Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Oktober 2007
Vier Wände
von Stefanie Kißling


Der Raum, in dem ich mich befinde, hat eine Tür, die so viel größer ist als ich. Wenn ich nachts auf meiner Pritsche wach liege, nicht schlafen kann, die Schatten der Dunkelheit mich bedrohen, dann wird sie zu einem lebendigen Wesen, das auf mich Acht gibt. Oft spricht sie mit mir, aber manchmal so leise, dass ich nicht alles, was sie sagt, verstehen kann.
Der Raum, in dem ich mich befinde, hat ein Fenster, das so viel größer ist als ich. Stehe ich auf der Pritsche und schaue hinaus, kann ich das Gesicht des Mondes sehen und seine vielen Kinder, von denen ich weiß, dass jedes einzelne von ihnen die Aufgabe hat, auf einen Menschen aufzupassen. Der Mond als Vater lächelt auf mich herab, wirft sein mildes Licht in den Raum, der in solchen Momenten zu meinem gemütlichen Zimmer wird. Wo bist du, mein Aufpasser? frage ich leise. Die Tür antwortet: Das Sein gibt es nicht.
Angst habe ich nur vor den Steinwänden, die mich umgeben, weil ich das Gefühl habe, sie nehmen mir die Luft zum Atmen. Sie flüstern und ich verstehe nicht, was sie sagen. Ich traue mich nicht, sie zu berühren, weil ich einmal träumte, dass meine Hände an ihnen kleben blieben.
Auch, wenn ich mich vor der Dunkelheit fürchte, freue ich mich doch darüber, den Vater der Nacht umringt von seinen unzähligen Kindern zu sehen. Am Liebsten habe ich ihn, wenn er voll und prall in der Schwärze des Himmels auf mich herabsieht. Ich spreche mit ihm, während die Tür hinter mir beleidigt ächzt. Ich frage ihn, welches seiner Kinder mein Aufpasser ist. Noch gibt er mir keine Antwort, aber irgendwann wird er es tun.
Ich weiß, dass die Kinder auch tagsüber am Himmel sind, selbst, wenn man sie nicht sehen kann. In meinen Träumen fliege ich hinauf zu ihnen. Ich frage sie, wer mein Aufpasser ist. Sie kichern, strahlen mich an und antworten, sie dürften es mir nicht sagen.
Man bringt mir, wenn ich mich schlafend stelle, Nahrung und Wasser in den Raum. Ich weiß nicht, wer das macht, ich höre nur die dumpfen Schritte, die von den kalten Steinwänden widerhallen, und ein Schnaufen, das mir eine Gänsehaut beschert. Ich möchte nicht sehen, wer oder was da kommt und mich mit dem Nötigsten versorgt, und doch bin ich immer wieder so neugierig, dass ich hinterher die Tür frage: Hast du gesehen, wer da war? Sie antwortet mit einem Ächzen: Ach mein Kind, das ist doch nicht wichtig.
Ich habe vergessen, warum ich hier bin, habe auch vergessen, wer ich selbst bin und weiß doch, was Freiheit ist: Sie breitet sich vor meinen Augen in einem funkelnden Teppich aus. Die Tür sagt: Nur ich kann dich frei machen. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Mit angezogenen Beinen sitze ich auf meiner Pritsche und warte, bis es dunkel wird, vermeide es, mich an die Steinwände anzulehnen und werfe abwechselnd Blicke zur Tür und durch das Fenster. Manchmal fällt es mir schwer, mich zu entscheiden, wer mir mehr Geborgenheit spendet.

Pssst, weckt mich eine Stimme. Ich kenne sie. Komm, wach auf, sagt sie.
Ich öffne die Augen. Verschwommen sehe ich zur grauen Decke über mir.
Bist du endlich wach? fragt die Stimme.
Ja, antworte ich.
Sie haben vergessen abzuschließen, sagt sie. Ich verstehe nicht, was gemeint ist.
Es ist Nacht. Ich richte mich auf, der Blick aus dem Fenster verrät mir, dass alles beim Alten ist. Hin und wieder schiebt sich eine dunkle Wolke vor den Vater und verdeckt ihn für kurze Zeit. Aber die meisten seiner Kinder funkeln munter auf mich herab. Sie flüstern.
Bist du wirklich wach? – wieder diese Stimme. Ich drehe mich um. Was willst du? frage ich die Tür.
Sie haben vergessen abzuschließen, sagt sie.
Na und? frage ich.
Verstehst du denn nicht, du kannst frei sein, wenn du möchtest.
Ich rapple mich auf. Das Zirpen der Grillen kommentiert die Szenerie im Raum. Ansonsten ist es still und doch nicht still; die Nachtmusik untermalt das Leuchten der Kinder am Himmel.
Wer ist es? frage ich leise den Mond.
Verstehst du denn nicht, sagt die Tür.
Komm sag mir, wer ist es?
Doch er gibt mir keine Antwort.
Du bist es, nur du allein. Und jetzt komm, geh unter mir durch und du bist frei.
Ich drehe mich um.
Komm, sagt die Stimme.
Ich gehe zur Tür, sehe ihre Konturen vor mir. Sie ist so viel größer als ich. Ich lege die Hand auf ihre Klinke. Sie ist kalt und ich zucke zusammen, ziehe meine Hand zurück, führe sie an den Mund und blase warme Luft gegen meine Finger.
Plötzlich durchdringt mich eine Wärme. Es ist ein angenehmes Gefühl. Am Liebsten würde ich mich einfach fallen lassen, doch die Tür reißt mich in die Wirklichkeit zurück: Drück die Klinke herunter und du bist frei.
Es ist der dritte Stern von links, sagt eine Stimme, die ich noch nie gehört habe. Ich drehe mich um. Eile zu meiner Pritsche. Klettere auf sie, presse mich gegen die Wand und schaue gierig aus dem Fenster. Nichts macht mir in diesem Augenblick Angst.
Was hast du gesagt? frage ich.
Keine Antwort.
Hinter mir seufzt die gigantische Tür.
Dann sehe ich es. Das Kind, das auf mich aufpasst, bewegt sich, zieht einen Schweif hinter sich her.
Du bist es, flüstere ich. Schließlich schreie ich die Worte: Du bist es!
Ich weine, weil ich nicht weiß, was ich mit meinem Glück anfangen soll; es strömt durch jede Ader meines Körpers, es lässt mein Herz schneller schlagen und die pure Freude vernebelt mir die Sicht auf die Kinder der Nacht, die mit mir lachen, sich mit mir freuen und mit mir weinen.
Plötzlich höre ich, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wird.
Zu spät, sagt die Tür.
Ich drücke meine Hände so gegen die Mauer, dass die Knöchel weiß hervortreten. Keine Angst. Nie mehr.
Danke, flüstere ich. Der Mond brummt etwas Unverständliches und die Kinder der Nacht funkeln mit mir um die Wette.
Du bist verloren, seufzt die Tür.
Falsch, sage ich, ich bin frei.





Letzte Aktualisierung: 10.10.2007 - 14.17 Uhr
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