Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2007
Sternennacht
von Sylvia Seelert

„Was siehst du draußen, Abba? Siehst du die Sterne?“
Jakub blickte in Jonahs Gesicht. Eingesunken verbargen sich die Augen seines Sohnes hinter den hervorstehenden Knochen der Augenhöhlen. Die gelbliche Haut hing schlaff herab, fand an den Knochen keinen Halt mehr. Hemd und Hose umwanden zerschlissen die magere, dünngliedrige Gestalt. Jakub strich die schwarzen Haare aus Jonahs Stirn, spürte die Hitze des Fiebers, das seit zwei Tagen in dem kleinen Körper wütete.
„Die Sterne …“, murmelte Jakub. Sein Blick glitt zur weißen Binde um Jonahs linken Arm: Magen David – das Schild Davids.
„Abba?“
„Ich gehe schon …“
Jakub schlurfte zum Fenster und schob sich dabei vorsichtig an Rachel vorbei, die sich mit ihren zwei Jungen Mendel und Meir auf einer grauen, abgewetzten Decke zusammenkauerte und apathisch auf den Boden stierte. Ihr Mann Stanisław schnitt mit seinen knotigen Händen einen Laib Brot auf. Leise unterhielt er sich dabei mit dem alten Izaak und dessen Frau Ruth.
„Wie war das Konzert mit dem jungen Geiger Ludwig Holomann?“
„Ich habe geweint, so sehr ging mir seine Musik ins Herz“, erzählte Ruth.
„Es war gefährlich. Wenn die Deutschen euch entdeckt hätten. Denkt daran, was Auerswald* mit Motek Fiszbaum, Rywka Kligerman und den sechs anderen getan hat …“
Mit einem leisen Klack stieß Stanisławs Messer auf das Holzbrett und die Brotscheibe fiel zur Seite.
„Spielt es noch eine Rolle entdeckt zu werden? Sie machen mit uns, was sie wollen. Ob wir nun gegen Vorschriften verstoßen oder nicht.“ Izaak ballte wütend die Fäuste.
„Ach, Holomann hat das Wesen der Geige zum Leben erweckt …“, schwärmte Ruth mit verklärtem Blick.
„Aber wir sollten uns nicht aufgeben! Denk nur an die Kinder, an das Waisenhaus von Janusz Korczak. Dort spielen sie Theater, verborgen vor den Augen der Deutschen.“ Izaak schaute herausfordernd zu Stanisław hinüber.
Mit drei Familien lebten sie in dem kargen Zimmer, das von zwei Schlafgestellen, einem gedrechselten Tisch aus Nussbaum, fünf Stühlen, einem Wohnzimmerschrank mit gardinenbehängten Glasfenstern und den acht Mensch ausgefüllt wurde.
Jakub stieß das Fenster weit auf und blickte auf die Nowolipie hinunter. Sein Atem schlug weiße Wolken in die kühle Nacht. Das beständige Murmeln der Stadt schlug ihm entgegen. Selbst am Abend kam Warschau nicht zur Ruhe, auch wenn das Gedränge, Sausen und Seufzen des Tages ein wenig abgeebbt war.
Ein regloser Schatten lag im Hauseingang gegenüber. Passanten schlichen geduckt daran vorbei. Zu viele Schatten am Tag, zu viele in der Nacht. Alles war grau. Keine Parks, keine Gärten, kein Rasen. Nur Mauern und Überreste von Menschen. Jakub seufzte.
„Heute ist eine wunderbare Sternennacht. Ich sehe den großen Bären ganz deutlich. Und darüber den Löwen. Er muss seinen höchsten Stand haben.“
„Mir ist kalt, Jakub!“ Rachel schaute aus ihren Kohleaugen zu ihm hoch. Strähnen von ihrem blonden Haar hatten sich gelöst und kräuselten sich in das schmale Gesicht. Sie zitterte.
Er schloss das Fenster und lehnte für einen Moment seine Stirn an das kühle Glas.
„Du kannst den Löwen sehen? Och …“ Jonahs Stimme, ein heiseres Flüstern, ließ Jakub wieder aufblicken. Er schlurfte zum Bett seines Sohnes zurück und setzte sich zu ihm auf die Kante.
„Ich will dir eine Geschichte vom Löwen erzählen, Jonah. Vom Löwen Be Illaj.“
Ein kleines Licht kehrte in Jonahs müde Augen zurück und er legte vertrauensvoll seine Hand auf Jakubs knochige Finger.

