dunst zwischen den Hochhäusern. Dennoch fahre ich einmal im Jahr nach L.A. und werde es auch weiter tun, solange, bis auch ich die Augen schließe.

Von dem Taxi lasse ich mich an der Ecke Hollywood Boulevard und Highland St. absetzen und gehe die paar Schritte zu Fuß. Jedes Jahr einmal, seit hier ein Stern mit ihren Namen graviert wurde, bin ich hier. Hier suche ich Jeanny zu finden, auf dieser lebhaften und lebendigen Straße, inmitten ihrer Fans, nicht in ihrem Grab, in dem Bronzesarg auf dem Westwood Friedhof. Sie, die das Leben so liebte, würde in keinem Grab liegen. An ihrem Stern bleibe ich stehen. Unter all den Menschen, die den Hollywood Boulevard hinauf-oder hinabeilen oder unter denen Unzähligen, die hier stehen bleiben, um ein Photo zu machen, falle ich nicht auf. Manchmal frage ich mich, auf wie vielen Bildern, die in der ganzen Welt herumgezeigt werden, meine Schuhspitzen zu sehen sind, oder mein Schatten, wie er auf den Stern fällt und dabei dessen helles Rosa zu einem pulsierenden Violett inmitten der anthrazitfarbenen Gehsteigplatten verfärbt.
Die meisten Menschen nehmen von mir keine Notiz. Ein Fan unter Vielen. Nur ein einziges Mal in all den Jahren hat mich ein junger Mann in gebrochenen Englisch gefragt, ob ich sie mal 'live' gesehen habe, weil, vom Alter, fügt er hinzu und druckst ein wenig herum, würde es ja 'hinkommen'? Als ich beginne, ihm unsere Geschichte zu erzählen, lädt er mich ins Pig'n Whistle auf einen Drink ein, als ich damit geendet habe, stiehlt er sich, während ich auf der Toilette bin, wie ein Dieb aus der Bar. Dachte wohl, ich bin ein alter Wirrkopf, der sich was zusammenspinnt. Aber genau so hat es sich zugetragen.

Was ich hier tue, fragen Sie? Ich möchte bei ihr sein, auf unsere einzigartige Weise mit ihr zusammensein. Hier, bei ihrem Stern und in ihren Hand- und Fußabdrücken in Gips an der Wand des Chinese Theaters ein paar Blocks weiter. Ich sehe sie förmlich vor mir in ihren zierlichen Schuhen mit den hohen Absätzen, die sie so hasste, weil sie ein Frauenbild zementierten, das ihr abgrundtief zuwider war. Der Eindruck ihrer Hände, klein und schmalfingrig, fast eine Kinderhand. Ich lege meine darauf und spüre statt dem kalten Gips ihre warmen Finger unter den meinen. Und lächele.

