Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Ines Geister IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Oktober 2007
Der Kollaps
von Ines Geister

„Der Typ geht mir tierisch auf die Nerven“, schimpfte Ben und knallte die Eingangstür mit einer Wucht hinter sich zu, dass die Teller im Küchenschrank förmlich erzitterten.
Wütend lief er in sein Arbeitszimmer, warf seine Tasche unter den Schreibtisch und leidenschaftslos ein Bündel Papiere und Hefter neben die Tastatur, die auf selbigem lag.
Schnaufend stellte er sich vor das Fenster, rieb sich mit beiden Händen durch die kurzen braunen Haare. „Ben, beruhige dich wieder. Das ist es nicht Wert.“ Er atmete mehrmals tief durch, und als sein Puls wieder in normaler Geschwindigkeit schlug, ging er zurück zum Schreibtisch und schaltete seine drei Computer ein, die summend hochfuhren.
Es klopfte leise an die Tür und Mara, seine Frau kam, mit einem Becher in der Hand, ins Zimmer.
„Willst du drüber reden?“, fragte sie und hielt ihm den Becher entgegen.
„Tee?“
Sie nickte, und Ben nahm ihr den Becher ab.
„Ach, Müller, der Idiot.“ Ben nippte an dem heißen Getränk. „Ich bin mir sicher, eine Entdeckung gemacht zu haben, die die ganze Menschheit betreffen wird, wenn sie eintritt, aber mein Trottel von Chef will nicht zulassen, dass ich die Nachricht weitergebe, weil sie noch nicht eingetreten ist. Was natürlich völliger Humbug ist, denn die anderen Astrophysiker, zum Beispiel von der NASA, werden diese Entdeckung auch machen.“ Er nahm noch einen Schluck und setzte sich an seinen Schreibtisch. „Früher oder später jedenfalls.“
„Worum geht es denn?“ Mara stellte sich hinter ihn und legte ihre Hand sanft auf seine Schulter.
Ben blickte zu ihr hoch. „Interessiert dich das wirklich?“
„Natürlich.“
„Also gut.“ Er schaltete an allen Geräten die Monitore ein, startete ein Programm und loggte sich per Internet in den Rechner des Institutes, in dem er im Labor tätig war, ein. „Schau mal, hier. Das ist das Sternbild Carina oder auch Schiff genannt.“ Ben zeigte mit der Kugelschreiberspitze auf einen Bereich innerhalb des Bildes. „Und das ist der Homunculus Nebel, der durch eine äußerst heftige Explosion des so genannten Supersterns Eta Carinae entstanden sein muss.“ Wieder tippte Ben an eine Stelle, an der sich ein heller Punkt befand, der an den Rändern verschwommen wirkte. „Das Weltraumteleskop Hubble hat UV-Aufnahmen von dem Objekt gemacht, die zeigen, dass es vor sehr langer Zeit einen Strahlungsausbruch gegeben hat, einen Gamma Ray Burst, auch GRB genannt. Das ist ein Strahl, oder Jet, der unter anderem aus Gammastrahlung besteht und weit ins Weltall ausgestoßen wird.
Mara beugte sich nach vorne, so, als könne sie dann die Details deutlicher erkennen. „Das kommt bestimmt sehr selten vor, oder?“
„Nein, nicht wirklich. Zwar sind diese Ausbrüche immer sehr kurz, so im Millisekunden- bzw. Sekundenbereich, aber es wurden schon über 2700 solcher Ausbrüche beobachtet. Die NASA hat dafür einen Spezialsatelliten ins All geschossen, der sich automatisch sehr schnell bei einem Auftreten eines Ausbruches dort hinwenden und Messungen vornehmen kann.„
„Aber Gammastrahlung ist doch sehr gefährlich“, wusste Mara.
„Ja. Die durch die Gammastrahlung freigesetzte radioaktive Kontamination würde einen 300fachen Wert der bei uns üblichen Jahresbelastung darstellen. Eine kurzzeitige Ganzkörperbestrahlung würde nach wenigen Tagen zum Tod führen, und die bekannten nuklearen Schädigungen des Erbguts wären die Folgen. Ein Massensterben unvermeidbar. Außerdem würde die Gammastrahlung die Ozonschicht zerstören und die ultravioletten Strahlen unserer Sonne könnten ungehindert auf die Erde treffen.“
„Das ist ja furchtbar.“ Mara holte sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihren Mann. „Und das hast du entdeckt?“
„Nun, ich glaube, dass Eta Carinae erneut kurz vor einer solchen Superexplosion steht.
„Heißt das, dass wir bald sterben müssen?“
„Das glaube ich nun wiederum nicht. Im Moment ist ja noch nichts passiert. Außerdem würde die Gammastrahlung wohl nur die dem Strahl zugewandte Seite der Erde treffen. Dort aber verheerende Schäden anrichten. Das Sternbild Carina befindet sich am Südhimmel. Aber durch die Zerstörung der Ozonschicht hätten wir alle hier nichts mehr zu lachen.“
„Warum? Weil wir einen höllischen Sonnenbrand bekämen?“ Mara lachte.
„Es muss schon einmal einen solchen Beschuss durch Strahlung gegeben haben“, erklärte Ben ernst. „Die Astrophysiker und Wissenschaftler vermuten, dass damals die Dinosaurier ausgestorben sind.“
„Ich dachte, die wären durch einen Kometeneinschlag und der daraus resultierenden klimatischen Veränderungen eingegangen.“
„Nein, wohl nicht“, mutmaßte Ben. „Aber uns bestünde auch eine globale Abkühlung des Erdklimas, ein so genannter nuklearer Winter bevor, sollte sich solch eine Explosion wiederholen. Durch hochenergetische Gammastrahlung würden aggressive Stickstoffverbindungen entstehen, die verhindern, dass das Sonnenlicht die Erdatmosphäre und -oberfläche erwärmt. Dies forciert das Wachstum von Gletschern, und es würde weltweit kälter werden.“
„Das hört sich sehr schlimm an. Wie lange wird das denn dauern? Ich meine, bis die Ozonschicht kaputt ist und es kalt wird? Haben wir dann noch Zeit, etwas vorzusorgen?“
Nun musste Ben über Mara lachen.
„Die Gammastrahlung würde in dem Moment, in dem wir sie messen, schon ihre Zerstörung beginnen, und bis es kalt wird, hätten wir wohl schon noch ein paar Tage Zeit. Aber bis jetzt wurde zum Glück noch keine Super-Sternenexplosion, keine Hypernova, gemessen.“
Ben lächelte seine Frau an und zog sie zu sich auf den Schoß.
„Wir können dann ja näher zusammenrücken und uns wärmen“, schlug er vor. Seine Wut war verflogen.
Mara beugte sich zu ihm und gab ihm einen Kuss.
Das Telefon klingelte.
Ben hob den Hörer ab, meldete sich und lauschte einen Moment, dann legte er wieder auf.
Tränen standen ihm in den Augen und er musste schlucken, um Sprechen zu können.
„Das war Philip aus dem Labor. Der Satellit der NASA hat einen GRB gemessen. Von Eta Carinae kommend und genau in unsere Richtung zeigend. Ich hatte Recht. Es hat begonnen.“

Letzte Aktualisierung: 15.10.2007 - 22.51 Uhr
Dieser Text enthält 5928 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.