„Der Kaiser von Rom sprach einst zu Rabbi Josua ben Chananja: ‚Ihr sagt Euer Gott gleicht einem Löwen. Es steht geschrieben: Ein Löwe brüllt, wer soll sich da nicht fürchten? Diese Furcht kann ich verstehen. Doch sag mir, worin besteht seine Stärke? Ein Mensch kann einen Löwen umbringen!’
Da antwortete Rabbi Josua dem Kaiser: ‚Es ist kein gewöhnlicher Löwe. Es ist der Löwe Be Illaj.’
Der Kaiser wurde neugierig. ‚Ich will den Löwen gerne sehen!’
Doch der Rabbi antwortete: ‚Du kannst ihn nicht sehen.“
Da wurde der Kaiser ungeduldig. ‚Du musst ihn mir zeigen. Ob du willst oder nicht.’
So sprach Rabbi Josua schließlich ein Gebet und der Löwe trat aus seiner Höhle. Als er noch vierhundert Meilen vom Kaiser entfernt war, brüllte er laut und fürchterlich. Da verloren alle schwangeren Frauen vor dem großen Gebrüll ihre Kinder und die Mauern Roms stürzten ein. Und als er noch dreihundert Meilen vom Kaiser entfernt war, stieß er erneut ein schreckliches Brüllen aus. Da fielen den Menschen die Zähne aus ihren Mündern und der Kaiser fiel vor Schreck von seinem Thron.
‚Ich bitte dich, lass den Löwen wieder zurückkehren in seine Höhle, flehte der Kaiser Rabbi Josua an. ‚Wenn er noch näher kommt, wird er uns alle zugrunde richten.’
Und so betete Rabbi Josua erneut. Der Löwe kehrte zurück und es war wieder Ruhe in der Welt…“

Jonahs Hand rutschte von Jakubs Fingern herunter. Er lag nun ganz still.
„Ich will das Schma für dich beten, mein Sohn. Du sollst nicht ohne Nachtgebet einschlafen.“
Unten auf der Straße quietschten Reifen und Stiefel schlugen hart auf das Steinpflaster ein. Stanisławs Messer schwebte zittrig über dem Brot und schnitt nicht mehr zu.
„Gepriesen seist du, HaSchem, unser Gott, König der Welt, der die Bande des Schlafes sich auf deine Augen niedersinken lässt und den Schlummer auf deine Augenlider. Möge es dir wohlgefällig sein, HaSchem, mein Gott und Gott meiner Vorfahren, dass du ihn ruhen lässt in Frieden und wieder aufstehen zum Frieden, dass ihn nicht ängstigen Gedankenbilder, böse Träume und schlimme Regungen der Seele, dass seine Lagerstätte eine tadellose sei vor deinem Antlitze.“
Eine Tür zersplitterte mit lautem Krachen und Stiefelschritte schlugen ihr Stakkato auf Holzböden und Treppen. Rachel drängte die beiden Jungen enger an sich, Stanisław senkte das Messer auf das Holzbrett und Izaak drückte beschwichtigend die Hand seiner Frau. Blass blickten ihre Gesichter zur Tür.
„HaSchem! Wie zahlreich sind deine Feinde, wie viel die aufstehen gegen dich! Viele sprechen von deiner Seele: Keine Hilfe ist für ihn bei Gott! Aber Du, HaSchem, bist um mich ein Schild, meine Ehre, und richtest mein Haupt empor. Auf, HaSchem, hilf mir mein Gott! Denn du schlägst all meine Feinde auf die Backen; die Zähne der Frevler zerbrichst Du. Bei HaSchem ist der Sieg; über dein Volk Deinen Segen!“
Ein Brüllen tönte in Korridoren und Treppenaufgängen. Menschenfüße flatterten, wankten über knarrende Holzdielen und dazwischen ein Klagen und Schluchzen.
„Haudurchsuchung. Mal wieder“, murmelte Izaak.
„Gib, dass wir uns hinlegen, HaSchem, unser Gott, zum Frieden und lass wieder aufstehen, unser König, zum Leben und breite über uns Deines Friedens Zeit und leite uns im Rechten mit gutem Rate von Dir und hilf uns um Deines Namens willen.“
„Diesmal scheint es gegenüber zu sein“, flüsterte Ruth erleichtert
„Ihr müsst den Pelz endlich loswerden...“ Stanislaw zeigte mit seinem Messer auf die krummen Bodendielen. „Bevor die Agenten ihn zwischen ihre gierigen Finger kriegen.“
Sein Messer grub sich wieder in den Laib Brot und schnitt die letzten Scheiben auf.
„Mein Pelz …“ In Ruths Stimme lag ein weinerlicher Ton. „Er ist von meiner Mutter.“
„Der Gräfin Margalit von Wilozinsky. Ich weiß.“ Izaak legte das Messer neben das Holzbrett.
„Morgen, gleich Morgen bringe ich ihn in die Walowastraße.“ Izaak küsste die Wange seiner Frau, küsste ihre Träne weg, die über die faltige und fleckige Haut huschte.
„Sie hat mich immer in ihrer Kutsche mitgenommen. Durch die alte Buchenallee ging es, vorbei an den stoppeligen Feldern. Die Peitsche knallte, die Pferde schnaubten und die Hufe schlugen einen regelmäßigen Takt auf den festgestampften Weg. Mein Kopf lag in ihrem weichen, pelzgeschmückten Arm.“
Nun lag Ruths Kopf in Izaaks Arm, kratzte sich an der Wolle seiner Jacke.
Jakub stand wieder am Fenster, blickte zu den Sternen auf; unberührt fiel ihr Licht auf die Menschen in den Lastwagen, auf leere Fenster und hinter geborstene Türen. Auf Deine Hilfe hoffe ich, HaSchem! Ich hoffe, HaSchem, auf deine Hilfe! HaSchem, auf deine Hilfe hoffe ich!


* Heinz Auerswald war deutscher Kommandant des Warschauer Ghettos.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2007 - 16.37 Uhr
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