„Randy, du hast Hände wie Klodeckel“, hatte sie lachend zu mir gesagt. Ihre Hand war komplett unter meiner verschwunden. Zum ersten Mal wirkte meine Hand hart und brutal, mit der trocknen, rissigen Haut und dem Schmutz unter den Nägeln. Aber auch männlich, nicht mehr wie die eines Sechzehnjährigen, der seinem Vater in den Sommerferien bei der Gartenarbeit hilft. Ich spürte ihre Finger warm und zart, wie kleine, verletzliche Tiere; eine Maus etwa, die man aus dem Lichtschacht gerettet hat und in der dunklen Kuhle zwischen den beiden Handflächen hält und beruhigen will. Ihr rasendes Herz spürt, die angespannte Muskeln, alles auf Flucht gepolt. Zerbrechlich.
An dem Tag hat sie mich zum ersten Mal angesehen und mich bemerkt. Ich meine, als Mensch bemerkt, nicht nur als den jungen Gärtnergehilfen, der seit zwei Monaten durch ihren Garten stromerte und merkwürdigerweise immer besonders viel an den Rabatten um die Terrassen herum zu tun fand, wenn sie in ihrem weißen Liegestuhl lag, sich mit einen nassen Waschlappen die Stirn kühlte und eine Zigarette nach der anderen rauchte.
Ich habe lange gebraucht bis ich verstanden habe, dass der Waschlappen nicht dazu diente, ihre weiße Haut vor Sonnenbrand und Falten zu schützen. Sondern dass sie Kopfschmerzen hatte, rasende Kopfschmerzen, die ihr jede einzelne Nacht den Schlaf raubten und dafür sorgten, dass ihr Schmerzmittel- den Schlafmittelkonsum sogar noch überstieg. Das und vieles andere hat sie mir in den zwei Jahre unserer Freundschaft erzählt, während ich die Rosen beschnitt, die Terrasse fegte, Rindenmulch auf die Rabatten verteilte oder das Unkraut jätete.
„Wenn du mal bekannt bist, Randy“, sagte sie und tauchte ihr Tuch erneut in die Schale mit Eiswasser, „gehörst du dir selbst nicht mehr. Du bist öffentliches Eigentum, wie die Mülleimer an der waterfront, oder die Straßenlaternen. Jeder kann dich ansehen, du gehörst zum Straßenbild und wehe dir, du funktionierst nicht.“
Ich schwieg dazu. Was sollte ich auch sagen? Ich würde nie berühmt werden und weil ich sah, was die Popularität aus dieser wundervollen Frau gemacht hatte, war ich gründlich froh darüber.
Manchmal bat sie mich, dass ich mich zu ihr setzte. Mein Vater sah das gar nicht gern, aber es war mir egal. Sie wollte, dass ich ihr etwas von mir erzählte.
„Madam, ich weiß wirklich nicht, was ...“, hatte ich das erste Mal gesagt.
„Wenn du ich noch einmal 'Madam' nennst, jag' ich dich vom Grundstück. Mein Name ist Jeane, verstanden?“
So hat es angefangen, mit Jeanny und mir.

Wir sahen uns fast täglich, an Drehtagen manchmal erst abends. Trotzdem, viel habe ich ihr nicht erzählt, die meiste Zeit redete sie. Darüber, wie sie langsam den Boden unter den Füssen verlor und in die Wirklichkeit ihrer Welt nicht mehr hineinpasste.
„Meine Seele schrumpft, Randy. An manchen Tagen füllt sie mich nur noch bis zur Hälfte aus. Sie vernarbt und verhärtet mit jedem Tag mehr. Ich komme mir vor wie eine leere Hülle, ein bunter Lampion, in den jemand anders sein Kerzlein stellt und fürchte mich schrecklich vor dem Moment, an dem es ausgebrannt sein wird. Niemand würde den Mond sehen, wenn er nicht angestrahlt wäre.“
Ich erzählte ihr von Büchern, die ich gelesen, und Freunden, die ich getroffen hatte, sprach von meiner Mom und meiner mongoloiden kleinen Schwester, von Gradma und unserem Haus in Wyoming in der Nähe des Indianerreservates. Von meinem Freund, mit dem ich die Wiesen und Felder in der Umgebung unsicher gemacht hatte, von Frolick, dem Pony, das ich als Kind besessen hatte. Ich spürte, dass sie mich mochte, brauchte, dass ich der dünne Faden war, der sie mit dem Leben normaler Leute verband. Was ich für sie empfand, fragen Sie? Was denken Sie? Ich tat das Selbe, was Sie auch getan hätten. Ich liebte sie, liebte sie mit jeder Faser meines Herzens.

Im Frühsommer des Jahres 1962 wurden Jeannies Kopfschmerzen plötzlich schlimmer. Ich sah sie eines Morgens ohnmächtig auf dem Boden ihres Schlafzimmers liegen, gekrümmt, die Gliedmaßen unnatürlich verrenkt, wie nach einem Krampf. In Panik stemmte ich die Terrassentür auf, schaltete die Alarmanlage aus und zog sie hoch aufs Bett. Strich ihr das verschwitze Haar aus der Stirn, streichelte ihr Gesicht in meinem Schoß und betete. Als sie zu sich kam, weinte ich vor Glück. Ich wollte sie ins Krankenhaus fahren, sie erlaubte mir aber nur, ihren Arzt herbeizuholen.
„Ich habe Krebs, einen Hirntumor“, sagte sie am Nachmittag auf der Veranda zu mir, fast beiläufig, während sie mir Schoko-Kekse auf einem geblümten Porzellanteller anbot. „Daher die Kopfschmerzen. Und es wird nicht mehr lange dauern. Randy, hilfst du mir, wenn ...“ Hier verließen sie ihre Worte und auch ich konnte nur noch nicken. Ich nahm ihr den Teller aus der Hand und stellte ihn auf dem Tisch zurück. Dann kniete ich mich neben ihren Liegestuhl und nahm ihre beiden Hände. Sie sah mich mit ihren unglaublich blauen Augen an, und ich verlor mich komplett in ihr. Es war nur ein Augenblick, aber für mich dauerte er Stunden, Tage, mein ganzes Leben.

Am Morgen des vierten Augusts sah ich Jeanny um halb acht auf der Terrasse, was sehr ungewöhnlich war. Da sie sehr schlecht schlief und oft erst eindämmerte, wenn die Sonne schon aufging, war sie selten vor Mittag im Garten.
Ich erschrak, wie schlecht sie aussah. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen wirkten trüb auf mich, ihr Blick tot.
„Randy, kannst du mir einen Gefallen tun? Mir sind die Tabletten ausgegangen. Fährst du bitte zu Greenson für ein Rezept und holst mir das aus der Apotheke?“ Sie gab mir einen Zettel mit Medikamentennamen und sah mich fest an, streng irgendwie. Und ich wusste: es würde heute geschehen.

Ich ließ mir Zeit. Ha, als ob das etwas geändert hätte. Bei Greenson hätte ich durch einen Hinweis, für wen ich gekommen war, sofort einen Termin bekommen, sagte der Sprechstundenhilfe aber, dass ich den Doktor persönlich sprechen musste und wartete, bis sein letzter Patient die Praxis verlassen hatte. Die Apotheke wählte ich mit Bedacht am anderen Ende der Stadt. Im Supermarkt kaufte ich eine Flasche Sekt. Als ich zu ihr zurückkam, war es schon nach sieben Uhr.

Jeanny lag auf dem Bett als ich mit meiner Tüte auf die Terrasse trat. Sie hatte sich zurechtgemacht, als wolle sie ausgehen und sah viel besser aus als am Morgen. Ich schob die Glastür leise auf, um sie nicht zu wecken, aber sie hatte mich doch gehört. Mühsam richtete sie sich auf und ich konnte sehen, dass sie Schmerzen hatte. Als sie zu sprechen begann, war ihre Stimme träge und undeutlich wie die einer Betrunkenen. Die Augen hielt sie geschlossen.
„Lass nie jemanden über dein Leben bestimmen, Randy“, sagte sie zu mir. „verkauf dich nicht, niemals. Mich haben sie gekauft und zur Hure gemacht. Ich sterbe, weil meine Seele schmutzig geworden ist. Weil jeder die Diva will, aber keiner will Jeane. Nicht einmal meine Eltern wollten mich.“
„Ich will dich, Jeanny.“ Ich konnte nicht fassen, dass ich es gesagt hatte, zu ihr, zu der meist begehrten, aber einsamsten Frau der Welt.
„Ich bring dich weg von hier. Wie gehen nach Wyoming, in Grandmas Haus kannst du dich erholen. Wir lassen Ärzte kommen, die besten ...“, ich verhaspelte mich fast in meiner Rede. Gleichzeitig spürte ich, wie erbärmlich ich mich anhören musste.
Sie öffnete die Augen und sah mich geradewegs an. Lächelte.
„Randy, du bist mein einziger Freund. Ich liebe dich auch.“ Sie setzte sich auf. „Und nun möchte ich gehen.“
Ich löste den Inhalt von 52 Nembutal Kapseln in Sekt in einem Zahnputzglas auf. Und blieb, bis sie eingeschlafen war.
Dann ging ich auf die Terrasse und schob die Tür von außen zu.

Letzte Aktualisierung: 13.10.2007 - 21.34 Uhr
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